Neue Weltsensation in San Gimignano: Seelig! Heilig! Hinthial.

Vernaccia? Geschlechtertürme? Viele, vor allem auch kulinarische und architektonische Highlights locken jährlich über drei Millionen Besucher in das für ihre einmalige Kulisse berühmte toskanische Städtchen San Gimignano...

Denn das weltweitberühmte "Manhattan des Mittelalters" darf seit dem 1. Dezember 2019 mit Fug und Recht behaupten, sich erfolgreich neu erfunden zu haben. Dabei geht es diesmal nicht um weitere der aktuell noch 14 gen Himmel stürmenden Wolkenkratzer aus dem 13. Und 14. Jahrhundert. Auch nicht um eine Neukreation des nun erfolgreich auch als Jahrgangswein vermarkteten berühmten Weißweins Vernaccia. Immerhin: Auch San Gimignanos neueste Attraktion besitzt die schlanke Eleganz der illustren heimischen Flaschen und Türme. Doch erreicht sie mit 64 cm Höhe eher nur Zwergenmaß.

Die Rede ist von einer etwa 2300 Jahre alten Bronzestatue, die schon 2010 entdeckt wurde. Doch erst jetzt wird diese einzigartige Statue, sie stellt einen jungen, gelockten Mann dar und ist etruskischen Ursprungs, erstmals der Öffentlichkeit im Archäologischen Museum von San Gimignano präsentiert. Archäologen wie Kunsthistoriker sind sich einig: Die künstlerische Qualität dieser Statue übertrifft alles bisher Entdeckte aus Italiens, wenn nicht Kontinentaleuropas erster Hochkultur.

Bis zum 31. Mai 2020 ist dieses Wunderwerk aus dem frühen 3. Jahrhundert vor Christus nun für jedermann zu bestaunen. Und als "Ombra di San Gimignano", "Schatten von "San Gimignano", übertrifft die schmale Bronzestaute sogar den etwa gleichaltrigen, weltberühmten "Mann im Schatten des Abendlichts", den "Uomo nel ombra della sera" im Museo Guarnacci in Volterra. Toskana- und Etruskerfans, aber auch die weltweite Schar der Verehrer des von dieser Skulptur wohl stark inspirierten Bildhauers Alberto Giacometti werden nun nach San Gimignano pilgern und diesen urplötzlich um dieser nun bis zu 1000 Jahre älter gewordenen Kleinstadt der Superlative eine erneute, noch ehrerbietigere Referenz erweisen.

Zudem dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis in San Gimignano der erste Etrusker-Vernaccia das Licht der Welt erblickt und der Doppelweltmeister in der Kunst edelster Speiseeisherstellung, Sergio Dondoli, ein fulminantes Etruskereis kreiert und diese Leckerei in seiner Gelateria an der Piazza della Cisterna 4 anbietet.

 

Eigentlich ist San Gimignano, die Stadt der Türme, erst ab dem Jahr 929 n. Chr. dokumentiert. Benannt wurde sie nach dem Heiligen San Gimignano, der als Bischof von Modena die heute von 7800 Menschen bewohnte Kleinstadt vor "Barbareneinfällen" schützte. Schon damals lag San Gimignano an einem wichtigen Verkehrsweg, der ab dem späten 10. Jahrhundert als Via Francigena, als Frankenweg europaweite Bedeutung erhielt. Denn der Pilger- und Handelsweg verband einst Canterbury in England mit Rom. Exakt an diesem Straßenverlauf wurden die Archäologen ab 2011 fündig.

