Am Fuß der Blauen Berge (Teil II)

"Achtung Minen" teilt eine verwitterte schwarze Schablonenschrift auf weißem den Besuchern des Blaue Berge-Museums mit...

Es ist eigentlich ein Kriegshistorisches Museum mit Gedenkstätte, erinnert es doch ausschließlich an jene grausame "Schlacht um die Tannenbergstellung", die im Sommer 44 Verluste in Höhe von 180.000 Menschen verursachte. Hinter dem beinahe im hohen Gras verschwindenden Holzschild mit Minenwarnung türmen sich denn auch zwei rostige Panzersperren auf.

Im Museumsinneren beginnt dann das eigentliche "Minenfeld": Hier ein sowjetisches Geschütz, das man bei Arbeiten auf dem Grund des Narva-Flusses fand, dort Geländemotorräder, hier Maschinengewehre und Pistolen, dort eine ganze Reihe zerbeulter Stahlhelme sowjetischer wie deutscher Provenienz, deren Einschusslöcher von der Unerbittlichkeit des Gemetzels vom 25. Juli bis 10. August 1944 zeugen. Muss man das anschauen? Ja, auch wenn es sehr wünschenswert wäre, aus dem kriegshistorischen ein mahnendes Friedensmuseum zu machen. Denn gezeigt werden auch unzählige Alltagsgegenstände, die bei den jahrzehntelangen Aufräumungsarbeiten nach der Schlacht zu Tage traten oder von ringsum lebenden Russen und Esten gestiftet wurden.

Museum als Appell für den Frieden

Das Museum ist übrigens leicht zu finden: An der E 20 Tallinn – Narva weist nach der Stadt Sillamäe ein Wegweiser "Sinimäed" bis ins Dörfchen Sinimäe in der Landgemeinde Vaivara, das 1944 komplett zerstört wurde und heute 319 Einwohner zählt. Nur ein Drittel sind Esten, zwei Drittel Russen. Seit 2008 ermöglicht in Sinimäe ein neuer Aussichtsturm den Blick auf die Schlachtfelder. Aber das Museum könnte mehr sein: So erzählen Originalverpackungen untergegangener deutscher Renommierprodukte wie Ata-Dosen, Vim- und Troll-Scheuerpulver, Waschfix und Sacharin-Süßstoff für Wehrmachtsangehörige, Henkelmann, Kochgeschirr und Feldflasche, deutsche Passierscheine "für Offiziere, Politarbeiter und Mannschaften der Sowjetarmee", eine deutsche Heereskarte im Maßstab 1:50.000, ein Eisenbahn-Berechtigungsausweis oder Arbeitsausweise, Feldpost und Fotos weit mehr von dieser Schlacht und diesem Krieg als es aufgereihte Mörsergranaten und die Erinnerung an Stalinorgel und Nebelwerfer je vermögen.

Draußen vor der Tür stehen dann weitere Objekte und auch drei Gedenksteine, die aus Flandern, Norwegen und Dänemark stammen. Zur Erinnerung an unseren Einsatz" verkündet da das Regiment "Danmark", vergisst aber zu erwähnen, dass es sich bei dieser Einheit um einen SS-Verband von Freiwilligen handelte. Gleiches gilt für die hier vertretenen Flandern und Norweger. Noch imposanter geht es dann an der neuerrichteten Gedenkstätte "Schlacht an der Tannenberglinie 1944" zu,. Ein gewaltiges Eisenkreuz samt -kreis und applizierten Gewehren thront nun auf der Grenadierhöhe, dem umkämpftesten der drei Hügel der Blauen Berge.

Historische Einordnung ausbaufähig

Selbst der Verlauf der Schützengräben wurde hier anhand von Findlingen nachgezeichnet. Und erneut finden sich drei Gedenksteine einstiger SS-Verbände, erneut ohne Kennzeichnung. So wurde der Stein für die 5. Freiwillige Sturmbrigade "Wallonien" am 27.4.2007 errichtet: "Den Gefallenen zur Erinnerung". Nun ist Totengedenken legitim. Und auch die Esten haben zu den Blauen Bergen ein besonderes Verhältnis. Auf dem westlichen Turmhügel, dem Tornimägi, war schon im Großen Nordischen Krieg ein Beobachtungsposten eingerichtet. Denn mit der Ostsee und den sich anschließenden Sümpfen bis zum Peipus-See bilden die Blauen Berge einen wirklichen Riegel zwischen St. Petersburg, Narva und Tallinn. In Weltkrieg Eins war der Pargimägi mit defensiven Militäranlagen übersät und bildete die letzte Verteidigungslinie des zaristischen Russlands vor Sankt Petersburg.

