Tasmanien: Von Ghost-Town zu Boom-Town (Teil 1)

Das 220-Seelen-Nest Derby im Nordosten Tasmaniens ist für Mountainbiker die angesagteste Adresse Australiens. Wo früher Zinn geschürfte wurde, existiert heute ein 130 Kilometer großes Netzwerk feinster Trails in einer für Europäer extra-exotischen Landschaft mit üppiger Botanik und wunderlichen Tieren. Einfach Jurassic!

Mann, ist der schnell, Mann! Steve Howell stürzt sich in diese grüne Hölle, als ob es kein Morgen gäbe. Aber "Return to Sender" ist eben auch einer seiner Haus-Trails, er kennt jeden Sprung, jede Anliegerkurve in- und auswendig. Wie ein Tunnel nimmt einen der Regenwald auf – rechts und links huschen mit Regenwasser vollgesogene Moospolster vorbei, Farne im XXL-Format. Flechten, lindgrün, maisgelb und feuerwehrautorot leuchtend, wehen wie Fahnen im Wind.

Wir fliegen durch einen megalomanen Paradiesgarten – so muss es aussehen, wenn Putin die Bundesgartenschau nach Moskau holt und dem Grünzeug Staatsdoping verordnet. Methusalem-alte Baumriesen ragen wie monumentale Bauwerke empor und schließen sich über unseren Köpfen wie die Wogen über einem Ertrinkenden. Ein Gefühl wie im Dschungelcamp: Holt mich hier raus, ich bin ein Star! Allein: Hier kommt keine Larissa Marolt im Bikini um die Ecke. Stattdessen rutsche ich auf den glitschigen Wurzeln weg und haue mir den Arm an einem Felsen an. Autsch!
Steve lacht nur: "Na, wie gefällt’s Dir in unserem Jackpot der Natur?" Es ist eher eine rhetorische Frage, er kennt die Antwort ohnehin. Steve weiß sehr genau, dass sie hier einen MTB-Hotspot der Extraklasse geschaffen haben – auf einer Insel am Ende der Welt, die früher das Gefängnis Großbritanniens und dann viele Jahrzehnte das Armenhaus Australiens war.

Mitten in der Wildnis Tasmaniens: MTB-Hotspot der Extraklasse...
Mitten in der Wildnis Tasmaniens: MTB-Hotspot der Extraklasse...

 

Dabei ist es noch nicht lange her, dass auch in Derby die Lichter auszugehen drohten. Die örtliche Zinnmine hatte schon lange dicht gemacht, immer mehr Junge waren weggezogen. Dann schlossen auch noch zwei Sägewerke und eine Konservenfabrik für immer. Tim Watson, so eine Art Landrat für den Distrikt Dorset im Nordosten von "Tassie", sagte damals resigniert: "Derby liegt am Boden. Nur noch ein einziger Laden hat geöffnet. Es gibt Tage im Winter, da macht das ganze Dorf keine 100 Dollar Umsatz." Und das zu einer Zeit, als der Süden Tasmaniens schon vom boomenden Tourismus kräftig profitierte und mit dem "Museum of Old and New Art" des exzentrischen Kunstsammlers David Walsh einen Besuchermagneten erhalten hatte.

Dann kamen die Retter auf zwei Rädern. Auch Steve gehörte zu dieser lokalen Bike-Gang. Sie fanden, dass das Gelände rund um Derby perfekt wäre für ein Trail-Netz. "Anfangs war ich skeptisch", erinnert sich Watson. "Ich fuhr selbst zwar Rennrad, hatte aber vom Mountainbiken keine Ahnung." Trotzdem sagte er seine Unterstützung zu. Er zog mehrere Millionen Aussie-Dollar an Fördermitteln an Land und überzeugte die Forstbehörde, für die Trails grünes Licht zu geben.

Was für ein Erlebnis: Sonnenaufgang in der unwirklichen Landschaft Tasmaniens...
Was für ein Erlebnis: Sonnenaufgang in der unwirklichen Landschaft Tasmaniens...

 

Dann holten sie mit Glenn Jacobs, dem Gründer von "World Trails", einen der weltbesten Trail-Bauer und stampften in kurzer Zeit 85 Kilometer feinster MTB-Pfade aus dem Boden. Es hört sich simpel an, aber wahrscheinlich geht das nur in Tasmanien, wo auf der Fläche Bayerns nicht 13 Millionen, sondern gerade einmal 500.000 Menschen leben. Für österreichische Ohren, wo um jeden Meter Trail mit Bauern und Behörden erbittert gerungen werden muss, klingt das ohnehin wie ein Märchen.

