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Acht geschundene Buckel für ein Halleluja

Die 'Festas' auf Malta sind ein echter Geheimtipp für Touristen. Fast jedes Dorf feiert seinen Heiligen mit farbenfrohen Umzügen, orgiastischen Feuerwerken - und blutigen Schultern. Der junge Mann wirkt angsteinflößend: Die braunen Haare und der Bart sind kurz geschoren, die Muskeln und Sehnen seines untersetzten Körpers angespannt.

Seine braunen, tief liegenden Augen füllen sich mit Tränen, als er den rechten Arm in den klaren Abendhimmel streckt und zusammen mit rund zehn anderen Männern voller Inbrunst eine Lobeshymne anstimmt. Doch es sind keine trunkenen Tifosi, die Traumtore von Totti oder Toni bejubeln, der Held des Abends ist ein echter Heiliger, genauer gesagt der Heilige Paulus. Der Heilige Paulus ist auf Malta nicht irgendein x-beliebiger Heiliger, sondern der Schutzpatron der Insel. Schließlich soll er die Bevölkerung Maltas zum Christentum bekehrt haben, als er im Jahr 60 vor der Küste Schiffsbruch erlitt. Historisch bewiesen ist das natürlich nicht – doch der Verehrung des Paulus tut das keinen Abbruch. Im Gegenteil: Zahlreiche der insgesamt 365 Kirchen auf Malta und der Schwesterinsel Gozo sind Paulus geweiht, in manchen Orten scheint jede zweite Straße nach ihm benannt zu sein.

Stundenlange Umzüge, ohrenbetäubende Feuerwerke

Die Festa des Heiligen Paulus am 10. Februar ist nationaler Feiertag und gilt gleichzeitig als Startschuss für eine ganze Reihe ähnlicher Veranstaltungen. Denn die Festas sind auf Malta allgegenwärtig, sie gliedern das Leben der Inselbewohner: Fast jedes Wochenende feiert irgendeine Stadt oder irgendein Dorf seinen Schutzpatron. Mit stundenlangen Umzügen, ohrenbetäubenden Feuerwerken oder einfach nur ausgelassener Volksfeststimmung versuchen sich vor allem benachbarte Orte gegenseitig zu übertreffen. Für ausländische Besucher sind die Festas eine ideale Gelegenheit, um dem kleinen Land und seinen streng katholischen Bewohnern näher zu kommen. Und die Bewohner empfangen ausländische Besucher mit offenen Armen zu ihren Festas und freuen sich über das Interesse an ihrer Kultur. Paulus wird gleich zweimal groß gefeiert. In St. Paul’s Bay – der Ort gegenüber der Paulusinsel, vor der das Schiff angeblich kenterte – feiert man den Jahrestag mit einer Prozession, Lesungen und einem kleinen Freudenfeuer vor der – na klar – Pauluskapelle.

Workout mit dem Heiligen St. Paul

In Maltas Hauptstadt Valletta feiert man den Heiligen gleich an mehreren Tagen: Als Aufgalopp dient am Vorabend des historischen Schiffbruchs ein stundenlanges Feuerwerk über dem Wasser des gewaltigen Naturhafens. Am Morgen des 10. Februars versammeln sich die Einwohner Vallettas vor der St. Paul’s Shipwreck Church. Jung, alt, arm und reich drängen sich im Sonntagsstaat auf Bänke, Stühle oder in die Gänge der Kirche, um dem gut dreistündigen Gottesdienst zu lauschen. Doch es gibt auch die aktivere Variante: Acht junge Männer in weißen Kutten schleppen die eine Tonne wiegende Statue des Heiligen Paulus auf ihren Schultern herum. Die überlebensgroße Figur wurde aus einem einzigen Stück Olivenholz geschnitzt und ist der Stolz der Gemeinde. Fünf Stunden lang schleppen die acht Männer das Gerüst mit dem bunt angemalten Paulus durch die engen und sehr steilen Gassen Vallettas. Quälend langsam schlängelt sich der Tross durch die Stadt, vorbei an jubelnden Kindern, singenden Männern und lachenden Frauen. Nachbarn begrüßen sich strahlend, Freunde umarmen sich herzlich. Die Straßenzüge sind mit Girlanden und Fahnen prächtig und farbenfroh geschmückt, aus den Kneipen dringt Musik, aus den Fenstern rieselt tonnenweise Konfetti. Knöcheltief sind die Straßen mit Papierresten bedeckt. Kleine Kinder werfen sich spielend in den Ersatzschnee, Jugendliche liefern sich eine Müllschlacht.

"He, Paulus - Du bist der Größte!"

Alle haben Spaß, besingen den Heiligen Paulus, wenn er über ihren Köpfen vorbeizufliegen scheint. Nur die acht Träger quälen sich von Minute zu Minute mehr. Ihre Gesichtszüge entspannen sich nur, wenn der Tross mal kurz Halt macht und sie das Holzgerüst abstellen können. Doch sobald die rund 30-köpfige Blaskapelle das nächste Lied anstimmt, wuchten sie die Tonne wieder auf ihre Schulter. Die Mimik wird zu einer schmerzverzerrten Maske, nach der Unterbrechung wirkt die Last noch schwerer. Aber es ist nicht mehr weit, die St. Paul’s Shipwreck Church – das Ziel der Prozession – ist schon in Sichtweite. Mittlerweile ist die Nacht über Valletta und die acht Männer hereingebrochen.

Im Schein der Straßenlaternen und der bunten Lichterketten glänzen die Schweißperlen auf ihren Gesichtern. Man spürt die Anspannung, als die Statue vor dem Portal der barocken Kirche zu stehen kommt. Auf den Stufen stehen die zwölf jungen Männer des Komitees, jubeln den Trägern und vor allem Paulus zu : "Du bist der Größte, du bist unser Vater. Wir lieben Dich." Die skandierenden Männer werden beiseite gescheucht – für das große Finale. Alte Männer tänzeln nervös von einem Bein auf das andere, auch Joe Huber ist dort und faltet die Hände zusammen. Kinder und Frauen verstummen. Die acht Männer atmen tief durch, rennen die sechs Stufen hinauf, der Heilige schwankt, fällt aber nicht. Den Massen auf der Straße dafür aber ein Stein vom Herzen. Sie applaudieren, jubeln, schreien. Paulus ist zu Hause, in seiner Kirche, die ihre Besucher mit ihrem Gold und den schweren roten Draperien nur so erschlägt.

Ein knallroter Buckel – Resultat des fünfstündigen Schleppmarathons

Fünf Minuten später tönen noch immer "Paulus, Paulus" - Sprechchöre aus der Kirche. Etwas abseits, in einer kleinen Seitengasse, stehen zwei junge Männer in weißen Gewändern. Die beiden Träger haben kein Ohr mehr für den Jubel. Ihre Blicke sind leer, die Augen sind mit tiefen Ringen prachtlos geschmückt. Als er sich zu seinem Freund dreht, verrutscht sein Gewand. Zum Vorschein kommt ein fast handballgroßer und knallroter Buckel – das Resultat des fünfstündigen Schleppmarathons. Die aschfahle Haut ist von blutigen Striemen durchzogen. Ein klarer Fall für eine Trinkkur im nächsten Pub!

Weitere Informationen finden Sie auf www.urlaubmalta.com

Foto: Michael Schabacker 

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Zuletzt bearbeitet am 19/08/2016

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