Estlands Käsmu: Im ehemaligen Reich der Kapitäne (Teil 2)

Der architekturhistorisch bedeutendste Bau des Dorfes Käsmu ist die steinerne Dellingshausen-Kapelle, die auch Generalskapelle genannt wird. Sie wurde 1846 nach General Nikolai von Dellingshausen benannt...

Sie steht gleich hinter der hölzernen Dorfkirche mit dem schmucken Friedhof auf dem Kabelimägi, dem Kapellenberg. Dieser General war auch sonst sehr bedeutsam für Käsmu. Denn er ließ hier 1840 ein erstes Sommerhaus erbauen – und begründete so den Tourismus im Ort. Seither avancierte Käsmu zum höchst beliebten Sommerferienziel – und beherbergte illustre Gäste wie Edmund Russow, Peter Ustinov, Romulus Tiitus, natürlich auch den jungen Komponisten Arvo Pärt oder Gustav Ernesaks.

Und auch heute steht der Miete eines Ferienhauses mit Kapitänsvergangenheit in Käsmu absolut nichts im Wege. Grund für die große Anzahl an Dorfkapitänen war indes die Eröffnung der Marineschule in Käsmu, die hier von 1884 bis 1931 bestand. Damals besaß ganz Russland nur fünf Marienschulen, ebenso viele wie Estland, während in Lettland sogar sieben Marineschulen öffneten. Die Wahl von Käsmu war also damals eine große Ehre für das Dorf.

Bis 1918 war das extra zu diesem Zweck errichtete Gebäude der Marineschule an Käsmus Hauptstraße ihr Domizil. Von 1918 bis 1931 wechselte man dann ins frühere zaristische Grenzkordonhaus, in dem nun das Meeresmuseum untergebracht ist. Die offiziellen Zahlen nennen insgesamt 1664 Studenten dieser berühmten Schule. Und die Schüler aus Käsmu waren besonders erfolgreich.

Gleich 94 erhielten hier ihr Kapitänsdiplom. Dabei lebten damals in Käsmu nur 100 Familien! Aber Käsmu war damals auch ein "Frauendorf", zumindest für einen Großteil des Jahres. Denn die Gatten und Väter waren ja auf See. Also sorgten die Ehefrauen und Mütter dafür, dass ihre Sprösslinge eifrig lernten – um den Reichtum von Käsmu später zu mehren. Und der war durchaus gewaltig.

Restauriertes Kapitänshaus in Käsmu.
Restauriertes Kapitänshaus in Käsmu.

 

Denn um 1900 verdiente man in Käsmu etwa das Zehnfache dessen, was in Tallinn verdient wurde. Hinter diesem enormen ökonomischen Erfolg steckte vor allem die stark ausgeprägte Dorftradition zum Zusammenhalt. Denn Schiffe kaufte das Dorf damals gemeinsam. 20 kg Gold soll damals ein für den Atlantik taugliches Segelschiff gekostet haben. Da legte man zusammen.

In den Hochzeiten sollen die Dörfler gemeinsam 16 Schiffe besessen haben, dazu waren weitere 16 Schiffe geleast. Dieser auch durch Tradition und Religion bestimmte Gemeinschaftssinn hatte dabei auch noch einen besonderen Nebeneffekt. Denn die Tantiemen aus den Schiffstransporten flossen auch dann an die Witwen weiter, wenn die Ehegatten nicht mehr heimkehrten. So besaß dies "Frauendorf" schon früh ein der Rente vergleichbares System.

Dies alles erfährt man im 1993 eröffneten Meeresmuseum im einst zaristischen Grenzkontrollhaus. Es wurde auch militärisches Kordonhaus genannt, weil es später von der Marine der Sowjetarmee genutzt wurde. Zwei Bunker, einer für die Offiziere, einer für die Mannschaft, dazu eine verrostete Seemine und Ankerketten vor dem Museumseingang erinnern bis heute an diese Zeit.

Gründer waren der pensionierte Biologe, Ichthyologe und Fischfarm-Entwickler Aarne Vaik und seine Gattin und heutige Museumsdirektorin Triin Saks. Gerade hat sie einen ihrer berühmten Kuchen im Backofen, mit denen sie die Museumsbesucher bewirtet. Und trotz der gewissen Aufregung, nur nicht den richtigen Garzeitpunkt zu verpassen, nimmt sie sich Zeit für einen gemeinsamen Rundgang durch die heiligen Hallen.

Rundgang in dem kleinen Museum...
Rundgang in dem kleinen Museum...

