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Am Fuß der Blauen Berge (Teil I)

Wer die Schnellstraße von Tallinn nach Narva befährt, trifft eine halbe Autostunde vor dem Ziel auf eine regelmäßig aus der Landschaft aufsteigende Hügelkette: die Vaivara Sinimäed, die Blauen Berge der Gemeinde Vaivara. Sie erstreckt sich über gerade einmal drei Kilometer zwischen Vaivara und der Küstenstadt Sillamae im Bezirk Ida-Viru und besteht genau genommen aus nur drei heute wieder stark bewaldeten Hügeln, über denen sich regelmäßig ein strahlend blauer Himmel mit Schäfchenwolken auftut: daher ihr Name.

Die Esten lieben diesen Höhenzug, der sich gerade einmal 50 Meter über das Normalniveau von 30 Metern über dem Meeresspiegel erhebt. Heute ist er durchzogen von Wanderwegen, die auch die "Gipfel" des Pargimägi, des Põrguaugu Mägi und des Tornimägi  erschließen. Die Schnellstraße E 20 zwängt sich heute mühelos zwischen den Hügeln hindurch in Richtung Narva und Russland. Und man wäre schnell weiter, wären da nicht eine ganze Reihe bemerkenswerter Orte, die es unbedingt zu sehen und zu besichtigen lohnt. Da ist einmal Sillamäe, über Jahrzehnte eine nicht nur für Ausländer "verbotene" Küstenstadt. Und da ist der Gutshof Saka (Saka Mõis), wo ein ehemaliger estnischer Minister und heutige Gutsbesitzer nicht nur viele Geheimnisse von Sillamäe lüften kann, sondern auch ein perfektes Landresort mit wunderbarer Küche bietet.

Sillamäe: Stalin, Tarzan und die Bombe

Die heute 14.000 Einwohner zählende Kleinstadt existiert vor allem wegen des Flusses Sõtke (Sõtke jõgi), der hier in die Ostsee mündet. 1502 wurde das Fischerdörfchen erstmals erwähnt. Und im 19. Jh. gelang es dem verschlafenen Nest mit schönem Strand am Meer sogar, zum Badeort an der Ostsee aufzusteigen, im den es die Elite aus Sankt Petersburg zog: Pjotr Tschaikowski war hier, auch der Physiker Paul Ehrenfest. Der mit dem Nobelpreis 1904 geehrte Physiologe und Verhaltensforscher Iwan Pawlow (1849 – 1936) baute sich hier 1891 eine Sommer-Datsche: Na, Sie wissen schon, Pawlow, das ist der Erforscher von Reflexen und Konditionierungen, berühmt für den "Pawlowschen Hund"!

Dann aber kam die Industrialisierung, Ölschiefer wurde entdeckt. Ab 1927 wurde er hier abgebaut, 1936 erhielt Sillamäe gar einen neuen Hafen. Heute ist dieser zum Tiefseehafen SILPORT ausgebaut – und die Nummer Fünf aller Häfen im Baltikum. Es folgte die deutsche Besetzung 1941 – 1944, samt Arbeits- und Konzentrationslager. Zwangsarbeiter schufteten beim Ölschieferabbau. Schließlich begann im Juli 44 die fürchterliche Schlacht in den Blauen Bergen, die international heute als "Schlacht um die Tannenbergstellung" bekannt ist. Ein Großteil von Sillamäe wurde zerstört. Dann folgte ein Nachkriegswunder: 1946 wurde der Bau eines Hüttenwerks für die Verarbeitung von Ölschiefererzen beschlossen. Der Grund war simpel: Aus Ölschiefer konnte Uranoxid gewonnen werden, elementar für den Bau der Atombombe.

Eine Stadt, die es offiziell nicht gab

Ab 1947 wurde gebaut, erst einmal mit Sträflingen aus dem Straflager Türsel/Türsamäe, das nun zum GULAG mutierte. Dann wurde bis 1952 Ölschiefer abgebaut, der bis 1977 dann aus Zentralasien und anderen Ostblockstaaten hierher verfrachtet wurde. Ab 1948 entstand eine Urananreicherungsanlage, später wurden wichtige Rüstungsbetriebe angesiedelt. Aus dem Dorf der Fischer mit 2000 Bewohnern wurde eine hermetisch abgeriegelte Stadt von 20.000 Bewohnern, die auf keiner Landkarte zu finden war und keine Postadressen besaß. Sillamäe existierte offiziell nicht. Für Ausländer war sie tabu, Sowjetbürger und Einheimische konnten nur hinein, wenn dort Verwandte lebten. Das ging so bis 1989 und der Unabhängigkeit Estlands 1991.

