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Weinwelten: Österreich - kleines Weinland, große Weine

Denkt der Weinfreund an einen schönen österreichischen Tropfen im Glas, kommt ihm beispielsweise ein pfeffriger Grüner Veltliner, mineralischer Riesling oder saftiger Zweigelt in den Sinn.

Tatsächlich ist hier der autochthone Grüne Veltliner mit 33 Prozent Spitzenreiter im Ranking der meist angebauten Rebsorten (in Niederösterreich sind es sogar 60 Prozent), bei den Roten gefolgt vom ebenso hier ursprünglichen Zweigelt (zwölf Prozent). Insgesamt hat das kleine Weinbauland Österreich 35 zugelassene Rebsorten.

"cool climate" – neue Vielfalt der Weinstile

Letztendlich stammen jedoch lediglich ein Prozent der Weltweinproduktion aus Österreich, wovon wiederum nur ein Viertel exportiert wird. Doch darauf wird hier mit der Strategie reagiert, sich von einer Industrialisierung des Weins fern zu halten und sich auf seine geographischen Vorteile und das Handwerk zu besinnen.Großer Trumpf Österreichs sind die Lagen, welche für internationale (beispielsweise Weißer Burgunder, Chardonnay, Pinot Noir), aber ebenso für seine bodenständigen eigenen Rebsorten (Rotgipfler, Zierfandler, Neuburger, St.Laurent, Blauer Portugieser) ideal sind. Die geologische, morphologische und kleinklimatische Vielfalt innerhalb des Landes ermöglicht es den Winzern, charakteristische und authentische Weine herzustellen, wobei je nach Region unterschiedliche Weinstile die spezifischen Bedingungen des Weinbaugebiets widerspiegeln.

Hauptmerkmal für österreichischen Wein ist die typische aromatische "cool climate"- Frische in Verbindung mit der physiologischen Reife der Trauben - also optimale Zuckerbildung und harmonische Entwicklung von Säure und Tannin. Dabei reichen die Stilistiken von leichten, spritzigen bis hin zu kraftvollen Weißweinen mit Reifepotential. Ebenso von fruchtigen, leichten bis hin zu langlebigen, körperreichen Rotweinen.

Glykol und Phoenix aus der Asche

Der Weg zum heutigen Standing war allerdings nicht frei von Rückschlägen. Der Glykol-Skandal von 1985 brachte die österreichische Weinvermarktung durch Beschlagnahme und Imageverlust fast zum Erliegen - und die panschenden Gebrüder Grill und Konsorten größtenteils hinter "Schwedische Gardinen".

Der Schaden war immens, da die Auswirkungen auch diverse unbeteiligte Winzer schwer trafen. Als unmittelbare Konsequenz jedoch entstanden "das vielleicht strengste Weingesetz der Welt" (laut Österreichs ehemaligen Bundeskanzler Fred Sinowatz - 1985) und eine intelligent durchdachte neue Marketingstrategie. Die Winzer - teilweise mit der nächsten Generation vorneweg - zogen mit und wagten den Neuanfang. Fokussiert sollte sich nunmehr auf das werden, worüber sich Österreich definiert: Ursprünglichkeit, Handwerk, Familienbetriebe und Natur. Dies führte schließlich zu einer sukzessiven Verbesserung der Qualität, zurück zur eigenen Identität. Die Folge war die kontinuierliche Zunahme des Verbrauchervertrauens.

Auf Wanderschuhen entlang der Weingeschichte

Wer einmal die Gelegenheit hat, in die Region Kamptal zu kommen, dem sei ein Ausflug auf dem Weinweg in Langenlois empfohlen. Hier hat man die Gelegenheit, mit Picknick-Körbchen und Tropfen der umliegenden Weingüter ausgerüstet, den Weinwanderweg entlang zu marschieren und dabei allerhand Wissenswertes über 1000 Jahre Weinbau auf den Tafeln entlang der Weingärten zu lesen.

Oben angekommen genießt man einen wunderbaren Blick. Wir hatten das Glück, bei unserer Tour von einigen bekannten Winzern der Region begleitet zu werden, deren Ausführungen zu folgen und an verschiedenen Stationen ihre Weine zu verkosten.

