Nord-Karelien: Im Reich des Kalevala

Angeln, Kanu und Kajak, Reiten, Beeren und Pilze sammeln, im Winter Ski-Langlauf, sogar ausgedehnte Ski-doo-Touren bis weit in den benachbarten russischen Teil Kareliens: Dies ist Finnlands Wildnis Nord-Karelien…

Es das Outdoor-Paradies schlechthin: mit endlosen Wäldern, tausenden Seen, Elchen, Luchsen, Vielfraßen, Wölfen, Waldrentieren - und zahlreichen Braunbären, die man neuerdings sogar auf nächtlicher Pirsch in gut geschützten Unterständen besuchen kann. Heute liegt Nord-Karelien etwas abseits der Haupttouristenpfade, und das Örtchen Virmajärvi liegt am östlichsten Punkt der EU.  

Ilomantsi: Lauschen bei Mirka Lauronen
 
Vergessen Sie die Euro-Song-Contests und die sagenhaften Erfolge finnischer Heavy Metal-Bands. Denn Finnlands wirkliche Rockstars lebten – und leben – in Karelien. Dabei ist Rock in diesem Zusammenhang wörtlich zu nehmen: Nahezu alle großen Sängerinnen und Sänger des finnischen Nationalepos Kalevala saßen gern auf einem Fels – noch lieber musizierten und sangen sie auf großen Steinen vor ihrer Haustür. Auch Mateli Kuivalatar (1771-1846), die lange vor jeder Synthesizer-Kunst zur berühmtesten Kantele-Sängerin ihrer Zeit aufstieg. Der Stein aus ihrem Geburtsort Kontiovaara liegt noch heute vor ihre Hütte im 6500-Seelen-Ort Ilomantsi. Und der ist so etwas wie eine Hochburg der Kalevala-Tradition in Finnland.

Hier wird nach die Tradition des Kantele-Spielens gepflegt, jenes berühmten Zupfinstrumentes, dass der unaussprechliche, weißbärtige Zauberer Väinämöinen – Eselsbrücke: "Weint am Morgen" aus den Gräten eines Riesenhechtes schuf. Gleich drei harfenähnliche Kantele zieren Ilomantsis Dorfwappen: Freude, Trauer und Schicksal. Die alte Mateli kannte sich diesbezüglich gut aus. Denn die alte Runesängerin hatte tausende Verse und Lieder auswendig gelernt – und sang sie 1840/1841 Lönnröt über Monate hinweg vor. Matelis Megahit "Käme nur mein Herzensliebster" wurde später in über 100 Sprachen übersetzt – und geriet doch in Vergessenheit. Ganz anders Mirko Lauronen: Die Endzwanzigerin ist aus Ilomantsi und eine neue, junge Runesängerin. Bei strahlendem Sonnenschein sitzt sie nebenan vor dem Runesänger-Haus und lässt eine der dort ausgestellten Kantele erklingen: "Lasst uns singen, lasst uns spielen, keine Trauer soll unser Mahl verderben!" Matelis Verse werden wieder lebendig.

Stopover Helsinki: Larin Paraske und Hotel Kämp

Wer sich Kalevala-Spurensuche begibt, wird natürlich schon in Helsinki fündig. Da ist das große Kalevala-Denkmal in der Altstadt, da sind die Kalevala-Fresken von Akseli Gallen-Kallela im Nationalmuseum, da ist das Denkmal für Jean Sibelius Sibelius, der zahlreiche Kalevala-Epen vertonte, gleich nebenan jenseits der Minigolf-Anlage das oft übersehene Denkmal für den Schöpfungsmythos aus dem Kalevala. Und da ist das beinahe komplett übersehen Bronzedenkmal für Larin Paraske, gleich gegenüber dem Nationalmuseum, 1936 von Alpo Sailo geschaffen, doch erst 1949 hier im Hakasalmi Park an der Mannerheimintie errichtet.

Natürlich hockt auch Larin Paraske auf einem Sockel. Kunststück, denn die Runesängerin vom Ladogasee (1833-1904) beherrschte bis heute unerreichte, sagenhafte 32.000 Verse. Einer, der Paraske, Tochter des Lari, besuchte und auf ihre alten Gesänge und Klänge zurückgriff, war Jean Sibelius: übrigens lange, bevor der gute Jean regelmäßig in der Bar des berühmten Hotel Kämp an der Pohjoisesplanadi 29 auftauchte, und dort manches Gläschen zuviel hob. In dicken Versalien sind dort Trinksprüche in Russisch, Englisch, Deutsch und Latein eingraviert. Dem deutschen fehlt zwar ein "T", doch ist der sinn unschwer zu erraten: "SOBALD SIE ALLES DOPPEL SEHEN, SOLLEN SIE NACH HAUSE GEHEN."

Kalevala Denkmal.
Kalevala Denkmal.