2014 wurde "Blue Derby", wie das Trail-Netz offiziell heißt, eingeweiht. Es gibt inzwischen 130 Kilometer Trails, weitere 120 sind bereits finanziert. Zweimal (2017 und 2019) war die Enduro World Series (EWS) zu Gast, 400 Fahrerinnen und Fahrer aus 40 Ländern. EWS-Chef Chris Ball war voll des Lobes: "Wahnsinn, wie hier alle an einem Strang ziehen. Die ganze Gemeinde hilft und fiebert mit. Die Tassies sind super gastfreundlich. Wenn das überall so wäre, wäre mein Job so viel einfacher!"

Blue Derby ist tatsächlich eine Riesen-Erfolgsgeschichte, inzwischen fraglos die beste MTB-Spielwiese in ganz Australien. 25.000 Biker jährlich bringen rund 30 Millionen Dollar Wertschöpfung in den Ort. Die Jungen sind wieder stolz, hier zu wohnen, ihre Eltern freuen sich über steigende Grundstückspreise.

Angenehmer Luxus in den Unterkünften...
Angenehmer Luxus in den Unterkünften...

 

Es gibt 30 AirBnB-Unterkünfte, diverse B&Bs, einen großen Campingplatz, Shuttle-Services, öffentliche Duschen und eine MTB-Waschanlage, vor allem aber viele Events, Cafés und Bars. Einer dieser Pioniere war Buck Gibson, der einen Bike-Verleih und ein Café eröffnete: "Ich hatte so ein Gefühl, dass das etwas wird hier", sagt er. Genauso ein Gefühl hatten auch Ben Jones und seine Frau Anastacia, die ihre Zelte in Sydney abbrachen und in die tasmanische Provinz zogen, um in Derby ein Guesthouse zu eröffnen: "Wir sind selbst begeisterte Biker und sahen, dass hier wirklich etwas vorangeht. Da wollten wir dabei sein."

In Teil 2 erfahren Sie mehr über Mountainbiking in Tasmanien...

 

INFO: TASMANIEN
Blue Derby ( www.ridebluederby.com.au ) ist das Mekka und Aushängeschild der MTB-Szene in "Tassie". Es gibt aber auch an anderen Orten der Insel feine Trails zu entdecken, zum Beispiel im Süden im Tal des Derwent River, wo der "Maydena Bike Park" entstanden ist. Auch auf den Hausberg von Hobart, den mehr als 1.200 Meter hohen Mount Wellington, kann man sich shutteln lassen, oder selbst hinaufkurbeln. Nahe Launceston sind rund um den "Adventure Park Hollybank" (Zipline-Anlage) neue MTB-Wege entstanden (samt Pump-Track), ferner bei "Kate Reed" und "Trevallyn Reserve". Es gibt zudem Pläne, einen 40 Kilometer-Trail von Blue Tier bis zur Bay of Fires an der Küste zu bauen. Ein weiteres Trail-Netzwerk mit 60 Kilometern plant St. Helens, ebenfalls an der Nordostküste gelegen.

Allgemeine Auskünfte
www.discovertasmania.com.au

Anreise
Mit Qatar Airways ( www.qatarairways.com ) via Doha nach Melbourne und am nächsten Morgen weiter nach Launceston in Tasmanien

Veranstalter
Blue Derby Pods Ride (https://bluederbypodsride.com.au): Die hier beschriebene Tour gibt es als All-Inclusive-Paket mit drei geführten Tagen auf dem Bike, zwei Übernachtungen in den Pods (DZ-Belegung), sämtlicher Verpflegung, allen Getränken (auch Alkohol), Flughafen-Transfers, Leihbike und andere Ausrüstung, sowie zwei Shuttle-Fahrten umgerechnet ab ca. 1.100 EUR – teuer, aber jeden Cent wert! Natürlich existieren auch jede Menge preisgünstige Optionen in Derby: alle Infos auf der Website: www.ridebluederby.com.au

Jahreszeit
November bis April – die australischen Sommermonate Dezember bis März sind am wärmsten und trockensten. Man kann im Prinzip aber fast das ganze Jahr Biken.

Medien
Nicholas Shakespeare: "In Tasmanien", marebuchverlag, 2005
Joscha Remus: "Gebrauchsanweisung für Australien", Piper, 2015

 

Impressionen:

Fotos: Stu Gibson, Tasmania Tourism, Günter Kast

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Zuletzt bearbeitet am 06/05/2020

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Autor

Günter Kast

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