Harmonisierung der Klassifikationsmodelle

Mit von der Partie waren beispielsweise Fred Loimer, welcher übrigens vor kurzem komplett auf Biodynamie umgestellt hat, Willy Bründlmayer und Michael Moosburger von Schloss Gobelsburg. Letzterer resümierte noch einmal über die Vorteile der Klassifikationen im Weingesetz und betonte, dass das Appelationssystem in Österreich noch nicht endgültig sei. Ziel bleibe eine Harmonisierung der Klassifikationsmodelle.

"Wir sind offen für all diejenigen, die bereit sind, unsere Ideale mitzutragen", sagt uns Michael Moosburger. Dabei stellte er auch das deutsche System beziehungsweise, dass der VDP (Verband der Prädikatsweingüter) über die Qualität entscheide, in Frage: "Das große Gewächs wird langfristig sterben in Deutschland. Wir in Österreich beurteilen nicht den Wein, sondern den Weingarten", so Moosburger weiter. Mit einem wunderbaren Sekt Rosé von Bründlmayer in der Hand ließ sich über diese Aussage abschließend noch besser sinnieren.

Drei Rieslinge, drei Winzer, ein Berg

Auf einer der Etappen gab es jeweils den Riesling Heiligenstein 2013 von gleich drei exzellenten Winzern zu vergleichen: Jurtschitsch, Hiedler und schließlich Hirsch. Die Lage - eine der besten für Rieslinge in dieser Region - besteht aus Vulkangestein und Wüstensandstein und erzeugt Charakterrieslinge, die meist eine längere Flaschenreife benötigen, aber von einer präzisen Struktur sind und über lange Lagerfähigkeit verfügen.

Riesling Heiligenstein 2013.
Riesling Heiligenstein 2013.

 

So hat beispielsweise der im Stahltank und als Reserve ausgebaute Riesling von Jurtschitsch nach später Lese etwa zehn Monate auf der Hefe gelegen. Er verfügt über eine wunderbare Frucht mit Hauch von Weinbergpfirsich, Zitruszesten und Blüten in Balance mit einer perfekten Mineralik und kernigen Säure. Der saftige, dichte, elegante Wein ist jetzt trinkbar, wird seine wahre Größe aber sicherlich erst in einigen Jahren entwickeln. Seine beiden Begleiter standen ihm in Charakter um nichts nach.

Kuhhorn, Einklang und Respekt

Auffallend bei der Reise durch Kremstal DAC, Kamptal DAC, Traisental DAC, Wachau DAC, Wagram, Weinviertel DAC und Wien war die allgemeine Aufgeschlossenheit zu den Weinen aus bio-, biodynamischen Anbau - bis hin zu den Natural-Wines (Weine, die möglichst ohne Zusatz und Einsatz von Kellertechnik ausgebaut wurden). Hier scheint alles nebeneinander mit Daseinsberechtigung anerkannt zu sein. Von Glaubenskriegen und Diskussionen bezüglich Biodynamie oder Natural- oder Orange-Wines (Weißweine, die einige Zeit auf der Maische lagen und daher - oder aufgrund von Oxidation - eine zart orange Farbe angenommen haben), wie man sie hierzulande manchmal erlebt, keine Spur.

Und so gab es auch bei unserem Besuch auf Gut Oberstockstall in Wagram bei Fritz Salomon aus diesen Bereichen alles zu verkosten, was das neugierige Weinherz begehrt. Zuvor konnte man sich vor Ort einen tiefen Einblick in die Feinheiten der Biodynamie gönnen. Sei es das Herstellen von Brennnessel-, Kamillen- oder Ackerschachtelhalmtee zur Pflanzenpflege und -schutz. Oder der im kalkreichen Kuh-Horn gegärte Humus, welcher - gleich der Lehren der Homöopathie - angereichert ist mit all den Informationen, die der Boden braucht. Gibt man ein wenig dieses Humus´ in Wasser, vervielfältigt sich die Information beim stundenlangen Rühren von Hand im großen Wasserfass. "Dies hilft uns dann dort, wo wir nicht mit Kompost weiter kommen. So bringen wir das Lebewesen Boden wieder auf Vordermann", erklärt Karl Fritsch, der vor einigen Jahren auf Biodynamie umstellte.

Respekt vor der Natur und weg vom Glyphosat

Toni Söllner, Hans Cerny, Karl Fritsch, Martin Diwald und Bernhard Ott erklärten, wofür sie stehen: "Böden, die nackt sind durch den Einsatz von Herbiziden, fördern das Wachstum von Schädlingen. Wir hingegen netzwerken mit der Natur - alles ergänzt sich". Dies hier sei kein Hokuspokus, sondern wissenschaftlich belegt. "Und guter Wein wird gemacht - Großer passiert - das sind die Naturkräfte, denen wir ihren Raum geben", so Ott weiter. Nicht umsonst heißt der Verein neben Demeter, dem sich zwei von ihnen angeschlossen haben, "Respekt" und garantiert biodynamische Qualität mit dem Respekt vor der Natur, jenseits von Monokultur.

