DER KULINARIKER und Partner brauchen für einzelne Datennutzungen Deine Einwilligung, um Dir unter anderem Informationen zu Deinen Interessen anzuzeigen. Mit Klick auf "OK" gibst Du diese Einwilligung.

OK


Öffnung des Leibes und der Seele

"Aber natürlich gibt es Hoffnung, sogar unendlich viel Hoffnung. Nur nicht für uns", antwortet Franz Kafka Max Brod, als dieser ihn im Gespräch Hoffnungslosigkeit unterstellte. Ein Spaziergang am See...

Es sind Trümmerfragmente, die sich über die Endlosigkeit des Schaffens und Schreibens eines der umstrittensten deutschsprachigen Schriftsteller, Franz Kafka, ranken. Es sind Rätsel, ungelöst, durchbrochen von wenigen Romanen, die Schülergenerationen überforderten. Überfordert, weil durchaus Rudolf Steiners Einflüsse erkennbar. Es sind die Wirrungen von spirituellen Weltanschauungen - und sicher auch das Verständnis Martysscher deskriptiver Psychologie.

"Ich bin nichts als Literatur", sagte Kafka einst. Entschleunigung, Wandern, ab in die Natur; nackt am Fenster turnen, vegetarische Ernährung. Kafka war in vielerlei Beziehungen außergewöhnlich, sah schon zu Zeiten der Ruhe die Unruhe der Welt, fixierte sein Schaffen auf die Nacht, nicht zuletzt, um eine Freiheit der eigenen Gedanken zu erreichen. Schon in Jungborn auffällig, beschnitten in freier Körperkultur, suchte das Sprach- und Denkgenie stets nach Wegen hinein in die eigene Freiheit, meist geboren aus der Perspektivlosigkeit der eigenen Gedanken. Kafka gab nie eine Anleitung zum Glücklich sein, fand selbst nie heraus aus der eigenen Traurigkeit und der Angst vor Mauern.

Bis die Katze die Maus fraß.

Doch sollen nicht Momente der Hoffnungslosigkeit die Fokussierung des "Spaziergangs" manifestieren, vielmehr sind es Momente des Denkens und der Ansicht ob der Schönheit, aber auch ein wenig der gespürten Übermächtigkeit der Natur, die Gegenstand der Betrachtung seien. Denn seine Wege führten ihn weit, nicht nur Jungborn war fernab von Kierling, es waren auch italienische Momentaufnahmen, die ihn mehr als prägten, ihn veranlassten sein Denken und Tun neu zu gestalten, sein Schreiben zu formen.

Wo auch Franz Kafka einst wandelte: historischer Spaziergang zweier Damen am Gardasee.
Wo auch Franz Kafka einst wandelte: historischer Spaziergang zweier Damen am Gardasee.

 

"Mein Kahn ist ohne Steuer"

Kurz bevor der 1. Weltkrieg bedrohlich an das Tor der Welt pochte, hielt sich Kafka von 1909 bis 1913 vereinzelt am Gardasee auf, einem Ort, der den Schriftsteller nicht nur prägte, sondern ihn veranlasste, literarische Zeilen zu hinterlassen. Nicht nur seine selbstverlorene Gesundheit sollte gesunden, der Aufenthalt war eine Beobachtung, eine Untersuchung an sich selbst. Es waren Spaziergänge, vorbei an der Seekultur, geprägt durch die Bauten der vergangenen Jahrhundertwende. Und es waren bedrohliche Momente, die, vis-à-vis der Naturmacht, ihn eindrucksvoll und klein erscheinen ließen. "Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele", ertönt es schon fast wie ein Widerhall in die Vergangenheit, futuristisch geboren am Morgen nach der Niederschrift von "Das Urteil".

Bis er verurteilt zum Fluss ging.

Denn die Liebe fand er. In der Kultur, der Natur. Und in einer Schweizerin am See. Es muss ein Balanceakt zwischen Bedrohlichkeit der Steinmassen Rivas und der Leichtigkeit der Liebe gewesen sein. Wie sonst ist es erklärbar, Jahre später seinen eigenen Tod, die eigene Rastlosigkeit und das eigene Versagen, das Totenreich erreichend, in Dohlenhaftigkeit zu tippen? Gracchus, war er der Bootsführer am Gardasee? Eine Transformation über seinen eigenen Tod und den Verlust der Liebe? Denn alle Wortspiele sind in seiner Barken-Verzweiflung aufgearbeitet als Spiegel der Vergangenheit. Das italienische "gracchio", das seinen Namen (Kavka=Dohle) als Protagonisten erscheinen lässt.

Flanierend, vorbei an Gärten, dürfte Kafka auch den Weg vorbei an der architektonischen Hotel-Ikone, dem 1899 eröffneten Lido Palace am Ufer des Sees, gefunden haben. Vielleicht auch auf der Bootstour, die er mit der bereits erwähnten Schweizerin beging. Hat er dort, in Riva, vor aufsteigender Felswand und der Schönheit des Sees, Kraft tanken können? Seine literarischen Rückblicke lassen eher den Zweifel als Antwort siegen. Denn seine letzten rückblickenden Worte als Gracchus lauteten: "Mein Kahn ist ohne Steuer, er fährt mit dem Wind, der in den untersten Regionen des Todes bläst."

Burn-Out 1.0

So sehr Kafka den "Gnadenreichen" verkörperte, so sehr gab es zu seinen Lebzeiten spiegelbildliche Manifestationen vieler Erkrankungen. Nicht nur der 1924 verstorbene Weltliterat begab sich nach Riva um der Gesundung von Körper und Geist auf die Sprünge zu helfen, es waren derer viele. Denn was neuzeitlich als Modekrankheit, State-of-the-Art-Belastung oder Folgeerscheinung einer schwächelnden Gesellschaft als "Burn-Out" tituliert wird, ist ursprünglich ein krankheitsbildlich gewachsenes "Gut". Als Neurasthenie hatte das Kind zur damaligen Jahrhundertwende nur einen anderen Namen, war aber Ausschlag dafür, dass das erbaute Sanatorium in Riva prominente Besucher vorweisen konnte.

