Narva: Perle an der kontinentalen Außengrenze der EU

Wer auf der E 20 von Tallinn nach Narva unterwegs ist sich Richtung Grenzkontrollpunkt zwischen Estland und Russland, mit der Brücke über den Narva-Fluss orientiert, trifft fast unweigerlich auf Narvas Peetri Plats ein...

Der Peetri Plats, deutsch Petersplatz, wurde 1822 zu Ehren Zar Peters I. benannt. Dieser legendäre Peter der Große eroberte Narva 1704, nachdem er noch im Jahr 1700 beim ersten militärischen Versuch an den Schweden gescheitert war. Und wer weiß schon, ob das nur 1234 km entfernte Sankt Petersburg je gegründet worden wäre, hätten Peters Truppen bereits diese erste Belagerung von 1700 für sich entschieden.

Den Petersplatz ziert auch das Stadtdenkmal von Narva: Doch trotz des mächtigen Sockels besteht es nur aus den fünf lateinischen Buchstaben der Stadt! Früher stand hier indes die Bronzestatue des sowjetischen Revolutionärs Lenin. Doch musste Wladimir Iljitsch Uljanow) von diesem Ort im Oktober 1993, nach der wiedererlangten Unabhängigkeit Estlands, weichen. Dieser "leere Raum" wurde dann mit dem Stadtnamen "Narva gefüllt", die Leninstatue auf den Burghof der Hermannsfeste verbannt, wo sie nun in einer unscheinbaren Ecke hinter dem wunderbaren Burgrestaurant Rondeel besichtigt werden kann.

Gut, dass vom Löwen-Denkmal der Schweden ein schöner Fußweg hinab zum Narva-Ufer führt, wo auch dank EU-Mitteln nun eine herrliche, 967 m lange Uferpromenade die estnische Seite des Narva-Flusses erschließt. Da fällt der Blick erst einmal auf die russische Burg Iwangorod am Ostufer; Iwangorod, deutsch Johannstadt, estnisch Jaanilinn, wurde von Iwan III. (1440 – 1505), Großfürst von Moskau und Großfürst aller Rus-Länder, der ab 1462 regierte, im Jahr 1492 mit dem Bau einer ersten Festung gegründet.

Hinter den bis heute mächtigen Außenmauern der Burg Iwangorod befindet sich derzeit eigentlich viel, weiß Tanel Murre, unser estnischer Guide an diesem sonnigen Tag, zu berichten. Umso imposanter wirkt das Gemäuer, um das auch im Zweiten Weltkrieg heftig gerungen wurde. In der einen Richtung verläuft die Uferpromenade nun über die Narva-Halbinsel, wo vom Wetter gestählte und der Sommersonne gebräunte russisch-estnische Eisschwimmer rund ums Jahr ihr Hanteltraining ausüben und mancher Stadtbewohner auch ein Bad im Fluss nimmt, bis zur alten Eisenbahnbrücke zwischen Russland und Estland.

Burg Narva.
Burg Narva.

 

Auch Narvas Szene hat sich am Hafen unterhalb der alten Kasematten (nun Museum) mit Hard Rock und Underground eingerichtet. Treff ist die urige Hafenkneipe "Narva Sadam", wo es neben Frischgezapftem appetitanregende Gerichte eher russischer Provenienz gibt: opulente Fischgerichte oder Pelmeni mit Schmand etwa, dazu natürlich Wodka. Live Musik erschallt dann direkt gegenüber im Ro Art Club.

In der Burg Narva sind nun das Stadtmuseum Narva und vor allem die Mittelalter-Werkstätten im Nord-Burghof untergebracht, wo man wissenschaftlich unterstützt alte Handwerksberufe wieder zum Leben erweckt und sich tatsächlich auch um Authentizität bemüht. Noch nicht recht geklappt hatte es Ende 2019 mit der seit 2017 geplanten Installation der neuen permanenten Ausstellung des Stadtmuseums in der Burg.

Sie soll nun 2020 die letztmals 1996 umgebaute, etwas in die Jahre gekommene Ausstellung ersetzen. Doch auch schon 2019 lohnte der Besuch, der indes für die hier tagtäglich acht arbeitenden Guides eine Herausforderung darstellt. Denn sie müssen mit ihren Besuchen stets einmal treppauf wie treppab hinauf auf den Hermann-Turm. Dort kann man dann rundum den Ausblick auf Iwangorod, den russischen Grenzübergang an der Narvabrücke und die Dächer und Kuppeln der Stadt Narva genießen.

Natürlich entdeckt man das alte, wiederaufgebaute barocke Rathaus und gleich daneben den Neubau der Außenstelle der Universität Tartu, einst Ort der florierenden Börse von Narva, wohin heute eine Galerie und das schöne Café "Muna" (Café "Ei") locken. Auch die russisch-orthodoxe Auferstehungskathedrale, sie wurde 1890 bis 1898 im neobyzantinischen Stil errichtet, und die wiederaufgebaute evangelisch-lutherische Alexanderkirche von 1884, die 2008 sogar ihren 61 m hohen Glockenturm zurück erhielt, setzen Landmarken. Und während der Blick so über Narva und Iwangorod wandert, fällt natürlich auf, dass das historisch so scher getroffene Narva eigentlich viel mehr Aufmerksamkeit und EU-Gelder verdient hätte.

