Småland: Radreviere in einer Märchenwelt

Duftige Schleier aus zarten Blumen umranken auf sattgrünen Wiesen die roten Holzhäuser mit ihren weißen Eckpfosten. Fröhlich lachende Kinder spielen mit einem Ball, laufen mit den Gänsen und Enten um die Wette...

Uralte Steinmauern umsäumen die Höfe und Ställe hübscher Dörfer. Dazwischen üppige Obstwiesen, Mühlen und Weiher. Moosüberwucherte Wurzeln und Findlinge rahmen die Ufer der tief blauen Flüsse und Seen ein. Beinahe hinter jedem Baum und Felsen könnten Trolle oder Elfen vermutet werden. Unterwegs auf dem Rad, egal ob in Form von Fernradwegen, Mountainbike-Tracks oder bei Rundtouren - die Natur ist ganz nah. Smålands Schönheit kann auf zwei Rädern unmittelbar und nachhaltig erlebt werden. Vielfältige Routen auf geschwungenen Nebenstraßen und Schotterwegen durch die malerische Landschaft ermöglichen spannende wie auch beruhigende Erlebnisse, die der Seele Flügel verleihen.

Die Spur des Königs

Peter Lundberg senkt seine Stimme. Flüsternd weist der gebürtige Småländer mit seinem Kopf auf eine kleine Lichtung vor einem Mischwald. "Vorhin habe ich hier noch ein paar Elche gesehen. Sie kommen fast jeden Abend an meinem Haus vorbei. So dicht, dass ich sie fast streicheln könnte", schmunzelt er geheimnisvoll. Als Jäger kennt er die Pfade und Gewohnheiten der eindrucksvollen Tiere. In Småland gibt es noch rund 40.000 dieser prachtvollen Waldkönige. "Wir respektieren diese wundervollen Tiere. Der Bestand darf aber nicht überhandnehmen. Sonst werden unter anderem zu viele Triebe der jungen Bäume abgefressen. Außerdem gilt das zarte Fleisch als Delikatesse", ergänzt Peter Lundberg, der in seinem kleinen Hotel in Mullsjö den Gästen auch Elchprodukte serviert.

In Småland gibt es noch rund 40.000 Elche.
In Småland gibt es noch rund 40.000 Elche.

 

Schon nach wenigen Minuten zeigt sich die Suche erfolgreich. Gleitend scheinen sich die majestätischen Elche mit einer Schulterhöhe um zwei Meter über die Wiesen zu bewegen. Für ein paar Sekunden halten sie inne, um dann wie durch einen Zauber gerufen, wieder in der Dunkelheit des Waldes zu verschwinden.

Trolle, Wichtel und ein vielstimmiges Naturkonzert

Dem milden Klima und der sonnigen sowie geschützten Lage oberhalb des tiefblauen, 1886 Quadratkilometer großen Sees Vättern befinden sich die sogenannten "Äpfeltälern". Jährlich werden dort viele Tonnen Obst geerntet und zu verschiedenen Säften verarbeitet. Frischer Apfelmost und die berühmten rotweiß geringelten Zuckerstangen "Polkagrisar" in Gränna, wecken Kindheitserinnerungen. Heute noch wird die farbenfrohe Süßigkeit nach dem alten Rezept der "Polkagris"-Erfinderin "Tante Amalia" seit Mitte des 19. Jahrhunderts in den Zuckerstangenbäckereien in Gränna von Hand hergestellt.

Calle Roman und die berühmten rotweiß geringelten Zuckerstangen.
Calle Roman und die berühmten rotweiß geringelten Zuckerstangen.

 

Etwas weiter südlich von Gränna liegt das Dorf Röttle aus dem 17. Jahrhundert mit zwei uralten Mühlen, Wasserfall und einem kleinen Yachthafen. Die Idylle des schmucken Dorfes dürfte auch den Künstler John Bauer (1882-1918), der am Vätternsee aufwuchs, inspiriert haben. John Bauer gehört zu den bekanntesten Malern Schwedens. Schon als Kind streift er durch die geheimnisvollen, dichten Wälder Smålands und stellte sich die dort lebenden Kreaturen vor. Seine Lieblingsmotive waren die Natur, das spärliche Licht, dass durch die Baumkronen auf die Erde fiel, Pflanzen, Moose, Pilze sowie Trolle, Prinzessinnen und Wichtel. Zu einer der bekanntesten Illustrationen zählt das Werk "Among Gnomes and Trolls".

Von 1906 bis 1918 lebte John Bauer mit seiner Familie am nördlichen Ende des Sees Bunn oberhalb von Gränna. Zuerst in einem kleinen Haus bei Torstorp und später in der Villa auf der Halbinsel Björkudden. Von dort aus unternahm er für die Motivsuche immer wieder ausgiebige Ausflüge durch das Land und über das Wasser. Bei einer kombinierten Rad - und Bootsrundtour vom Hotel Bauergården können auf eindrucksvolle Weise die Motive und Inspirationen nachempfunden werden. Die beiden Seen Bunn und Ören oberhalb von Gränna sind seit 1845 durch einen Kanal verbunden. "Der Kanal und der Fluss Röttleån sollten das Wasser aus Ören und Bunn zum hundert Meter tiefer liegenden See Vättern ableiten. Auf diese Weise sollte neues, fruchtbares Ackerland gewonnen werden. Dieses ambitionierte Projekt wurde glücklicherweise nie vollendet und heute ist der Kanal fast zugewachsen", bestätigt der erfahrene Guide Johan Delfalk, der bereits die schwedische Königsfamilie auf Ausflügen in die Natur begleitete.

Fahrradtour vorbei an Seen.
Fahrradtour vorbei an Seen.

