Schären ohne Bären

Finnlands Schärenküste entdeckt man am besten per Fahrrad und im Kajak. Größere Distanzen überwinden die Fährboote…

Das Herzstück dieser einzigartigen Inselwelt am Südende des Bottnischen Meerbusens bilden die zwischen Stockholm und Turku liegenden Åland-Inseln und der Turku-Archipel. Vor Ort umgeschaut hat sich Kulinariker-Autor Jürgen Sorges. Und fand sich urplötzlich beinahe auf der gegenüberliegenden Seite der Erdkugel wieder: exakt im "Reich der Åbo-rigines…"

Ach, ein echter Einheimischer sei er nicht, lacht Martti Nillson, als wir vor dem karminrot leuchtenden Traditionshotel Strandbo im Inseldorf Nagu stoppen, 35 km vor Turku auf der Insel Storlandet. Doch ebenso stolz wie amüsiert trägt er ein T-Shirt samt Aufdruck "Åbo-rigine", das weniger Australiens Ureinwohner als die schwedisch geprägte Geschichte der heimlichen Hauptstadt Finnlands auf die Schippe nimmt: Denn Turku, das im Jahr 2011 höchst beachtete Kulturhauptstadt Europas war, hieß schwedisch einst Åbo!

Seine Doppelgeschichte ist im Aboa Vetus-Museum in Turkus Villa von Rettig lebendig! Bis heute sind hier Finnisch und Schwedisch als Sprachen gleichwertig vertreten. Während wir Koffer und Gepäck zwischen den beiden Miniatur-Leuchttürmen die Treppe hinauf zur Rezeption hieven und ein wenig die entspannt in der warmen Abendsonne blinzelnden Gäste auf der Veranda beneiden, erklärt Martti rasch, er habe in Turku studiert, dann sei er samt Familie hierher nach Vast Åboland gezogen: in jene 2009 gegründete Neugemeinde im Süden des Schärengartens der 20.000 Inseln westlich Turku im Bottnischen Meerbusen, zu der auch Nagu gehört. Über Jahre hat er wesentlich zum behutsamen Aufbau jener Infrastruktur beigetragen, die heutige Besucher, allen voran viele Deutsche und Familien mit Kindern, so sehr schätzen.

Kajak und Radfahren auf dem Arcipelago Trail…

Sicherheit, so Martti, sei Teil des Tourismus- und Outdoor-Konzeptes: Kajaks werden ebenso gleich mit Helm vermietet wie Fahrräder! Dabei stelle der gutausgebaute Schärenring, der Saariston Rengastie, mit geringem Höhenprofil und zahllosen und beliebig einzubauenden Stopps keine große Herausforderung dar. Ein Erlebnis, wie es sich Matilda Åberg, eine der wirklich echten 33.000 Einheimischen, wünscht, wird so für viele realisierbar: Am liebsten wandert sie mit Freunden durch die Wälder zu entlegenen Felsklippen, picknickt mit Wein, Inselkäse und gebackenem Brot, genießt Stille, Natur und Einsamkeit. Wenn dann noch Rentiergeweihe lautlos über die Wasseroberfläche ziehen, mithin eine Ren-Herde zur nächsten Insel schwimmt, ist nicht nur ihr Glück perfekt. 500 Rentiere leben auf diese Weise auf den Schären. "Aber keine Wölfe oder gar Problem-Bären" ergänzt Martti augenzwinkernd.

Die Bike-Station am Art Hotel Nestor in Korpo überzeugt dann mit durchdachter Effizienz. Jederzeit kann das Rad abgegeben, eine Extrarast eingeplant werden. Nie entsteht Hatz zwischen den zwölf Brücken und acht Fähren, die den Ring schließen. Und kostenpflichtig ist nur eine Querung, mit der MS "Antonia". Am Nestor sorgt ein gläsernes Windspiel für Atmosphäre, drinnen zeigt ein Wandteppich der Künstlerin Helbe Pajari alte Wikinger-Embleme, Runen und ein Fabelwesen aus Greif und Löwe, das auf Waräger-Fahrten vom Mare Balticum bis nach Byzanz verweist. Im Vestibül wird es wieder ausgesprochen finnisch, das beweist die marmorweiße Sibelius-Büste.

