Unterwegs in Albanien: Raki im Ramadan

Eine satte Milliarde Euro kostete der Bau der Autobahn A 1, die Albaniens Küstenstadt Durrës und die Hauptstadt Tirana nun mit der Regionalhauptstadt Kukës und der dann folgenden, nur 15 km entfernten Grenze zum Kosovo verbindet. Das türkisch-US-amerikanische Baukonsortium hat gute Arbeit geleistet.

Mit Ausnahme einiger weniger Brückenabschnitte ist alles fertig und gut befahrbar. Nachdem wir den mit Albanien-, US- EU- und Deutschlandfahne beflaggten Flughafen Tirana verlassen haben, präsentiert sich das nördliche Albanien rau und unzugänglich. Wie groß muss Albanien zu Zeiten Enver Hoxhas gewirkt haben, als hier keine Straßen die Schluchten überspannten, sich endlose Serpentinen die Hänge hinaufquälten und sich die Fahrt auf ein vielfaches an Zeit erstreckte?

Doch bevor noch der erste kleine Makel am Autobahnglück – zu geringe Beschilderung – erkennbar wird, halten wir auch schon an einer der wie Pilze aus den Boden schießenden Tank- und Raststellen. Hier wird zu Espresso und Cappuccino geladen. Und Ismail Beka, einer der Tour-Organisatoren der GIZ Albanien, hält für uns eine Überraschung bereit: eine Riesen-Schokotorte, selbstgebacken, von seiner Gattin. "Mirë se vini!" "Willkommen!" Gleich zwei Stückchen gekostet hat Kulinariker-Autor Jürgen Sorges. Befund: Schlichtweg lecker! Und schon stand für ihn fest: "Shqipëria eshte vend i bukur!" "Albanien, das Land der Skipetaren, ist ein schönes Land!"

Kukës – im Eisenhüttenstadt Albaniens

Eigentlich existiert Kukës gar nicht mehr. Denn zumindest "Kukës i Vjetër", das alte Kukës, versank schon 1976 für immer in den Fluten des damals eröffneten neuen Fierza-Stausees. Den Damm für dieses Mammutprojekt im sozialistischen Albanien schufen damals die Chinesen. Ob sie indes auch für die Wahl des neuen Kukës verantwortlich waren, ist nicht gewiss. In jedem Fall wurde damals eine neue Stadt gebaut – auf einer Halbinsel zwischen zwei Armen des Fierza-Stausees, der von den Wassern des Weißen und des Schwarzen drin sowie der Luma gespeist wird.

Gebaut wurde an Kukësi Ri, Neu-Kukës, schon seit 1968. Eine Stadt sollte hier für 30.000 Menschen entstehen. Heute leben in Kukës, von der aus eine der zwölf Regionen Albaniens regiert wird, gerade 16.000 Menschen. Wir landen im Hotel Gjallica das an der Hauptgeschäftsstraße, der Dituria liegt. Hier war 1999 jene internationale Journalistenschar untergebracht, die Neu-Kukës für ein einziges Mal in die Weltschlagzeilen brachte. Damals waren bis zu 450.000 Menschen aus dem Kosovo hierher geflohen und mussten vom eh notleidenden Kukës und der UN versorgt werden. Es brachte der Gemeinde immerhin die Nominierung zum Friedensnobelpreis ein.

Neugierige Kinder auf den Strassen von Kukës.
Neugierige Kinder auf den Strassen von Kukës.

 

Heute wirkt Neu-Kukës eher verschlafen, sieht man einmal von dem ein oder anderen älteren Mercedes und vielen VWs ab, die die Straßen im Zentrum befahren. Ein erster Stadtspaziergang führt vorbei am altehrwürdig wirkenden, doch eben auch nur 40 Jahre alten Gymnasium ans untere Ende der Dituria, wo das Gebäude von "Radio Kukës" wie ein Querriegel das große Avenuen-Glück enden lässt.

