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Tintinnabuli am singenden Sandstrand von Laulasmaa! (Teil 1)

Zu Besuch in Estlands neuem musikalischen Aushängeschild, der "Welt der kleinen Glocken" im Arvo Pärt-Zentrum in Laulasmaa...

Nur 35 km oder ein gutes Stündchen Autofahrt sind es von Estlands Hauptstadt Tallinn in die winzige, nur 309 Einwohner zählende Gemeinde Laulasmaa an der herrlichen Ostseebucht Lahepere am Finnischen Meerbusen – ein Klacks also nur auch für die quirligen Bewohner Tallinns, die hierher praktischerweise gern auch per öffentlichem Bus (Linien 126, 127 und 128) oder der privaten Buslinie 237 fahren. Laulasmaa hat sich längst auch kommunalpolitisch emanzipiert, ist seit den 1930er Jahren auch ein äußerst beliebter Erholungsort, wo seit Anfang der 2000er Jahre auch mehr und mehr touristische Infrastruktur entsteht.

Der Grund für den Boom ist einfach: Die Laulasmaaer sind offenbar schon über Generationen höchst musikalisch veranlagt, benannten ihren herrlich inmitten von Wäldern liegenden, von der Küste perfekt eingerahmten sogar nach ihrem wunderbaren Sandstrand: Laulasmaa bedeutet "Singender Sand", weil der feinkörnige Strandsand eben so herrlich unter den Füßen knirscht und "singt". Kein Wunder also, das es hierher Schwimmfreunde und Sonnenbadende, aber auch Freizeitradler, Surfer und vor allem auch Segler zieht, die sich dieses angenehme Phänomen nicht entgehen lassen wollen.

Dass diese so von Grund auf hochmusikalische Ecke Estlands nun auch Standort für das Lebenswerk des größten estnischen Komponisten Arvo Pärt geworden ist, verwundert daher kaum. Doch ins preisgekrönte Arvo Pärt-Zentrum, es liegt 700 m außerhalb Laulasmaa wunderbar mitten im Strandwald, zieht es uns erst einmal noch nicht. Erst einmal gilt unser Interesse dem hübschen Dorfcafé: Denn in Laulasmaa muss man unbedingt zu Ott und Matilda, estnisch "Ott ja Matilda" und in ihr Ott & Matilda Laulasmaa Kohvik! Ihr Café/Restaurant mit herrlicher Konditorei und Bäckerei öffnet direkt Wegesrand. Und nicht nur das: Am schmucken Häuschen von Ott und Matilda mit ausreichend großem Parkplatz werden an einem Kiosk auch die ringsum geernteten wunderbaren lokalen und regionalen ländlichen Erzeugnisse quasi im Direktverkauf angeboten. Das sind bei unserem spätsommerlichem Besuch zum Beispiel Pilze und gleich vier Sorten phantastischer Pflaumen – eine echte Versuchung!

Die Küste vor dem Arvo Pärt-Zentrum in Laulasmaa.
Die Küste vor dem Arvo Pärt-Zentrum in Laulasmaa.

 

"Yummy, Yummy!" heißt es dann im Café. Denn die die prächtigen Torten und hausgemachten Kuchen, die Matilda und Ott an der Theke ihres Cafés anbieten, sind ein Gedicht. Dies alles in äußerst familienfreundlicher Atmosphäre und zudem zu mehr als günstigen Preisen. Auch warme Küche wird geboten, etwa Pasta (9 €). Ein Hit sind die heißbegehrten Pfannkuchen (Pannkook für 4,50 €) zum Dessert und der in Varianten angebotene Cesar Salad (9 €). Man kann herrlich draußen in der Sonne sitzen, sich etwa vom alten Kinderwagen an der Tür inspirieren lassen, in dem Heidekraut wächst, oder ganz einfach zum Kaffee die Brise des nahen Meeres spüren. Bei Schlechtwetter sitzt man gemütlich drinnen auf einem der Sofas. Überhaupt scheint Laulasmaa bestens für Besucher gerüstet. Denn nahebei öffnet hier auch das Hestia Laulasmaa Spa und Konferenzhotel mit Wasser- und Sauna-Zentrum sowie dem À-la-carte-Restaurant Wicca: Es zählt zu den 50 besten Estlands. Gastronomisch aufgeschmissen ist man im "Singenden Sand" von Laulasmaa also nie.

Genauso wenig musikalisch oder gar kulturell! Denn das nahe, auch von in Laulasmaa Erholung suchenden Spaziergängern, Joggern und Radlern gern zu Konzerten aufgesuchte Arvo Pärt-Zentrum hat noch einiges mehr – und auch viel Überraschendes zu bieten! Denn als wir die 250 m vom Parkplatz durch den von irisierenden Sonnenstrahlen in fast mystisches Licht getauchten Nadelwald und in fast völliger Stille zum Eingang des preisgekrönten Zentrums laufen ahnen wir noch kaum, was wir dort alles erfahren und lernen werden. So kann man etwa nach dem Besuch dieses Wunderwerks zu Ehren von Arvo Pärt womöglich eine besondere Frage beantworten: Was wäre passiert wäre, wenn der gute alte Johann Sebastian Bach Imker gewesen wäre und sich von Summen an seinen Bienenstöcken hätte inspirieren lassen? Und in jedem Fall erfährt man, warum das Bemalen von Blumenumtöpfen geradezu unentbehrlich fürs Kreative ist und manchmal 1 und 1 eben nicht zwei, sondern "nur" eins ist – zumindest musikalisch. Schließlich lernt man, dass Radfahren ein perfektes Synonym für das Leben des heute weltweit geschätzten und begehrten Komponisten ist.