Dass dieses Prinzip sehr gute Weine hervorbringen kann, ließ sich bei den Verkostungen eindeutig nachvollziehen. Die Weine von Ott, Hirsch, Jurtschitsch, Diwald, Fritsch, Zillinger, Nikolaihof, Moser, Preisinger, Stagård und vielen anderen zeigte die große Bandbreite dieser bio- oder biodynamisch hergestellten Weine.

Auf unserer Reise ließ sich öfter feststellen, dass auch konventionelle Winzer nach und nach überzeugter sein können, dass man durchaus auf den Einsatz des verheerenden Herbizids Glyphosat verzichten kann. So zeigten uns die Gebrüder Rieder vom Weingut Weinrieder in Poysdorf vor Ort den Einsatz ihres Unterstockgeräts. Während beim Nachbarfeld noch die Auswirkungen von Glyphosat live zu sehen waren - nämlich Kahlschlag - verwenden die Brüder seit einiger Zeit das Prinzip des Mähens, Auflockerns des Bodens und Liegenlassens des Geschnittenen. "Damit hält sich die Feuchtigkeit im Boden. Die Mikroorganismen bleiben in Erde erhalten und bei Regen gibt es kaum noch Erosionen", so der Junior.

Grüner Veltliner - eine Traube mit breitem Spektrum

Doch gleichgültig, ob biodynamisch oder nach konventionelleren Kriterien ausgebaut - insgesamt fiel bei sämtlichen Verkostungen die Vielseitigkeit der Hauptrebe Österreichs, des Grünen Veltliners, auf. Innerhalb der unterschiedlichsten Lagen sowie Techniken und Stilistiken der Winzer zeigte diese Traube immer wieder ein neues Gesicht. Von jung und spritzig über gereift und als Reserve bis hin zu Orange und Natural Wines waren bei dieser Traube immer wieder sehr gute Weine vertreten. Wobei dies vielleicht bei den Gereiften, Schwergewichtigeren mit hohem Alkoholgehalt eine Gratwanderung sein kann - beziehungsweise auch eine Frage der persönlichen Vorlieben ist.

Wir lernten den Grünen Veltliner frisch, pfeffrig, aber auch saftig, würzig sowie opulent bis alkoholreicher kennen. So eignet er sich für verschiedenste Gerichte als passender Essensbegleiter und dürfte daher gerne öfter auf den Weinkarten zu entdecken sein.

Bei den österreichischen Restaurants ist dies selbstverständlich in größerer Bandbreite der Fall. So auch auf der Karte des Landhauses Bacher. Hier lässt sich entspannt zum gemütlichen Teil des Tages übergehen.

Dinner in der Wachau

Was hier so salopp formuliert wird, bekommt eine andere Dimension, wenn man nach den vielen aufschlussreichen Verkostungen den romantischen Hof des Landhauses Bacher betritt, um kurz darauf mit dem Menü von Thomas Dorfer (Gault Millau-Koch des Jahres 2009) erfreut zu werden.

Dass das Bacher gerade seinen 89. Platz in der Pellegrino-Liste (die Top 100 der besten Restaurants der Welt) eingebüßt hat, tut in Sachen Genuss nichts zur Sache und führt eher zu einer angeregten Diskussion über den Sinn beziehungsweise Hintergrund dieser Liste. Wie dem auch sei, gebeizter Ramsauer Alpensaibling und Zitrus-Miso an Salat von geröstetem Marchfeldspargel auf dem Teller konnten wunderbar überzeugen, ebenso wie Raviolo vom OX-Tafelspitz an Semmelkrenschaum. Und selbige Schmankerl - um bei den Worten den österreichischen Urgesteins am Nachbartisch zu bleiben - entließen den KULINARIKER mit der Erkenntnis, dass Österreich nicht nur ein erkundenswertes Weinland ist, sondern auch in Sachen Kulinarik, Natur und Gastfreundschaft Eindruck hinterlassen hat.

Fotos: Daniela Stubbe

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Zuletzt bearbeitet am 21/08/2016

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