 

Unter dem Wildwald: Ainola

Nur 60 km nördlich Helsinki sind es bis zur Sibelius-Waldvilla Ainola (www.ainola.fi/english). Das Naturgenie, das schon mit neun Jahren ruckzuck ein 40-Sekunden-Opus namens "Regentropfen" komponiert hatte, widmete sich hier ausführlich den Kalevala-Dramen. 1892 komponierte er nach seiner ersten Karelienreise den "Kullervo", eine sinfonische Dichtung über jene später in den Kalevala-Epos eingebauten Junghelden, den die Kulturforscher Hertha von Dechend und Giorgio de Santillana als wahren Vorläufer jenes Hamlet identifiziert haben ("Die Mühle des Hamlet", Berlin, 1993). Der mit Dänemark und Shakespeare Assoziierte heiße besser "Prinz von Karelien". Sodann befasste sich Sibelius mit der Lemminkäinen-Suite über den Filou und Frauenschwarm unter den Kalevala-Helden, es folgten "Der Schwan von Tuonela", "Pohjolas Tochter" und "Tapiola". In Ainola kann man den Steinway von Sibelius bewundern und steht verdutzt vor dem Kachelofen des Hauses, der einst in F-Dur wummerte. Keine Frage, ohne Gattin Aino, die fünf Töchter gebar und mit ihm stets durch Karelien reiste, war er rettungslos verloren.

Kuhmo: bei der Herrin des Nordens

Den Kalevala kann man in Nord-Karelien auf vielfältige weise begegnen: etwa im Hausmuseum Paateri der Bildhauerin Evy Rynnänen mit wunderschöner Waldkapelle und einem Atelier voller Kalevala-Großskulpturen. Nahe Nurmes bietet das Karelische Dorf "Bomba" Einblicke in die Architektur und vor allem die grandiose Küche des Landes. Ob hausgemachte Pirogen oder frischer Zander, Wildsalamis, Marmeladen oder Kräuterelixiere – Bomba bietet alles. Eine Autostunde nördlich lockt in Kuhmo das alljährliche Kammermusikfestival Tausende an. Im neuen, JUMINKEKO genannten Kalevala-Kulturzentrum zeigen junge Künstler moderne Adaptionen des Kalevala, beschäftigen sich etwa mit dem Thema des "Sampo" - jener legendären, vom Zauberer Väinämöinen entwickelten Mühle, die als Perpetuum mobile stets für gute Ernten, Salz, Geld und Gold sorgte. Heute ziert sie den Namen einer großen finnischen Bank. In der Bibliothek steht sogar die Comic-Version des Kalevala: "Die Jagd nach dem Sampo" erschien 1999 in der Donald-Duck-Reihe, und ein Hunde-Kalevala (Koirien Kalevala) der Kinderbuchautorin Mauri Kunnas führt selbst die Jüngsten ans Epos heran.

Die Auseinandersetzung zwischen Kareliern und Lappen wird schließlich im Kalevala-Dorf (www.kalevalakyla.fi) vor den Toren der Stadt sichtbar. Ein leibhaftiger Ilmarinen klopft da in der Schmiede, und die Herrin des Nordens, Lapplands Königin, bläst furios zum letzten Angriff auf das Schiff der Recken, um den Sampo im Malstrom zu versenken. Wer dann noch das Glück hat, im Kalevala-Hotel der Berlinerin Sirpa Schettler zu nächtigen, hat nicht nur einen phantastischen Seeblick, sondern auch tolle Freizeitangebote. Schließlich sei auch nicht das ultimative Erlebnis für Lesemuffel unerwähnt. In deutschen Landen geradezu Kult ist das als finnisches "Bier-Kalevala" bezeichnete Opus "Der Kneipenmann" von M.A. Numinen. (Verlag 2001, Frankfurt/Main, 2003). So ausgerüstet dürfte Nord-Karelien sich in jedem Fall von seiner besten Seite und mit dem Segen von Väinämoinen zeigen. Selbst wenn es mal frühmorgens regnet…

Information zu Nord-Karelien und zum Kalevala:

Vor der Reise: Visit Finland, www.visitfinland.com/de/

Vor Ort:
Karelien: Visit Karelia, www.visitkarelia.fi/de/; lokale Büros in Lieksa, Koli, Juuka, Nurmes und Ilomantsi

Fremdenverkehrsamt Kuhmo, Kainuuntie 82, 88900 Kuhmo, Tel. +358 (0)8 615 55 21, www.kuhmo.fi

Helsinki: Helsinki Tourist Information, Pohjoisesplanadi 19, 00099 Helsinki, Tel. +358 09 31 01 33 00, www.visithelsinki.fi/de

Aktivitäten:
Karelien ist das moderne Wildnis-Paradies mit zahlreichen Nationalparks und Mehrtages-Trails; Wandern, Reiten, Segeln, Rudern, Kajak, Kanu, Angeln, Wildwasserangeln; Sauna, Wellness, Ski-Langlauf, Skitouren, Ski-doo-Touren, Nächtliche BÄRENBEOBACHTUNG, auch Mehrtages-Safaris zu Braunbären, Vielfraßen, Luchsen, Wölfen, Waldrentieren, Elchen; Wintertouren ins russische Karelien; Sommertagesausflüge ins russische Karelien, Baden; Tauchen, Birken zählen.
Infos/Angebote z.B. via Hotel Kalevala (Hotelli Kalevala), www.hotellikalevala.fi

 

Impressionen:

 

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 30/04/2017

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