Schon seit 1991 ist Narva wieder estnisch, doch 95 % der Stadtbevölkerung sind russischstämmig bzw. sprechen Russisch: eine komplizierte, doch durchaus lösbare Hypothek für Estlands Regierung – wenn denn auch die EU mehr Euro locker machen würde.

Die Statue von Lenin.
Die Statue von Lenin.

 

Auch in der Burg lohnt der Blick auf einzelne Exponate, etwa das Portrait von Schwedenkönig Karl XII., dazu ein historisches Wimmelbild zu einer der Narva-Schlachten von 1700 oder 1704, oder auf die Öffnungen des von den Ordensrittern installierten Fußboden-Heizungssystems. Besonders beeindruckt aber der Schatz antiker römischer Münzen, die schon zu Sowjetzeiten nahe der Stadt Rakvere entdeckt wurden. Die älteste Münze stammt aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. und zeigt ein Galeerenschiff.

Schließlich geht es vorbei am sichtlich in die Ecke verbannten Lenin zu einem der mittelalterlichen Rundtürme der Außenmauer der Burg, der später zum Kanonenturm oder Rondell umgebaut wurde und nun das sehr gute Burgrestaurant "Rondeel" beherbergt. Beinahe wäre es dem Restaurant 2018 an den Kragen gegangen, man forderte die Schließung. Denn die Burg wartete vergeblich auf eine Unterstützungszahlung der Stadt Narva, saß mit fast 40.000 Euro im Minus fest.

Doch gab es auch noch den neuen Museumsdirektor Ivo Posti. Und der schaffte das unglaubliche, drehte das Minus bis zum Jahresende mit Mehreinahmen von über 100.000 Euro ins deutliche Plus und rettete so auch das "Rondeel", wo man drinnen hinter den meterdicken Mauern, aber noch schöner open air auf der alten Balustrade der Wehrmauer mit Blick auf die Hermannsfeste speist. Natürlich muss man auch festhalten, dass das "Rondeel" wohl auch das östlichste Restaurant Kontinentaleuropas ist.

Unter den servierten Leckereien ragen der Ziegenkäse, Rinderbraten mit Preiselbeeren und natürlich die absolute Stadtdelikatesse, Lampery, hervor: Die Filets vom Flussneunauge werden auch als Vorspeisen serviert. Es gibt sie aber auch geräuchert oder vom Grill und mit unterschiedlichsten Beilagen serviert. Auch Pilze, allen voran saisonal Pfifferlinge, dürfen im "Rondeel" nie fehlen. Dazu bestellt man im "Rondeel" Wein oder Bier, idealerweise sogar aus heimischer Produktion.

Möglich macht dies seit 2016 Narvas Mikro-Brauerei Narvia OÜ, die u. a. das "Narvia 1345"-Bier produziert. Den Namen haben die Besitzer zu Ehren der historischen Ersterwähnung des einstigen Fischerdörfchens Narva gewählt. Es wurde 1345 aktenkundig. Auch als Hauptgericht winken Lampery, Flussneunaugen, z. b. in Rotweinsauce, mit Pfifferlingen und Kaninchen-Relish serviert. Und auch die Desserts sind prima: Allen voran sollte man auf Eiscreme setzen, ob nun Beereneiscreme aus herb süßlichen Aronia (schwarzer Apfelbeere) und Moosbeeren, Sanddorneis oder Schwarzbrot-Eis! Nur zu empfehlen!

Information:
Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), Lasnamäe 2, 11412 Tallinn, Estland, Tel. +372 627 97 70, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/de , http://visitsouthestonia.com/en/
Narva Tourist Information and Visitor Centre, Peetri plats 3, 20308 Narva, Tel. +372 359 91 37, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://tourism.narva.ee/de?lang=3; Öffnungszeiten. tgl. 10.00 – 17.30 Uhr

In Narva:
Rondeel Restoran, Peterburi maantee 2 (in der Hermannsfeste), 20308 Narva, Tel. +372 359 92 50, Tel. +372 5820 66 66, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.narvamuuseum.ee , www.facebook.com/Rondeelrestoran ; Öffnungszeiten: tgl. 12.00 – 23.00 Uhr
Café "Muna" (Café Ei"), im Naarva College (Erdgeschoss), Raekoja plats 2, 20306 Narva, Tel. +372 515 50 40, Tel. +372 354 96 65, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.kohvikmuna.ee ; Öffnungszeiten: Mo – Do 9.00 – 20.00, Fr, Sa 9.00 – 23.00, So 10.00 – 18.00 Uhr
Hermannsfeste (Hermanni linnus) mit Narva Museum, Peterburi maantee 2, 20308 Narva, Tel. +372 359 92 30, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://narvamuuseum.ee/eng/; tgl. 10.00 – 18.00 Uhr; Eintritt: 9.7. – 1.9. 12 €, 25.5. – 8.7. 8 €, sonst 4 €

Das Projekt wird unterstützt vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung.)

Fotos: Ellen Spielmann

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Zuletzt bearbeitet am 11/03/2020

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