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Schweinerei und Eselsmilch

Serbiens südliche Wojvodina besitzt seit 1997 einen besonderen Naturschatz: In sumpfigem Marschland entstand südlich der Save und entlang dem 33 Kilometer langen Fluss Zasavica, einem Altarm der Save und auch über Kanäle mit ihr verbunden, das Naturreservat Zasavica.

Nur 12 km nördlich entdeckt man nach Querung der Save bei Mačvanska Mitrovica die Provinzhauptstadt Sremska Mitrovica. Die 39.000-Einwohner Stadt, Hauptort des Okrug Sems, des Distrikts Syrmien, hieß einmal auch Syrmisch Mitrowitz und galt im Mittelalter als »Hochburg des Heiligen Demetrius an der Save«. Das rege Industriestädtchen mit Save-Hafen, Schiffswerft und auch einem großen Gefängnis wurde auf den Grundmauern der antike Kaisermetropole Sirmium, errichtet, von der aus im 3. Jh. n. Chr. zahlreiche römische Kaiser regierten und Theodosius I. im Jahr 378 auch gekrönt wurde.

Grund genug für Jürgen Sorges, 80 Kilometer westlich von Belgrad auf Entdeckungstour zu gehen. Vor Ort und weiter auf seiner Reise durch die Wojvodina, durch die Mittelgebirgslandschaft der Fruška Gora bis nach Novi Sad an der Donau fanden sich dabei sensationelle Überraschungen: Im Naturreservat der Erhalt seltener und bedrohter Tierarten wie des podolischen Langhornrindes und des europäischen Hundsfischs, aber auch Aufzucht und Verarbeitung des bei Gourmets hochbegehrten Mangulica-Schweins und Balkan-Esel, die die Milch zum wohl teuersten Käse der Welt liefern.

Dazu imperiale antike Paläste und eine leibhaftige Venus an der Donau, dazu Natur pur, Klöster und Weinberge mit 1700 Jahren Tradition und mit Novi Sad eine pulsierende Donaumetropole , deren Universität, Cafés, Restaurants und spektakuläre Festivals europaweit für Furore sorgen. Dass dabei die ebenso opulente wie äußerst leckere serbische Küche nie zu kurz kam, versteht sich von selbst.

Erst Camping, dann Kulinarik…

Vor die Besichtigung des Naturparks Zasavica hat Direktor Jovan Vukadinović erst einmal die Besichtigung des kleinen, aber feinen Campingplatz Zasavica gesetzt. Denn er managt auch diesen zu den Top 100 in Europa erkorenen Caravan-Stellflächen im Grünen. Und so strahlt hier vor und hinter den Ziegelmauern alles in neuem Glanz: hervorragende Toilettenanlagen, Aufenthaltsräume mit Kaminfeuer, viel Informationsmaterial und Literatur und sogar eine kleine Speisekarte mit lokalen Spezialitäten für die Gäste gehören zum Angebot. Dann aber geht es auch schon zwei Kilometer weiter zum Visitor Centre des Naturreservates, das man nach Durchqueren einer schweren Eichenpforte und Entrichtung des Obolus (150 Dinar) betritt.

Natürlich besorgt Jovan Vukadinović auch alles Nötige in dieser auch durch holländische Hilfe fein herausgeputzten Anlage. und er ist selbstverständlich Mitglied der Naturschutzbewegung Sremska Mitrovica (Nature Conservation Movement of Sremska Mitrovica). Dass diese über 40 Jahre alte Nichtregierungsorganisation 1997 den Zuschlag zur Entwicklung des 18,25 Quadratkilometer großen, zu 37 % komplett der Natur überlassenen Naturreservates erhielt, war kein Zufall und kann als Glücksfall betrachtet werden. Denn eigentlich war hier ursprünglich – nichts. Wahr ist, dass sich schon vor 7000 Jahren Menschen in dieser eher unwirtlichen Sumpflandschaft niederließen, zwischen Save und Drina für Kanäle und Drainagen sorgten, die Landwirtschaft und Fischfang ermöglichten. Dann aber verirrten sich nur noch wenige hierher und erklärten die frühe Urbarmachung der Landschaft zum Werk von Riesen. Schließlich kamen – und noch vor den Römern – die Kelten und erklärten in abergläubischem Wahn Zasavica zu einem von acht orten auf dem Balkan, der von geflügelten Drachen bewohnt wurde.

