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Albanien: Italienische Spitzenküche in der "Taverne der Adria"

Albanien? Kann man da überhaupt urlauben? Die Antwort fällt leicht: Man kann nicht nur, man sollte das noch unbekannte Albanien entdecken!

Und die uralte Hafenstadt Durrës darf für sich in Anspruch nehmen, ein idealer Einstiegsort für abenteuerlustige Albanien-Reisende zu sein. Klar: Viele Albanienreisende entdecken heute vor allem Süd-Albanien, weil sie günstig ins griechische Korfu fliegen, um vom dortigen Inselflughafen aus in nur zehn Minuten zum Fähranleger zu gelangen, von wo sie ins südalbanische Saranda und weiter zu den Kulturschätzen an der ionischen Küste und im Hinterland reisen.

Vor Ort umgesehen hat sich Jürgen Sorges, der dabei nicht nur erstaunliche kulturelle Hinterlassenschaften, sondern dank einheimischer Hilfe auch ein echtes kulinarisches Juwel entdeckte.

Von Thukydides zu Tina Turner – ein Stadtspaziergang

Durrës, albanisch auch Durrësi und italienisch Durazzo, ist verdammt alt. Schon 627 v. Chr. wurde die Stadt auf dem Siedlungsgebiet der Illyrer von Kolonisten aus Korint und Korkyra, dem heutigen Korfu gegründet. Damals hieß sie erst einmal Epidamnos, was in den Ohren der Römer so katastrophal klang, dass sie die von Oligarchen regierte Kolonie 229 v. Chr. am Ende des Illyrischen Krieges nicht nur eroberten, sondern gleich nebenan eine zweite Stadt anlegten und das gesamte Urbane neu benannten. Denn "epi damno" bedeutete im Lateinischen in etwa "bei", "neben" oder gar "auf", "damno" dann "Verurteilung", "Schuld" oder gar "Verlust".

Und so wählte man den profitträchtigeren neuen Stadtnamen Dyrrhachium; griechisch Dyrrachion, was der Fortentwicklung der Stadt und seines Hafens sichtlich gut tat. Denn hier begann alsbald die Fortsetzung der im apulischen Brindisi endenden Via Appia, die dann von Legionären und Sklaven quer durch und über den Balkan erbaut wurde. Die neue Militärstraße Via Egnatia führte durch die neuen römischen Provinzen Makedonien und Thrakien bis hin nach Thessaloniki und später nach Konstantinopel. Übrigens: Auch der zweite Startpunkt der Via Egnatia, Apollonia, lag im heutigen Albanien. Auch deren Ruinenfeld kann besichtigt werden.

Sichtbarstes Zeichen dieser glorreichen Vergangenheit ist das Amphitheater von Durrës, dessen riesiges Areal unterhalb der Großén Moschee von 1937 Ausgangspunkt unserer zweistündigen Parforcetour durch 2600 Jahre Stadtgeschichte ist. Unglaublich: Die gewaltigen Ruinenreste, darunter auch eine Kapelle mit Mosaiken unter den antiken Zuschauerrängen mit 20.000 Plätzen, wurde erst im 20. Jahrhundert entdeckt. Eigentlich wollten hier durstige wie trinkfeste Durazzesi nur einen kleinen Weinkeller ausheben! Heute finden hier die Sommerfestivals von Durrës statt, ringsum sind die Begrenzungsmauern mit italienischen Graffiti und Wandmalereien des letzten Festivals geschmückt. Weitaus mehr Griechisch-Römisches, darunter auch ein Stadttor, stehen im Stadtgebiet verstreut, sind aber meist nicht zugänglich. Immerhin: Es öffnet das Nationale Archäologische Museum, dessen sehenswerte Ausstellung westliche Kuratoren mitkonzipierten.

Zu Besuch im Archäologischen Museum.
Zu Besuch im Archäologischen Museum.