1919 wurde hier im estnischen Unabhängigkeitskrieg gekämpft und schließlich nahmen an der Schlacht um die Tannbergstellung 1944 zahllose Esten teil. Auch sie über die SS in Einheiten gebunden, doch zumeist nicht aus ideologischer Überzeugung, sondern aus Unabhängigkeitsbestreben dabei. Und so ist das Kreuz auf der Grenadierhöhe heute vielen Esten auch ein Zeichen für die wiedergewonnene Freiheit und beliebtes Touristenziel. Daher: Zumindest eine erläuternde Erklärungstafel für Besucher täte hier dringend Not, um falscher Mythenbildung vorzubeugen. Zumal unterhalb des Hügels, keine 500 Meter entfernt, das Sowjetische Ehrenmal steht, wo bis zu 170.000 der 180.000 Verluste, darunter 35.000 Gefallene der Schlacht, beklagt werden. Ihm schließt sich – ganz profan – der reguläre Ortsfriedhof an. Am sinnvollsten wäre daher, das Kriegshistorische Museum tatsächlich zum Mahn- und Friedensmuseum zu wandeln. Nur wenige Handgriffe und neue Beschilderung würden genügen, und das Minenfeld wäre "geräumt"…

Verlauf der Schützengräben wurde hier anhand von Findlingen nachgezeichnet.
Verlauf der Schützengräben wurde hier anhand von Findlingen nachgezeichnet.

 

Neues aus Alt-Isenhof: Bullerbü im Purtse Kindlus (Puertse Mõis)

Purtse küla, das Dörfchen Purtse, liegt am gleichnamigen Fluss Purtse, der nur wenig nördlich bei Lüganuse in den Finnischen Meerbusen mündet. Wer Purtse besuchen möchte, verlasse sich lieber nicht auf das Navi-System, sondern auf die sehr gute Ausschilderung ab der E 20. Der 300-Einwohner-Weiler geht mindestens bis auf 1241 zurück, das Rittergut Purtse auf 1421. Lange gehörte es der baltisch-deutschen Adelsfamilie von Taube (von Tuve), die 1533 – 1536 die trutzhafte Kalkstein-Burg am Flussufer erbauen ließ.

Damals nannte man sie Alt-Isenhof. Meterdicke Wände und ein mächtiger Turm zieren bis heute das Bauwerk, hinzu kamen Renaissance-Fenster und – Schießscharten. Nichts genutzt haben diese der einstigen Vasallenburg im Großen Nordischen Krieg. Ab 1721 schienen ihre Tage gezählt. Doch dann übernahmen 1731 die in Estland bedeutende Familie von Stackelberg die Ländereien, renovierten alles und machten die Burg zum Familienbesitz. Immerhin: im heutigen Festsaal im 2. Stock wurde ein Hypokaustum eingebaut, was wohlige Wärme mit sich brachte. Doch auf lange Sicht zog es die von Stackelbergs weiter ins Nachbargut Püssi; Purtse diente zuletzt nur noch als Getreidespeicher, Kühlkeller, Gefängnis und Arbeiterwohnung.

1918/19 samt 8095 Hektar Hofland enteignet, verfiel die Anlage zusehends, wurde in den 1950er Jahren zur Ruine. Es ist einem Glücksfall, dass der Kunsthistoriker Villem Raam und der Architekt Inna Komoniy Purtse/Alt-Isenhof als wichtiges historisches Gebäude erkannten, als nationales Kulturgut vorschlugen und die Burg so schon zu Sowjetzeiten, 1987 bis 1990, umfänglich restauriert wurde. Zur Neueröffnung erschien sogar der schwedische König. Es ist zudem ein Glücksfall, dass mit Janner Eskor und Gattin Sigrid Välbe nun Betreiber vor Ort sind, die aus der Gegend stammen.