Haarige Gesellen: Rind, Borstenvieh, Esel…

Doch Geschichte im Schweinsgalopp, weitschweifende Legenden und Militärmystik braucht es eigentlich nicht, um Zasavica tiefer zu erleben. Erst einmal zieht eine Art Streichelzoo mit Balkan-Eselsstute und Fohlen und einem urwüchsigen Langhorn-Rind aus Podolien (Südwest-Ukraine und Nord-Transnistrien/Moldawien) alle Aufmerksamkeit auf sich. Auf den zaunlosen Weiden ringsum tummeln sich bis zu 150 freilaufende Mangulica-Schweine.

Schwarzes Wollschwein.
Schwarzes Wollschwein.

 

Die schwarzen Wollschweine gelten als gutmütig, so dass man seine Kinder wohl nicht »anleinen« muss, um gegen ungemütliche Begegnungen gewappnet zu sein. 600 Pflanzenarten, darunter die Pannonische Kornblume und seltene Wasserlilien, sind im Reservat heimisch, dazu auch 150 Pilz-, ein Dutzend Baum-, 454 Plankton- und 250 Insektenarten. Zu den 27 verschiedenen Reptilien und Amphibien gesellen sich 185 bisher entdeckte Vogelarten, darunter viele Zugvögel wie Weiß- und Schwarzstorch, der Weißschwanzadler, Moorhühner, Wachteln und Schwäne.

Aber der Schutz aussterbender Tierarten ist natürlich viel spektakulärer. Noch dazu, wenn man hier im Tieflandmodder überraschend einen Gourmetgipfel erklimmen darf. Denn hier produzieren 200 Balkanesel-Stuten tagein tagaus den Grundstoff für den wohl teuersten Käse der Welt: Eselsmilch! Nur maximal einen bis anderthalb Liter pro Tag schafft eine Stute, und dies auch nur, wenn ein Fohlen direkt in ihrer Nähe ist und die Stute dreimal täglich gemolken wird. Zu Recht stolz verkündet Herr Vukadinović, dass hier die zweitgrößte Eselsmilchherstellung Europas aufgebaut wurde. Übertroffen wird Zasavica derzeit nur von einem »Italiener«: der Azienda Agricola Montebaducco in Salvarano di Quattro Castella nahe Reggio Emilia in der Emilia Romagna (www.montebaducco.it, www.lattedimammaasina.it, www.goccedilatte.com/biomilkey/biomilkey.php). Dort besorgen 700 Eselstuten den steten Nachschub. Und die dazu gehörende Firma Biomilkey veräußert Bio-Babynahrung aus Eselsmilch, wenn Kuhmilchunverträglichkeit bei Kleinkindern vorherrscht, wenn Allergiker Spezialmilch benötigen und Gourmets sich nach etwas wirklich Exklusivem sehnen. Allerdings: In Zasavica stimmt der Preis! Hier kostet ein Liter Eselsmilch ca. 40 Euro, in Kroatien wird sie für 70 Euro angeboten, in Rest-Europa für einen satten Hunderter.

Pule-Käse und noch mehr…

Und dann der Clou: 25 l Eselsmilch werden für die Herstellung von einem Kilo Eselsmilchkäse von Balkaneseln, den Pule-Käse benötigt. Daraus ergibt sich die leicht zu merkende Milchmädchenrechnung: 1 g Eselsmilchkäse = 1 Euro, 1000 g = 1000 Euro! Im Handel werden auch 600 US-Dollars pro Pfund verlangt. Englische Pounds, versteht sich. 453,5 Gramm sind da schon etwas schwerer zu berechnen! Natürlich war und ist die Bewirtschaftung des Naturreservates Zasavica auch hinsichtlich der Erweiterung ihres Produktangebotes nicht untätig: Im Angebot vor Ort sowie online zu erwerben sind auch Tages- und Nachtcreme (2500 bzw. 3000 Dinar) aus Eselsmilch sowie Eselsmilchseife (600 Dinar) und Eselsmilch-Likör (1 Deziliter 10 €, 2 Deziliter 15 €).