 

Ein Großteil der antiken Stadt versank zudem wie Atlantis im Adriatischen Meer. Nur cirka 100 Meter vor der neuen, breiten und bepflanzten Strandpromenade liegen ihre Überreste. Nicht ohne Stolz führt uns Bona über den neuen Corso und die Flaniermeile der 180.000-Einwohnerstadt, denn auch sie hat beim Bau des neuen Aushängeschildes mitgeholfen. Nicht wenige nutzen die noch spärlichen Schatten der von ihr konzipierten Promenadenaufbauten für Pausen oder Nickerchen im Grünen. In Höhe zweier sich gegenüber stehender martialischer antiker Marmorrecken in voller Rüstung – sie erinnern wohl an das Jahr 48 v. Chr., als Pompeius im Auftrag des römischen Senats einen ersten Angriff der drei gelandeten Legionen Julius Caesars in der Schlacht von Dyrrhachium zurückwies, müssen wir dnan doch auch die sich stadteinwärts erhebende neue City-Skyline erwähnen.

"Skanderbeg Junior" und John Lennon

Nicht immer bieten diese Konvulate übereinandergestapelter Apartments einen Anblick vollendeter Stadtarchitektur. Und nicht jedes diese Gebäude wurde mit einer Baugenehmigung errichtet. Anarchischer Wildwuchs aus unklaren Finanztöpfen, Korruption, mögliche mafiöse Strukturen waren im Albanien der 1990er Jahre und danach an der Tagesordnung. Nun versucht die neue Regierung unter Edi Rama, einem Künstler, Designer und vormaligem Bürgermeister von Tirana, zumindest jene Bauten wieder zu eliminieren, die nach 2006 rechtswidrig gen Himmel stürmten. Angesichts des schwachen, noch im Aufbau befindlichen Justizsystems im Lande scheint dies ein eher unwahrscheinliches Unterfangen. Da hatte es die Natur schon einfacher: 345 v. Chr., 518 n. Chr. und noch einmal 1267 bulldozzerte sie Epidamnos/Dyrrhachium/Durrës mittels Erdbeben komplett von der Landkarte und radierte sie vom Stadtplan!

Gleich neben dem antiken Marmorhelden erhebt sich ein noch größeres Monument, das wir kurzerhand "Skanderbeg Junior" taufen. Der Bronzeboy auf der Schräge des Betonsockels trägt martialisch sein Gewehr vor sich her – und erinnert somit eher nicht an Albaniens Nationalhelden Skanderbeg aus dem 15. Jh., sondern an Albaniens Partisanen im 2. Weltkrieg. Nur 100 Meter weiter steht ein weiteres solches Denkmal. Dann folgt ein mächtiger Turm der einstigen Stadtbefestigung, aus venezianischer Zeit. Denn nach Byzantinern und Bulgaren und Normannen übernahm die Republik Venedig 1205 erstmals die Stadt. Erneut waren sie 1392 wieder an der Reihe und bauten neue Befestigungen. Dazwischen war der Ort Zankapfel und Besitz des Despotats Epirus, des Königreichs Neapel, des serbischen Königreiches und der albanischen Adelsfamilie Thopia. Ab 1501 waren dann die Osmanen an der Macht – und blieben es bis 1912.

Naütrlich gibt es auch das moderne Durazzo, etwa an der Haupteinkaufsstraße kaum fünf Gehminuten weiter, die mit schmucken Handelshäusern der 1920er Jahre aufwartet. Um die Ecke steht ein veritables italienisches Bankgebäude von 1925, dessen Fassade im Sonnenschein glänzt. Gegenüber ist das Gotteshaus restauriert, hoch über Stadt leuchtet auch die Ex-Villa des letzten albanischen Königs.

Einmalig ist indes ein Ensemble aus gleich vier fast lebensgroßen Bronzeskulpturen an der Ecke zur Geschäftsstraße, die die neue Zeit nach 1992 repräsentieren. Sie zeigen – John Lennon, klampfend auf einer Parkbank, einen sich mächtig aufplusternden Mick Jagger, einen versonnen dreinblickenden Bob Dylan und schließlich eine wild gestikulierende, das Mikro schwingende Tina Tuner, die hier alles in Grund und Boden zu tanzen scheint. Vielleicht sind Rock n`Roll und selige "Make Love not War"-Zeiten ja die Lösung aller Stadtprobleme. Immerhin berichtete schon Thukydides in einer der ältesten Notizen über die Stadt, dass Dauerstreit, Zank und Gezeter unter den Oligarchen aus Korinth und Korfu einer der Auslöser des verheerenden Peloponesischen Krieges waren...

