Narvas herbe Schönheit Kreenholm

Das Stadtmuseum Narva besteht längst nicht nur aus dem Burgmuseum in der Hermannsfeste. Dazu gehört etwa auch die in Estlands erneutem Unabhängigkeitsjahr 1991 eröffnete Kunstgalerie Narva…

Dieses wichtigste Kunstzentrum in der Grenzstadt wurde an einem denkwürdigen Ort eingerichtet: Die Galerie ist im schmuck restaurierten Bau eines ehemaligen Munitionslagers aus dem 18. Jahrhundert eingerichtet, der wie durch ein Wunder als eines der wenigen historischen Gebäude den Zweiten Weltkrieg überstanden hat.

Den Hauptschwerpunkt in der Galerie bildet allerdings eine Privatsammlung, die das Ehepaar Lavretsov zusammentrug und die sie später der Stadt Narva vermachte. Anfang des 20. Jahrhunderts galt diese Kunstsammlung als eine der bedeutendsten im gesamten Baltikum. Besonders beeindruckend ist etwa ein Ölgemälde von Nikolay Lund: Das "Damaskus-Tor in Jerusalem" entstand Anfang des 20. Jahrhunderts.

Neben dieser Dauerausstellung, die auch mittelalterliche Holzfiguren der Kirchen von Narva umfasst und die Porzellansammlung der Familie Lavretsov zeigt, werden in der Galerie aber auch Ausstellungen moderner estnischer und westeuropäischer Künstler veranstaltet.

Ein Höhepunkt unter den temporären Ausstellungen 2019 war z. B. die Schau historischer Textilien und Textildesign-Muster aus Narvas legendärer Manufaktur Kreenholm. Und diese gewaltige stillgelegte Industrieanlage auf und an der "Kräheninsel" nahe den Stromschnellen des Narva-Flusses gehört nun zum Stadtmuseum.

Die stillgelegte Industrieanlage.
Die stillgelegte Industrieanlage.

 

Nahezu alles in Kreenholm ist in Besitz der Narva Gate ÖU, einem Tochterunternehmen des schwedischen Vorbesitzers, der allerdings 2010 Bankrott anmeldete. Die Produktion der Kreenholm-Manufaktur stoppte schon 2007. Heute wirkt das Gebiet der 13 ha großen Narva-Flussinsel Kreenholm, die deutsch auch Krähnholm heißt, nahezu menschenleer und aufgegeben. Längst hat hier die Natur wieder das Kommando übernommen. Doch kann das abgesperrte, überwucherte Areal dank des Stadtmuseums und sachkundiger Guides dennoch besichtigt werden.

Und nicht nur das: Seit neuestem finden hier auch wieder zahlreiche Veranstaltungen und Events statt: Vom Popkonzert bis zur Theateraufführung werden die Höfe und hallen von Kreenholm nun wieder genutzt. 2019 gastierte hier sogar die Opern Narva (www.narvaopera.ee) und Tartu. Zur Operngala kamen Künstler vom Moskauer Bolschoi-Theater, aus Polen und Lettland.

Größter Erfolg 2018 und erneut 2019 waren aber die "Nightingales of Kreml", die Kreml-Nachtigallen, gespielt vom Neuen Theater aus Tartu, dem einstigen Dorpat. Thema ist die Biographie des estnischen Sängers Jaak Joala, der zu Sowjetzeiten ein Star war. Allein 2018 kamen 23.000 Besucher und bescherten so den agilen Machern des Stadtmuseums Narva ein kräftiges Plus in der Jahresbilanz.

Die Großfabriken auf Kreenholm wurden einst im Stil der Fabriken von Manchester erbaut und sind bis heute beste Beispiele für die erste und zweite industrielle Revolution. Über 20.000 Webstühle ratterten hier einst. Die Arbeitsbedingungen galten als hart: Und so nimmt es nicht Wunder, dass hier schon 1872 der erste Streik in der Geschichte Estlands und wohl auch Russlands stattfand.

Auf Kreenholm...
Auf Kreenholm...

 

Ein weiterer Hauptgrund für den Streik, der 1972 mit einem großen Denkmal auf dem Werksgelände gewürdigt wurde, war damals aber auch eine in Narva grassierende Cholera-Epidemie, der mehrere hundert Arbeiter zum Opfer fielen. 1919 zerbombt und 1944 zerstört, wurde die Kreenholm-Manufaktur nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut und exportierte 80 Prozent seiner Garnproduktion und 70 Prozent seiner Tuchproduktion in den Westen.