Noch immer ist die Außenfassade des Gebäudes in bestem Zustand, auch seine Schmuckfigur, eine Art marmorner Held der Arbeit. Radio Kukës war bis 1990 etwas Besonderes. In dieser exponierten Lage hätte man eher eine Kirche als eine Radiostation erwartet. Doch Gotteshäuser waren in Neu-Kukës nie vorgesehen, hier übernahm Radio Tirana bzw. Radio Kukës diese Rolle im ersten nominell atheistischen Staat der Welt.

Beim Blick zurück auf die Dituria fällt erst einmal der mächtige Hausberg auf, die 2485 Meter hohe "Gjallica e Lumës" - noch im Juni mit Schneefeldern rund um den Gipfel besetzt. Grün sind die Hänge dieser gewaltigen Bergpyramide aus Triaskalk, mit viel Wald besetzt. Dass dies nicht immer so war, wird Ismail Beka später erzählen. Ratzekahl waren die Hänge nach der Wende, denn ringsum sorgten Kupfer- und vor allem Chromabbau für schlechteste Umweltbedingungen.

Heute sind zahlreiche dieser Werke geschlossen. Geblieben ist zwar der Wind über Kukës doch der hat sich zumindest politisch gedreht, die Gjallica sich erholt. Über der Dituria spannt sich – wie in alten Zeiten – ein Banner. Doch hier wird für den Ramadan geworden, nicht etwa für den real existierenden Hoxharismus. Denn Neu-Kukës hat nun immerhin eine Moschee. Wir werden sie später sehen, doch große Bedeutung hat sie hier nicht.

Nur 100 Meter weiter baute man dann das eigentliche Machtzentrum der Neustadt am Sheshi "Skënderbej", benannt nach Albaniens Nationalheld Skanderbeg. Rathaus, riesiges Kulturzentrum, Albaniens Flagge im Kreisverkehr, dazu das Ethnologische Museum mit einem Riesenturm, der an jene wehrhaften Wohntürme, die Kullas, in den Bergen erinnern soll, die Albaniens Unabhängigkeit immer wieder retten halfen.

Doch nicht mehr Funktionäre, sondern die Bar Berlin öffnet hier. Zu seinen Füßen tummeln sich Kinder auf Fahrrädern und Skateboards. Und auf der breiten, luftigen Allee in Richtung Gjallica-Berg flanieren zu dieser Uhrzeit, am frühen Abend, hunderte Menschen. Die Stadtverwaltung sperrt die Straße seit geraumer Zeit ab17 Uhr für den Autoverkehr– und macht so Platz für den Korso jener Städter, die einmal als Bergarbeiter hierher kamen, um Albaniens Aufschwung aus den Minen zu kratzen.

Kukës: Flanieren vor Plattenbau und Bergkulisse.
Kukës: Flanieren vor Plattenbau und Bergkulisse.

 

Bestaunt wird man von den Einheimischen, denn so viele Fremden verirren sich nun auch nicht hierher. Es könnte anders sein. Denn Neu-Kukës besitzt seit 1999 auch einen Flughafen, für nur 20 Millionen Euro von einem saudi-arabischen Scheich erbaut und verschenkt. Doch er diente nur mal kurzfristig für militärisches, dann versank er wieder in den Dornröschenschlaf. Die Regierung in Tirana will ihn wiederbeleben, erhofft sich Touristenscharen. Doch mit dem Bau der Autobahn gibt es eigentlich keinen Bedarf mehr – eine Investitionsruine.

Eine Kurzbefragung unter den Kids auf der Flaniermeile ergibt, dass es ihnen mehrheitlich so, wie den Bremer Stadtmusikanten ergeht. Überall sei es schöner als hier! Gut möglich, dass hier eine nächste Migrantengeneration heranwächst. Nach Besichtigung einiger mit Gjallica-Berg-Motiven geschmückten Hausfassaden, der Referenz vor dem Minarett der neuen Moschee und einiger Herren beim Billard und Raki im Salon gehen wir erst einmal essen!

