Im Land der Peuketier (Teil 2)

Nicht wenige Ruvo-Kenner meinen, man müsse die Stadt in der Settimana Santa, der Karwoche vor Ostern besuchen, um einige der dann stattfindenden teils noch archaisch wirkenden Prozessionen zu erleben...

Aber auch der August ist bestens für Gäste geeignet. Dann finden überall Patronatsfeste statt, San Lorenzo lockt am 12.8. mit Sternschnuppen, am 15.8. ist Ferragosto, Mariä Himmelfahrt und Feiertag seit den Zeiten des Kaisers Augustus. Schließlich steht am 16.8. dann alles im Zeichen von Rocco und seinen Brüdern. Gemeint ist San Rocco, der Pestheilige Sankt Rochus, dem an diesem Tage Tausende in Ruvo di Puglia mit einer nächtlichen Prozession samt spektakulärem Feuerwerk die Ehre erweisen, ehe es zu gewaltigen Nachtdinners in eines der umliegenden Ristoranti und auf den Nachtmarkt auf der Piazza Matteotti geht.

Wer am 16.8. nicht kann, muss indes nicht darben. Denn die Kirche des heiligen Rochus öffnet ganzjährig. So ist auch die berühmte durch die Nacht getragene Statue des San Rocco, vor allem aber die Skulpturengruppe "Niederlegung Christi vom Kreuz" zu bestaunen. Lokal wird diese Gruppe auch "Acht Heilige" (Italienisch: "Otto Santi") genannt und wurde 1920 von Raffaele Caretta aus dem apulischen Barockstädtchen Lecce mit dem Papiermaterial "Cartapesta" (Wellpappe) geschaffen. Sie wird außerhalb der Kirche auch während der Karfreitagsprozession gezeigt.

In der Kirche des heiligen Rochus.
In der Kirche des heiligen Rochus.

 

Die Kirche des Heiligen Rochus wurde 1503 zum Dank vor der Errettung von der Pest erbaut, 1645 wurde sie erneuert. 1576 wurde die Confraternita (Bruderschaft) Opera Pia San Rocco (Frommes Werk Sankt Rochus) gegründet (Wiedergründung 1781), die sich seither um alles kümmert. Wellpappen-Spezialist Raffaele Caretta orientierte sich übrigens 1920 am Gemälde "Transport Christi zum Grab" des italienischen Malers Antonio Ciseri.

Von der Piazza Matteotti sollte man auf der Via De Gaspari durch die Altstadt zum Uhrenturm schlendern. Hier, am 1604 erbauten 25 m hohen Torre dell`Orologio, befindet sich eine Gedenktafel, die an den Besuch des römischen Kaisers Gordian im 3. Jh. n. Chr. erinnert. Damals lag Ruvo an der Via Traiana, war wichtiges Handelszentrum und äußerst reich. Einen Blick wert ist hier auch die nahe mittelalterliche Piazza le Monache mit der den Heiligen Cosmas und Damian geweihten Kirche dei SS. Medici.

Dann aber geht es zum Dom, der Kathedrale von Ruvo. Denn Ruvo meint, schon seit 44 n. Chr. eine christliche Gemeinde gehabt zu haben. Die habe kein Geringerer als Petrus selbst gegründet, mit dem ersten Bischof, San Cleto. Heute präsentiert sich die phantastische romanische Kathedrale (13. Jh.) von außen (Greifen, Löwen, Rosette, Gründerfigur auf der Fassadenspitze) wie innen als prächtigster Kirchenbau weit und breit. An den Säulen im Innere entdeckt man wundervolle Kapitelle und an den Sockeln sogar ein winziges steinernes Krokodil. Im Hypogäum unter der Kathedrale beweisen römische Mosaiken, dass hier einst ein Tempel stand. Dem ersten Bischof hingegen, San Cleto, wird im Hypogäum der nur 150 m weiter erbauten Fegefeuer-Kirche Chiesa del Purgatorio gedacht. Hier soll San Cleto legendär dem Hl. Petrus gefolgt sein.

Ruvo: viele Bauten mit kleralem Hintergrund.
Ruvo: viele Bauten mit kleralem Hintergrund.

 

Tatsächlich ist die Grotte aber wohl Rest einer römischen Thermalanlage aus kaiserlicher Zeit. Ein Besuch von Ruvo wäre nicht vollständig ohne den monumentalen Friedhof, den man vorbei am Samstagswochenmarkt ortsauswärts über eine Zypressenallee erreicht, deren Schönheit die weltberühmte 5 km lange Zypressenallee von Bolgheri in der Toskana locker in den Schatten stellt. Der Cimitero Monumentale (Monumentalfriedhof) "Ugo Foscolo", eröffnete am 1.1.1900. Hier errichtete die Familie Jatta im Jahr 1906 einen gewaltigen kirchenähnlichen Totentempel. Gewaltig ist auch der Totentempel der Familie Pirlo Rubini, erbaut vom Architekten Egidio Boccuzzi. Und schließlich entstand ein Ägyptens Tempeln und Pyramidenarchitektur ähnelnder Totentempel mit einem Spinnennetz über dem Zugang für die Familie Inlartiati.

