Tasmanien: Von Ghost-Town zu Boom-Town (Teil 2)

Steve und seine Frau Tara gingen in Derby im Nordosten Tasmaniens ein Wagnis der besonderen Art ein: "Als wir Kinder waren, träumten wir von einem Baumhaus, einem Versteck im Wald", erzählen sie uns im Gespräch...

So ein Rückzugsort, weit weg von Alltag und Arbeit, schwebte ihnen mitten in Blue Derby vor: eine Herberge für Bike-Gäste, in der Draußen und Drinnen miteinander verschmelzen; mit großen Glasflächen an den Bettfronten, so dass man das Gefühl hat, im Grünen zu schlafen; mit offenen Duschen; tief im Wald, uneinsehbar für andere. Wieder kam Trailbauer Glenn Jacobs ins Spiel. Er half, den perfekten Standort zu finden.

Es folgten nicht ganz einfache Verhandlungen mit den Behörden, aber nach 18 Monaten hielt das Paar einen 50 Jahre laufenden Pachtvertrag in Händen. Steve und Tara merkten: Jetzt wird es ernst. Soll sie wirklich ihre Marketingagentur aufgeben, oder auf Sparflamme setzen? Soll er wirklich seinen Job als Manager einer Kfz-Werkstatt in Hobart kündigen? Vor allem: Wer soll ihr Robin-Hood-Projekt, den Bau ihrer "Pods" genannten Knusperhäuschen samt Lodge-Hauptgebäude eigentlich finanzieren?

Die Banker lachten zunächst herzlich, als da zwei Twens vor ihnen standen und ihnen erzählten, sie wollten sich mal eben 1,5 Millionen Aussie-Dollar leihen. Das Paar hatte jedoch seine Hausaufgaben gemacht: einen renommierten Architekten an Bord geholt, auf Reisen nach Neuseeland und British Columbia nach ähnlichen Projekten Ausschau gehalten, sich Rat von "Business Angels" geholt.

Mekka und Aushängeschild der MTB-Szene in Tasmanien...
Mekka und Aushängeschild der MTB-Szene in Tasmanien...

 

Im April 2017 empfing "Blue Derby Pods Ride" die ersten Gäste. Als wir auf den unscheinbaren, nicht markierten Trail einbiegen, der zu den "Pods" führt, spürt man förmlich, wie stolz Steve und Tara noch immer sind, dass sie das gewuppt haben. Alles ist gerichtet für ein Rundum-Sorglos-Paket, für ein langes MTB-Wochenende der Superlative: In der Lodge, "The Hub" genannt, lodert das Feuer im Kaminofen, auf dem großen Holztisch warten Pinot Noir von tasmanischen Winzern und Leckereien von einheimischen Biobauern, die Solarzellen auf dem Dach haben das Wasser für die Duschen auf Temperatur gebracht. Und die Pods? Die fühlen sich tatsächlich so an, als würde man mitten im Wald schlafen. So geht perfektes MTB-Glamping!

Während Steve und Tara in der Küche werkeln, ziehe ich noch einmal zu Fuß los. "Achte auf die giftigen Tigerottern", rufen mir die beiden nach, ohne eine Miene zu verziehen. Zuerst entdecke ich ein Opossum, das auf der Suche nach Fressbarem um die "Pods" herumstreunt. Für mich sind diese Beutelratten genauso wie die Wallabys genannten kleineren Känguru-Arten eine exotische Zugabe, das Salz in der Suppe einer Tasmanien-Reise.

Quer durch die Wildnis...
Quer durch die Wildnis...

 

Für die Einheimischen sind sie eine Gefahrenquelle und unfreiwillige Verursacher von Verkehrsunfällen. Mir tun die vielen überfahrenen Tiere leid, für Steve ist ein gutes Wallaby eines, das in seiner Gefriertruhe auf die Zubereitung als Sonntagsbraten wartet. Ich lerne: Opossums und andere Beutel-Hopser niedlich zu finden, das geht gar nicht. Auch die frechen und lauten Raben-Schreivögel – nomen est omen – mag er nicht besonders, schon eher die Kakadus in den Baumkronen, diese Clowns unter den Papageien. Auf dem Rückweg zur Lodge entdecke ich ein Tier, das ich bis dato im Reich der Fantasie angesiedelt hatte: In den Büschen sucht ein Ameisenigel nach … genau! Zusammen mit dem Schnabeltier, das ebenfalls in Tasmanien vorkommt, ist das putzige Geschöpf die einzige Säugetierart, die ihre Nachkommen nicht lebend gebärt. So einen "Stachelball" findet sogar Steve spannend.

Der ruft jetzt zum Dinner. Statt Beuteltieren gibt es einheimisches Lamm, das ganz vorzüglich schmeckt. "Soul Food" ist ein wichtiger Bestandteil der Pods-Wochenenden. Alles soll perfekt sein, einer der besten Köche Tasmaniens fungiert als Berater im Hintergrund. Der Abend wird dann noch lang: Korken knallen, Steve erzählt von der wunderlichen Tierwelt Tasmaniens und von Trails, die "Detonate", "Kumma Gutza" und "27 Stitches" heißen – man muss da nicht nachfragen, ob die schwierig zu fahren sind...

Auch die Kulinarik kommt nicht zu kurz...
Auch die Kulinarik kommt nicht zu kurz...