Es folgte die Krise – und unglaubliches Staunen der ersten Besucher über die einzigartige Architektur, die hier während der Stalinzeit geschaffen wurde. Ganze Straßenzüge und Alleen prunken im Glanz des Stalinstils der 1940er Jahre, einzigartig ist die in zwei Bogenschwüngen meerwärts führende Treppenanlage am einstigen "Kulturhaus". Sei scheint wie aus einem Film Sergeij Eisenstein und damit aus Odessa hierher versetzt. Linkerhand des Kulturhauses und oberhalb der Treppe stand einst eine Riesentafel für die regelmäßig öffentlich bekannt gemachten Helden der Arbeit – heute ziert sie ein Stadtplan, der die gesamtgestalterischen Ausmaße dieses Sowjet-Jahrhundertprojekts darstellt. Das Kulturhaus diente bei seiner Eröffnung vorwiegend als Kino für die Heerscharen hierher verbrachter Wissenschaftler und Ingenieure. Aber, welch Überraschung: Eröffnet wurde es mit einem Hollywood-Schinken vom atomaren Klassenfeind: "Tarzan"! Heute erinnert das Museum der Sowjet-Ära in Sillamäe an diese Zeit.

Es ist im Luftschutzbunker des Kulturhauses an der Kesk 24 eingerichtet – und eine Zweigstelle des Stadtmuseums zur Geschichte und Kultur, das man über die wunderschöne Majakowski-Straße an der Kajakstr. 17a findet. Gegenüber vom Kulturhaus ragt ein Gebäude gen pastellblauem Firmament, das einer protestantischen Kirche gleicht. Aber, Gott behüte, es war Stalins Rathaus. oben im Turm, so raunt man heute ringsum, saß 40 Jahre der KGB – sein dortiger Sender störte den gesamten Radio- und TV-Empfang der Stadt. Gut, dass man hier heute nicht nur prima parkieren darf, sondern gegenüber im kleinen Park auch die perfekt restaurierte, dem sozialistischen Realismus entsprungene Riesen-Heldenstatue eines Arbeiters bewundern kann, der in seinen starken Händen das Modell eines Uranatoms hält.

Heldenstatue eines Arbeiters.
Heldenstatue eines Arbeiters.

 

Zu Besuch bei Tõnis Kaasik: Gut Saka (Saka Mõis)

Einer, der nahezu alles zu Sillamäe, der verbotenen Stadt und zum Uranabbau wissen dürfte, ist Tõnis Kaasik. Der Stille, freundliche Herr, Jahrgang 1949 und Liebhaber klassischer Musik, wie sein schöner Flügel aus Sankt Petersburger Werkstatt im restaurierten Herrenhaus zeigt, ist gelernter Geograph und Geologe. Über Jahrzehnte hatte er beruflich mit Sillamäe und dem Uranabbau zu tun, war 2002 sogar Minister in der estnischen Regierung und beschäftigte sich 2004 bis 2013 auch mit dem Rückbau der Hinterlassenschaften, die die 1997 privatisierte Urananreicherung der Umwelt überließ.

Heute wird in Sillamäe vor allem mit seltenen Erden gearbeitet – und in der Stadt wird Bier nach den Rezepten des deutschen Braumeisters Karl-Heinz Radke gebraut. Bei einem Rundgang über das bis 2015 zum wunderbaren Resort mit Spa und zahlreichen Aktivitätsangeboten ausgebauten Gut findet er denn auch, dass die millionenschweren Bemühungen letztlich zur Eindämmung der Risiken des Uranerbes in Sillamäe geführt hätten. Tõnis Kaasiks muss es wissen, denn als Geologe und Geograph ist er vom Fach. So hat er – ein Hobby – einen wunderbaren Findlingsgarten anlegen lassen, um seinen Gästen die verschiedenen Eiszeiten zu illustrieren.