Franz Kafka (um 1906).
Franz Kafka (um 1906).

 

Neben Kafka fanden sich auch die Brüder Mann in Riva ein, verbrachten, ähnlich wie Kafka, Stunden mit Bootstouren, ehe Dampfbäder und Gymnastik den Stressausgleich zum Leben und Wirken herbeiführen sollten. Mit "zauberbergschem Hintergrund" begab sich auch Thomas Mann, literarisch geleitet, an die geographische Schnittstelle zwischen den mystischen Deutschwelten und der Leichtigkeit des Südens. Denn das vom Homöopathen Christoph von Hartungen gegründete Sanatorium war ein "trendy P.O.I.". Sigmund Freud, Christian Morgenstern, Rudolf Steiner: nur einige der "Generation Burn-Out 1.0".

Riva war ein Ort der Therapie - und des Streits. So sehr es der politischen und literarischen Elite nach Gesundung gelüstete, kam es doch auch zu Zerwürfnissen. Thomas und Heinrich Mann sollen während einer Bootstour vor Riva in einen tiefen Bruderstreit verfallen sein. Belege dessen sind Thomas Manns "Betrachtungen eines Unpolitischen" und Heinrich Manns "Zola"-Essay. Sanatorium, Homöopathie und Neurasthenie: das kleine Örtchen am Gardasee war Treff- und Austauschpunkt von zentraler Bedeutung. Und das nicht nur literarisch.

Lido Palace

Um Standesgemäß zu nächtigen, gab (und gibt) es in Riva nur ein Hotel: das Lido Palace. Thomas Mann verweilte in dieser Luxusherberge, dass zur Jahrhundertwende am Gardasee seinesgleichen suchte. Ebenso zog es den österreichischen Erzherzog Franz Ferdinand oder auch die jüngste Schwester von Zar Nikolaus II. von Russland, Olga Alexandrowna Romanowa, in den Prunkbau Rivas. Lange Zeit zehrte das Lido von diesem Ruf, war gesellschaftlicher Mittelpunkt der Region. Doch auch an Hotelikonen gehen wirtschaftliche und politische Ereignisse oftmals nicht spurlos vorüber. Die Weltkriege brachten das Luxushotel am Gardasee in Schieflage, ehe es in der "Neuzeit" ankam.
 
Neuzeit bedeutet genau genommen das Jahr 2011. Der venezianische Architekt Alberto Cecchetto fand in der Neuinszenierung des Lido nicht seinen Meister, sondern lieferte meisterlich ab. Es darf als eine seiner schwersten Arbeiten angesehen werden, die Kultur der 1900er Jahre zu bewahren, nicht zu sehr in Kitsch zu verfallen und passgenau den Spagat in die aktuelle Dekade zu vollziehen. "Es ist eine Begegnung der Vergangenheit mit dem Wunsch des Experimentierens, der Suche nach Lösungen der Unsicherheit - aber auch der Begeisterung", sagt Ceccetto stolz zum Resultat des neuen Lido.

Das Lido nach der Renovierung: Glasaufsatz Dach, Lobby lichtoffen.
Das Lido nach der Renovierung: Glasaufsatz Dach, Lobby lichtoffen.

 

Den Stolz der Neoklassik zu erhalten, fällt sicher nicht schwer. Mächtig steht das Lido wie ein Fels am See. Doch eben diese Trägheit der Geschichte, die Leben und Kultur wie kaum eine anderes Gebäude am See widerspiegelt, mit filigraner Glaskunst zu verschmelzen, ist ein symbiotischer Kraftakt, keine Frage. Der obere Teil des Lido ist nun von einer gläsernen Rundumfläche umgeben, ebenso der Eingang. Fast wie ein riesiger Wintergarten wirkt er von oben betrachtet. Dabei sind die Stahlkonstruktionen scheinbar ein wenig zu viel "Gestell". Allerdings transformiert sich die Lobby, die sich eben dort befindet, so zu einem offenen und mehr als zeitgemäßen Designelement. Es sind immer wieder neoklassische Elemente wie Säulen oder Ornamente, die in Verschmelzung zu Stahl, Glas und Neon neue Ausstrahlung erfahren. Der Verzicht auf sichtbare Stützen eröffnet einen weiten Blick, lässt Restaurant, Bar und Terrasse scheinbar über dem See schweben.
 
Als wäre das ehemals "Palast Hotel Lido" genannte Haus nicht schon beeindruckend genug, offeriert die 65 Kilometer von Verona entfernte Luxusherberge einen wunderbar mit Zypressen, Eiben, Palmen und Zedern bepflanzten Garten. Ein Gang durch die Anlagen und die Vorstellungskraft lässt sie fast erkennen, die Herren mit ihren Spazierstöcken, die Damen mit den Sonnenschirmen und vielleicht auch ein Kafka oder Thomas Mann, die gedankenverloren die Schönheit und Mächtigkeit der Natur auf sich wirken lassen.

Riva del Garda: Ort mit Geschichte, Ort mit einem außergewöhnlichem Hotel.

 

Lage des Lido Palace Hotel:

Print

 

Impressionen:

Fotos: Michael Schabacker / commons.wikimedia.org

Submit to FacebookSubmit to TwitterSubmit to LinkedIn
Zuletzt bearbeitet am 27/02/2017

Artikel weiterempfehlen und/oder drucken (auch PDF):

Letzte News

Letzte Artikel