 

Anderntags lassen wir uns zum "Blue Tier Plateau" shutteln, das dem Trail-Netzwerk seinen Namen gegeben hat. Wo früher Bergarbeiter ihr Camp aufgeschlagen hatten und eine kleine Siedlung existierte, laden wir die Bikes ab. Vor uns liegt "The Blue Tier", ein gut 20 Kilometer langer Trail der Superlative. "Der vereint alles, was wir hier zu bieten haben", verspricht Steve. Bevor wir aufsatteln, dreht er mit dem Schuh noch einen Kotballen um, der da auf der Wiese liegt. "Stammt von einem Tasmanischen Teufel", erklärt er, "unserem wohl bekanntesten Beutelräuber. Wir sehen diese notorisch schlecht gelaunten, aber faszinierenden Tiere viel seltener als früher, denn eine rätselhafte Krebskrankheit dezimiert seit Jahren die Bestände."

Dann geht es los, zuerst über das fast baumfreie Plateau, wo ein "Rock Garden" dazu ermuntert, die Pedale schön waagerecht zu halten, will man sich nicht blutige Knöchel holen. Weiter unten empfängt uns wieder ein Zauberwald aus ehrenwert alten, großen Eukalypten. Heidekraut, das zuhause als Topfpflanze reüssiert, schießt hier mehrere Meter in die Höhe. Die Farne, die sich uns entgegenstrecken, scheinen uns höhnisch zuzuraunen: "Wir haben noch allerlei Überraschungen für Euch!" Tatsächlich sind die meisten Passagen jedoch gut fahrbar, die zweite Hälfte ist sogar extrem schnell und flowig. Und der wabernde Nebel, der uns umgibt, sorgt für eine fast unwirkliche Stimmung. Er lässt die Gesichter der einheimischen Rider, die uns mit ihren Enduro-Helmen überholen, wie tiefschwarze Masken aussehen.

MTB-Meisterleistung in der Wildnis von Tasmanien...
MTB-Meisterleistung in der Wildnis von Tasmanien...

 

Die letzten Kilometer genießen wir ganz bewusst. Wo auf der Welt gibt es schon 20 Kilometer Trail-Feuerwerk am Stück? Als wir unten ankommen, wartet dort schon Steves Fahrer mit dem Trailer – vor allem aber mit herzhaften Sandwiches, frischen Salaten und einem IPA aus der örtlichen Craft-Beer-Brauerei. Mit vollen Backen bestaunen wir noch einmal die üppige Botanik Tasmaniens, saugen die – wissenschaftlich erwiesen – sauberste Luft des Planeten in unsere Lungen.

"Psst, ein Wombat", flüstert Steve plötzlich. Jetzt sehen auch wir das Fellknäuel, das aussieht wie eine Mischung aus XL-Murmeltier und einem vom Baum gefallenen Koala-Bären. Leise lachen wir in uns hinein: Das Ding mit der Knopfnase ist so putzig, man könnte ihm stundenlang zuschauen. Für mich ist endgültig klar: Tasmanien mag ein Naturparadies mit unzähligen Nationalparks und fantastischen Bike-Trails sein – aber die wahren Stars hier sind die exotischen Tiere.

Wie gut, dass man beides so wunderbar miteinander verbinden kann!

 

INFO: TASMANIEN
Blue Derby ( www.ridebluederby.com.au ) ist das Mekka und Aushängeschild der MTB-Szene in "Tassie". Es gibt aber auch an anderen Orten der Insel feine Trails zu entdecken, zum Beispiel im Süden im Tal des Derwent River, wo der "Maydena Bike Park" entstanden ist. Auch auf den Hausberg von Hobart, den mehr als 1.200 Meter hohen Mount Wellington, kann man sich shutteln lassen, oder selbst hinaufkurbeln. Nahe Launceston sind rund um den "Adventure Park Hollybank" (Zipline-Anlage) neue MTB-Wege entstanden (samt Pump-Track), ferner bei "Kate Reed" und "Trevallyn Reserve". Es gibt zudem Pläne, einen 40 Kilometer-Trail von Blue Tier bis zur Bay of Fires an der Küste zu bauen. Ein weiteres Trail-Netzwerk mit 60 Kilometern plant St. Helens, ebenfalls an der Nordostküste gelegen.

Allgemeine Auskünfte
www.discovertasmania.com.au

Anreise
Mit Qatar Airways ( www.qatarairways.com ) via Doha nach Melbourne und am nächsten Morgen weiter nach Launceston in Tasmanien

Veranstalter
Blue Derby Pods Ride (https://bluederbypodsride.com.au): Die hier beschriebene Tour gibt es als All-Inclusive-Paket mit drei geführten Tagen auf dem Bike, zwei Übernachtungen in den Pods (DZ-Belegung), sämtlicher Verpflegung, allen Getränken (auch Alkohol), Flughafen-Transfers, Leihbike und andere Ausrüstung, sowie zwei Shuttle-Fahrten umgerechnet ab ca. 1.100 EUR – teuer, aber jeden Cent wert! Natürlich existieren auch jede Menge preisgünstige Optionen in Derby: alle Infos auf der Website: www.ridebluederby.com.au

Jahreszeit
November bis April – die australischen Sommermonate Dezember bis März sind am wärmsten und trockensten. Man kann im Prinzip aber fast das ganze Jahr Biken.

Medien
Nicholas Shakespeare: "In Tasmanien", marebuchverlag, 2005
Joscha Remus: "Gebrauchsanweisung für Australien", Piper, 2015

 

Impressionen:

Fotos: Stu Gibson, Tasmania Tourism, Günter Kast

Submit to FacebookSubmit to TwitterSubmit to LinkedIn
Zuletzt bearbeitet am 25/04/2020

Artikel weiterempfehlen und/oder drucken (auch PDF):

Autor

Günter Kast

Letzte News

Letzte Artikel

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.