Heringsfresser in der Küche der Greifen (Teil 2)

Frisch gestärkt geht es vom Schlossrestaurant "Na Kuncu Korytarza"dann in den Haupthof des Schlosses, das – auch ein Unikum – die Oper der Stadt beherbergt und den Konzertsaal in der einstigen Schlosskirche hat, jene berühmte astronomische Turmuhr anschauen, die der schwedische König 1693 den Stettiner schenkte...

Die von Caspar Nitardi geschaffene Uhr zeigt im Zentrum den Maskaron, dessen Augen dem Verlauf der Zeiger folgen. In seinem Mund ist das Tagesdatum abgebildet, während der Narr die vollen und Viertelstunden schlägt.

Nur Schritte vom Schloss entfernt steht dann die älteste Kirche Pommerns, die St.-Peter-und-Paul-Kirche. Schon 1124 soll hier Missionsbischof Otto von Bamberg mit einem Holzbau zur christlichen Tat geschritten sein, ab 1223 bis 1227 wurde dann alles in Backstein erneuert, ab 1425 in gotischem Mauerwerk fertiggestellt. Bis heute ist außen eine von den zwei Heiligen flankierte Almosennische aus dem 14. Jahrhundert mit Münzschlitz erhalten – sicher eine der ältesten Spardosen der Welt.

Und natürlich muss man auch über die Straße auf den völlig neu gestalteten Solidarnosc-Platz mit dem Denkmal für die seit dem 30.8.1980 freie polnische Gewerkschaft. Denn hier versammelten sich schon 1956, 1970/71 und dann im August 1980 die Arbeiter der Stettiner Werft zu Protest und Streik. Marian Jurzyk als Vertreter des Streikkomitees sowie Kazimierz Barcikowski als Regierungsvertreter unterzeichneten dann in der Stettiner Werft an diesem Tag das berühmte, den Weg aus dem Kommunismus bereitende Abkommen. Erst einen Tag später, am 31.8., war dann Lech Walesa mit seinem berühmten riesigen Kugelschreiber in der Danziger Werft an der Reihe.

Im Hafen von Szczecin...
Im Hafen von Szczecin...

 

Direkt am Platz eröffnet seit 2015 auch das neue Dialogzentrum "Umbrüche", dessen fulminante Ausstellung zur jüngeren Stadtgeschichte man unbedingt besuchen sollte. Natürlich spielten auch die Nazizeit und das Kriegsende 1945 und die Luftangriffe eine bedeutende Rolle, dazu die schreckliche Judenverfolgung, die Zerstörung der Synagoge durch Brandstiftung 1938, die Verhaftung und Ermordung katholsicher Priester und Würdenträger durch die Gestapo.

Aber die auf Versöhnung angelegte Ausstellung zeigt auch die Zeit des Sozialismus, samt kurioser Objekte wie die 2015 geschaffene Silikonskulptur eines Fiat 126p mit dem Titel "Willst du noch ein Zuckerstück, geh doch zu E. (Edward) Gierek zurück". Die Anspielung des Künstlers Tomasz Mroz (Jahrgang 1979) galt der unter größter Beengung im Auto ausgelebten Reiselust der Polen in den 1970er Jahren, die vor allem nach Bulgarien führte.

Am Platz findet sich seit 2014 zudem der aktuell größte Stolz Szczecins, die neue Philharmonie. Der glänzend weiße, preisgekrönte Bau der spanischen Architekten Veiga und Barozzi aus Barcelona bietet 12.000 m² Fläche auf vier Etagen und mehrere Konzertsäle – ein Muss für alle Musikfreunde. Gleich neben an findet sich dann mit dem ehemaligen (wie heutigen) Polizeipräsidium Stettins, über dessen Hauptprotal weiterhin die Roland-Statue wacht, ein weiteres Menetekel der Vergangenheit.

Konzertraum der neuen Philharmonie.
Konzertraum der neuen Philharmonie.

 

Ein Muss nicht nur für Musikfreunde ist dann die Jakobskathedrale, die Papst Johannes Paul II. 1983 zur Basilika minore erhob. Die neue Domorgel mit 4743 Pfeifen ist nach ihm benannt. Szczecins Dom, von 1535 bis 1945 die evangelische Jakobikirche genutzt und schon ab 1237 erbaut, erlebte zum Beispiel die Uraufführung von Felix Mendelssohn-Bartholdys "Sommernachtstraum".

Und hier wirkte über 46 Jahre der Kantor und Organist Carl Loewe, dessen Herz in den ersten südlichen Pfeiler der alten Orgel eingemauert wurde. Natürlich beeindruckt der Sakralbau mit Hauptaltar und Skulptur des Kirchenpatrons Jakobus dem Älteren sowie mit zahllosen reichgeschmückten Nebenaltären, die nicht selten von Fischern und andere Berufsvereinigung, auch von der Solidarnosc, gestiftet wurden. Am nachhaltigsten in Erinnerung bleibt aber der Gedenkaltar für den von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochenen polnischen Pater Maximilian Kolbe, der im Konzentrationslager Auschwitz für einen polnischen Familienvater freiwillig in die Todeskammer ging.

