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Sorbets mit Brown Bread und reichlich Gin

Mittlerweile macht das urige Hafenstädtchen Dingle, das zwar nur knapp 2000 Einwohner zählt, dafür aber eine Unmenge an gemütlichen Restaurants und urigen Pubs zu bieten hat, als eine Topdestination für Foodies in Europa von sich reden. Dabei haben vor allem Zugereiste ihre Hand im Spiel.

Zugereiste wie Mark Murphy. Geboren in County Carlo im Südosten Irlands kam der heute 38jährige vor mittlerweile fast 12 Jahren für einen Tagesausflug nach Dingle und ist dann einfach da geblieben. So oder so ähnlich erging es schon manchem Besucher, der der Faszination dieses Ortes erlegen ist. Im Oktober vergangenen Jahres eröffnete der Koch und Food-Dozent die Dingle Cookery School, wo er Neugierige nach dem Hands On Prinzip in die Geheimnisse der irischen Küche einweiht.

Irisches Oktoberfest: Das Dingle Food Festival

Das Highlight: Catch&Cook. Dabei geht es zunächst mit einem Fischerboot hinaus auf den Atlantik auf die Jagd nach maritimen Leckerbissen. Anschließend erklärt Mark den Kursteilnehmern wie der Fang fachgerecht zerlegt und zubereitet wird. Gleichzeitig ist er einer der Hauptakteure beim alljährlich stattfindenden Dingle Food Festival. Dabei verwandelt sich das außerhalb der Saison reichlich verschlafene Nest an einem Wochenende im Oktober in eine einzige Genussmeile.

Mehr als 10.000 Besucher drängen sich dann durch das grade mal halbe Dutzend Straßenzüge und entlang des Hafens. An Dutzenden Ständen und entlang eines Taste Trails können Gäste wie Einheimische dabei in die lokale Foodszene eintauchen. "Alle Erlöse gehen an Charity-Organisationen. Unsere Preise sind aber so moderat, so dass sich wirklich jeder das Mitmachen leisten kann und vieles ist sogar gratis!", erklärt Mark Murphy das Konzept. Rund um die Kochschule entsteht außerdem gerade ein Food Village, in das kleine Produzenten und Händler einziehen sollen. Von denen haben sich auf Dingle in den letzten 15 Jahren mehr als 30 neu niedergelassen und die Halbinsel damit zu einem der irischen Zentren der Artisan Food Bewegung gemacht.

Feinste Pasteten und Terrinen

Wir treffen Mark an einem sonnigen Freitagmorgen und besuchen gemeinsam den Dingle Farmers Market unweit der Marina. An rund einem Dutzend kleiner Stände verkaufen Händler hier Kunsthandwerk, Naturkosmetik und eine kleine aber feine Auswahl an Lebensmitteln. Unter den Marketendern ist auch Olivier Beaujouan. Der gebürtige Franzose landete ebenfalls nur durch Zufall in Dingle. Mittlerweile hat sich der gelernte Metzger und Koch hier unter dem Label On the Wild Side eine veritable Delikatessenmanufaktur aufgebaut. Aus lokalen Zutaten bereitet er mehr als zwei Dutzend unterschiedlicher Spezialitäten zu. Darunter feine Pasteten und Terrinen, hausgeräucherten Fisch, köstliche Salamis, Schinken oder Meeresspaghetti aus Algen, die Olivier selbst sammelt.

Little Cheese Shop mit südbadischen Wurzeln

"Wir leben nicht nur an einem wunderschönen Ort, sondern hier werden auch einige der besten Lebensmittel der Welt hergestellt", gibt sich Olivier überzeugt. Selbstbewusst deutet er dabei auf ein Werbe-Banner hinter seinem Stand, das ihn als Food Artist vorstellt. Handwerk war gestern. Oliviers Partnerin ist Maja Binder. Die 43jährige Deutsche aus dem südbadischen Rheinfelden, der man die germanischen Wurzeln nur noch am leichten Akzent anmerkt, kehrte ihrer Heimat ebenfalls schon vor geraumer Zeit den Rücken.

Sie betreibt unweit des Marktes ihren Little Cheese Shop, in dem sie Rohmilchkäse aus eigener Produktion verkauft. Fünf Kuhmilch-, ein Ziegenkäse und Butter gehören zum Sortiment, daneben aber auch Farm House Käse weiterer irischer Erzeuger, ebenfalls in Dingle produzierte Pickles und Relishes und natürlich internationale Käsespezialitäten.

"Es war immer schon mein Traum mich selbständig zu machen", erzählt Maja, „aber in Deutschland wäre das schon aus finanziellen Gründen nicht möglich gewesen. In Irland habe ich dagegen unkompliziert mehrere Kleinkredite aus EU-Mitteln bekommen und konnte einfach loslegen. Die Vorschriften werden hier außerdem lockerer gehandhabt als in Deutschland. Gibt es tatsächlich ein Problem, versucht man einfach gemeinsam mit den Lebensmittelinspektoren herauszufinden wo es hapert und dann wird die Sache gelöst." Typisch Irischer Pragmatismus, der das Leben der Insulaner seit jeher bestimmt.

