Junge

Die Toiletten sind einfach. Zwei Holztüren, Lehmwände. Angenehm kühl ist es in dem kleinen Gebäude. Das wissen auch die beiden Doggen, die, vor der sengenden Sonne geflüchtet, quer vor den Türen des Aborts liegen.

Ein paar Zelte stehen verteilt auf dem Gelände, die karge Landschaft lädt allenfalls ein sich in den Schatten zu legen und ein paar marokkanische Speisen zu verzehren. Das Wüstencamp befindet sich etwa 30 Minuten außerhalb von Marrakesch, der Stadt, die orientalische und europäische Einflüsse verbindet und Magnet so vieler Weltreisender war und ist.

Doch davon wissen die beiden Doggen im kleinen Toilettenhäuschen nichts. Ebenso wenig die Skarabäuskäfer, die an den Mauern der Lehmgebäude kleben, als seien sie dort wie in einem Schaukasten für Insekten aufgespießt. Gute 15 Zentimeter lang dürften sie sein, ihre riesigen Fühler bewegen sich ab und an im heißen Wüstenwind und sind der einzige Hinweis auf die Lebendigkeit der merkwürdigen Krabbelgestalten. Hierher kommt man nicht zufällig. Diese Einöde muss man kennen, das Camp als Ziel wissentlich ansteuern. Vorbei geht es dazu an eingefallenen Hütten, die sich am Rande der einzigen Straße, die sich zum Camp schlängelt, befinden.

Ein kleiner Junge spielt eben dort halbnackt und verstaubt im Wüstensand. Ein paar Ziegen ziehen an ihm vorüber, ein kaputter Fußball liegt neben ihm. Die Gegend ist karg, ganz anders als die Stadt, die nur wenige Kilometer entfernt als Mysterium vor Internationalität glänzt: Marrakesch – Die Rote Stadt.

Wasser ist rar in dieser Gegend, die Versorgung über Leitungen: Fehlanzeige. Die wenigen Menschen die hier wohnen, leben ein Leben in Einfachheit, sind genügsam. Nur einen Steinwurf vom kleinen Jungen entfernt sind die Touristen in einem Camp, dass scheinbar im Überfluss Wasser bietet. In großen Zelten, die gemietet werden können, kann die Wüste "erlebt" werden. Essen inklusive. Und natürlich Wein, bei Bedarf sicher auch Champagner.

Aus der Ferne sieht der kleine Junge hinüber auf das Camp. Spielt im Wüstensand mit den Händen und einem Stück Kunststoff von einem alten Kanister. Ein weiterer Wagen fährt an ihm vorbei, bringt die nächsten Touristen im klimatisierten Jeep zum Wüstendomizil. Kurze Zeit später hält der Wagen ein paar Meter unterhalb des Zeltlagers. Die Fahrgäste steigen aus und begeben sich in das nächste Zelt, um im Schatten etwas zu essen und romantisch, vielleicht sehnsüchtig, in die karge Landschaft hinaus zu schauen.

Irgendwann geht es für die Touristen zurück nach Marrakesch und von dort in ihre Heimatländer. Was bleibt sind die Erinnerungen an die Hitze, die Hunde und die Käfer. An den kleinen Jungen wird keiner mehr denken.

Foto: Michael Schabacker

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Zuletzt bearbeitet am 19/08/2016

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