Sillamäe und Sinimäed: Willkommen in Estlands Blauen Bergen (Teil 1)

Karl Marx zur Linken, Lenin zur Rechten! Gleich zwei weiße Reliefs dieser Urgesteine der kommunistischen Idee dekorieren die Bühne im prächtigen Veranstaltungssaal des Kulturhauses von Sillamäe, das schon 1949 im Stil des sozialistischen Klassizismus erbaut wurde...

Dazwischen aber bestimmt die Bühne bei unserem Besuch ein großflächiges Plakat mit der estnischen Schrift "Tere Kool!" "Willkommen in der Schule" heißt es hier in diesem schmucken, mit prächtigen Kronleuchtern, großer Bühnentechnik und sogar Logen (!) ausgestatteten Prachtraums des Kulturhauses. Denn am 1.9.2019 wurde hier inmitten des als "stalinistischer Zuckerbäckerstil" nur unzureichend beschriebenen Ambientes mit großem Tamtam nichts anderes als der erste Schultag in Sillamäe gefeiert. Diesem auch als Sozialistischer Klassizismus oder Stalinistischer Empire-Stil sowjetischen Architekturstil der 1940er und 1950er Jahre begegnen wir natürlich auch im geräumigen Foyer dieses zentralen Baus von Sillamäe, das deutsch auch als Sillamägi und Sillamäggi, als "Berg an der Brücke" bekannt ist. Prachtvolle Säulen schmücken dies eines Opernhauses würdige Entree.

Und nicht genug damit: Die überaus freundliche Direktorin führt uns auch noch treppab in einen besonderes Unikum der an Besonderheiten keineswegs armen estnischen Museumslandschaft: Denn hier öffnet, im einstigen Luftschutzbunker des Kulturhauses, den manche auch als Atombunker bezeichnen, das "Sillamäe-Museum der Sowjetzeit". Mit dem Obolus von einem Euro ist man dabei, um einerseits die restaurierten Bunkeranlagen mit historischem Mobiliar und Militärutensilien, andererseits die kleine Ausstellung mit Devotionalien zu dieser Zeit von 1945 bis 1991 zu bestaunen, die die Kleinstadt mit gerade 13.000 Einwohnern bis heute so nachhaltig prägt.

Leninbüste...
Leninbüste...

 

Leninbüsten schmücken die Eingangstüren des Museums der Sowjetzeit, an den Wänden grüßen Fahnen und monumentale Ölgemälde von vergangener Größe: Da grüßt Stalin das Sowjetvolk und weist ihr wie der Wirtschaft mit der Elektrifizierung des roten Riesenreichs den Weg. Und da ist Lenin in seinem gemütlichen Arbeitszimmer, beim Zeitung- wie beim Bücherstudium! Unter diesem Gemälde stapeln sich seiner Gesammelten Werke zum Gesamtkunstwerk. Ein farbenprächtiger Druck "40 Jahre Oktoberrevolution 1917 - 1957" ist natürlich von 1957, Pionieruniformen schmücken ebenso die Wände wie Titelseiten ehemaliger Sowjetzeitschriften und eine Unmenge an Schallplatten und Portraits berühmter sowjetischer Sänger und Künstler, von denen viele einmal auch im Kulturhaus von Sillamäe aufgetreten sind.

Und da sind die Portraits verdienter Wissenschaftler, die sich in jenen Tagen auch um Sillamäe verdient gemacht haben. Der Grund für diese Ehrung ist einfach: Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Sillamäe eine besondere Phase, wurde zu einer der berühmten "verbotenen Städte" im Sowjetimperium. Als neuer Brennpunkt sowjetischer Militäraktivitäten tauchte Sillamäe nach 1945 für lange Zeit nicht mehr auf Landkarten auf und besaß auch keine Postleitzahl. Der Besuch selbst nahebei wohnender Einheimischer war strikt untersagt und nur selten erlaubt.

Stalin Gemälde...
Stalin Gemälde...

 

Erst Estlands erneute Unabhängigkeit 1991änderte diesen besonderen Zustand, den Außenstehende eher als Dekaden andauernden Dornröschenschlaf hinter unzugänglichem Sperrdickicht erlebten. Diese ungewöhnliche Abschottung erfolgte, weil in Sillamäe eine besondere Ressource verfügbar war: Ölschiefer, aus dem Uranoxid extrahiert werden konnte. So wurde aus einem unscheinbaren Dorf, das erst 1957 Stadtrechte erhielt, ein für den Bau der sowjetischen Atombombe wichtiger Ort. Speziell Ausgebildete wurden aus der gesamten Sowjetunion hierher verfrachtet, um diesen Ölschiefer möglichst effektiv abzubauen. Dabei scheuten die Verantwortlichen keine Mühen und Kosten, um diesen wichtigen "Auserwählten" den Aufenthalt in Sillamäe so angenehm wie möglich zu machen.

