Jabal Akhdar – die Alpen des Oman

Es ist längst Dunkel geworden, als wir am Militärcheckposten wenige Kilometer hinter der Festung von Birkat ankommen. Die Fahrt von Abu Dhabi bis an den Fuß des Jabal Akhdar-Gebirges dauerte länger als geplant.

Der junge Polizist kontrolliert mit wachem Blick die Fahrzeugpapiere. Hätten wir keinen Wagen mit Allradantrieb, würde die Schranke geschlossen bleiben. Dabei ist die Straße, die sich in steilen Kehren in die Höhe windet, makellos ausgebaut und sogar beleuchtet. Wie wir später erfahren, ist es auch nicht die Fahrt hinauf, sondern die Abfahrt, die einen Geländewagen erfordert: Werden vier Räder angetrieben, verstärkt sich nämlich die Wirkung der Bremsen. Sollten sie dennoch versagen, gibt es als Ultima Ratio in regelmäßigen Abständen steile Rampen mit Kies, in dem schon so manches funktionsunfähiges Vehikel zum Stillstand gekommen ist.

Gut 40 Kilometer sind es noch bis hinauf zu unserem Ziel, dem Alila Jabal Akhdar-Hotel. Die Fahrt ist tückisch, unvermittelt tauchen herrenlose Ziegen und Esel aus dem Dunkel auf. Hungrig und übermüdet betreten wir nach gut sechs Stunden Fahrt die großzügige, betörend nach Weihrauch duftende Empfangshalle. Zur Begrüßung reicht man uns ein Schälchen omanischen Kaffees, der traditionell schwach geröstet und mit Rosenwasser und Kardamom gewürzt wird.
"Was zum Teufel mach ich hier?"

Den Atem raubt uns nicht nur die Höhe von rund 2000 Metern über dem Golf von Oman. Ebenso pulsbeschleunigend ist die grandiose Kulisse, die wir erst am nächsten Morgen erfassen, als diffus-goldenes Licht die Szenerie erhellt: Das Alila Jabal Akhdar-Hotel liegt nur einen Steinwurf vom Rand einer gewaltigen, Canyon-gleichen Schlucht entfernt – nur von einem wenig Vertrauen erweckenden Holzzaun vor dem gähnenden Abgrund geschützt. Am Horizont reckt sich der 3075 Meter hohe Jebel Shams wie eine gewaltige steinerne Palisade in den Himmel.

An die Lage fernab vom Wohl und Wehe aller Zivilisation musste sich Jork Bosselaar erst einmal daran gewöhnen. "Als ich hierher kam, schaute ich nach unten und sah eine Ziege an meinen Zehen knabbern – und ich dachte: Was zum Teufel mache ich hier?", erinnert sich Hotelchef Jork Bosselaar. Seit Mai vergangenen Jahres hat das Resort seine mächtige hölzerne Pforte für seine anspruchsvollen Gäste geöffnet. Neben zumeist deutschsprachigen Europäern sind es vor allem die Bewohner der Golfstaaten, die das milde Klima mögen. Selbst im Sommer, wenn es in Muscat oder Nizwa fast unerträglich heiß wird, steigt das Quecksilber in den omanischen Alpen nicht über angenehme 25 bis 30 Grad.

Der wahre Luxus des von alten Forts inspirierten Alila Jabal Akhdar ist nicht der verschwenderisch-artifizielle Überfluss der nahe gelegenen Emirate. Im Vordergrund stehen Natur und Authentizität. Traditionelle omanische Architektur trifft auf zeitgenössischen Stil. Dunkle, schlichte Gebäude mit Steinen und Holz aus der Region passen die großzügige Anlage mit ihren 86 zwischen 52 und 361 Quadratmeter großen Suiten chamäleon-artig an die felsige Umgebung an. Über allem liegt eine Stille, die süchtig machen kann. Allenfalls ein kapriziöser karmesinroter Kolibri lenkt von der fast unwirklichen Stille ab.

Granatapfel mit Honig-Vinaigrette

Das kulinarische Konzept orientiert sich an der Region. "Wir arbeiten mit vielen lokalen Produzenten zusammen", erzählt Jork bei einem köstlichen Brioche mit hausgemachter Feigenmarmelade, "dadurch bekommen wir immer die frischsten Produkte." Gleichzeitig unterstützt das Hotel die örtlichen Gemeinden, um ihre Lebensgrundlage zu verbessern – "eine wahre Win-Win-Situation", schmunzelt der gebürtige Niederländer.

Jabal Akhdar-Gebirge.
Jabal Akhdar-Gebirge.

 

Das Abendessen im Juniper Restaurant lehnt sich an die Handelsrouten an, die sich vom Mittleren Osten bis in die Mittelmeer-Region erstreckten. Der Granatapfel-Salat zum Beispiel, mit Feta-Käse und einer Vinaigrette mit Honig aus den umliegenden Bergen. Auch das Frühstück vereint Individualität mit höchster Produktqualität. ‚Shak Shouk’ steht für Rührei mit Tomaten, Kreuzkümmel und Zwiebeln, dazu gegrilltes Pita-Brot. Hinter ‚Chana Masala with Paratha’ wiederum verbergen sich nach indischer Manier gewürzte Kichererbsen mit Fladenbrot.