Im Ortsteil Montauto, exakt an der Torraccia di Chiusi, wo auch ein schönes, gleichnamiges B&B öffnet (www.torracciadichiusi.it/en/homepage-en/), entdeckten 2010 Bauarbeiter bei der Renovierung eines Privathauses die Sensation. Beim Graben im Untergrund trat die Bronzestatue ans Tagelicht. Gut, dass man umgehend Experten hinzu zog, die ab 2011 das gesamte Areal bis hin zum nahen Bach Fosci inspizierten. Zutage trat – open air - eine Sensation: ein heiliges Areal aus etruskischer Zeit, das mindestens 500 Jahre, vom 3. Jahrhundert vor Christus bis ins 2. Jahrhundert nach Christus, eifrig von Gläubigen genutzt wurde. Die Statue war nahe eines Altars verbuddelt worden, der noch Spuren von Brandopfern aufwies. Zudem entdeckten die Archäologen nahebei Münzen, Keramiken, Töpfe und Fragmente von Ziegeln.

Zur heiligen Zone machte dieses Altarensemble auch, weil nahebei eine Quelle entspringt. Wie der "Mann im Schatten des Abendlichts" aus Volterra, das in der Etruskerzeit Velathri heiß, stammt die Bronzezeit des gelockten, höchst elegant in eine Toga gehüllten, mit Sandalen gekleideten, frisch rasierten Jünglings aus der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. und kann die hellenischen Einflüsse nicht verhehlen. Doch der gesamte Corpus besteht aus etruskischer Bronze.

Vermutlich wurde diese Statue, damals sogar wie auch der "Schattenmann" aus Volterra in Serie produziert und diente als Ex-Voto. Beeindruckend ist der exzellente Erhaltungszustand der Bronze samt des Jünglingsportraits mit großen Augen, dominanter Nase, vollen Lippen und markantem Kinn. Einig sind sich die Wissenschaftler nun, dass hier vermutlich ein Heiligtum an der Grenze des Einflussbereiches der alten Etruskerstadt Volterra bestand, der damals wohl bis vor die Tore des heutigen San Gimignano und ins Elsa-Tal reichte. Solche Grenz- oder Gemarkungsheiligtümer waren damals Usus.

 

Nachgewiesen ist nunmehr nicht nur die alte Annahme, dass San Gimignano schon vor der Zeitenwende ab dem 2. Jahrhundert vor Christus besiedelt war und somit über 1200 Jahre älter ist als bisher datiert. Für Bürgermeister Andrea Marrucci steht fest: "Dies ist eine wundervolle Entdeckung, auf die wir sehr stolz sind und die unser Kulturerbe mit einem Werk von unermesslich hohem künstlerischem und historischem Wert bereichert. Dank der Entdeckung können wir unser Wissen über unsere Vergangenheit und unsere Ursprünge erweitern, als unser Land bereits ein Gebiet des Austauschs und Zusammentreffens von Menschen und Kulturen an einem Weg war, der später als Vai Francigena bekannt wurde."

War San Gimignano bisher als UNESCO-Welterbe-Stätte vor allem für die mittelalterliche Architektur berühmt, kommt nun der Etruskeraspekt hinzu. Kein Wunder also, dass der "Schattenmann" von San Gimignano den Namen "Hinthial" erhielt. Dies etruskische Wort steht für "Seele", aber auch "heilig" bzw. "Heiliger". Die Wissenschaftler beschränken sich indes auf die Bezeichnung "L`Offerente", was nichts anderes als "Opfernder" meint.

Information zur Ausstellung:
Hinthial – L`Ombra di San Gimignano, im Museo Archeologico, Via Folgore 11, San Gimignano, Provinz Siena, Region Toskana, Italien, Tel. +39 0577 28 63 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.sangimignanomusei.it ; Eintritt: 9 € (für alle Städtischen Museen); Öffnungszeiten: 1.12. – 31.3. tgl. 11.00 – 17.30, 1.4. – 31.5. tgl. 10.00 – 19.30 Uhr; 1. Jan. 2020 nur 12.30 – 17.30 Uhr; 25.12. geschlossen

Fotos: Opera Laboratori Fiorentini Civita/Museo Archeologico San Gimignano

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Zuletzt bearbeitet am 30/11/2019

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