Zeitreise in die Bruderschaft des Mittelalters

Marco Bessones Meisterstück: Eintauchen in alte Zeiten, irgendwo zwischen dem 12. Und 15. Jahrhundert...

Marco Bessone (64) und seine Tochter Giada (30) stehen schon bei unserer Ankunft in den klassischen Gewändern des Mittelalters vor dem Confrérie du Moyen Âge (dt.: Bruderschaft des Mittelalters), dem Hotel, das nach achtjähriger Bauzeit vor nunmehr zwei Jahren seine Pforten öffnete. Und der Begriff "Pforte", so antiquiert er ist, kann hier absolut treffend angewendet werden. Denn was sich hier, auf einer Höhe von etwa 1500 Metern in Verrayes im Aostatal präsentiert, ist mehr als nur eine manifestierte Liebe zum Detail, es ist einfach nur einmalig!

"Dieser Gebäude stammt aus dem 15. Jahrhundert", erzählt uns "Burgfräulein" Giada nach unserer Ankunft. "Es gehörte einst meiner Großmutter, ehe wir es über Jahre zu dem machten, was nun vor uns steht", berichtet sie weiter. Wir gehen durch die Pforte des Hauses und treten ein in die Lobby des Hotels. Auf einem steinernen Taufbecken ist ein Brett gelegt, dient als Schreibtisch und Ablagefläche. Wenige Meter weiter treten wir auf einen Balkon. Von diesem steigt man hinab in den Speisesaal, den man von oben bereits sehen kann. Und schon tauchen die Gäste noch tiefer ein in das mittelalterliche Gebäude, denn hier ist alles wahrhaft aus einer anderen Epoche – und jedes Detail stimmt!

Giada Bessone: ihr Beruf als Restauratorin war mehr als hilfreich bei der Gestaltung des Hauses.
Giada Bessone: ihr Beruf als Restauratorin war mehr als hilfreich bei der Gestaltung des Hauses.

 

Den Gastraum passierend geht es über eine alte Steintreppe hinunter in die Gemächer. Sechs absolut ungewöhnliche Zimmer hat das kleine Berghotel. Niedrig sind die Gänge zwischen den Räumen, noch niedriger die schweren Holztüren, die, ganz stilecht, mit riesigen Schlüsseln geöffnet bzw. geschlossen werden können. Ganz wie schon vor dem Haus erwartet, ist im Innern alles etwas beengt.

Aber wen kann dies stören, sieht man sich fast sekündlich neuen optischen Reizen ausgesetzt, kann permanent Neues entdecken. So zum Beispiel die Duschen, die einen Vorhang haben, der durch Form und Farbe an die Ritterzeit erinnert. Oder auch die kleinen verzierten Fenster, die liebevolle Bemalung der dicken Mauern, die diversen Gemälde oder auch die alten Nachttischlampen.

Über diesen alten Balkon geht es von der Lobby hinunter in den Speiseraum.
Über diesen alten Balkon geht es von der Lobby hinunter in den Speiseraum.

 

Alle Einzelheiten zu beschreiben würde vermutlich Jahre dauern. "Wir haben versucht alle Einzelheiten so detailgetreu wie möglich zu erstellen oder zu renovieren", sagt uns Marco, während er die schweren Koffer die steinerne Treppe hinabhievt. Es geht über eine etwa zwei Meter lange Zugbrücke, die im hochgezogenen Zustand einen Kellerabstieg freigibt. In jeder Ecke erwartet die Gäste die nächste Überraschung, sogar ein kleiner SPA mit Jacuzzi verbirgt sich hinter einer Kerkertür!