Nach so viel Kunst und Kultur ist es großartig, dass Ruvo di Puglia nicht nur viele und sehr gute Ristoranti besitzt, sondern sogar ein Gourmet-Aushängeschild. An der Via Rosario 11 öffnet "Mezza Pagnatta", was man in etwa mit "halber Laib Brot" oder freier mit "halbes Panino", "halbes Brötchen" übersetzen kann. Hier regieren die Gebrüder Montaruli und verzaubern seit einigen Jahren ihre Gäste mit ihrer "Cucina Etnobotanica", der "ethnobotanischen Küche", hervorgegangen ist dies nun auch vom Touring Club Italiano TCI herausragend bewertete Ristorante eigentlich aus einem Street Food-Laden.

Nach Kunst und Kultur: Speisen für den Magen...
Nach Kunst und Kultur: Speisen für den Magen...

 

Denn Koch Vincenzo und Bruder Francesco Montaruli begannen hier und auf Märkten ringsum vor einigen Jahren, herrlich belegte Panini an Straßenpassanten zu verkaufen. Doch der Belag hatte es in sich. Er verband stets das Beste vom Besten aus und um Ruvo di Puglia: die besten, auch wilden Kräuter und Gemüse aus lokaler Provenienz, auch die beste Burrata weit und breit. Nur Fleisch kam nie aufs Brötchen. Bis heute ist "Mezza Pagnotta" ein rigoros vegetarisches Restaurant. Das aber wartet mit phantastischen Köstlichkeiten auf. Denn gerade die Erfindungen und Kompositionen von Chefkoch Vincenzo sind es, die den Gaumen verzücken. All seine Zutaten sind natürlich und nicht kontaminiert, also bio.

Und seinen Ideen, eine obsessive Reise durch die Möglichkeiten der vegetarischen Küche, scheinen keine Grenzen gesetzt. Dies können nun Gäste beim täglich wechselnden hauseigenen Fünf-Gänge-Menü selbst erleben. Aber Vorsicht! Wie noch zu Street Food-Zeiten bleibt die Restaurant-Tür erst einmal und wie sich ehrausstellt, immer und stets – verschlossen. Am besten bestellt man telefonisch (Tel. +39 347 99 96 475) oder per Email (This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.) vor, um einen der raren Tische für den Abend zu ergattern. Denn es gibt nur 20 Sitzplätze!

Dann aber kann das Fest beginnen. Ob nun Wilddistel (cardo selvatico), Pilze wie der Braune Kräuter-Seitling (fungo Cardoncello), Schopfige Traubenhyazinthe (lampascione), Tsatsiki aus der Murgia mit Tartar vom Kürbis (zucca), Borretsch (borragine) oder Pimpinelle (pimpinella), allerbeste Burrata und Mozzarella di Bufala (Büffelmozzarella) vom Feinsten oder eine Creme aus den Spitzen des apulischen Stängelkohls (rapa): Das Ganze ist mehr als ein Gedicht. Zudem ist alles fein komponiert auf den Tellern angerichtet auch ein Fest für die Augen. Und so wundert es nicht, dass das "Mezza Pagnotta" auf dem Festival della Gastronomia 2019 in Rom eine hohe Auszeichnung erhielt und erstmals Aufnahme in den exklusiven Club der besten Restaurants Italiens fand. Diese Würdigung, natürlich auch eine Auszeichnung für die wilde, unbezwungene, wild wuchernde Natur der Alta Murgia, die viele der Zutaten liefert.

Das Restaurant erhielt die Auszeichnung "gute Küche Süditaliens", die zwei Brüder den einmaligen Sonderpreis "Gute Küche". Und natürlich ist es schon die zweite große Ehrung, die die bodenständigen, aber höchst experimentierfreudigen Brüder Montaruli einheimsen. 2018 hatten sie bereits den Titel "Chef emergenti territorialitá" errungen. Sie sind also Köche, die aus der Region stammen und die regionale Küche befördern. Und als "Cucina povera", "arme Küche", kann man ihre Gerichte natürlich nicht bezeichnen. Sie ist reich, reich wie die Alta Murgia selbst.

Die gute Küche Süditaliens...
Die gute Küche Süditaliens...

 

Und natürlich werden die beiden noch jungen Brüder nun auch als kulinarische Botschafter Italiens ins Ausland eingeladen. So kochten sie Ende 2019 in Italiens Botschaft in Israel auf. Eines indes müssen die zwei unbedingt ändern. Denn der Wein zum Festmahl passt eher nicht. Den wählen die zwei aus Überzeugung aus, weil seine Herstellung alter Tradition und Geschmack entspreche, was zu ihren Gerichten bestens passe. Tatsächlich aber überzeugten uns die Weine von Valentina Passalacqua aus dem pugliesischen Apricena nicht. Der mit pompösem Etikette auftrumpfende 100-prozentige Primitivo (12 % Alkoholgehalt), ein IGT Puglia 2018, wie auch Valentinas Wein "Rock", ebenfalls ein IGP Puglia 2018 (11 % Alkohol) aus Nero di Troia und Aleatico waren eher enttäuschend.

Und eine Alternative bieten die zwei Brüder nicht. Da müsste also nachgebessert werden. Ansonsten ist das "Mezza Pagnotta" schon längst mehr als ein Geheimtipp. Hierher führen die ringsum aktiven landwirtschaftlichen Großbetriebe auch manche Einkäufer aus Deutschland aus, um ihnen die Pracht und Geschmacksvielfalt der apulischen Bio-Lebensmittel mal so richtig vorzuführen. Damit diese dann auch daheim in die Regale der Läden zwischen Hamburg und München gelangen.

Fotos: Ellen Spielmann

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Zuletzt bearbeitet am 03/11/2020

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