Eselssalami (30 €) und Eselswurst (20 €) kommen hinzu. Da hat es das frei grasende Mangulica-Schwein, in Deutschland besser als Mangalitsa-Schwein bekannt, beinahe schwer, sich mit seinen Vorzügen und insbesondere den hier hergestellten, exquisiten Gourmet-Schinken zu behaupten. Der aber kommt mit 100 € pro Stück preislich auch recht üppig daher. doch nicht zu hoch: Denn die haarige Schönheit der Wollschweine hat auch einen Aufpreis verdient. Zudem müssen Mangulica-Schweine zwei Jahre wachsen und werfen nur ein bis vier Ferkel. Dafür aber sind sie winterresistent, müssen anders als heutige Hausschweine, die sie beinahe verdrängt hätten, nie in den Stall.

Oh, ein Esel, ein Esel! »Kosmetik-Karawanen der Eitelkeit«…

Den medizinischen Nutzen der Eselsmilch konstatierten schon antike Ärzte. Heue besorgen dies z. B. Wissenschaftler der Universität Novi Sad, spüren den mikrobiologischen, chemischen und sensorischen Eigenschaften von Eselsmilch und seinen Vorzügen nach. Denn historisch war Eselsmilch schon immer allererste Wahl für mutter- und ammenlose Säuglinge. Waisen- und Kinderkrankenhäuser unterhielten, wie in Paris noch 1881, ganze Eselsställe zur Ernährung von Kleinkindern. Dazu hilft Eselsmilch heute bei Hauterkrankungen und Allergien. Ihr Anteil an Lipiden ist gering, der Laktose-Anteil aber hoch.

Doch richtig berühmt wurden die therapeutischen Effekte der raren, kostbaren Eselsmilch erst in der Kosmetik – und durch Kleopatra. Die letzte, für ihre Schönheit wie ihre Nase berühmte Pharaonin vom Nil pflegte in Eselsmilch zu baden – und dies täglich. Um das Schönheitswannenbad zu füllen, waren der Legende nach 700 Eselsstuten plus Fohlen nötig. Es halb bei Julius Cäsars und Antonius, nicht aber bei Octavian/Augustus. Vielleicht mochte er das Eselsgewieher vor dem Portal des ägyptischen »Großen Hauses« nicht.

Pule-Käse für Poppaea…

Daher gebührt einer anderen antiken Dame in Sachen »Schönheit vom Esel« der unumschränkte erste Rang: Größte Eselsmilchenthusiastin aller Zeiten war Poppaea Sabina (30 – 65 n. Chr.)! Durch die skrupellose, berechnende und intrigante zweite Gattin Kaiser Neros avancierte die tägliche Eselsmilchkur gar zum pompösen Kult: Zahlreiche äußerst vermögende römische Adelsdamen taten es ihr gleich. Doch reichten deren Bemühungen nicht annähernd an Poppaeas Extravaganzen heran. Dies galt wohl auch nicht für ihre Schönheit und Reinheit der Haut, für die Plinius der Ältere bezüglich Poppaea Sabina für die Nachwelt festhielt.

Und dann eine kleine Käseprobe...
Und dann eine kleine Käseprobe...