Dazwischen tauchen immer wieder nun zu Attraktionen gewandelte militärische Hinterlassenschaften auf – etwa zwei einstige Bunker oder, am augenfälligsten, der perfekt zum Tagungsort und "Seeturm" umgebaute Wachtturm der sowjetischen Grenzarmee, die von hieraus die bis 53 Meter aufragende baltische Steilküste kontrollierte. Denn Gut Saka – die Ersterwähnung geht auf 1241 zurück – war ab 1941 Sitz deutscher Militäreinheiten, die auch Baracken im Gutspark errichteten. Ab 1944 logierte hier die 99. Grenzschutzeinheit der Sowjetunion, die 1971 ihr Hauptquartier hierher verlegte und 1977 auch ins Herrenhaus einzog. Ab 1992 stand das Gutshaus leer, wurde geplündert und verfiel.

Malerischer Ort mit versteckten Wasserfall

Schließlich erwarb Herr Kaasik das nahezu unverkäufliche Gelände samt Herrenhaus 2001 auf einer Auktion, öffnete 2004 das Saka Cliff Hotel und schaffte es bis 2014, zum 150. Geburtstag des Herrenhaus, Resort & Spa nach aufwändigster Restaurierung als perle an der Ostseeküste zu eröffnen. Heute weiß der Hausherr sich auf einer Liste mit illustren Vorbesitzern. Denn in Groß-Sack und Klein-Sack, wie die Siedlungen am Saka Mõis, dem "Sackhof", auch mal hießen, scheffelten schon der schottische Schwede Jörgen Letzie/Leslie (ab 1626/1629), Katharina von Puffendorff (ab 1748), die von Wrangell (ab 1798) und schließlich ab 1810 die baltisch-schottische Familie derer von Löwis of Menar ihr Korn.

Die bauten das Herrenhaus bis 1864 Herrenhaus, das nun wieder dank Akribie und Leidenschaft des Tõnis Kaasik zu neuem Glanz erwacht. Eigentlich ist das Gut besonders spannend für Incentives. Denn es hat nicht nur einen hübschen, versteckt liegenden Wasserfall. Wer ab diesem lauschigen Ort Wasserfall durch den sich anschließenden "Urwald" entlang der Kliff-Küste läuft, findet herrliche Natur und ein perfektes Terrain für Abenteuer vor. Und die einmalige Restaurierungsleistung des Gastgebers ist sowieso zu würdigen! Auf also zu zur Green Key-Anlage des Exministers Tönis Kaasik; samt Wellness, Spa und Schwimmbad, Tennis, Bogenschießen, Outdoor, Wandern und Picknicks.

Weitere Informationen:
Estnisches Fremdenverkehrsamt (Estonian Tourist Board/Enterprise Estonia), Kleine Reichenstr. 6, 20457 Hamburg, Tel. + 49 40 30 38 78 99, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/de
Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), Lasnamäe 2, 11412 Tallinn, Estland, Tel. +372 6279 770, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/de
Narva Tourist Information and Visitor Centre, Peetri plats 3, 20308 Narva, Estland, Tel.: +372 359 91 37, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://tourism.narva.ee/de?lang=3; 15.5. – 15.9. tgl. 10.00 – 17.30, 16.9. – 14.5. tgl. 10.00 – 16.00 Uhr

Gutshof Saka (Saka Mõis OÜ), Gemeinde Kohtla, 30103 Ida-Virumaa, Estland, Tel. +372 33 649 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.saka.ee/der-gutshof
9 DZ de luxe, 3 Suiten im Gutshaus, 33 Zimmer im Saka Cliff Hotel, im Sommer 14 Plätze im Campinghaus; mit Seeturm (Ex-Wachtturm); Saka Cliff Hotel EZ 60 €, DZ 80 €, DZ de luxe 100 €; Herrenhaus DZ de luxe und Suiten 110 – 580 €; Restaurant (Reservierung Tel. +372 33 649 14) im Sockelgeschoss (tgl. geöffnet).

Auf dem Weg:
Stadt Sillamäe und Stadtmuseum Sillamäe, Kesk tänav 27, 40231 Sillamäe, Estland, Tel. +372 39 257 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.sillamae.ee/en/web/eng/general-information

Sinimäed (»Blaue Berge«; Gedenkstätte »Schlacht an der Tannenberglinie 1944« und Sinimägede Muuseum/Blaue Berge-Museum) Vaivara:
Roheline tänav, Sinimäe alevik, Vaivara vald, Ida-Viru maakond, Tel. +372 392 46 34, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://muuseum.vaivaravald.ee/index.php?id=37
Di. – Sa. 10.00 – 17.00, 15. Juni bis 15. Aug. Di. – Sa. 10.00 – 19.00, So. 10.00 – 16.00 Uhr; Eintritt 2 €

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 27/12/2016

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