Keine Frage, dieses kleine Berghotel ist ein Kleinod der Gemütlichkeit, bietet hinter den dicken Mauern den nötigen (oder nötigsten) Luxus. Doch sind es nicht nur die Zimmer, die die Gäste verzaubern. Ein Erlebnis der ganz besonderen Art ist ein Abend im Speisesaal! Der Speisetisch, der etwa acht Personen Platz bietet, ist gerade in den Abendstunden durch Kerzenschein und das offene Feuer aus dem großen Kamin prunkvoll beleuchtet. Ein riesiger schmiedeeiserner Leuchter schwebt über dem Tisch, wird gehalten von einem Flaschenzug, dessen Ende, ein dickes Seil, an der Wand befestigt ist. Jeweils an der Front des langen Tisches stehen mannshohe thronähnliche Holzstühle.

Offenes Kaminfeuer in den Abendstunden – Wärme und Beleuchtung für die Gemütlichkeit.
Offenes Kaminfeuer in den Abendstunden – Wärme und Beleuchtung für die Gemütlichkeit.

 

Und selbst das Besteck, Messer, Gabel und Löffel, wurden eigens für das Hotel hergestellt und werden, ganz Mittelalter, mit einem Lederband zusammengehalten, sozusagen als eine Art Reisebesteck. Aus der kleinen Küche kommt ein Gang nach dem nächsten, zwischenzeitlich präsentiert Giuseppe Giorgi verschiedene Weine aus dem Aostatal.

Und natürlich kam auch wieder der Parade-Schaumwein der Region auf den Tisch: der "Blanc De Blanc & De La Salle" von Cave Mont Blanc (siehe auch Artikel hier: Füllhorn der Genüsse: Aosta Valley Kulinarik). Ein Sparkling-Wine aus 100% Priè Blanc de Morgex von der höchsten Anbaufläche Europas (1200m). Klar, dass die Preise für die Weine aus der Region nicht der billigsten einer sind. Die Produktionsmengen und die schwierigen Erntebedingungen der Steillagen sind hier im Tal, in dem klassischerweise nur eine Seite stetig sonnenbestrahlt wird, schon außergewöhnlich. Hinzu kommt, dass die Rebflächen in der Regel recht klein sind und der Großteil der Weinbauern über eine der fünf Kooperativen im Tal organisiert sind.

Giuseppe Giorgi: Sommelier und Lebenspartner von Giada Bessone.
Giuseppe Giorgi: Sommelier und Lebenspartner von Giada Bessone.

 

Bekannt ist die Region natürlich durch seine autochthonen Rebsorten, allen voran der Fumin. Und diese ist auch die wichtigste Rebsorte im Tal, die sich durch kräftige und ausgeprägte Tannine sowie einem recht hohen Säuregehalt auszeichnet. Und häufig wird eben diese Rebsorte in einem weiteren Wein des Aostatals, dem Torrette, eingesetzt. 70 Prozent Petit Rouge und 30 Prozent Fumin oder auch Prëmetta werden hier verarbeitet. Der Chambave Muscat 2016, den der 38-Jährige dann präsentierte, ist dann schon wieder ein bekannteres Produkt der Region und durchaus noch in dem einen oder anderen Online-Shop zu beziehen. Eigentlich schon fast ein Aperitif-Wein (zumindest in Region), ist dieser Muscat ein Alleskönner in Richtung Vorspeise, Meeresfrucht oder auch (weißem) Fleisch.

Und so zog sich der Abend bis spät in die Nacht zu den Klängen eines Musiker-Duos (Gitarre und Flöte), das mittelalterliche Musik spielte, hin, bevor die Gemächer riefen. Dass man hier, in der absoluten Abgeschiedenheit des Dorfes, in dem gerade mal 15 Menschen wohnen, ungestört schläft, muss wohl kaum erwähnt werden...

 

Impressionen:

Weitere Informationen unter:
http://www.confreriedumoyenage.com 
Addresse:
Località Grand Villa 7 / Verrayes / Aosta 11020 Italia
Telefon: +39 0165 1845500
Mobil: +39 333 7998683 (WhatsApp)

Fotos: Michael Schabacker

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Zuletzt bearbeitet am 22/05/2019

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