Im Kulla e Lumes

Das gleichnamige Restaurant liegt vor den Toren von Neu-Kukës und verwöhnt mit Blicken von der Aussichtsterrasse auf den Fierza-Stausee. Bier aus Tirana, herbes aus Korca oder kräftiges dem Kosovo steht zur Auswahl, ich entscheide mich für das leichte "rote", das "Kushalashe", aus Tirana. Und schon heißt es "Gezuar", Prost!

Natürlich wird auch Wein, albanisch "vere", serviert. Er stammt aus der besten Winzerei im Norden, von Arbëri: 85 % der albanischen Weinproduktion ist dem Rotwein gewidmet. Nur 15 % dem Weißen. Der rote (Shesh i Zi) Arbëri Kallmet 2013 (12,5 %) ist prima, der weiße (Shesh i Bardhe) Arbëri 2013 erstaunlich alkoholreich (13,5 %!!!) und mit einem Geschmack in Richtung Grünem Veltliner. Kallmet ist eine der gerade eine Handvoll autochthonen Rebsorten Albaniens – und allein schon daher sehr zu empfehlen. Besonders der Arbëri Riservë 2012. Hier im Restaurant kostet eine Flasche 12 Euro, im Laden gerade die Hälfte. Und für das Bier wird nur ein Euro für den Halben fällig, im Laden ist es für ca. 45 Eurocents erhältlich.

Eigentlich war Albanien früher ein Weintrinkerland. Heute sind Bier und vor allem Raki die Renner. Letzterer wird vorwiegend aus ganzen Weintrauben gebrannt, ist also ein klassischer Grappa, aber aus qualitativ hochwertigerem Grundstoff. Dass der Raki vor, während und nach der Mahlzeit ebenso willkommen ist wie im Ramadan oder zu jeder anderen Fastenzeit, versteht sich ebenfalls von selbst. Raki-Time ist eigentlich immer in Albanien – so es denn die Polizei erlaubt!

Und ab ins Kulla e Lumes…
Und ab ins Kulla e Lumes…

 

Auch die Küche ist hier sehr zu empfehlen. Milch, Käse, Obst kommen vom eigenen Bauernhof und aus dem Garten, der Fisch direkt frisch aus dem See. Und Albaniens Gemüse- und Käseplatten dazu sind ebenso ein Gedicht. Auch Pommes Frites werden serviert. In Albanien früher keine Selbstverständlichkeit. Denn selbst Saatkartoffeln mussten aus der DDR importiert werden.

Ins Kosovo und nach Shishtavec

Am nächsten Morgen erwartet uns Ismail Beka bereits am Hotelportal. Wir werden über den Kosovo nach Shishtavec fahren, ein kleiner Umweg zwar, aber er erlaubt uns auch, einen kurzen Stopp hinter der Grenze einzulegen. Beinahe hätten wir uns für das klassische albanische Frühstück entschieden: "Kaffee, Raki und ein Glas Wasser lächelt Ismail. Dies sei sprichwörtlich das beste `Guten Morgen´ für Touristen. Aber wir haben uns dann aber doch für das variantenreiche Hotelbuffet entschieden – inklusive leckerem Berghonig, Krapfen, diversen Marmeladen und Käse.