Echter Geheimtipp

Und Sigrid, die eher Skeptische der beiden 38-jährigen, hat sich sogar bereit erklärt, die Küche zu übernehmen. Denn hier, so weit entfernt von Tallinn und so nah bei Narva, lässt sich scher gutes Personal finden. Und so kocht sie phantastische estnische Gerichte und serviert zum Dessert sogar Kama-Eiscreme mit heißer Himbeersauce (5 €). Ein Gedicht sind auch das gefüllte Kaninchen (Mozzarella, Pfifferlinge) für 15 € oder das Carpaccio vom Weißfisch (direkt aus dem nahen See) mit selbstgebackenem Haselnussbrot und Kräuterbutter (8 €). Überhaupt sind die Preise eher modest (Vorspeisen 6 – 8 €, Hauptspeisen 12 – 18 €; Suppen 5 €, Desserts 4 – 5 €). Estnische, deutsche und vor allem neuerdings viele russische Gäste sind begeistert. Letztere stoppen hier, um kurz vor der Grenze nochmal gut zu speisen und den richtigen Moment für den Grenzübertritt abzuwarten. Nun können sie seit Oktober 2016 auch selbstgebrautes Bier genießen.

Denn Janner hat mit zwei Kollegen aus Tallinn in der alten Schmiede gegenüber eine richtige Brauerei eröffnet – mit 3000-Liter-Tanks und vielen, vielen Brau-Ideen. Das Geld für Burg- und Bier-Abenteuer hat Janner mit seiner kleinen Firma erwirtschaftet, die vor allem Edelstahlerzeugnisse nach Schweden exportierte. Nun kümmert er sich lieber mit Sigrid um die Kinder Betra (10) und Birk (4 Jahre), die ihre Burg wie Bullerbü empfinden und sich wohl fühlen.

Und Janner amüsiert sich über Sigrid, die in der wohl kleinsten Restaurantküche Estlands wirtschaften muss. Nun, dafür ist die Burg umso größer. Und besonders die mittelalterlichen Toilettenanlagen haben es den Besuchern angetan. Purtse ist jedenfalls ein neuer, sehr ernstzunehmender Geheimtipp, nicht nur auf dem Weg nach Narva. Neu-Isenhof, das hat was!

Weitere Informationen:

Estnisches Fremdenverkehrsamt (Estonian Tourist Board/Enterprise Estonia), Kleine Reichenstr. 6, 20457 Hamburg, Tel. + 49 40 30 38 78 99, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/de

Estnische Kulinarische Route (Estonian Culinary Route): www.toidutee.ee/en

Purtse Kindlus/Puertse Möis (Vasallenburg Purtse/Alt-Isenhof), Purtse Manor, Purtse (Dorf), Lüganuse (Gemeinde), 43302 Ida-Viru (Bezirk), Tel. +372 514 67 74 (Janner Eskor), Tel. +372 517 45 48 (Sigrid Välbe), This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://purtse.ee/en/, www.mois.ee/viru/purtse.shtml, www.mois.ee/deutsch, www.von-stackelberg.de/herrenhaus/rittergut-alt-isenhof.htm
1.6. bis 31.8. Mo. – Do. 11.00 – 20.00, Fr., Sa. 11.00 – 21.00, So. 11.00 – 18.00, sonst nur Sa. 12.00 – 18.00, So. 12.00 – 21.00 Uhr; mit ausgezeichnetem Rest./Café und neuer Brauerei; Burgbesichtigung: Eintritt 1 €

Fotos: Jürgen Sorges

Submit to DiggSubmit to FacebookSubmit to Google PlusSubmit to TwitterSubmit to LinkedIn
Zuletzt bearbeitet am 25/12/2016

Artikel weiterempfehlen und/oder drucken (auch PDF):

Letzte News

Letzte Artikel

Genuss-Newsletter abonnieren?

Mit der Anmeldung zu unserem Newsletter erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen (s.l.) einverstanden. Eine Bestätigungsmail mit einem Aktivierungslink wird nach der Anmeldung an die angegebene Mailadresse versendet. __________________________
KULINARIKER - Das Magazin für mehr Genuss.
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.