Sillamäe und Sinimäed: Willkommen in Estlands Blauen Bergen (Teil 2)

Weiter geht es mit unserem Spaziergang durch Sillamäe… Schließlich: Im Park des Kulturhauses steht dann das 1987 zur 60. Jahrestag der Oktoberevolution enthüllte Denkmal: ein sowjetischer Prachtarbeiter mit überdimensionalem Bizeps und Brustmuskeln bezwingt da das Atomkernsymbol in seinen Händen...

Solch Nebeneinander von sowjetisch-russischem Erbe und moderner estnischer Alltagskultur erlebt man häufig in der nur 18 Höhenmeter über und am Finnischen Meerbusen liegenden Kleinstadt, die deutliche Mehrheit der Bevölkerung ist nach wie vor russisch.

Doch längst ist Sillamäe auch ein pulsierendes Stächen an der E 20 von Tallinn nach Narva, besitzt eine rege besuchte Tankstelle, Hotel und Restaurants und wirbt mit herzlichster Gastlichkeit. Schließlich hat man ja auch etwas vorzuweisen: dies einzigartige Architekturerbe und eine Ortsgeschichte, die auch im Sillamäe-Museum lebendig wird. Erstmals wurde der Ort 1502 als "tor bruggen", "zur Brücke", erwähnt und besaß Krugrecht. Die Brücke querte wohl den hier in die Ostsee mündenden Fluss Sõtke, den Sõtke jõgi. Am Fluss stand eine Mühle, nahebei war das Rittergut Türsel, estnisch Türsamäe.

Sillamäe... direkt am Meer!
Sillamäe... direkt am Meer!

 

Nun, im 19. Jh. gelang es dem verschlafenen Nest mit schönem Strand am Meer allerdings, zum Top-Badeort an der Ostsee aufzusteigen. Die Elite aus Sankt Petersburg zog es hierher: Pjotr Tschaikowski und der Physiker Paul Ehrenfest suchten hier Erholung. Und der 1904 mit dem Nobelpreis geehrte Physiologe und Verhaltensforscher Iwan Pawlow (1849 – 1936), berühmt geworden aufgrund der erkannten Reflexe des "Pawlowschen Hundes", baute hier 1891 sogar eine Sommer-Datsche.

Dann jedoch rückte die Industrialisierung an: Ölschiefer wurde entdeckt, der ab 1927 abgebaut wurde. Daher erhielt Sillamäe 1936 sogar einen Hafen, der 2005 noch ausgebaut wurde. Heute ist dieser Tiefseehafen SILPORT die Nummer Fünf aller Häfen im Baltikum. Es folgte die deutsche Besetzung 1941 – 1944, samt einem Außenlager des nahem Stamm- und Durchgangs-Konzentrationslagers Vaivara, in dem natürlich Ölschiefer gewonnen wurde. Etwa 20 Prozent der Lagerinsassen waren zumeist aus den Gettos von Vilnius und Kaunas, aber auch aus dem KZ Theresienstadt hierher verbrachter Juden, die restlichen 80 Prozent bildeten sowjetische Kriegsgefangene sowie Zwangsarbeiter, z. B. aus den Niederlanden.

Estonian War Memorial...
Estonian War Memorial...

 

Im Juli und August 1944 wurde dann während der fürchterlichen "Schlacht um die Tannenbergstellung" ein Großteil von Sillamäe zerstört. Das Nachkriegswunder mit allen Nebenwirkungen begann dann 1946 mit dem Bau eines Hüttenwerks für die Verarbeitung von Ölschiefererzen. Auch dazu wurden Häftlinge eingesetzt, diesmal aus dem Straflager Türsel/Türsamäe. Nur bis 1952 wurde hier aber tatsächlich Ölschiefer abgebaut. Denn bis 1977 kam dann ein Gutteil des Rohstoffs aus Zentralasien und anderen Ostblockstaaten hierher. Ab 1948 wurde die Urananreicherungsanlage betrieben und Rüstungsbetriebe angesiedelt: Das Fischerdorf wurde zur hermetisch abgeschlossenen "verbotenen Stadt", die nach 1991 erhebliche Umweltschäden zu beseitigen hatte.

Zu Besuch bei Tõnis Kaasik auf Gut Saka (Saka Mõis)

Einer, der alles zu Sillamäe und zum Uranabbau wissen dürfte, ist Tõnis Kaasik. Der freundliche Herr, Jahrgang 1949 und Liebhaber klassischer Musik, die auf einem schönen Flügel aus Sankt Petersburger Werkstatt im restaurierten Herrenhaus ertönt, ist zudem Geograph und Geologe und hatte beruflich mit Sillamäes Uranabbau zu tun: 2002 war er Minister in Estlands Regierung und beschäftigte sich 2004 bis 2013 mit dem Rückbau der Hinterlassenschaft der Urananreicherung.

