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Ein Streifzug durch Szczecin (Teil 1)

Eine Woche vor Weihnachten markiert der 17. Dezember 2020 einen besonderen Tag in der Stadtgeschichte von Szczecin (Stettin)!

Denn in diesem Jahr jähren sich die blutigen Ereignisse vom 17.12.1970, die auch Auswirkungen in ganz Polen hatten, zum 50. Mal. Ein ganz besonderes, kolossales Denkmal auf dem plac Solidarnósci, dem Solidaritätsplatz nahe der 2015 eingeweihten neuen, großartigen Stettiner Philharmonie, erinnert schon seit dem 28. August 2005 daran. Dies weithin sichtbare, weil freistehende, 11 m hohe, 9,5 Tonnen schwere Bronzeguss-Monument des Bildhauers Czesklaw Dzwigaj trägt offiziell den Titel "Denkmal für die Opfer der Dezemberereignisse 1970", polnisch "Pomnik Ofiar Grudnia 1970".

Doch bei den Einheimischen heißt es nur "Anioł Wolności": "Engel der Freiheit". Denn dargestellt ist eine Engelsfigur mit hochaufragenden Flügeln, die in ihren Händen eine Dornenkrone hält Die wiederum trägt die Inschrift "Grudzien 1970" (Dezember 1970). Die Engelsfigur steht auf einem stilisierten, aus dem Boden ragenden Schiffsbug. Ringsum stehen vier Granitplatten samt Bronzetafeln mit Inschriften. Die erste nennt den Anlass des Aufstandes 1970. Damals hatte Polens Regierung unter Führung von Władysław Gomulka der prekären Finanzsituation des Staates mit einschneidenden Preiserhöhungen für Lebensmittel und Konsumgüter zu begegnen versucht.

Bis zu 38 % sollten sie steigen. Beginnend in Danzig, griffen die sich zum Arbeiteraufstand ausweitenden Proteste bald auf Gdynia (Gdingen) und Szczecin (Stettin) über und währten vom 14.12. bis zum 22.12.1970. Insgesamt kamen bei diesem Aufstand in ganz Polen 45 Menschen ums Leben, Gomulka musste am 20.12.70 zurücktreten, Edward Gierek (1913 – 2001) kam an die Macht.

Der Engel der Freiheit...
Der Engel der Freiheit...

 

In Stettin, so weist es die Gedenktafel aus, waren 16 Opfer im Alter von 16 bis 59 Jahren zu beklagen. Allein zwölf Menschen starben am 17.12.70 in Sichtweite des heutigen Denkmals, rechterhand von der heutigen Philharmonie direkt vor der Kommandantur der Miliz der Woiwodschaft, dem roten ziegelbau des einstigen, 1902 bis 1905 erbauten Polizeipräsidiums von Stettin. Dort wacht noch immer die Statue des Roland über dem Haupteingang. Doch zur Linken ist ein weiterer Zugang seit den Ereignissen von 1960 zugemauert. An der Mauer erinnert eine Gedenktafel an die Ereignisse, als sich hier am 17.12.70 über 10.000 Demonstranten versammelt und die Kommandantur der Miliz belagert hatten. Steine und Molotowcocktails sollen geflogen sein, schließlich versuchten Demonstranten gar, mit Hilfe eines Rammbocks, eines Schiffs, das als Kletterspielzeug auf einem nahen Kinderspielplatz gefunden worden war, ins Gebäude einzudringen. Der Rammversuch scheiterte, die Miliz eröffnete das Feuer. 12 Menschen starben, Hunderte wurden verletzt.

Eine weitere erklärende Tafel am Bürgersteig, auf dem auch die rote Markierung der wichtigsten touristischen Stadterkundungsroute zu sehen ist, zeigt sogar ein Originalfoto der Ereignisse. Gleich gegenüber beschäftigt sich das neue Dialogzentrum "Umbrüche" – es präsentiert die Stadtgeschichte seit 1945 aus unterschiedlichsten Blickwinkeln – natürlich auch mit diesem Thema.

Und auf dem Solidaritäts-Platz, den heute Skateboarder seiner Schräglage wegen gern benutzen, berichten auch Schauwände vom einschneidenden Event der Stadtgeschichte. Aber zentral bleibt natürlich der "Engel der Freiheit", an dem rund ums Jahr Blumen niedergelegt werden und ab und an sogar eine Gedenkkerze brennt. In jedem Fall brennt eine solche an jedem 30. und 31. August des Jahres, so auch 2020. Da wurde hier ebenfalls der 40. Jahrestag des Augustabkommens 1980 begangen.

Noch immer werden regelmäßig Blumen am Denkmal zur Erinnerung niedergelegt...
Noch immer werden regelmäßig Blumen am Denkmal zur Erinnerung niedergelegt...

 

Denn wie schon 1970 waren auch bei den Streiks von 1980, die zur Gründung der freien Gewerkschaft Solidarnósc führten, Stettins Werftarbeiter maßgeblich beteiligt. Daher auch der Schiffsbug des Denkmals. Und es kam sogar zur Situation, dass dies aus 21 Forderungen der Streikenden bestehende Abkommen schon einen Tag vor der legendären Unterzeichnung in Danzigs Leninwerft, wo Lech Walesa mediengerecht zu einem überdimensionalen Kugelschreiber griff, in Szczecin schon einen Tag früher geschah: Bereits am 30.8.80 unterzeichneten hier Marian Jurczyk für die Streikenden und Kazimierz Barcikowski für Polens Regierung das Abkommen.