Schon 2007 erhielt das 1944 stark zerstörte Gotteshaus auch seinen Turmhelm zurück, seit 2009 kann man dank zweier Fahrstühle auch hinauf zur neuen Aussichtsplattform des 110 m hohen Turms. Der einzigartige Blick von hier oben fällt natürlich auf den Hafen und die Werften, auf den Hauptfriedhof, den drittgrößten Europas, und natürlich auf die Altstadt mit dem Schloss, auf das alte Rathaus mit dem Heumarkt, auf die nach Stettins wirtschaftlich erfolgreichstem Bürgermeister benannte Hakenterrasse und das sich daran anschließenden Amt der Woiwodschaft Westpommern.

Stettins Hakenterrrasse.
Stettins Hakenterrrasse.

 

Das wurde 1905 bis 1911 als Regierungssitz erbaut wurde. Dort sollte man unbedingt das grandiose Treppenhaus bewundern. Und die exzellenten polnischen Restauratoren haben dort im hinteren Teil sogar noch alte deutsche Amtsbürobezeichnungen wie "Regierungs-Hauptkasse" erhalten.

Gut auch, dass es das Grand Park Hotel gibt. Mit dem Spa & Wellness-Bereich, dem Restaurant/Café Rusalka, der wunderbaren Aussichtsterrasse am See und dem weitläufigen Kasprowicz Park vor der Tür ist der perfekt restaurierte Fachwerkbau die ideale Adresse in Szczecin.

Ein Drittel der Gäste reist aus Deutschland an. Ursprünglich stand hier einmal eine alte Mälzerei, in der um 1900 das höchst renommierte Restaurant im Haus am Westendsee Gourmets anlockte. Das Grand Park Hotel ist auch der richtige Ort, um einmal darüber nachzudenken, wer eigentlich literarisch für Stettin steht. Rostock hat seinen Walter Kempowski samt Tadellöser & Wolff und dem legendären "Uns geht? S ja noch Gold"! Danzig ist heute untrennbar mit Günter Grass und der Blechtrommel verknüpft. Und Szczecin/Stettin?

Nun, hier wurden Alfred Döblin und der wohl größte flanierende Literat der 1920er Jahre, Franz Hessel, geboren. Beide reüssierten aber eher in Berlin und Paris. Bleibt eine wunderbare Anthologie von Diethard H. Klein, der in "Stettin: ein Lesebuch" in 111 Beiträgen Literatur zu Stettin versammelt. Und Hans Hoffmann (1848 – 1909), gebürtig aus Stettin, verfasste Novellen und Romane zu Pommern.

Das Grand Park Hotel.
Das Grand Park Hotel.

 

Schließlich könnte auch eine frühe Dame der deutschen Literatur eine Entdeckung fürs Kuschelkissen sein: Friederike Adelung aus Stettin (18783 – 1817) verfasste den seinerzeit bekannten Roman "Emma oder Liebe und Täuschung". Alles weitere zu Szczecin/Stettin folgt dann im zweiten Teil der Reportage zur großartigen Stadt am Oderhaff.

 

Information generell:
Polnisches Fremdenverkehrsamt, Hohenzollerndamm 151, 14199 Berlin, Tel. 030 210 09 20, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.polen.travel
Regionale Tourismusorganisation West Pomerania/Westpommern ZROT (Zachodniopomorska Regionalna Organizacja Turystyczna ZROT), ul. Partyzantów 1, 70.-222 Szczecin, Tel. +48 91 433 41 26, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.zrot.pl

Information in Szczecin (Stettin):
Centrum Informacji Turystycznej Szczecin (Tourismuszentrale Stettin), This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.zstw.szczecin.pl/pl/turystyca , www.szczecin.eu
Punkt Informacji Turystycznej, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.zstw.szczecin.pl/pl/turystyca , www.szczecin.eu
CIKIT Centrum Informycji Kulturalnej i Turystycznej Zamek Ksiazat Pomorskich (CIKIT Zentrum für Kultur und Tourismusinformation im Schloss der Pommernherzöge), This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.zamek.szczecin.pl/cikit/index.php , www.szczecin.eu
Szczecin per Fahrrad: Stadtrad Stettin, www.bikes-srm.pl

Sightseeing/Museen/Kultur:
Centrum Dialogu Przelomy (Dialogzentrum "Umbrüche"), https://przelomy.muzeum.szczecin.pl/
Filharmonia Szczecin (Philharmonie Stettin), This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., https://filharmonia.szczecin.pl/de
Jakobskathedrale Stettin (Katedra Swietego Jakuba Szczecin), www.katedra.szczecin.pl/deutsch/
Nationalmuseum Stettin (Muzeum Narodowe w Szczecinie), This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.muzeum.szczecin.pl ; Öffnungszeiten: Di – Sa 10.00 – 18.00, So 10.00 – 16.00 Uhr; Eintritt: 12 PLN (Zloty), inkl. Dialogzentrum
Schloss der Pommernherzöge (Zamek Ksiazat Pomorskich), This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.zamek.szczecin.pl  mit:
Oper im Schloss, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.opera.szczecin.pl

Außerdem: Hakenterrasse, Haus der Wojwodschaft, Sankt-Peter-und-Paul-Kirche (Kosciól sw. Piotra i Pawla) mit Almosennische (14. Jh.) und vieles mehr

Übernachten:
Grand Park Hotel, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.grandparkhotel.pl ; mit Restaurant/Café Rusalka, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.)

Essen und Trinken:
Rest. "Na Kuncu Korytarza" ("Küche der Greifen") mit Klub sledziozerców (Klub der Heringsfresser), im Zamek Ksiazat Pomorskich (Schloss der Pommernherzöge), This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.nakuncu.pl

 

Impressionen:


Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 11/02/2020

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