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Tintinnabuli am singenden Sandstrand von Laulasmaa! (Teil 2)

Heute gilt Arvo Pärt als einer der wichtigsten Komponisten für den Bereich Neue Musik aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er gilt als der Repräsentant der "Neuen Einfachheit"!

Und er ist berühmt für die Schaffung jenes neuen Kompositionsstils, der als "Tintinnabuli" längst in die Musiktheorie Eingang gefunden hat. Tintinnabulum steht lateinisch für "Klingel", "Schelle", am ehesten für "kleine Glocke", also Glöckchen. So ein Tintinnabulum wird gern an vergoldetem Rahmen und geschützt durch einen Seidenschirm, den "padiglione", auf katholischen Prozessionen vor dem Allerheiligsten hergetragen. Während Messen steht es auch am Altar.

Den Tintinnabuli-Stil setzte Arvo Pärt erstmals 1976 im Klavierwerk "Für Alina" ein. Ihm folgte, vielleicht als großer Durchbruch, 1978 das Werk "Spiegel im Spiegel". Alles basiert auf Pärts mystischer Erfahrung mit dem Kirchengesang. Seine Tintinnabuli-Musik dominieren zwei Stimmen: Die erste, die Tintinnabuli-Stimme, umfasst einen Dreiklang, der in Arpeggien gebrochen wird. Die zweite Stimme bewegt sich in diatonischen Schritten. Pärt selbst erklärte es so: "Tintinnabuli ist eine mathematisch exakte Verbindung einer Linie mit einer anderen… Tintinnabuli ist die Regel, bei der die Melodie und die Begleitstimme … eins sind. Eins und eins ergibt eins – nicht zwei. Das ist das Geheimnis der Technik."

Wie all dies klingt, erfahren die vielen Besucher des Arvo-Pärt-Zentrums hörte auch per Knopfdruck. Denn der ausgehändigte Audio-Guide ermöglicht auch, jederzeit eines der berühmten Werke Arvo Pärts zu hören – und sich von ihrem Klang fangen zu lassen. Das sind so berühmte Kompositionen wie das Passionswerk Passio, der Cantus in Memoriam Benjamin Britten, Tabula Rasa (1977), Te Deum, Miserere oder Adam`s Lament. Weitere Top-Werke sind Festina lente, Magnificat, die Berliner Messe oder ein Werk, das den herrlichen Titel und die musikalische Antwort auf die Schlüsselfrage "Wenn Bach Bienen gezüchtet hätte" trägt und ebenfalls aus dem Geburtsjahr des Tintinnabuli-Stils, 1976, stammt. Tja, was wäre gewesen, wenn Back Imker gewesen wäre? Dass Arvo Pärt auch mit "weißem Licht" komponiert, das alle Farben enthält, die der Zuhörer wie durch ein Prisma erleben kann, wird auch klar, als wir die außergewöhnlichen Farben der Bestuhlung im herrlichen Konzertsaal bewundern.

Bühne im Arvo Pärt-Zentrum.
Bühne im Arvo Pärt-Zentrum.

 

Hier haben die spanischen Architekten vor allem bei der Tontechnik ein Meisterwerk geleistet. Eine Ausstellungswand zeigt zudem wichtige Partner von Arvo Pärt auf seinem beruflichen Weg. Bedeutendster Lehrer von Pärt war Heino Eller, der, und hier liegt eine weitere Lösung, wohl in oder nahe Laulasmaa. Die Wahl Pärts, das Zentrum an diesen Ort zu legen, war also mit Bedacht. Im Reigen der hier mit Fotoportraits Geehrten befindet sich auch Pärts wichtigster Verleger und Produzent Manfred Eicher. Und natürlich gehört zu der hier offenbarten Lebensgeschichte von Pärt auch, dass er 1980 aus der Sowjetunion emigrieren musste, mit Gattin Nora und den Kindern nach Wien ging, um noch im gleichen Österreich wieder gen Berlin zu verlassen. Dort lebte die Familie dann bis 2010, ehe sie nach Estland zurückkehrte.