Allerdings wird im Stettiner Abkommen von "selbstverwalteten Gewerkschaften" gesprochen, im Danziger Abkommen aber von "unabhängigen, selbständigen Gewerkschaften". Nur Schritte vom Freiheitsengel entfernt steht auch die älteste Kirche Pommerns, die St.-Peter-und-Paul-Kirche. 1124 soll hier der Apostel der Pommern, Otto von Bamberg, einen ersten Holzbau errichtet haben, der dann ab 1223 bis 1227 in Backstein erneuert und ab 1425 in gotischem Mauerwerk fertiggestellt wurde. Spannend ist an ihrer Seite die von den Apostelreliefs von Petrus und Paulus flankierte Almosennische vom Ende des 14. Jh.s: angeblich die älteste ihrer Art in Europa und voll in Funktion.

Und guter Ort, um all diese geschichtsträchtigen Orte noch einmal in Ruhe Revue passieren zu lassen, ist dann die "Nowy Browar", die "Neue Brauerei". Bei einer leckeren traditionellen Zwiebelsuppe, bei wunderbaren amerikanischen Spare Ribs, Spaghetti Aglio Olio, Mango-Rucolasalat, Wiener Schnitzel oder Hühnchen mit grünem Spargel an Sauce Hollandaise lässt sich das an diesem Ort mit seiner hohen Restaurantdecke bestens realisieren. Noch dazu kann man den großartig aufgelegten Köchen bei ihrer Arbeit direkt zuschauen.

Das Besondere an diesem Ort ist erst einmal seine Geschichte: Denn zwar wirbt die Neue Brauerei mit dem Hinweis ihrer Existenz seit 1853, doch dies ist nicht ganz richtig. Denn 1853 wurde hier erst einmal Stettins Freimaurerloge "Unter Drei Goldenen Ankern der Liebe und Treue" errichtet. Die Neue Brauerei hingegen öffnete hier erst 2015 – dies allerdings mit sagenhaftem Erfolg! Der Architekt des Hauses folgte dem Arkadenstil Karl Friedrich Schinkels und implantierte zudem Elemente der Neoromanik und Neorenaissance. 1931 baute Architekt Gustav Gauss alles um.

Zu Besuch in der Nowy Browar...
Zu Besuch in der Nowy Browar...

 

Und dann kam 1933, das Jahr, in dem die Freimaurerei in Deutschland verboten wurde. Aus dem Logenhaus wurde ein Landwehr-Kasino mit bekanntem Wein- und Tanzlokal. Im Hinterhaus entstand ein großes Weinlager und die Firma Hermann Bohlke produzierte hier Likör. Nach 1945 diente der Bau als Kulturhaus mit Konzert- und Theatersaal, ehe 2010 alles dicht gemacht und ab 2013 bis 2015 die große Renovierung und Restaurierung anstand. Heute wird der Gast von mächtigen Kupferkesseln empfangen, in denen sogar Weißbier produziert wird. Weitere Stahltanks zeigen an, dass hier auch die erfolgreiche Mikrobrauerei "Nowy Browar" eingerichtet ist.

Da locken direkt vom Fass bzw. Hahn zwei wunderbare Lager-Biere (5,2 sowie 5,3 % Alkohol), das sehr leckere Pils (5,2 %) oder "Herr Axolotl", das hauseigene Bier nach Art der Berliner Weißen (3,8 % Alk.). Ebenso ist man mit dem mit 7 % enorm starken New England-Double IPA mit dabei. Unterstützt wird dabei alles von der bayrischen Brauereimaschinenfabrik Kaspar Schulz aus Bamberg, deren Geschichte auch eine Fotoausstellung gewidmet ist. Und natürlich wird das deutsche Reinheitsgebot von 1516 eingehalten. Kurzum: Die Neue Brauerei ist der richtige Ort, um einen Abend in Szczecin bei vollem Biergenuss ausklingen zu lassen.

Information:
Polnisches Fremdenverkehrsamt, www.polen.travel 
Regionale Tourismusorganisation Westpommern/Pomorze Zachodnie ZROT (Zachodniopomorska Regionalna Organizacja Turystyczna ZROT), www.zrot.pl
Centrum Informacji Turystycznej Szczecin (Tourismuszentrale Stettin), www.zstw.szczecin.pl/pl/turystyca, www.szczecin.eu

Museen/Attraktionen:
Centrum Dialogu Przelomy (Dialogzentrum "Umbrüche"), https://przelomy.muzeum.szczecin.pl/;
Nationalmuseum Stettin (Muzeum Narodowe w Szczecinie), www.muzeum.szczecin.pl 
Filharmonia Szczecin (Philharmonie Stettin), https://filharmonia.szczecin.pl/de;

Essen und Trinken:
Nowy Browar (Neue Brauerei), http://nowybrowar.pl

Übernachten:
Novotel Szczecin Centrum, https://all.accor.com/hotel/3367/index.de.shtml

Fotos: Ellen Spielmann

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