Zeppelin, Zug, Schiff: Die Kunst des Speisens auf traumhaften Reisen

Wie war das eigentlich in der "guten, alten Zeit” mit der Verpflegung auf Reisen? Leif Karte, von Haus aus Kameramann, Dokumentarfilmer und Autor zahlreicher Bücher, reiste als Junge Anfang 1970 mit seiner Mutter auf einem Frachtschiff der Hamburg-Südamerika-Linie von Brasilien nach Deutschland.

Als er auf eine alte Speisekarte jener Atlantiküberquerung mit der M.S. "Cap San Diego” vom 23. Mai 1970 stieß, berührte ihn die elegante Gestaltung, die Auswahl und Namen der Gerichte – und schon war die Idee zu diesem Buch geboren.

Eleganz und Geschmack bestimmen denn auch den Tenor dieses auch in Format und Aufmachung sehr ansrpechenden Bandes, der zudem mit 140 Abbildungen glänzt. Kein Geringer als Lord Byron besorgt das Amues Bouche zum frisch erschienenen Buch "Weltfahrt – Speisen auf den guten Reisen”: "Das Wesen des Reisens liegt nicht darin, wohin man reist, sondern in dem, was man auf dem Weg sieht und lernt.”

Dies galt insbesondere für den Beginn des 20. Jh., als nicht mehr nur der Adel, sodnern auch das gehobene Bürgertum auf Resien ging und die Welt standesgemäß entdeckte. Denn anders als etwa auf vollgestopften Auswandererschiffen traf man sich auf den frisch aus der Taufe gehobenen Kreuzfahrten gleich zu Beginn der Reise etwa bei der Norddeutschen Lloyd Bremen zum Get-together-Dinner, suchte Kommunikation und Austauch mit anderen Passagieren und freute sich so gemeinsam auf das sich anbahnende Erlebnis. Und natürlich wurde nicht nur zu diesen Anlässen oder zum heute längst legendären Captain`s Dinner in stilvollem Ambiente opulent aufgetischt. Lachs und Hummer zum Anblick fliegender Fische vor Bullauge und Panoramafenster waren in jedem Fall Teil dieser Luxusschiffsreisen – auch schon auf der "Augusta Victoria”, die im Januar 1891 zur ersten Luxus-Kreuzfahrt der Geschichte in See stach. Zeitzeugenberichte machen den Band denn auch sehr lebendig, der in drei Abschnitten Zug-, Schiffs- und Zeppelinreisen thematisiert.

Ob nun geschmackvoll arrangierter frischer Rheinlachs im "Rheingold”, dem legendären Luxuszug, der in Deutschland ab 1928 auf Fahrt ging, oder an Bord des Luftschiffs "Graf Zeppelin", wo man "Kaviar im Himmel” goutierte: Opulenz und Sinnlichkeit gehörten zum Reisen dazu. Historische Fotografien, Plakate, Werbeanzeigen und dazu vor allem herrliche Speisekarten als Visitenkarten jener Zeit machen diese Form des Reisens auch heute wieder erlebbar. Ob Straßburger Gänseleber-Terrine, Uerziger Würzgarten, Gedämpfter Kapaun "Graf Zeppelin" über den Wolken oder Seelöwenkeule mit Meridian-Gemüse kurz vorm Äquator: Allein schon die geschickt gewählten Namen der Gerichte öffnen Einblicke in des Lebensgefühl der Epoche und laden zum Schwelgen ein. Sehnsucht nach fernen Ländern, vor allem aber der Vorteil der Kunst des genussvollen, langsamen Reisens werden so evoziert. Fazit: ein rund um gelungener Band, den man gern auch mehrmals in die Hand nimmt. Auch wenn die "Fleischbrühe Royal”, die 1930 im Mitropa-Restaurant des Schnellzugs Berlin – Breslau serviert wurde, heute sicher keinen Reisenden mehr aus dem Abteil locken würde. Doch danach wurden noch – zum festen Gedeckpreis von 3,30 Mark (!!!) – Heilbutt auf badische Art mit Salzkartoffeln, ein Lendenstück mit Madeira-Tunke, Blumenkohl, Schoten, Karotten sowie Risolée-Kartoffeln und obendrauf noch Maraschinocreme mit Schalgsahne serviert. Die heutige Bahn hätte da Mühe, auch nur ansatzweise mitzuhalten.
Jürgen Sorges

Leif Karpe, Weltfahrt – Speisen auf den guten Reisen, Edition Braus, Berlin 2016, ISBN 978-3-86228-145-9, 24,95 € (in Deutschland); Hardcover, 18 x 26 cm, 128 Seiten, ca. 140 Abbildungen

Foto: Cover

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