Gut gestärkt, starten wir mit Tourguide Ali zu einem Trip in die Umgebung. Noch ist es ursprünglich und weitgehend unberührt auf der Hochebene des Jabal Akhdar. Wacholderbäume, teils Hunderte von Jahren alt, tauchen die spröde Szenerie in eine fast surreal anmutende Aura und gaben der Hochebene ihren Namen: ‚Grüner Berg’ ist die treffendste Übersetzung für Jabal Akhdar. Granatäpfel, Aprikosen, Pfirsiche, Weintrauben, Walnussbäume wachsen hier – und die fast allgegenwärtigen Rosen. Es gleicht einem kleinen botanischen Wunder inmitten der Kargheit, ermöglicht durch die ‚Aflaj’, jenen vor 4000 Jahren erfundenen Kanälen, die die UNESCO als ältestes Bewässerungssystem des Landes bezeichnet. Die Aflaj speisen sich aus Wadis, das sind Flussläufe, die nur nach Regen Wasser führen – ein geniales System, das ganz ohne technische Hilfsmittel auskommt und nur das natürliche Gefälle nutzt.

Archetyp des ursprünglichen Omans

Manche Dörfer mit ihren traditionellen Lehmbauten kleben wie Adlerhorste an steilen Felsen. Winzige terrassierte Felder steigen wie Kaskaden an den Bergflanken empor – geformt von der Entschlossenheit der Menschen, in dieser Hochgebirgswelt zu überleben. Gerade die jüngere Generation ist immer weniger bereit, diese Mühsal auf sich zu nehmen. So ist nur noch die Hälfte der Felder bewirtschaftet. Viele Männer dienen lieber in der Armee, andere suchen ihr Glück in den Städten.

Noch vor drei Jahrzehnten lebten die Menschen hier oben wie im gesamten Oman wie im tiefsten Mittelalter in Lehmhütten ohne Wasser und Strom, auch Bücher und Sonnenbrillen gab es nicht. Seit Sultan Qaboos ibn Said 1970 in einem unblutigen Putsch seinen Vater abgesetzt hatte, steuert er das faszinierende Land am Horn von Arabien mit viel Fingerspitzengefühl und kluger Weitsicht in die Moderne. Nicht zufällig war der Oman der erste Golfstaat, der eine Ministerin vorweisen konnte.

Die Öffnung ins 21. Jahrhundert geht bei Qaboos Hand in Hand mit der Rückbesinnung auf Traditionen und Werte. Der Oman ist der Gegenentwurf zur Künstlichkeit, gleichsam ein Anti-Dubai. Statt sündhaft teure Wolkenkratzer im Wettlauf mit der nur wenige Stunden entfernten Glitzerstadt zu bauen, sorgt der Sultan dafür, dass Schulen, Krankenhäuser und Straßen auch die entlegensten Gebiete mit einbeziehen.

Tourguide Ali bringt uns im klimatisierten Land Cruiser ins Dörfchen Al-Ayn. Dort treffen wir Yezid, der mit seinen langen grauen Haaren, dem noch graueren Vollbart und seiner braunen Kumma auf dem Kopf wie der Archetyp des ursprünglichen Omans wirkt. Mitte 70 mag er sein. Um nichts in der Welt will er die Berge verlassen. Seine Söhne studieren in der knapp zweieinhalb Stunden entfernten Hauptstadt Muscat. "Ihre Ausbildung wird vom Geld des Sultans finanziert", erzählt er mit verschmitztem Lächeln, als er uns frische Datteln anbietet.

Diana’s Lookout

Yezid hat die authentische omanische Gastfreundlichkeit verinnerlicht. Er bleibt ganz der Linie seiner Vorfahren treu und züchtet in mühevoller Arbeit omanische Bergrosen. Immer zwischen Ende März und Mitte April pflückt er deren Blüten. In einem Tonbrennofen, den schon sein Großvater nutzte, als der Oman noch unter der Kuratel Großbritanniens stand, dämpft er die Blütenblätter. "Kochen dürfen sie nicht", verrät der so innig mit seiner Scholle verbundene Yezid. Weitere Details möchte er nicht preisgeben, die genaue Verfahrensweise bleibt das über viele Generationen bewahrte Familiengeheimnis. 600 Flaschen kondensiertes Rosenwasser pro Saison sind seine Ausbeute – für Pflegeprodukte, Naschwerk oder den omanischen Kaffee.

Noch ist die Bergregion um den Jabal Akhdar mit seiner majestätischen Szenerie ein Geheimtipp für Arabien-Aficionados, die Ursprünglichkeit und Tradition suchen. Doch die gut ausgebaute Straße und die verbesserte Infrastruktur verfehlen nicht ihre Wirkung. Unweit von Diana’s Lookout, der nach der verstorbenen Prinzessin of Wales benannt wurde, die den grandiosen Ausblick schon 1986 verinnerlichte, baut die asiatische Anantara-Gruppe gerade ein neues Luxushotel. Gleichwohl: Das wunderbare Land im Osten der arabischen Halbinsel wird seine Seele nicht dem Massentourismus verkaufen. Sultan Quaboos sollte das zu vermeiden wissen.

Weitere Informationen finden Sie unter http://www.alilahotels.com/jabalakhdar

Fotos: Alila Hotels, Christian Euler

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Zuletzt bearbeitet am 10/03/2017

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