 

Allein 200 größere Objekte hat das Ehepaar drinnen und draußen versammelt. Dazu gibt es die thematisch gegliederten Bereiche Fischerei, Segeln, Schmuggel und Dorfgeschichte. Und natürlich dürfen auch historische Möbel und die Kunstwerke von Aarne Vaik nicht unerwähnt bleiben. Da ist etwa ein Kunstwerk mit vier Forken und Fisch. Und da ist Aarne Vaiks wohl berühmtestes, preisgekröntes Kunstwerk: Aarne Vaik malte über die Jahre immer wieder den gleichen Blick vom Museum hinaus auf die Bucht von Käsmu.

Die Holztäfelchen mit dem stets auf Neue überraschendem, nie gleichen Anblick des Meeres sind nun an Hängern im Museum ausgestellt – und die beste Werbung für die zwei wie ihren Umgang mit der Natur überhaupt. Begeistert präsentiert Museumsdirektorin Triin Saks aber auch die Sammlung historischer Postkarten aus aller Welt, die die Seemänner aus Käsmu einst ihren Lieben daheim zuschickten.

Beeindruckend ist auch die historische Wandkarte "Mathematische Geographie" von Prof. Georg Jausz. Aber am Spannendsten sind natürlich die Erzählungen von Triin Saks. Denn natürlich waren die Kapitäne aus Käsmu auch sparsam – und schlau. Ein verärgerter von Dellinghausen, der gerne gewollt hätte, dass die meist nur zur Pacht wohnenden Kapitäne ihre Häuser auch mal kaufen, äußerte den Verdacht, das unter den Kopfkissen der reichsten Seefahrer locker Gold für zwei Schiffe schlummere.

Auch der monumentale Findling hinter dem Haus, er steht schon im Meer und ist per Leiter zu erklimmen, hat eine Geschichte. Er trägt den Spitznamen "100 Pfund"! So viel Geld legte ein Kapitän ruckzuck auf den Tisch, als 1891 die Finanzierung des Leuchtturms ins Stottern geriet.

Museumsdirektorin Triin Saks.
Museumsdirektorin Triin Saks.

 

Und während im Ofen der Kuchen gart, bewundern wir am Kücheneingang einen historischen Stuhl aus dem frühen 18. Jahrhundert, auf dem angeblich einmal Zar Peter der Großen Platz genommen habe. Spannend ist auch das historische Foto-Diorama im Nebenzimmer. Nur beim Wintergarten scheiden sich die Geister. Denn für Triin Saks ist das natürlich ein verglaster Sommergarten, im Winter würde sie sich hier nie aufhalten. Dafür bewundern wir das hier ausgestellte historische Tafelservice.

Zum Captain`s Dinner kommt es aber in Käsmu nicht mehr. Dafür sollte man zu den historischen Gutshöfen Sagadi oder Palmse wechseln. Das Gut Palmse, ab 1677 bis 1923 im Besitz der baltendeutschen Adelsfamilie von Pahlen, ist heute auch Sitz der Nationalparkverwaltung sowie der Tourismusinformation. Das überaus schmucke, nun als Top-Museum genutzte Herrenhaus mit dem prachtvollen Park am See, der sogar mit einem historischen Kaffeehäuschen, dem Palmenhaus, einem Gartenlabyrinth und einem Rotundentempel aufwartet, biete nebenan auch das Park Hotel Palmse.

Nur neun Kilometer entfernt lockt im Dörfchen Sagadi, deutsch Saggad, auf 1444 zurückdatierende Gut Sagadi. Hinter dem historischen Torhaus locken das Gutshaus und im Park mit Teich über 100 Baumarten. An der Rezeption für Hotel und Restaurant werden auch Räder verliehen. So kann man dem Pendant des Kapitänsdorfes Käsmu, dem 5 km entfernten Fischerdöfchen Altja die Aufwartung machen und im Altja Korts, der historischen reetgedeckten Dorftaverne, urig und deftig speisen. Auf Gut Sagadi wartet die gute Küche mit Bären-, Elch- und Wildschweinbraten auf. Kurzum: die perfekte Adresse!

Sagadi Manor.
Sagadi Manor.

 

Information:
Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), www.visitestonia.com/de , http://visitsouthestonia.com/en/
Käsmu Meeresmuseum (Käsmu Meremuuseum), www.kasmu.ee/en
Nationalpark Lahemaa: www.lahemaa.ee
Palmse Manor (Gutshof und Freilichtmuseum Palmse), www.palmse.ee ; und Park Hotel Palmse, www.phpalmse.ee/?lang=de
Sagadi Manor (Gutshof Sagadi), https://sagadi.ee/en, www.visitestonia.com/de/gutshof-sagadi-das-hotel
Museum im Gutshaus Sagadi: This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.sagadi.ee/museum/manor-house-of-sagadi
Waldmuseum Sagadi: www.sagadi.ee/museum/forest-museum

(Das Projekt wird unterstützt vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung.)

Fotos: Ellen Spielmann

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Zuletzt bearbeitet am 18/01/2020

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