Motorrad im Vaivara Blue Hills Museum.
Motorrad im Vaivara Blue Hills Museum.

 

Nun geht es in Sillamäe vorwiegend um seltene Erden – und es wird sogar Bier gebraut. Millionenschwere Investitionen haben in Sillamäe zur Eindämmung der Gefahren aus dem Uranerbe geführt – ein 33 ha großes, seit 2009 durch einen Hügel versiegeltes Gewässer mit Uranabfällen soll es richten. Und so konnte Tönis Kaasik 2015 dann auf Gut Saka auch ein Resort mit Spa mit zahlreichen Aktivitätsangeboten eröffnen. Neben einem herrlichen Findlingsgarten hat das Gut aber auch andere Attraktionen zu bieten. So gibt es militärische Hinterlassenschaften – etwa zwei Bunker oder der perfekt zum Tagungsort und "Seeturm" umgebaute frühere Wachtturm der sowjetischen Grenzarmee, die hier die bis 53 m aufragende Steilküste kontrollierte.

Das auf 1241 zurückdatierbare Gut Saka war ab 1941 auch Sitz deutscher Militäreinheiten, die Baracken im Gutspark errichteten. Ab 1944 logierte hier dann die 99. Grenzschutzeinheit der Sowjetunion, die 1971 sogar ihr Hauptquartier hierher verlegte und 1977 ins Herrenhaus einzog. Ab 1992 stand das Gutshaus leer und verfiel. Schließlich erwarb Herr Kaasik das Gut auf einer Auktion, öffnete 2004 das Saka Cliff Hotel und schaffte es bis 2014, zum 150. Geburtstag des Herrenhauses, Resort & Spa als Perle an der Ostseeküste zu eröffnen.

Alte Minen im Vaivara Blue Hills Museum.
Alte Minen im Vaivara Blue Hills Museum.

 

Der heutige Hausherr hatte übrigens illustre Vorbesitzer: Denn in Groß-Sack und Klein-Sack, wie die Siedlungen am Saka Mõis, dem "Sackhof", mal hießen, residierten schon der schottische Schwede Jörgen Letzie/Leslie (ab 1626/1629), Katharina von Puffendorff (ab 1748), die von Wrangell (ab 1798) und ab 1810 die baltisch-schottische Familie von Löwis of Menar. Auf also von Sillamäe zu dieser nahen Green Key-Anlage mit Wellness, Spa und Schwimmbad, Tennis, Bogenschießen, Outdoor, Wandern und Picknicks.

In Sillamäe:
Stadtverwaltung Sillamäe, Kesk tänav 27, 40231 Sillamäe, Kreis Ida-Viru, Tel. +372 39 257 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.sillamae.ee/en/web/eng/general-information , www.sillamae.ee/tourism

Sehenswertes:
Rathaus (Kesk tänav 27), Mere Boulevard (Meeresboulevard), Kulturhaus (Kesk tänav 24) mit Sillamäe-Museum der Sowjetzeit im Luftschutzbunker unter dem Kulturhaus (Keks tänav 24, Tel. +372 397 24 25, www.sillamae-muuseum.ee, www.visitestonia.com/de/museum-in-sillamae ; Öffnungszeiten: 1.6. – 31.8. Mo – Fr 8.00 – 16.00 Uhr; Eintritt: 1 €), Sillamäe-Museum der Geschichte und Kultur (Kajaka 17 A, Zufahrt von der Majakovski-Straße, Tel. +372 397 24 25, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.sillamae-muuseum.ee , www.visitestonia.com/de/museum-in-sillamae ; Öffnungszeiten: Di – Fr 10.00 – 18.00, Sa 10.00 – 16.00 Uhr; Eintritt: 3 €)

Übernachten/Essen und Trinken:
Gutshof Saka (Saka Mõis OÜ), 30103 Kohtla (Gemeinde), Kreis Ida-Viru, Tel. +372 336 49 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.saka.ee/en/ ; 9 DZ de luxe und 3 Suiten im Gutshaus, 33 DZ im Saka Cliff Hotel, im Sommer 14 Plätze im Campinghaus; mit Seeturm) und Restaurant (Tel. +372 33 649 14)

(Das Projekt wird unterstützt vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung.)

Fotos: Ellen Spielmann

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Zuletzt bearbeitet am 20/03/2020

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