Nach dem kurzen Grenzstopp halten wir auch in Meja, wo ein riesiges Mahnmal an die 377 Menschen erinnert, die am 27. April 1999 Opfer eines Massakers serbischer Paramilitärs wurden. Es gilt als größtes Massaker während des Kosovo-Krieges. Zahllose weitere, auch spätere und auch viele von Albanern verübte Kriegsverbrechen sind bis heute ungesühnt. Es bleibt nur wütendes Schweigen. Aber auch die Nachfrage in der Geschichte, die Beschäftigung mit jenen "balkanischen Verhältnissen", die über 100 Jahre lang eigentlich nur alles und nichts erklärt haben…

Akribische Anfänge: ein Jurist aus Frankfurt/Main

Einem Deutschen, so Martin Muto, der uns als Dolmetscher begleitet und historisch auf dem Quivive ist, habe Albanien viel zu danken habe, war der aus Frankfurt/Main gebürtige Hesse Johann Georg von Hahn (1811 – 1869). Der Sohn des 1823 geadelten Leibarztes des Großherzogs, Philipp Franz Hahn, promovierte 1832 in Heidelberg, war dann in der griechischen Justiz tätig und wechselte 1847 in den Dienst Österreich-Ungarns.

Die Donaumonarchie versetze ihn als Vizekonsul von Athen nach Janina, später wurde er sogar Generalkonsul in Athen. Der Balkanraum wurde zum wissenschaftlichen Steckenpferd Hahns. Insbesondere von Janina aus erkundete er Albanien. Heraus kamen die dreibändigen "Albanesischen Studien" (Jena 1854), "Griechische und albanesische Märchen" (zwei Bände, Leipzig 1864) oder die "Reise durch die Gebiete von Drin und Wardar" (Wien 1867). Seither gilt Hahn als Begründer der Albanologie. Dem sollten weitere deutsche Historiker ins Albanische folgen. Na bitte, da wäre doch ein Weg.

Shishtavec: Im Reich der Goranen

Vom Kosovo geht es hinauf zum Grenzpass mit Albanien auf abenteuerlicher Schotterpiste und dichten Wald. Das Bergdörfchen Shistavec, Ziel unserer Tagestour, liegt auf 1300 Meter Höhe, und besteht aus 300 Haushalten mit etwa 1800 Einwohnern. Hier leben die Goranen, die sich selbst auch als "Goranci" bezeichnen – ein Bezug zum serbischen "gora", das für Berg bzw. auch Gebirge steht.

Im Dorf Shistavec wird es traditionell: Feiern in Trachten zu Musik gehört einfach dazu!
Im Dorf Shistavec wird es traditionell: Feiern in Trachten zu Musik gehört einfach dazu!

 

Die "Leute vom Berg" also haben es uns angetan wie vermutlich schon auch dem Albanologen Hahn. Denn hier wie im Kosovo gelten sie als ethnische Minderheit, als moslemische Serben". Gerade neun oder zehn Dörfer existieren noch in Albanien, in denen die Goranen kleben, weitaus mehr siedeln gleich gegenüber der Grenze im Gora-Gebiet des Kosovo.

Insgesamt aber sind es wohl nur noch 20.000 Menschen, die nach den Kriegsereignissen von 1999 und vor allem den schwierigen Lebensumständen seit der Wende Anfang der 1990er Jahre überhaupt noch vor Ort sind. Die Lage ist prekär – wie in der gesamten Region Kukës, die seit 1990 die Hälfte der Bevölkerung verloren hat. Hier hat die GIZ ihr neuestes Projekt zur Entwicklung des ländlichen Raums eingerichtet, das Landflucht stoppen und neue Arbeitsmöglichkeiten schaffe soll. Dazu zählt, neben der räumlichen Erschließung durch Straßenbau und der Schaffung von Infrastruktur erst einmal die Diversifizierung der Landwirtschaft.

Bisher war Shishtavec vor allem für den Kartoffelanbau bekannt, sein jährliches Kartoffelfest über die Region hinaus berühmt. Aber da ist natürlich noch weit mehr aus den Böden zu holen, die für absolute Bio-Qualität garantieren können. Dafür und auch für den Aufbau touristischer Infrastruktur ist der GIZ-Agronom Ismail Beka zuständig. Und natürlich gehört zu seinen Aufgaben auch, die Goranen für ihre neuen Zukunft vor Ort zu begeistern.