1980 arbeiteten 11.032 Menschen für das staatliche Unternehmen. 1992 wurde es reprivatisiert und zur AS Kreenholm Manufaktuur (Textilfabrik). 2012 schlossen die letzten 500 Mitarbeiter alles ab. Geblieben ist die verwunschene Kräheninsel, die dringend EU-Mittel benötigen würde, um ihr weiteres neues Leben einzuhauchen. Helfen könnte dabei zum Beispiel eine prominente direkte Nachfahrin von Ludwig Knoop: Schließlich ist Ursula von der Leyen, 1958 geborene Tochter von Ernst Albrecht (1930 - 2014), der als Ministerpräsident von Niedersachsen 1976 bis 1990 amtierte, seit Ende 2019 Präsidentin der EU-Kommission.

Wer den Gesamtkomplex Kreenholm erleben möchte, sollte zudem nicht versäumen, die alte Arbeiter-Datschensiedlung Suur Primorskoje (Große Meeresufersiedlung) zu besuchen. Sie liegt nur zwei Kilometer von der Kreenholm-Manufaktur entfernt.

Der Friedhof am Ortsausgang...
Der Friedhof am Ortsausgang...

 

Ein Besuch in Narva wäre nicht vollständig ohne den Beuch der deutschen Kriegsgräberstätte. Man findet sie an der Straße von Narva nach Narva-Joesuu, indem man von der Stadtmitte Narva auf der Puschkin-Straße Richtung Narva-Jõesuu fährt. Der Friedhof liegt am Ortsausgang auf der rechten Seite, oberhalb des Narva-Flusses.

Eigentlich wird dieser Ort nur selten aufgesucht, doch zu unserer Überraschung entdecken wir hier einen sonnenbadenden Buchleser nahe den Grabkreuzen des deutschen Soldatenfriedhofs Narva für im Zweiten Weltkrieg Gefallene. Er wurde 1997 bis 1999 an einem besonderen Ort angelegt. Denn hier befand sich bereits 1943 ein erster deutscher Soldatenfriedhof für etwa 4000 gefallene Soldaten, der aber nach 1945 eingeebnet worden war. 1995 konnte der Ort dieses Friedhofs wieder identifiziert werden.

Bis 1999 entstand dann die neue deutsche Kriegsgräberstätte für etwa 15.000 gefallene Soldaten. Auch ausländische Soldaten, die in Estland für die deutsche Wehrmacht kämpften und starben oder aber in einem Kriegsgefangenenlager ihr Leben ließen, sind hier bestattet. Bis 2008 wurden 10758 Gefallene hierher umgebettet. Es gibt auch Gedenkstelen für die 1943 bestatteten Soldaten. Zentrales Symbol auf der Kriegsgräberstätte ist ein 4,50 m hohes Kreuz aus Naturstein, von wo man einen besonderen Blick auf den Fluss Narva hat, der auch die Grenze zwischen Estland und Russland bildet.

Und ein sonnenbadender Buchleser ist die perfekte Ergänzung zur an diesem markanten Ort herrschenden Stimmung, ehe es zurück ins Hotel von Narva-Joesuu geht.

Information:
Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), Lasnamäe 2, 11412 Tallinn, Estland, Tel. +372 627 97 70, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/de , http://visitsouthestonia.com/en/
Narva Tourist Information and Visitor Centre, Peetri plats 3, 20308 Narva, Tel. +372 359 91 37, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://tourism.narva.ee/de?lang=3; Öffnungszeiten. tgl. 10.00 – 17.30 Uhr
Tourismusinformation Ida-Virumaa: Ida-Viru Ettevõtluskeskus, Keskvaljak 4, 41531 Jõhvi, Kreis Ida-Viru (Virumaa), Tel. +372 339 56 20, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://idaviru.ee/en/

In Narva:
Kunstgalerie, Vestervalli 21, 20306 Narva, Tel. +372 359 92 30, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://narvamuuseum.ee/eng/; tgl. 10.00 – 18.00 Uhr; Eintritt: 9.7. – 1.9. 12 €, 25.5. – 8.7. 8 €, sonst 4 €
Kreenholm Textilfabrik (Kreenholmi Manufaktuur), Joala tn 20, 20306 Narva, Tel. +372 356 56 70, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.narvagate.eu/eng/history.html ; Besichtigung: mindestens zwölf Führungen des Narva-Museums vom 7.4. bis zum 27.10.; Eintritt: 10 € (Buchung in der Hermannsfeste und der Tourismusinformation)
Deutsche Kriegsgräberstätte Narva, Jõesuu-Straße 33 – 39, 20306 Narva

Das Projekt wird unterstützt vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung.)

Fotos: Ellen Spielmann

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Zuletzt bearbeitet am 11/03/2020

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