 

Die Kaiserin, die auch ihr rotgoldenem Haar (Plinius) mit Eselsmilch pflegte, benahm sich auch sonst skurrill: Stets trat sie halb verschleiert auf, »um dem Auge nicht volle Befriedigung zu gewähren«. Gerne ließ Poppaea andere auch wissen, sie wolle sterben, ehe sie `verblühe´. Vorher aber ebnete sie noch rasch jenem Schönheitsideal der noblen Hautblässe den Weg, wie es seither immer wieder Mode wird. Für ihre Luxuspflege führte Poppaea stets eine ganze Herde Eselinnen mit sich. Straffheit und Blässe ihrer Haut wurden so garantiert, aber auch der Spott der Straße! Obersatiriker Juvenal verewigte ihren Wahnsinn ebenso wie Cassius Dio: »Sie ließ die Maultiere, die ihren Wagen zogen, mit vergoldeten Schuhen versehen und fünfhundert Eselinnen, die eben gefohlt hatten, täglich melken, um sich in ihrer Milch baden zu können.«

Information zu Serbien und zum Wojvodina-Besuch:

Vor der Reise:
National Tourismusorganisation Serbien, Čika-Ljubina 8, 11000 Belgrad, Serbien, Tel. +381 11 655 71 27, Tel. +381 11 209 78 28 (Nikola Tesla Airport Belgrad), www.serbien.travel
Tourismus-Organisation der Wojwodina, Bulevar Mihajla Pupina 6, 21000 Novi Sad, Serbien, Tel. +381 21 45 29 10, http://vojvodinaonline.com

Vor Ort:
Naturreservat Zasavica: Nature Conservation Movement Sremska Mitrovica, Svetog Save 19, Sremska Mitrovica, Serbien, Tel. +381 22 61 43 00, Restaurant Tel. +381 22 265 62 12 www.zavasica.org.rs/en (nur serbisch), www.facebook.com/Zasavica.Nature.Reserve, Büro tgl. 8.00 – 14.00, Restaurant tgl. 8.00 – 20.00 Uhr geöffnet; Übernachtung (7 Betten, zwei Zimmer): B & B (3 Eier und Mangalitsa-Schinken) 10 €
Camping Zsavica: Tel. +381 22 65 62 14, www.camping-zasavica.com (42 Stellplätze)
Organisierte Ausflüge Sremska Mitrovica und Naturreservat Zasavica: Anitours, Trg vojvodjanskih brigada 4, Sremska Mitrovica, Tel. +381 22 61 34 66

Sremska Mitrovica: Tourist-Organisation der Stadt Sremska Mitrovica, Svetog Dimitrija 10, 22000 Sremska Mitrovica, Tel. +381 22 61 82 75, http://tosmomi.rs/en/
Sirmium Palatium Imperiale (Museum Kaiserpalast Sirmium): Pivarska 2, 22000 Sremska Mitrovica, Tel. +381 22 61 88 17, www.carskapalata.rs/imperialpalace.html; tgl. 9.00 – 17.00 Uhr geöffnet

Fruška Gora-Nationalpark: Zmajev trg 1, 21208 Sremska Kamenica, Tel. +381 21 46 36 66, www.npfruskagora.co.rs/eng.html (Informationszentrum Iriski venac)
Bauernhof/Restaurant Perkov Salaš: Neradin, Irig, Fruška Gora, Tel. + 381 63 712 37 76, www.salasi.info/sr/salas/perkovsalas; Mo geschl.; ab freitags Wochenende auf dem Bauernhof

Novi Sad: Tourist Organization Novi Sad (TONS), Trg Slobode 3 (Apolo centar), 21000 Novi Sad, Tel. +381 21 661 83 90, Tel. +381 21 661 83 83, www.turizamns.rs, www.novisad.rs; TONS Tourist information Center (TIC): Turistički informativni centar (TIC) Modena, Ulica Modene 1, 21000 Novi Sad, Tel. +381 21 661 73 43, Tel. +381 21 661 73 44, www.turizamns.rs; Turistički informativni centar (TIC) Bulevar, Bulevar Mihajla Pupina 9, 21000 Novi Sad, Tel. +381 21 42 18 11, Tel. +381 21 42 18 12, www.turizamns.rs

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 12/01/2022

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