Das gesamte Dorf wurde architektonisch neugestaltet, der stalinistische Architekturstil hielt Einzug. Erleben kann man dies ungewöhnliche Architekturspektakel nicht nur in und vor dem Kulturhaus: Gleich linkerhand sieht man eine große Tafel, auf der heute der Stadtplan von Sillamäe angebracht ist. Früher wurden hier offizielle Verlautbarungen und wichtige Ankündigungen ausgehängt. Denn offenbar war es mit Radio oder TV nicht weit her in Sillamäe. Andererseits: Das Kulturhaus selbst wurde seinerzeit mit einem Hollywood-Blockbuster eröffnet: Um die Neuankömmlinge fröhlich zu stimmen, lief "Tarzan"!

Treppe zum Meeresboulevard...
Treppe zum Meeresboulevard...

 

Dann schließt sich eine riesige Freitreppe an, deren Ausmaße auch Sowjet-Filmregisseur Eisenstein entzückt hätten: Sie führt in zwei Bögen hinab auf den Mere Boulevard, den Meeresboulevard, an dem sich herrliche mehrstöckige Hochhäuser bis hin zu einem Pavillon am Strand der Ostsee anschließen. Ein Fotomotiv par excellence. Sogar an eine enorm geschwungene eiserne Sitzbank mit Aussichtspotential hat man hier gedacht. Andererseits erhebt sich heute nahebei ein ganz anderes Gebäude: An der Ranna 20 ragt der Neubau der katholischen St. Georg-und-Adalbert-Kirche auf. Und an der Jõe-Straße 1 A öffnet die orthodoxe Kirche der Muttergottes von Kazan.

Dass in Sillamäe nach der Sowjetzeit nun die Religiosität eingezogen ist, denkt man auch beim ersten Blick auf das einer lutherischen Pfarrkirche ähnelnde Gebäude direkt gegenüber dem Kulturhaus. Doch dieser Bau mit hohem Turm ist das Rathaus. Noch in der Sowjetzeit erbaut, sollte es Spionen tatsächlich den Eindruck eines Gotteshauses vermitteln. Manche munkeln bis heute, oben im vermeintlichen "Kirchturm" habe der KGB gesessen, eifrig gen Moskau gefunkt und so den Radio- und TV-Empfang der Einheimischen empfindlich gestört.

Information:
Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), Lasnamäe 2, 11412 Tallinn, Estland, Tel. +372 627 97 70, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/de , http://visitsouthestonia.com/en/
Narva Tourist Information Centre, Peetri plats 3, 20308 Narva, Tel. +372 359 91 37, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://tourism.narva.ee/de?lang=3; Öffnungszeiten: tgl. 10.00 – 17.30 Uhr
Tourismusinformation Ida-Virumaa: Keskvaljak 4, 41531 Jõhvi, Kreis Ida-Viru, Tel. +372 339 56 20, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://idaviru.ee/en/
Tourismusinformationszentrum Jõhvi, Rakvere 13 A, 41531 Jõhvi, Kreis Ida-Viru, Tel. +372 337 05 68, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/en/johvi-tourist-information-centre , http://idaviru.ee/en/; 15.5. – 15.9. Mo bis Fr 10.00 – 17.00, Sa, So 10.00 – 15.00 Uhr, sonst nur für Buchungen nach Voranfrage geöffnet

In Sillamäe:
Stadtverwaltung Sillamäe, Kesk tänav 27, 40231 Sillamäe, Kreis Ida-Viru, Tel. +372 39 257 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.sillamae.ee/en/web/eng/general-information , www.sillamae.ee/tourism

Sehenswertes:
Rathaus (Kesk tänav 27), Mere Boulevard (Meeresboulevard), Kulturhaus (Kesk tänav 24) mit Sillamäe-Museum der Sowjetzeit im Luftschutzbunker unter dem Kulturhaus (Keks tänav 24, Tel. +372 397 24 25, www.sillamae-muuseum.ee, www.visitestonia.com/de/museum-in-sillamae ; Öffnungszeiten: 1.6. – 31.8. Mo – Fr 8.00 – 16.00 Uhr; Eintritt: 1 €), Sillamäe-Museum der Geschichte und Kultur (Kajaka 17 A, Zufahrt von der Majakovski-Straße, Tel. +372 397 24 25, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.sillamae-muuseum.ee , www.visitestonia.com/de/museum-in-sillamae ; Öffnungszeiten: Di – Fr 10.00 – 18.00, Sa 10.00 – 16.00 Uhr; Eintritt: 3 €)

Übernachten/Essen und Trinken:
Gutshof Saka (Saka Mõis OÜ), 30103 Kohtla (Gemeinde), Kreis Ida-Viru, Tel. +372 336 49 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.saka.ee/en/ ; 9 DZ de luxe und 3 Suiten im Gutshaus, 33 DZ im Saka Cliff Hotel, im Sommer 14 Plätze im Campinghaus; mit Seeturm) und Restaurant (Tel. +372 33 649 14)

 

Impressionen:

(Das Projekt wird unterstützt vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung.)

Fotos: Ellen Spielmann

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Zuletzt bearbeitet am 20/03/2020

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