Estlands Käsmu: Im ehemaligen Reich der Kapitäne (Teil 1)

Estlands Nationalpark Lahemaa birgt mit dem Ostseedörfchen Käsmu und den Herrenhäuser Sagadi und Palmse wahre Juwelen...

Schon lagen vor Ankunft ist der Weg zum über die Jahrzehnte zu stolzer Berühmtheit gelangten "Kapitänsdorf" Käsmu perfekt ausgeschildert. Das muss auch sein! Denn hier "hinauf", in diesen auf den ersten Blick eher abgelegenen Winkel nordöstlich von Estlands Hauptstadt Tallinn, gelangen vor allem die wahren Enthusiasten unter den Estland-Urlaubern – und vor allem solche, die auch die üppige Natur im 1971 gegründeten, damals ersten und damit ältesten Nationalpark im Roten Riesenreich der Sowjetunion schätzen.

Der Nationalpark umfasst 747,84 km² oder 74.784 ha! 47.910 ha davon sind Land, 26.874 ha aber im Bereich der Ostsee. Denn hier, am Finnischen Meerbusen und beinahe schon in Estlands "wildem Osten", dominieren die vier großen, durch Buchten getrennten Halbinseln Juminda, Pärispea, Käsmu und Vergi. Sie strukturieren den Küstenverlauf und gaben Lahemaa seinen Namen.

Der Nationalpark bietet daher auch Kies- und Sandstrände, dazu üppige Kiefern- und Klippenwälder, die etwa Deutschlands größtes zusammenhängendes Waldgebiet, die Schorfheide in Brandenburg, ohne Mühe übertreffen, die Wälder von Körvemaa mit Elchen, Braunbären, Wildschweinen, Wölfen, Luchsen, Füchsen und Bibern. Und selbstverständlich kreisen hier auch Fisch-, Stein- und Seeadler, Schwarzstörche klappern, Moorschneehuhn und Nerze sind heimisch.

Das kleine Dorf Käsmu: zwischen Nationalpark und Ostsee...
Das kleine Dorf Käsmu: zwischen Nationalpark und Ostsee...

 

Am faszinierendsten sind die bis zu 7000 Jahre alten Hochmoore, allen voran das Hochmoor Viru! Dank der Nationalparkverwaltung ist das weitläufige Gebiet auch perfekt für Wanderer und Radler erschlossen und eine gewaltige Oase der Ruhe und Erholung. Käsmu erreicht man am besten vom Abzweig der Europa-Fernstraße 20 von Tallinn nach Narva in Richtung des Städtchens Loksa. Dabei kann man dem Hochmoor Viru sogar seine Aufwartung machen. Lehrpfade und ein Aussichtsturm erschließen das Terrain.

Hinter Loksa geht es weiter zur gleichnamigen, wie ein Finger in die Ostsee ragenden Halbinsel Käsmu. Hier, am auch Golf von Finnland genannten Finnischen Meerbusen, versteckt sich das äußerst pittoreske Hafendörfchen zwischen der Eru-Bucht im Westen und der Käsmu-Bucht im Osten. Das auch heute außerhalb der mild-warmen Sommermonate gerade einmal 130 Bewohner zählende, mit angenehm erholsamer Stille aufwartende Dorf wurde erstmals 1453 erwähnt. Damals wurde der Ort Kesamo genannt – und "kesä" bedeutet Sommer, was darauf schließen lässt, dass hier damals nur in der heißen Jahreszeit Fischfang betrieben wurde.

Um 1524 sah dies schon ganz anders aus. Für diese Zeit gilt bereits eine feste Besiedelung als gesichert. Vor allem Ostseehering und Flundern gingen den Fischerfamilien ins Netz. Damals war die Bevölkerung vor allem estnisch und schwedisch geprägt, Käsmu war schwedisch als Casperwiek, deutsch auch als Kasperwiek und Hasterwiek bekannt. Das große Plus im kleinen Käsmu war dann der eisfreie Meerhafen. Dieser wurde zum bevorzugten Ort für Überwinterung ganze Schiffsbesatzungen, dann auch militärisch relevant, als er in russischer imperialer, zaristischer Zeit zum Winterhafen ausgebaut wurde und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sogar zum Grenzkontrollort aufstieg. Gleichzeitig war aber Käsmu im 19. und auch im 20. Jahrhundert ebenso berühmt für den Alkoholschmuggel über die Ostsee.