Café von Matilda und Ott.
Café von Matilda und Ott.

 

Schon 2010 hatte die Familie Pärt dieses Zentrum erstmals geplant. Doch es sollte bis zum 13. Oktober 2018, ehe man zur Eröffnung des Arvo Pärdi Keskus schreiten konnte. Die spanischen Architekten Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano vom Architekturstudio Nieto Sobejano Arquitectos hatten es seit 2016 errichtet. Und schon ein Jahr später ist gewiss: Auch dank der riesigen Wälder und der nahen Küsten der Ostsee erlaubt ihre spektakuläre Architektur die Entfaltung einer tiefen Mystik und den Dialog zwischen Natur und Musik. Aktuell wird das Zentrum von der Familie Pärt geführt, Direktor ist Sohn Michael Pärt.

Die Kosten teilen sich die Familie, der Staat Estland und internationalen Sponsoren. Natürlich bildet das einzigartige, von Wissenschaftlern aus aller Welt genutzte Archiv zu Arvo Pärts Musik das Herz des Zentrums. Hier findet sich Pärts Gesamtwerk, Informationen und Dokumente, in Papierform und auch digitalisiert. Allein die auch für thematische Veranstaltungen genutzte Bibliothek ist ein Hingucker, ebenso die von den Architekten ausgewählten Möbel im Zentrum. Warum Arvo Pärts Wahl auf diesen Ort inmitten der Stille prächtigster Natur fiel, erfahren wir aber erst etwas später. Denn zuvor lädt uns Michael Pärt ein, im Videoraum eine 15-minütige Einführung in Leben und Werk von Arvo Pärt zu schauen.

Und natürlich erblickte er nicht als berühmter Komponist das Licht der Welt. Geboren wurde Arvo Pärt am 11. September 1935 in Paide, mithin in Estland, das damals noch unabhängig war. Seine Kindheit verbrachte er in der estnischen Stadt Rakvere, die deutsch früher auch Wesenberg hieß. Und hier begann, wie auch der Film es unvermittelt zeigt, alles mit einem Fahrrad. Daran erinnert in Rakvere heute die Skulptur 'Jüngling mit dem Fahrrad beim Musikhören', eingeweiht am 11.9.2010, zum 75. Geburtstag des Komponisten.

Aussicht vom Pärt-Zentrum.
Aussicht vom Pärt-Zentrum.

 

Das dieses "Nine-Eleven" ein wunderbarer Glückstag für die Musikwelt war, war indes nicht abzusehen, als der junge Arvo als Kind regelmäßig mit seinem Fahrrad zu jenem Marktplatz von Rakvere radelte, der heute Zentralplatz genannt wird. Dort hörte er Radio, aus dem oft Musik schallte. Die Musik kam aus einem Lautsprecher, der hoch oben an einem Telefonmast befestigt war. Dies war zur Zeit des Zweiten Weltkriegs und kurz nach Kriegsende. Zwischen dieser und der heutigen Zeit liegen extreme Lebensereignisse, die die Filmbiographie perfekt dank eines bergauf wie bergab radelnden Fahrrades illustriert…

Information:
Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), Lasnamäe 2, 11412 Tallinn, Estland, Tel. +372 627 97 70, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/de , http://visitsouthestonia.com/en/
Touristeninformationszentrum Tallinn: Niguliste tänav 2, Kesklinna linnaosa, 10146 Tallinn, Tel. +372 645 77 77, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visittallinn.ee/ger ; Öffnungszeiten: 1.6. – 31.8. Mo – Sa 9.00 – 19.00, So 9.00 – 18.00 Uhr, April/Mai und Sept. Mo – Sa 9.00 – 18.00, So 9.00 – 16.00 Uhr, sonst Mo – Sa 9.00 – 17.00, So 10.00 – 15.00 Uhr

In Laulasmaa:
Arvo Pärt Centre (Arvo Pärdi Keskus), Kellasalu tee 3, Laulasmaa, 76702 Lääne-Harju vald, Harjumaa (Kreis Harju), Tel. +372 335 30 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.arvopart.ee ; Öffnungszeiten: Mi – So 12.00 – 18.00 Uhr; Eintritt: 5 €
Ott & Matilda Laulasmaa Kohvik, Kloogaranna tee 17, Laulasmaa, 76702 Lääne-Harju vald (Gemeinde Lääne-Harju), Kreis Harju (Harjumaa), Tel. +372 670 19 16, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.facebook.com/ottjamatilda/?hc_location=group ; tgl. 11.00 – 21.00 Uhr

(Das Projekt wird unterstützt vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung.)

Fotos: Ellen Spielmann

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Zuletzt bearbeitet am 01/01/2020

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