Beim "Baron auf den Felsen"…

Ab Karlby sticht man per Kajak oder Barkasse in See, zur acht Kilometer entfernten Insel Källskar, wo ein wahrer Schärentraum real wurde: Baron Göran Åkerhjelm (1920-1998) schuf sein Refugium inmitten Granit, rauer Eiszeitfurchen und fantastisch oszillierender Farbspiele. Das Belvedere hoch über dem Hafen, dem das antike Canopus an Ägyptens Küste Pate stand, hießt mal "Muumihaus", sein Dachfirst erinnert an die fabelhaften Wesen. Tove Jansson war hier oft zu Gast, bewunderte die goldmetallisch strahlende Hermes-Statue über der Hafeneinfahrt und pilgerte auf den Spuren jener Schottin Mrs. Morris, die hier mit Sohn alljährlich den Sommer verlebte: Täglich schleppte sie damals zwei Tüten Erde heran und schuf so auf karger Krume den Åkerhjelmschen Hausgarten. Hier malte Tove Jansson "Källkärstavlan". Das Gemälde zeigt ihre ursprünglich rein mythische Mumin-Welt und ist original – ein Geschenk des Barons – der Blickfang im Åland-Museum in Ålands Hauptstadt Mariehamn.

Unterwegs an Ålands Ostküste.
Unterwegs an Ålands Ostküste.

 

Achtung! "Wonnabe Vikings…"

Vor Ålands Ostküste kreuzt manch unerfahrener, dennoch nassforscher Segler aus Kontinentaleuropa den Fährenweg. "Wonnabe Vikings", "Möchtegern-Wikinger", heißt es dann lakonisch von der Kapitänsbrücke – und entrüstet tutet das Nebelhorn! Vorsicht ist also geboten! Denn Ålands Gewässer können auch tückisch sein. Hunderte Wracks liegen am Meeresboden, ein kompliziertes Revier. Davon profitierten am 16.7.2010 die sechs Taucher um den 31-jährigen Ålander Christian Ekström. Sie retteten 168 grüne, handgeblasene Flaschen mit geheimnisvoll perlendem Inhalt in die Boote "Rib" und "Pagi" – und brachten damit das sonst kaum präsente Åland in die Weltschlagzeilen. Im Zweimasterwrack lag der älteste Champagner der Welt, um 1820 gekeltert, aus den Häusern Veuve Cliquot und Juglar und wohl für St. Petersburgs Zarenhof. Dazu Töpfe, Porzellan der schwedischen Manufaktur Rörstrands und sechs Flaschen Gerstensaft: kein Sixpack, sondern erneut das älteste Bier in Flaschen, das nun nachgebraut wurde. Teile des Åland-Schampus-Schatzes gingen per Auktion an Liebhaber, der Rest wandert ins Museum.

Ein Besichtigungsmuss sind auch das Freilichtmuseum Jan Karlsgarden und der "Schlüssel zu Schweden", Schloss Kastelholm. Im Juli sollte man zum Wikingermarkt in Saltvik und auch zum gewaltigen Rund der Festung Bomarsund pilgern, die bis zum 16.8.1854 westlichster Vorposten des Zarenimperiums war. Und natürlich wartet Mariehamn, mit St. Göranskirche samt Glocke aus Bomarsund, mit Åland- sowie Kunstmuseum und der in Hamburg gebauten Viermastbark "Pommern" am Kai. Schräg gegenüber tischt Michael Björklund im ÅSS Paviljongen sagenhaft leckere neue nordische Inselküche vom Feinsten auf! Nicht nur für Martti iast dies ein Anlass, auf die kulturelle Homogenität jener "Skandinavischen Inseln" zwischen Stockholms Schären und den Inselwelten westlich Helsinki zu verweisen, deren Herz die Åland-Inseln und Turkus Schärengarten bilden.

Island hopping für jedermann durch ".ax"!

Weitere 6757 Åland-Inseln locken und rocken! Da ist z. B. Eckerö, wo Teile des Kinder-TV-Klassikers "Ferien auf Saltkråkan" gedreht wurden. Oder man wählt die Nordroute bis Turku und tuckert stets unter der seit 1954 stolz wehenden Flagge des schon im Jahr 1921 autonom gewordenen Åland: rotes Kreuz auf gelbem Kreuz mit blauem Grund. Einige Turku-Besucher entdecken aber eben auch die Schönheiten von Mumin-Meer und Schärenring, besuchen Kökar und Åland. Und können dann, wie Martti, auf dem Rücken ihres T-Shirts stolz verkünden: "Skårgården, den Schärengarten, den Archipel? Done it! Geschafft!" Und ein wenig wird man so – ein echter Åbo-rigine...

 

Impressionen:

 

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 30/04/2017

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