Denkmal von 2013, das an die lange Schiffsbau- und Werfttradition in Käsmu erinnert
Denkmal von 2013, das an die lange Schiffsbau- und Werfttradition in Käsmu erinnert

 

1891 erhielt Käsmu sogar seinen berühmten weißen Leuchtturm, den wir versteckt hinter der heutigen Topattraktion des Dorfes, dem privaten Meeresmuseum entdecken. Unterhalb liegt ein Holzboot vertäut im Hafen. Es ist der 2010 entstandene Nachbau eines Wikingerschiffs, der "Aimar". Es soll an die lange Schiffsbautradition in Käsmu erinnern und helfen, dies wiederzubeleben. Vor dem Leuchtturm lockt ein kleiner Gartenpavillon unter blühenden Bäumen zur Muße, während sich 50 m weiter und direkt über dem kleinen Jachthafen ein Denkmal erhebt, das von einem den Horizont fest im Blick behaltenden Hund gekrönt ist.

Es erinnert seit seiner Enthüllung im Jahr 2013 an die große Werfttradition in Käsmu. Hier wurden die Zweimaster "Toudar" (1890/1892), "Polaris" (1899), "Edmund" (1900) und "Adina" (1901) gebaut. Unterhalb des Denkmals kann man übrigens wunderbar vor dem einzigen Lebensmittelladen des Dörfchens parken, dort auch Souvenirs erstehen und nebenan auf der Sonnenterrasse des modernen Dorfcafés auch den Blick auf Hafen und Ostsee genießen.

Lange gehörte Käsmu der deutsch-baltischen Adelsfamilie von Dellingshausen die im Gutshaus Aaspere lebte. Für den ersten Schiffsbau in Käsmu im Jahr 1697 sorgte indes ein anderer: Es war der Baron vom ebenso nahen wie riesigen Landgut Palmse. Seither wurden in Käsmu Schiffe gebaut. Und das Dorf erhielt nach und nach auch seinen bis heute genutzten Titel "Kapitänsdorf".

Die restaurierte älteste Kapitänsschule von Käsmu.
Die restaurierte älteste Kapitänsschule von Käsmu.

 

Bis zu 150 Seeleute verließen jährlich vor allem im 19. Jahrhundert und noch bis in die 1930er Jahre das Dorf, um auf große Fahrt zu gehen. Und ein Großteil dieser den Weltmeeren trotzenden Helden besaß sogar das Kapitänspatent. Bis heute künden die vielfach herrlich restaurierten geräumigen historischen, oft in Holzbauweise errichteten Kapitänshäuser von jener Blütezeit von Käsmu – der größte Schatz des Dorfes...

Information:
Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), www.visitestonia.com/de , http://visitsouthestonia.com/en/
Käsmu Meeresmuseum (Käsmu Meremuuseum), www.kasmu.ee/en
Nationalpark Lahemaa: www.lahemaa.ee
Palmse Manor (Gutshof und Freilichtmuseum Palmse), www.palmse.ee ; und Park Hotel Palmse, www.phpalmse.ee/?lang=de
Sagadi Manor (Gutshof Sagadi), https://sagadi.ee/en, www.visitestonia.com/de/gutshof-sagadi-das-hotel
Museum im Gutshaus Sagadi: This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.sagadi.ee/museum/manor-house-of-sagadi
Waldmuseum Sagadi: www.sagadi.ee/museum/forest-museum

(Das Projekt wird unterstützt vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung.)

Fotos: Ellen Spielmann

Submit to DiggSubmit to FacebookSubmit to Google PlusSubmit to TwitterSubmit to LinkedIn
Zuletzt bearbeitet am 19/01/2020

Artikel weiterempfehlen und/oder drucken (auch PDF):

Letzte News

Letzte Artikel

Genuss-Newsletter abonnieren?

Mit der Anmeldung zu unserem Newsletter erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen (s.l.) einverstanden. Eine Bestätigungsmail mit einem Aktivierungslink wird nach der Anmeldung an die angegebene Mailadresse versendet. __________________________
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.