Nicht immer waren die Goranen Moslems, wurden es erst spät. Christlich wurde dieser Landstrich frühestens ab 870, war dann Zankapfel zwischen Byzantinern, Bulgaren und Serben. 1455 übernahm das Osmanische Reich die Region von den serbischen Despoten, wurden kurzfristig 1689 von den Habsburgern unter General Piccolomini verdrängt, um nach dessen Tod wieder zurückzukehren. Die eigentliche Islamisierung begann erst um 1767, die letzte christliche Goranin, Bozana, starb erst Mitte des 19. Jh. und wird heute beinahe als Heilige verehrt.

Trachten der ethnischen Minderheit der Goranen.
Trachten der ethnischen Minderheit der Goranen.

 

Die Goranen haben es nicht so mit der Klassifizierung als ethnische Minderheit. Sie bevorzugen eher die Bezeichnung "Nasinci" bzw. "Nasinski" für sich, was schlicht "unser Volk" oder noch simpler "unseres" bedeutet. Ihre Sprache, das "Goranski" und dem Südslawischen entlehnt, existierte lange nur mündlich. Erst 2007 wurde eine schriftliche Übersicht in Form eines goranisch-albanischen Wörterbuchs mit 43.000 Einträgen finanziert: von der bulgarischen Akademie der Wissenschaften!!!

Und stets waren es eher die anderen, die den Goranen ihre Etiketten aufdrückten. Natürlich sind die in Shishtavec lebenden Goranen heute Albaner. Aber sie waren auch schon Bosniaken, Makedonier, Serben, gar Bulgareci (Bulgaren), wurden als Torbeshë (Taschenträger) diffamiert, hießen Poturë ("Türkifizierte") und vieles mehr. Und nun kommt auch noch die GIZ, will die Schätze von Shishtavec hart im Dreiländereck Makedonien, Kosovo, Albanien bekannter machen: die Vanajva-Schlucht mit zahlreichen Canyons und Wasserfällen, herrlichen Wanderwegen, guten Wintersportmöglichkeiten und leckerem traditionsreichen Biogerichten wie "Corbe me te Brendshme", "Mish Orizi", "Stav Tallomash" und natürlich auch Fli. Nun, die Straße ins Dorf ist seit 2011 fertig, es gibt erste Gästehäuser, die öffnen. Und so ist alles bereit für den Aufschwung, für die Entdeckung des Dorfes und seiner Bewohner – der Goranen.

Auf zum Tanz im Kreis: `Dauerfeuer´ mit nasalem Klang

Kaum hinter der kosovarisch-albanischen Grenze angelangt, steht direkt am Gebäude der Tourismusverwaltung von Shishtavec eine Folkloregruppe der Goranen zum Tanz bereit. Schnell soll noch ein Liebherr-Bagger aus dem sich entwickelnden pittoresken Bild entfernt werden, denn ringsum wird eifrig an neuen, auch im Winter autotauglichen Bergstraßen gebaut. Es regnet mehr und mehr, die Wolken ziehen sich zur grauen Decke zusammen. Doch solch Malaise ficht die meist jugendlichen Tänzer in ihren Traditionskostümen nicht an. Schwungvoll geht es im Kreis und zur Live Musik im Zweivierteltakt los: Der "Oro", der historische kreisförmige Tanz der Goranen, ist angesichts.

Immer hübsch gegen den Uhrzeigersinn und in Beachtung der richtigen Schrittfolge. Stets geht es mit dem rechten Fuß zuerst los. Gesang ist dagegen eher nicht angesagt, dafür spielen die Musiker auf der regengeschützten Veranda auf: Gleich zwei Herren mit kräftigen Lungen blasen in ihre Surle, ein Doppelrohrblattinstrument mit konisch nach außen verlaufendem, sich vergrößerndem Schalltrichter, das seinen Ursprung in Persien hat und der türkischen Zurna ebenso ähnelt wie ihren europäischen Pendants, der Schalmei oder der bretonischen Bombarde.