Bronzeskulptur von Tina Turner.
Bronzeskulptur von Tina Turner.

 

Am nördlichen Ende der Stadtproemande haben deutsche und niederländische Architekten das neue Wahrzeichen der Stadt geschaffen, ein Monstrum aus aufeinander gestapelten Betonscheiben, das im weiteren und sehr abstrakten Sinne an den bodenständigen Teil eines ägyptischen Fabelwesens erinnert: an den Löwenkörper der oder doch besser des hier menschenkopflosen Sphinx!

Tatsächlich wird die 2015 eröffnete, begehbare, 10.000 m² große Fläche aber ziemlich gern von den Besuchern angenommen. Sie genießen den Blick auf die sich nördlich anschließenden Strände und das Panorama gen Süden mit den touristischen Stränden an der Bucht von Durrës.

Pikant – und ohne Chili-Schote

Dass Durrës auch kulinarisch weit mehr zu bieten hat als "Beach und Byrek", die albanische Variante des türkischen Börek (und auch anders hergestellt), beweist dann in unmittelbarer Nähe des Sphinx. "Picante" heißt das Restaurant, das wir mit Sokol Prenga betreten. Der 43-jährige ist nicht nur Albaniens bekanntester TV-Starkoch, er betreibt auch in Tirana das "Delikatesë.

Vor allem aber ist Sokol neuer Botschafter von Slow Food in Albanien und einer der Mitbegründer jener Vereinigung von 22 jungen albanischen Meisterköchen, die Albaniens neue Küche ins 21. Jahrhundert katapultieren werden. Natürlich hat Sokol das Restorant (so albanisch) mit Bedacht ausgewählt. Denn zwar wird hier keine albanische, doch umso bessere italienische Küche geboten – allerdings mit einem albanischen Chef. Der heißt Iliu Nastase, ist gerade 30 Jahre alt und hat 6 ½ Jahre lang von seinem Vorgänger gelernt.

Denn seit 2007 kochte hier ein Albanien-Rückkehrer: Gazmir Mane, der zuvor über Jahre sein Handwerk im Mailänder "Il Sambuco" und im Designer-Treff "Shucaffe" erlernt und praktiziert hatte. Nun ist er wieder zurück in Bella Italia. Doch vermisst man ihn hier nicht! Denn was Iliu und seine sechsköpfige Crew anschließend auf den Tisch zaubern, ist allerbeste Küche, ein albanischer Pranzo all`Italiana, der auch im Detail auf höchstem Niveau überzeugt.

Dabei führt allerdings ein Detail, das sich im Namenszug der Leuchtreklame des Restaurants verbirgt, ein wenig in die Irre: Dort ist das "i" im "Picante" durch eine knallrote Chili-Schote ersetzt. Doch niemand sollte Angst vor ultrascharfer Küche haben: Schließlich ist Iliu, einer jener allertapfersten 22 Albaner, die wie die Schar von Theben unbeirrt an der Erneuerung der albanischen Küche werkeln.

Restaurant Picante.
Restaurant Picante.

 

Und dazu gehört eben auch, denn Zutaten und Gerichten eben jenen unnachahmlichen, oft nur sanft mit Kräutern gepeppten Eigenschmack zu erhalten! Dies gelingt ihm schon bei den Antipasti: ob beim Carpaccio vom Seebarsch, beim Lachs, beim Ravioli mit Butter und Spargel, beim herrlichen Risotto oder den sich anschließenden Trofie mit Pesto und verschiedensten Salaten – alles ist auf den Punkt genau zubereitet. Delikat und zart ist dann das Fielt vom Seebarsch an leckerem Püree, bevor zum Dessert eine geradezu atemberaubende Schokobombe mit Eiscreme serviert wird. Das Ganze kostet dann gerade einmal 2500 Leke – umgerechnet – 18 €!

Gezuar und Faleminderit!