Die Berliner Zeit, so Sohn Michael Pärt beim Gespräch in der mit gutem Angebot aufwartenden, in sachlich skandinavischem Stil gehaltenen Cafeteria, sei aber nun beendet. Und er klärt unsere Frage, warum im Foyer so viele bemalte Umtöpfe die Regale füllen. Die bemalte Arvo Pärt auf Anraten eines Freundes und seiner Gattin 1976 in einer seiner größten Schaffenskrisen. Mit Erfolg: Denn die bemalten Blumentöpfe führten zur Rückgewinnung seiner Kreativität zur Schaffung seines Tintinnabuli-Kompositionsstils. Und Michael Pärt rät, unbedingt auch einen Blick vom Aussichtsturm des Zentrums auf die umliegende Landschaft zu werfen. Tatsächlich ist die Aussicht atemberaubend. Erst einmal fällt der Blick aber nach unten auf das Zentrum, dessen Architektur sich als ein Konglomerat von Fünfecken darstellt – eine Hommage der Architekten an Arvo Pärts Musik. Dann aber wandern die Augen über das grüne Band der Bäume bis hin zum blauen Horizont und zur Bucht von Laulasmaa, auf deren Wellen sich hunderte Segelboote, tummeln, deren weiße Segel wie Noten auf einem Notenblatt tanzen. Dies alles noch dazu am singenden Sandstrand von Laulasmaa.

Segelboote in der Bucht von Laulasmaa.
Segelboote in der Bucht von Laulasmaa.

 

Unbedingt sollte man zum Abschluss im Musikladen des Zentrums zu einer der angebotenen Arvo Pärt-CDs greifen, um seine Musik später noch einmal in Muße zu genießen. Dies kann man übrigens 2020 auch in Belgien, exakt in Gent. Denn zur weltweit bedeutendsten Kunstausstellung des Jahres, der Präsentation des berühmten, nun restaurierten Genter Altars von Jan van Eyck, wird auch Arvo Pärt präsent sein. Gents Stadtgewaltige schenkten Pärts Tintinnabuli-Stil das Vertrauen und engagierten den Weltstar für die ausgelobte Auftragskomposition. Und so wird Arvo Pärt dort im September 2020 auch am Genter Altar präsent sein. Zu hören sein wird sein "Agnus Dei, the adoration of the Lamb". Wer indes nicht in Gent ist, sollte in Estlands neuen Musikwinkel, dem singenden Sand von Laulasmaa aufbrechen. Denn dieser Ausflug lohnt!

Information:
Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), Lasnamäe 2, 11412 Tallinn, Estland, Tel. +372 627 97 70, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/de , http://visitsouthestonia.com/en/
Touristeninformationszentrum Tallinn: Niguliste tänav 2, Kesklinna linnaosa, 10146 Tallinn, Tel. +372 645 77 77, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visittallinn.ee/ger ; Öffnungszeiten: 1.6. – 31.8. Mo – Sa 9.00 – 19.00, So 9.00 – 18.00 Uhr, April/Mai und Sept. Mo – Sa 9.00 – 18.00, So 9.00 – 16.00 Uhr, sonst Mo – Sa 9.00 – 17.00, So 10.00 – 15.00 Uhr

In Laulasmaa:
Arvo Pärt Centre (Arvo Pärdi Keskus), Kellasalu tee 3, Laulasmaa, 76702 Lääne-Harju vald, Harjumaa (Kreis Harju), Tel. +372 335 30 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.arvopart.ee ; Öffnungszeiten: Mi – So 12.00 – 18.00 Uhr; Eintritt: 5 €
Ott & Matilda Laulasmaa Kohvik, Kloogaranna tee 17, Laulasmaa, 76702 Lääne-Harju vald (Gemeinde Lääne-Harju), Kreis Harju (Harjumaa), Tel. +372 670 19 16, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.facebook.com/ottjamatilda/?hc_location=group ; tgl. 11.00 – 21.00 Uhr

(Das Projekt wird unterstützt vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung.)

Fotos: Ellen Spielmann

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Zuletzt bearbeitet am 01/01/2020

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