Musik aus der Surle: immerfort näselnd.
Musik aus der Surle: immerfort näselnd.

 

Selbst die Kegeloboe dürfte auf sie zurückgehen. Gespielt wird hier aber strikt albanische, gegische und Goranen-Volksmusik. So eine Surle ist etwas Besonderes, nicht nur, weil die oft zu wechselnden Mundstücke den Bläsern jeweils wie Ketten um den Hals baumeln. Das Holz der Surle muss "astrein" sein, am besten eignen sich für ihren Bau Olive, Kirsche oder Nuss. Dann muss der Instrumentenbauer noch sieben Grifflöcher und ein Daumenloch auf der Unterseite applizieren, und schon kann es losgehen mit dem immerfort näselnden, einprägsam aber relativ eintönigen Surlenklang. Keine Frage. Surle schlägt Sure, hat aber den gleichen Effekt!

Das Ganze funktioniert natürlich nur mit einem gut aufgelegten Lodra-Trommler. Die zylinderförmige Lodra ist ein akustisches Riesenmonstrum und erhielt ihren Namen vom Verb "lodroj", "ich tanze". Bespannt ist die Trommel beidseitig mit Esel-, Ziegen- oder Schafsfell. Angeblich er tönt sie in Nordost-Albanien während des Ramadan auch frühmorgens vor Sonnenaufgang, sozusagen als finaler Paukenschlag gen Mekka vor dem Fasten. Viel einprägsamer aber ist ihr krachend lauter Klang, der Albaniens dichter immer mal wieder an einen Gewehrschuss erinnert.

So ein Knall im steten Zweivierteltakt entwickelt sich dann rasch zum Trommelfeuer im ureigenen Wortsinn. Gut, dass es zwischendurch auch noch einen komplett gedeckten Tisch mit örtlichen Spezialitäten einzuweihen und zu probieren gilt. Nicht umsonst galten und gelten die Goranen seht je und weit und breit ringsum als beste Bäcker und Süßspeisenehrsteller. Mit mehr oder minder schwungvollen Reden und – Ramadan hin oder her – viel Raki, dann aber erneut auch mit einem umso lauteren "Oro"-Tanz dazu. Der setzt sich draußen mit wilden Sprüngen der älteren Dorfjugend fort, die sich in Jeans und Turnschuhen unter die Tänzer gemischt hat und nun mal eine fulminante Probe ihres Könnens liefert.

Shishtavec: eine prima Prognose…

Dann heißt es Abschied nehmen unter dem neuen Plastikkubus der örtlichen Tourismusbehörde. Ein letztes Gruppenfoto vor der Bergkulisse, dann setzt sich unser Tross aus Jeeps und Allrad-Toyotas wieder in Bewegung – zurück ins 31 km entfernte Kukës. Ismail Beka aber wird mit der GIZ hier in Shishtavec sicher großen Erfolg haben, die Gelder scheinen gut investiert. Die Landschaft ist leiblicher und angenehmer als in den nördlichen Albanischen Alpen von Tropoja, sattes Grün begleitet die angelegten Wanderwege, und auch im Winter scheinen die Möglichkeiten für Abfahrten und Skilanglauf unbegrenzt zu sein.

Und schon heißt es Abschied nehmen von einer wunderschönen Bergkulisse und beeindruckenden Menschen…
Und schon heißt es Abschied nehmen von einer wunderschönen Bergkulisse und beeindruckenden Menschen…

 

Und natürlich überzeugt hier auch die Küche – bei der Bandbreite an leckeren Bioprodukten auch jenseits der Kartoffel ganz ohne Frage. Eine österreichische Firma hat die einmalige Biodiversität im Norden, "pure Medizin" bis hoch hinauf auf 2500 Meter über dem Meeresspiegel, und dazu die unendliche Reihe von mehr als 1600 endemischen Pflanzenarten schon entdeckt: Sie lässt in Albaniens Alpen fleißig Beeren, Kräuter und Heilpflanzen sammeln, zum Beispiel Schlüsselblumen: Sieben Kilogramm Blüten ergeben dann ein Kilogramm getrocknete Schlüsselblumenblätter. Auch Blaubeeren oder Enzian stammen aus Albanien, wo in diesen Höhen wirklich noch alles "bio" ist und die Löhne niedrig sind.

