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The Royal Scotsman: Palast auf Rädern

Eine Fahrt im Royal Scotsman, einem der exklusivsten Luxusreisezüge der Welt, gleicht einer Zeitreise zurück in eine goldene Ära. In eine Zeit, als Großbritannien unter König Edward noch ein weltumspannendes Empire war.

Damals galt es bei der Londoner High Society als schick, für die beschwerliche Reise zur Sommerfrische in die schottischen Highlands, dem Vorbild des prunkverliebten Monarchen folgend, verschwenderisch ausgestattete Privatzüge zu chartern, die jeden nur erdenklichen Komfort zu bieten hatten.

Abschied mit Kilt und Dudelsack

1985 kehrte mit dem Royal Scotsman eine dieser Legenden auf die Schienen zurück. Heute beginnt eine Reise im Royal Scotsman in der eleganten First Class Lounge der Waverley Station von Edinburgh. Angeführt von einem Dudelsackpfeifer in Kilt und Bärenfellmütze, werden wir von dort die wenigen Meter zu Gleis 9 begleitet, wo unser fast 200 Meter langer Palast auf Rädern bereits auf uns wartet. Vorbei am in Reih und Glied angetretenen Servicepersonal gehen wir über einem roten Teppich an Bord, wo Zugmanager Michael Andrews jeden Gast persönlich willkommen heißt. Neugierig werden wir dabei von zahlreichen Passagieren auf den anderen Bahnsteigen beobachtet. Mit exakt fünf Minuten Verspätung rollt der Zug dann um 13.46 Uhr in Richtung der imposanten Firth-of-Forth-Bridge aus dem Bahnhof.

Unsere dreitägige Highland-Tour führt uns über Perth zunächst vorbei an Blair Castle und Aviemore in Richtung Inverness, geht Richtung Westen nach Keith, und dann zurück über Aberdeen und Dundee nach Edinburgh. Insgesamt rund 540 britische Meilen. Unterwegs stehen zahlreiche Stopps für Ausflüge in die nähere Umgebung auf dem Programm. Doch als sich unser buntes Häufchen zum ersten Mal im eleganten Salonwagen, dem sogenannten Observation-Car, versammelt, sind wir noch kaum über die Stadtgrenze von Edinburgh hinausgekommen. Auf eleganten, samtbezogenen Polstermöbeln und bei einem eiskalten Glas Laurent-Perrier komme ich schnell mit meinen Mitreisenden ins Gespräch.

Illustre Reisegesellschaft

Da sind zum Beispiel Michel und Laurie aus Minnesota, die mindestens sechs Monate im Jahr auf Reisen sind. Oder Genevieve aus Sydney, die sich mit der Reise die Wartezeit auf einen Chirurgenkongress in Aberdeen verkürzt. Gregory und Virginia aus Südkalifornien begehen  mit der Reise ihren 35. Hochzeitstag, während Peter und Claire aus Pretoria den ganzen Zug im Herbst für eine Privatpartie chartern wollen und jetzt schon mal eine "Probefahrt" machen. Außerdem ist Familie Whitmore aus Newcastle mit an Bord, die einen 80. Geburtstag zu feiern hat und Familie Gauquier aus Dunkerque, die schon in fast jedem Luxuszug des Planeten unterwegs war.

Maximal 36 Gäste fasst der Royal Scotsman mit seinen 16 Doppel- und vier Einzelkabinen in insgesamt fünf State-Cars, die so klingende Namen wie Amber, Pearl oder Topaz tragen. Dazu kommen noch die beiden Dinner-Cars Raven und Victory (mit Baujahr 1945 der älteste Waggon) und eine Wagen für die Crew. Macht mit dem Salonwagen insgesamt neun Waggons. Wagen für Wagen werden wir von unseren persönlichen Stewarts zu den Kabinen begleitet. Ich habe Glück, denn meiner liegt gleich im ersten Wagen hinter den Dining-Cars, die sich an den Salonwagen anschließen. So spare ich mir im Verlauf der Reise etliche hundert Meter in den engen Korridoren.

Luxus auf engstem Raum

Mein Reich für die nächsten 48 Stunden ist eine Single-Estate-Cabin und misst rund fünf Quadratmeter. Sie bietet auf engstem Raum alles, was man braucht: ein 1,90 Meter langes Bett mit herrlich luftigem Damast-Duvett, einen kleinen Schreibtisch, einen schmalen Wandschrank und ein komplettes Badezimmer mit Dusche, Toilette und Waschbecken - mit luxuriösen Details wie beheizten Handtuchhaltern und flauschigen Badetüchern, die doppelt so groß sind wie das gesamt Bad. Die Doppelkabinen sind mit rund neun Quadratmetern etwas geräumiger.