Erstaunlich allerdings, dass der Geschäftsführer meint, den kredenzten albanischen Wein zu entschuldigen. Er verweist auf die Batterie edelster italienischer und französischer Weine, die natürlich auch bereitgehalten werden (und gern auch im dreistelligen Euro-Bereich kosten). Der servierte Weiße (Shesh i Bardhe) des Jahrgangs 2015 der berühmten Cantina Çobo aus der albanischen Wein-Hochburg Berat ist wunderbar frisch und angenehm. Nur der Alkoholgehalt von 13,5 % sollte beachtet werden. Der Preis ist mit umgerechnet 14 € geradezu unschlagbar. Und so ertönt in der Runde natürlich immer wieder "Gezuar", die albanische Version für unser "Prost" und "Zum Wohl"!

Auch der Rote (Shesh i Zi) aus dem gleichen Hause, der Çobo kashmir, ein Blend (Cabernet, Merlot), überzeugt (ca. 16 €). Dass das Weingut auch höher einsteigen kann, beweist später der Blick in den Gourmetshop im Transitbereich des Flughafens Tirana. Dort wird ein roter 2007er Çobo Riserva mit 14,5 % Alkoholgehalt für satte 49 € angeboten!

So verwöhnt, bleibt es nicht aus, dass die Tischgespräche im Picante zwischen sonnenschirmgeschützter Außenterrasse und Lokalinneren hin und her wandern. Sogar die berühmten "40 Leke-Männer", die für diesen kargen Sold (40 Leke) im Sozialismus ihre Nachbarn ausspionierten, werden Thema. Und auch George Bush Junior, dem 2007, auf Staatsbesuch in Albanien weilend, seine wertvolle Armbanduhr beim Bad in der Menge abhanden kam. Eine Legende: Denn sie wurde wohl nie stibitzt, tauchte später wieder am Handgelenk des Präsidenten auf! Und schließlich findet der Geschäftsführer doch noch jene Handvoll Visitenkarten des Hauses, über die er ursprünglich verkündet hatte, sie seien tags zuvor von einem vorwitzigen Straßenjungen von der Theke "abgeräumt" worden…

Dann aber folgt der große Applaus für Iliu Nastase und sein Team. Danke bzw. albanisch Faleminderit ist dann jenes Zauberwort, das Albanien-Reisende bei ihrem Erstbesuch möglichst früh erlernen sollten. Denn im Falle des "Picante" war und ist es in jedem Fall höchst angebracht. Dies, obschon Dr. Martin Mato, Dozent für Germanistik an der Uni Tirana und als Dolmetscher und Historiker ebenfalls mit von der Partie, uns gerne noch eine ausführliche Exkursion zu den antiken Illyrern im Archäologischen Museum ermöglicht hätte. Doch am Ende kapituliert auch er genussvoll wie genießerisch vor der hier zelebrierten, schier überbordend verführerischen Kraft des Kulinarischen – im Hier und Jetzt!

Information:
Albanian National Tourism Agency ANTA, Str. Sermedin Said Toptani 1, Tirana, Albanien, Tel. +355 04 2 27 37 78, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.akt.gov.al/en/ sowie Visit Albania, www.albania.al

Info Durrës: www.albania.al/region/durres, www.akt.gov.al/en/top-destinations/durres/

Sphinx Info: www.shapedscape.com/projects/cape-square-sfinxit-durres-albania-design-boom-landscape-cityfoerster)

Albanian Tourism Association, Rr.Komuna Parisit, Pall.1/3, Shk.1 Ap. 5, Tirana, Albanien, Tel. +355 04 2 40 04 33, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.authenticalbania.com

Restaurant:
Restorant Picante, Lagja 1. Shetitorja Taulantia, Durrës, Albanien, Tel. +355 52 3 85 86,Tel. (mobil) +355 69 4 08 82 08, +355 69 2 04 64 56, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.picante.al, www.facebook.com/picante.durres;
Öffnungszeiten: tgl. 8.00 – 23.00 Uhr

Delikatesë (https://www.facebook.com/delikatese; https://www.facebook.com/sokolprenga)

Wein:
Çobo Winery, Ura Vajgurore, Berat, Albanien, Tel. +355 3612 20 88, Tel. (mobil) +355 67 40 7 05 62, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.cobowineryonline.com

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 19/08/2016

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