Und nicht zuletzt: Auch die Tiere sind in diesem Naturpanorama aus Gebirgszügen und Schneekuppen, Seen und Flüssen, Almen und Wäldern geschützt: Dies gilt für Braunbären, Wölfe und den gefährdeten Balkan-Luchs ebenso wie für das Wappentier des stolzen Volkes der Albaner: den Adler.

Weitere Informationen:
Albanian National Tourism Agency ANTA, Str. Sermedin Said Toptani 1, Tirana, Albanien, Tel. +355 04 2 27 37 78, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.akt.gov.al/en/ sowie Visit Albania, www.albania.al
Stadt und Region Kukës: http://www.albania.al/region/kukes, www.albania.al/content/about-kukes

GIZ Albanien, Programm "Conservation of Agrobiodiversity in Rural Albania – CABRA", Büro Tirana, Rruga "Skenderbej" 21/1 (Pallati 6, shk. 1, Ap 4), Tirana, Albanien, Tel. +355 4 2 23 04 14, +355 4 2 26 87 50, Tel. +355 69 2 02 91 17 (Ismail Beka), www.giz.de, www.giz.de/en/worldwide/20445.html

AGEG Tourism for Sustainability Consulting, Rumfordstr. 7, 1. OG, 80469 München, Tel. +49 (0)89-59 94 38 96, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.ageg-tourism.de/projekte-referenzen.html?id=62

Übernachtung:
Von der GIZ Albanien geförderte Infrastruktur und Gästehäuser in Shishtavec und Umgebung.
In Kukës:
Hotel Gjallica, Dituria Road, 8501 Kukës, Albanien, Tel. (mobil) +355 68 2 02 30 96, +355 68 2 02 30 98; Hotelrezeption: Tel. +355 24 22 25 27, +355 24 22 23 27, Fax: +355 24 22 43 01, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://hotelgjallica.al; mit Restaurant/Café; Übernachtung ca. 35 €

Essen und Trinken:
Restaurant/Bar Kulla e Lumes, Drini Bardhë Str., Kukës, Tel. +355 67 2 30 01 96, https://de-de.facebook.com/pages/Bar-Restorant-Kulla-E-Lumes/651255884894061 Mit schöner Aussichtsterrasse und Blick auf den Fierza-Stausee. Kafeteria (Bar) Berlini (Berlin) am Sheshi "Skënderbej" in Kukës

Wein:
Kantina Arbëri (Kallmet-Weine), sh Blloku i Magazinave Tregtare, Rreshen, Mirdite, Albanien, Tel. +355 69 2 05 75 53, Tel. +355 2 1 62 24 86, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.kantina-arberi.com
Roter (Shesh i Zi) Arbëri Kallmet 2013 (12,5 ), weißer (Shesh i Bardhe) Arbëri 2013 (13,5 %!!!), roter Kallmet Riservë 2012

Reiseveranstalter:
Deutsche, Schweitzer und Österreichische Reiseveranstalter mit Spezialisierung auf nachhaltige Tourismusangebote. Info z. B. über Forum Anders Reisen e. V., http://forumandersreisen.de

Vor Ort:
Berg- und Wandertouren, Mountainbike-Safaris:
"zbulo" Discover Albania, Ricardo Fahrig, Tirana, Albanien, Tel. +355 069 6 73 19 32, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.zbulo.org

Kunsthandwerk:
Mimi Memiaj, Tirana, Albanien, Tel. +355 69 6 59 06 18

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 20/08/2016

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