Auf dem Schreitisch stehen frische Blumen. Daneben liegt eine handgeschriebene Begrüßungsnote auf goldgeprägtem Karton von Michael. Die Wände sind mit edlem Mahagoni und aufwendigen Intarsien verziert. Das dezente Tartanmuster der Tagesdecken, dicker, flauschiger Teppich, seidenbezogene Kissen und mit floralen Mustern bedruckte Vorhänge vermitteln die gemütliche doch gleichzeitig luxuriöse Atmosphäre eines Landhauses im edwardianischen Stil. Schnell räume ich meine Reisetasche aus, nehme eine heiße Dusche, was bei meiner Leibesfülle ein wenig artistisches Geschick erfordert, und mache mich auf den Weg zurück in den Salonwagen, wo um 15.30 Uhr der Afternoon-Tee serviert wird.

Luxus: ja - aber auf kleinem Raum.
Luxus: ja - aber auf kleinem Raum.

 

Whisky hebt die Stimmung

Bei Lachs-, Roastbeef- und Gurkensandwiches, saftigem Chocolate-Cake und luftigen Scones mit Clottet Cream aus Devonshire zieht die zunehmend rauer werdende Landschaft langsam vor den großen Panoramafenstern vorbei, während wir uns gemächlich bereits der ersten Station unserer Reise nähern: Schottlands höchstgelegener Destillerie in Dalwhinnie. Damit Gäste des Royal Scotsman auch auf dem Weg zu den diversen Ausflugszielen standesgemäß reisen, wird dieser von einem luxuriösen Reisebus in den Farben des Zuges –  edlem braunrot und gold – begleitet, der uns am Bahnhof von Dalwhinnie bereits erwartet und in nur fünf Minuten zu unserem Ziel bringt.

Obwohl mitten im Juli, liegt auf den umliegenden Gipfeln noch Schnee und das Thermometer zeigt kaum mehr als 14 Grad. Nach einer privaten Führung verkosten wir im Probenraum diverse Whiskies begleitet von würzigem Scottish Blue Cheese. Und die Stimmung der Gesellschaft steigt beträchtlich – analog zu der Anzahl verkosteter Whiskies. Kaum zurück an Board setzen wir die Probe mit diversen Single Malt Raritäten aus der Bordbar fort, in der Barmann Nicholas rund 40 Sorten für uns bereithält. Darunter auch Exemplare der Dewar Rattray Collection in Fassstärke, die das Herz jedes Single Malt Afficinados höherschlagen lassen.

Mittlerweile ist der Zug in Boat of Garden eingetroffen, Endhaltestelle einer privaten Eisenbahnlinie und für heute Endstation, denn um den Gästen eine möglichst ungestörte Nachtruhe zu ermöglichen, bleibt der Royal Scotsman über Nacht in der Regel auf einem Nebengleis oder in einem Bahnhof stehen. In Boat of Garden findet zufällig gerade eine Ausstellung historischer Dampfmaschinen statt und rund herum zischt und brodelt es gewaltig, als ich vor dem Abendessen noch schnell einen kleinen Rundgang vorbei an rußgeschwärzten Lokomotiven, uralten Traktoren und Straßenwalzen unternehme.

Große Küche auf kleinem Raum

Am ersten Abend steht ein informelles Dinner auf dem Programm. Sakko und Schlips genügen also. Nach einem kleinen Aperitif im Salon nehme ich im Raven-Car, in dem auch die exzellent sortierte Bordbibliothek untergebracht ist, am Tisch von Genevieve Platz. Küchenchef Daniel und sein Kollege Peter eröffnen den kulinarischen Reigen mit einer perfekten Gänseleberterrine im Parmaschinkenmantel mit Puylinsen, Sherrydressing und luftiger Brioche. Dazu einen edelsüßen Gewürztraminer aus dem Elsaß. Darauf folgt eine gewaltige Tranche weißen Heilbutts auf würzigen Kräuterstampfkartoffeln mit glasiertem Spargel und einer formidablen Kirschtomaten-Tarte, begleitet von einem Fleurie aus dem Hause Joseph Drouhin. Zum süßen Finale schließlich eine Timbale von Rosé-Wein und Waldbeeren mit erfrischendem Limonensorbet.

Die Portionen sind gewaltig, die Qualität des Essens schlichtweg atemberaubend und durchweg auf dem Niveau eines Sternerestaurants. Wirft man einen Blick in die winzige Küche, die nicht größer ist als eine Passagierkabine, dafür aber mit allen erdenklichen Gerätschaften vollgestopft, fragt man sich ernstlich wie die beiden Herren in Weiß das nur hinbekommen.

Bei schottischem Käse und süßem Gebäck trifft man sich nach dem Dinner im Observation Car zu einem kleinen Konzert mit schottischen Folksongs, bevor der Tag mit einem Absacker aus der Bordbar, einem 21 Jahre alten Macallen, langsam ausklingt.

Lord and Lady Huntingtower

Um 9.00 Uhr holt uns der Bus dann pünktlich in Boat of Garden ab und wir fahren durch eine spektakuläre Highland-Szenerie zu einem von Schottlands größten Privatgütern: Dem Landsitz Rothiemurchus von Lord and Lady Huntingtower. Die wollen aber lieber Johnnie und Philippa genannt werden. Auf dem Estate haben wir die Wahl zwischen Tontaubenschießen, Fliegenfischen auf einem der umliegenden Lochs, einer Jeep-Safari oder einer Wanderung durch die ausgedehnten Wälder in Begleitung eines Rangers.

