Paris: Werner Kuchlers Swing in Relais Abende

An kulinarischen Institutionen herrscht in Paris gewiss kein Mangel, doch meist ist es ein weiter und auch besonderer Weg, bevor einem Restaurant dieser Status attribuiert wird. Bei dem Relais Plaza handelt es sich um einen solchen Fall.

Erst im letzten Jahr wurde das legendäre Restaurant durch Bruno Moinard renoviert und neu eingerichtet. Das Erbe des Art Deco steht weiterhin als Platzhalter für den Stil des Hauses. "Ich habe gearbeitet wie ein Drahtseiltänzer, Stilrichtungen, Budgets und Erwartungen stets ausbalancierend, mit offenem Visier nach vorne blickend, hin und wieder auch einen Schritt zurück, um so langsam aber stetig an unser Ziel zu gelangen" so der Innenarchitekt.

Neue Teppiche erinnern an den Art Deco Pionier Ruhlmann und das ganze Layout ist wieder näher an die Einrichtung des Oceanliners NORMANDIE angelehnt. "Wir brachen mit einigen der alten Regeln, flirteten mit dem Ungewöhnlichen aber behielten unser Gespür für Humor und Überraschungen. Der Gast hat allen Grund das Unerwartete zu erwarten."

Try to be master!

Das Relais Plaza besitzt bereits seit einigen Jahren einen regelrechten Kultstatus, der sich nicht zuletzt auf Werner Kuchler gründet. Den gebürtigen Bayern hat es Mitte der 1960er Jahre nach Paris verschlagen, und sein erster Arbeitgeber zu jener Zeit war bereits das Relais Plaza, seit 1987 leitet er das Restaurant.

Zu jedem der 60 Tische weiß Werner eine Geschichte zu erzählen. Pierre Balmain und Yves Saint-Laurent mochten stets an Tisch Nr. 1 sitzen, Prinzessin Soraya wählte Tisch Nr. 60; aber wirklich emotional geht es zu, wenn Tisch Nr. 20 ins Spiel kommt, hinten links in der kleinen Ecke des Restaurants. Dies ist der beliebteste und es war auch Herbert von Karajans liebster Tisch. Der Maestro hatte stets im Plaza Athénée gewohnt, wenn er gleich neben an im Theatre des Champs-Elysees dirigierte und nach den Konzerten hier zum Diner einkehrte. Er wählte meist ein set menue mit Gemüsesuppe, Seezunge und eine Karaffe Bordeaux.

Am Tage seines letzten Konzertes in Paris erwartete den alten Dirigenten eine Überraschung. Als Karajan, der kaum mehr gehen konnte, aufstand, um sich auf sein Zimmer zu begeben, leisteten ihm im gleichen Augenblick alle Restaurantgäste eine Standing Ovation, diesmal von Werner orchestriert. Hier ist Kuchler in seinem Element. "Ich komponiere mein Restaurant, als ob ich ein Blumenbouquet zu arrangieren hätte, immer das Gleichgewicht im Blick. Rosen sollten nie zu dicht beieinander im Blumenstrauß zu finden, sondern gut verteilt sein. Es ist bei uns wie auf einem Schiff, die eine Seite darf die andere nie übergewichten, sonst ist es mit der Harmonie dahin." Seinem englischen Publikum vertraute Kuchler sein Lebensmotto an: "Stand firm, learn to walk on the sunny side of the street; don’t stay on the shady side, wallow in dissatisfaction, or play it safe. Stand firm, and try to be a master".

Das Relais Plaza Athénée.
Das Relais Plaza Athénée.

 

Immer wieder Mittwochs

Jeden letzten Mittwoch im Monat lädt Werner zu besonderen Abenden in sein Relais, die "Soirées Jazz". Zuerst nur im privaten Kreis durch sein Publikum ermuntert, gesellt Kuchler ausgewählte Instrumentalisten zu sich, um den Abend hindurch die Gäste bei deren Diners zu begleiten. Jazz und romantische Balladen stehen im Mittelpunkt und nicht selten geschieht es, dass auch der ein oder andere Gast an diesen improvisierten Abenden mit einstimmt.

Gespräche über die Nachbartische hinweg entwickeln sich wie in einem Woody Allen Film; ein junger Friseur sucht in seinem Smartphone nach "J’attendrai", der Song sei bereits 1937 geschrieben worden, flüstert er dem älteren Herren am Nachbartisch zu, und jener bemerkt, dass der Song und er beinahe den gleichen Geburtstag feiern.

Dem Relais Plaza gelingt eine so seltene Mischung aus Tradition und Innovation. Und gerade dafür wird das Restaurant so geschätzt. Marlene Dietrich wohnte direkt gegenüber und bevorzugte ihren Tisch Nr. 1 direkt am Fenster aus gutem Grund: Von hier aus hatte sie einen hervorragenden, diskreten Blick auf das Kommen und Gehen in ihrem eigenen Haus, vor allem wenn Jean Gabin kam, ihr Liebhaber aus dieser Zeit.

Wenn immer sie in Paris war, schon bevor sie hier wohnte, war sie zwischen 19.00 und 19.15h im Restaurant. Sie bevorzugte eine einfache, rustikale Küche à la francaise, vor allem pot au feu. "Dieser hier ist besser als der meiner Tante" flüsterte sie Werner ins Ohr. "Sie lehrte mich viele Dinge", so Kuchler. "Wenn deine Tage auf der Bühne zur Neige gehen sollte man immer noch wissen, wie man sich zu benehmen und wann der Vorhang endgültig zu fallen habe." Von einem Tag auf den anderen zog sie sich aus der Öffentlichkeit zurück doch immer wollte sie wissen, wer nunmehr an ihrem Tich Nr.1 sitzt. Saint Laurent hat diesen Tisch dann übernommen - und die Dietrich freute es.

Der Rhythmus des Relais ist immer auch vom Leben der Avenue Montaigne bestimmt. Was wird der Abend bringen, wird das Restaurant voll und der Kellnerdienst zufriedenstellend sein? Die Küche im Relais verantwortet Philippe Marc, die Desserts werden bereits aufgetischt, kreiert Jean-Marie Hiblot in Zusammenarbeit mit Christophe Michalak. "Es ist bald Zeit Abschied zu nehmen"..."Was, schon so spät, nun denn, der letzte Mittwoch im kommenden Monat ist vorgemerkt." Diskret und höchst präsent zu gleich nimmt das Team die Reservierungen entgegen, jenem Geheimnis von Werner Kuchler in seinem Relais Plaza. Let’s swing!

Fotos: Dorchester Collection, Steven Frebourg, Eric Laignel, de Laubier, Niall Clutton

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Zuletzt bearbeitet am 19/08/2016

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