Traumhafte Sorbets mit Brown Bread und Gin

Gerade mal 200 Meter Luftlinie vom Little Cheese Shop entfernt, betreibt Séan Murphy einen Eis-Salon. Einen weiteren Ableger gibt es am Dingle-Harbour und im fast 400 Kilometer entfernten Dublin. Seine frostigen Kreationen auf Basis von frischer Milch und Sahne bzw. reinem Regenwasser für die Sorbets, verfeinert Murphy mit Sea Salt, typisch irischem Brown Bread oder Gin. Sie genießen in Irland längst Kultstatus, ja vielen gilt Murphy als bester Eismacher des Landes. Gleich um die Ecke liegt mit Harringtons Family Restaurant eine weitere Topadresse, wo Kunden für die legendären Fish&Chips schon um zehn Uhr in der Früh Schlange stehen. Und so ließe sich die Liste kulinarischer Hotspots in und um Dingle beliebig fortschreiben. Kein Wunder, dass das Örtchen 2014 den Ehrentitel Foodie Town erringen konnte.

 

Murphy: Bester Eismacher des Landes.
Murphy: Bester Eismacher des Landes.

 

 

Aber auch für Freunde von Bier und Hochprozentigem hat Dingle einiges zu bieten. Vor ein paar Jahren eröffnete in einer alten Milchstation eine Brauerei, benannt nach dem Lokalhelden Tom Crean, der einst Scott und Shackleton auf ihren Expeditionen zum Südpol begleitete. Gebraut wird ein unpasteurisiertes Lager, dessen kräftige Hopfennote allerdings eher an ein Bier Pilsener Brauart erinnert und das mittlerweile auch in zahlreichen Irish Pubs jenseits des großen Teichs ausgeschenkt wird. Die Irische Air Lingus hat das Bier außerdem gerade als Aushängeschild Insularer Braukultur ins On Bord Portfolio aufgenommen. In Creans ehemaligem Anwesen in Annascaul, nur wenige Kilometer von Dingle entfernt, ist heute ein gemütliches Pub namens South Pole Inn untergebracht.

Hochprozentige Verzinsung

Am anderen Ende der Stadt entstand vor vier Jahren die Dingle Distillery. Die erste neu errichtete Whiskey-Brennerei Irlands seit mehr als 200 Jahren. (Wer sich über die Schreibweise wundert: Anders als in Schottland hat sich in Irland wie den USA ein zusätzliches "e" in den Whisky eingeschlichen) Weil man fürs Whiskey machen vor allem Zeit benötigt, überbrückt das Team die "trockenen Jahre" bis die ersten Tropfen reif für den Verkauf sind mit der Produktion eines hochklassigen Vodkas und von Dingle Island Gin. Das Szepter führt dabei übrigens kein Mann, sondern Mary Ferriter, die die Geschicke des Startups mit viel Herz und rustikalem irischem Charme zu lenken versteht.

Derweil schlummert der edle Irish Whiskey in Hunderten Bourbon-, Port- und Sherry-Fässern ungestört der Perfektion entgegen. Und jeden Tag kommen zwei neue dazu. Übrigens, wer das Whiskey-Brennen lernen möchte: mehrmals im Jahr bietet die Dingle-Distillery Brennkurse an. Fans können außerdem ein eigenes Fass erwerben und bekommen dafür den Ehrentitel eines Founding Fathers der Distillerie verliehen. Nach frühestens fünf Jahren kann man den Whisky dann abfüllen lassen, weiter lagern oder an die Distillery mit rund vier Prozent Zins pro Jahr zurück verkaufen. So oder so ein Bombengeschäft, denn Irish Whiskey ist gerade dabei Kultstatus zu erlangen. Am 19. Dezember 2015 soll das erste Whiskeyfass der Dingle Distillery nach exakt drei Jahren und einem Tag Lagerung im Rahmen eines rauschenden Festes geöffnet werden.

Apropos rauschend. Am Wochenende verwandelt sich Dingles Hauptstraße in eine echte Partymeile. Dann haben die zahllosen Pubs bis weit nach Mitternacht geöffnet und in den Restaurants ist ohne rechtzeitige Reservierung kaum ein Tisch zu ergattern. Besonders lohnend ist ein Abstecher ins Dick Mack's, Irlands Whiskey Bar des Jahres 2014 – hier finden Whiskey-Freunde das landesweit größte Angebot des "Lebenswassers". Eine Besonderheit in Dingles Pub Szene: wie früher in vielen ländlichen Gegenden üblich, verkaufen manche Pubs hier neben Guinness und Co. auch zahlreiche Haushaltsgerätschaften und Werkzeuge von der Glühbirne bis zur Mausefalle. Z.B. Foxy John's. "Das dient Männern bis heute als Ausrede noch mal schnell im Pub vorbeizuschauen – natürlich nur um ein paar Schrauben oder Dübel zu besorgen", erklärt Mark Murphy lachend. Worauf warten Sie also? Aber nicht vergessen: Dingle macht süchtig!

Weitere Informationen finden Sie unter www.ireland.com, www.dingle-peninsula.ie und www.dinglefood.com

Fotos: Beat Eglin - www.fotoshopper.ch

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Zuletzt bearbeitet am 19/08/2016

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Autor

Thomas Hauer

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