Michael aus Minnesota und ich entscheiden und fürs Fliegenfischen und nach ein paar Trockenübungen rudert unser Guide Peter mit uns auf einem tiefdunklen Loch hinaus, der gleich hinter einem kleinen Jagdschlösschen beginnt. Dort werfen wir unsere Angel aus und ich fühle mich ein wenig wie ein Charakter aus dem Film "Aus der Mitte entspringt ein Fluss", nur anbeißen will bei mir, anders als bei Robert Redford und Brad Pitt, leider nichts.

Zurück im Jagdschlösschen, werden selbst gebackenes Shortbread und köstlicher Orangenkuchen serviert - dazu eine gute Tasse Tee. Gut gelaunt plaudert sie über die turbulente Familiengeschichte der Grants. Die Zeit vergeht wie im Flug. Zum Lunch gehen wir in Avimore wieder zurück an Bord des Royal Scotsman, der uns ein Stück vorausgefahren gefahren ist, und genießen Sûpreme vom Perlhuhn mit geschmortem Chicoree und Morcheljus, dazu ein veritabler Macon. Als Dessert ein üppiger Bread and Butter Pudding mit Creme Anglaise und flüssiger Sahne. Für eine jetzt dringend notwendige Siesta bleibt aber keine Zeit, denn schon steht der nächste Ausflug auf dem Programm.

Vom Gourmetschlachtfeld zum Schlachtfeld von Culloden

Diesmal bringt uns der Bus zum Schlachtfeld von Culloden, wo am 16. April 1746 der Untergang des traditionellen schottischen Clansystems besiegelt wurde, als die Jakobiner unter Führung von Bonnie Prince Charlie gegen die gut ausgebildete Britische Allianz, in der aber auch viele Schotten kämpften, unterlag. Das war gleichzeitig die letzte Schlacht auf britischem Boten seit mehr als 250 Jahren.

Unser Führer vor Ort ist der begnadete Geschichtenerzähler Ray Owens, dessen Schilderung der grausamen Szenen, die sich hier einst abgespielt haben müssen, einem Schauer über den Rücken jagen. Owens lebendiger Erzählstil und seine durchdringende Stimme sorgen dafür, dass unsere kleine Privatführung zunehmend Zaungäste anzieht und die Gruppe am Ende fast doppelt so groß ist, wie zu Beginn. In Nairn holen wir den Zug wieder ein, bevor er weiter in Richtung Keith fährt. Wie bei jeder Rückkehr von einem Ausflug erwarten uns Zugchef Michael und seine Crew schon mit einem Drink am Bahnsteig. Das Verhältnis Gast zu Service liegt übrigens bei 3:1.

Es geht durch atemberaubende Landschaften...
Es geht durch atemberaubende Landschaften...

 

Leihkilt und Pouilly-Fuisse

Mit einem Formal Dinner steht heute der Höhepunkt der Reise auf dem Programm – das heißt Abendkleid für die Damen und Smoking bei den Herrn, alternativ ein traditioneller Kilt. Mein Fischerkumpel Michel hat sich das zu Herzen genommen und erntet mit seinem Leihkilt frenetischen Beifall. Diesmal sitze ich zusammen mit Peter und Claire im eleganten Victory Dining-Car und wir plaudern bei gerösteten Jakobsmuscheln mit Pomelosalat, Orangereduktion und Chiso, begleitet von einem köstlichen Pouilly-Fuisse, über Gott und die Welt.
Als Hauptgang: herrlich rosa gebratenes Filet vom Shetland Beef mit Waldpilzen, Blattspinat und glasierten Perlzwiebeln an Thymianjus, dazu einen hervorragenden Roten aus Chile. Zum süßen Finale dann ein halbfester Vanilla-Cheesecake mit weißer Schokolade und Walderdbeersorbet mit einem Gläschen Tokaji.
 
Auch heute trifft man sich nach dem Dinner wieder im Observation-Car, doch diesmal ist ein wenig Wehmut zu spüren, denn morgen früh ist unsere Reise schon vorbei. Ich tröste mich deshalb mit einem der wenigen Single Malts aus der Bordbar, die ich bisher noch nicht probiert habe.

Über Nacht bleibt der Zug im Bahnhof von Dundee und fährt am nächsten Morgen entlang der schottischen Ostküste zurück in Richtung Edinburgh, wo wir nach einem weiteren fürstlichen Frühstück pünktlich um 9.43 Uhr ankommen. Vorher gibt es noch Gelegenheit sich in das ledergebundene Gästebuch des Royal Scotsman einzutragen. Dann heißt es Abschied nehmen. Bis zum nächsten Mal. Bestimmt.

Weitere Informationen finden Sie unter www.royalscotsman.com.

Fotos: www.orient-expressimages.com

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Zuletzt bearbeitet am 20/08/2016

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Autor

Thomas Hauer

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