 

Wer heute auf einem der historischen Mahagoni-Boote den romantischen Kanal durchquert, wird wie damals John Bauer, hinter jeder Wurzel und jedem Stein ein Wesen aus der Märchenwelt vermuten. Tragischerweise ist das Ehepaar Bauer mit ihrem dreijährigen Sohn bei einer Umsiedlung nach Stockholm während eines Unwetters auf dem See Vättern 1918 ertrunken.

Die Åsnen Big Five und der Wassergeist

"Lauscht einmal. Hört ihr es auch? Ein Konzert, das nur mit dem Gezwitscher der Vögel, dem Rascheln der Blätter und dem zarten Plätschern des Wassers vom See Åsnen besteht. Das ist für mich das Paradies", schwärmt Ingrid Olsson. Sie betreibt Getnö Gård, ein an den Nationalpark Åsnen angrenzendes privates Naturschutzgebiet, dessen Geschichte bis in die Wikingerzeit zurückreicht. "Wir müssen die Natur schützen und pflegen, wie unsere eigenen Kinder", betont die Gutsfrau, die ihre Gäste gern in die Geheimnisse des Waldes und des Sees einweiht. Bei einer Bootstour zum Sonnenuntergang nimmt sie die Gäste mit zu einer besonderen Entdeckertour.

Ingrid Olsson.
Ingrid Olsson.

 

"Hier gibt es mindestens 24 Nester der Fischadler, mehrere Horste der riesigen Seeadler, Prachttaucher, Kraniche und Elche", verrät Ingrid Olsson. Mit Ferngläsern ausgestattet beobachten die Gäste den Luftraum über den Baumspitzen. Es dauert nicht lange. Schon nach wenigen Minuten sind die ersten Fischadler mit einer Spannweite von bis zu 170 Zentimetern zu entdecken. Sie sind leicht durch die angewinkelten Flügel und weit vorstehenden Knöchel zu erkennen. Sie gleiten elegant durch die Luft, drehen Pirouetten, um sich dann pfeilschnell auf ihre Beute im fischreichen See zu stürzen. Ingrid Olsson lässt ihren Gästen ein wenig Zeit zum Beobachten. Trotzdem mahnt sie bald zum Aufbruch. "Die wunderschönen Vögel sind unsere Helden. Ich könnten ihnen ewig zusehen, aber wir wollen sie nicht länger stören", begründet die Tierschützerin ihren Respekt mit einem begeisterten Leuchten in den Augen.

Auf dem Rückweg zum Ufer genießt die kleinste, aber bunteste Gattung der Big Five ein Bad im See. Der Körper des Prachttauchers, dessen Vorfahren schon vor 40 Millionen Jahren lebten, ist dicht mit Federn bedeckt. Der geschickte Schwimmer kann auf der Suche nach Fischen auch lange tauchen. Sein Ruf ist in ruhigen Nächten bis zu zehn Kilometern weit zu hören.

...und weiter geht`s mit dem Rad...
...und weiter geht`s mit dem Rad...

 

Eine Radtour ermöglicht eine weitere Perspektive vom Nationalpark Åsnen, der aus einem einzigartigen Süßwasserschärengarten und mehr als 1000 Inseln besteht. Dieser neueste Nationalpark Schwedens wurde im Mai 2018 von Kronprinzessin Victoria eingeweiht. Der 150 Quadratkilometer große See mit seinen vielen Buchten, Landzungen ist weit verzweigt. Karin Nilsson, Projektleiterin des Nationalparks, kennt fast jeden Winkel des urwaldähnlichen Gebiets. Sie beginnt die Tour am sagenumwobenen Trollberg. Wer die grünüberwucherten Felsen an uralten Wäldern vorbei erkundet, versteht sofort, dass hier Trolle vermutet werden.

Der 1886 Hektar große Nationalpark Åsnen, der zu 75 Prozent aus Wasser besteht, umfasst die Schären im westlichen Teil des Sees und angrenzende Areale. Eine Tour durch den Urwald, die Sumpfgebiete, vorbei an Wiesen, wilden Obstbäume und großen Felsblöcken wirkt wie ein Zauber. Auf dem Weg über den ehemaligen Bahndamm durch das Toftåsa Moor befindet sich ein ausgehöhlter Findling, die so genannte Badewanne vom schwedischen Wassergeist Neck. Er soll die Menschen durch sein Geigenspiel betört haben. Immer noch wird erzählt, dass sich deshalb früher in dem Becken Kranke wuschen, weil sie dem Stein heilende Eigenschaften zusprachen. Auch wer nicht an Sagen oder Märchen glaubt, wird spätestens hier ein tiefes Glücksgefühl empfinden.

Impressionen:



Infos zu Smaland:

Anreise:

Mit dem Flugzeug
Wer Südschweden erreichen will, kann mit verschiedenen Fluggesellschaften nach Kopenhagen fliegen und in nur 20 Minuten über die Öresundbrücke Malmö erreichen. Oder mit dem Flugzeug nach Göteborg und dann mit dem Mietauto weiter.

Mit der Fähre
Verschiedene Reedereien bieten, teilweise mehrmals täglich, Verbindungen über die Ostsee nach Dänemark oder Schweden an.

Übernachten:

Im Hotel Björkhaga sind verschiedene Leihräder erhältlich. Der Preis pro Doppelzimmer inklusive Frühstück beträgt ab 110 Euro. www.hotellbjorkhaga.se

Der Name vom Hotel Bauergården am See Bunn bezieht sich auf den bekanntesten nordischen Trollmaler John Bauer. Das Zimmer kostet ab 110 Euro, inklusive Frühstück. Vom Hotel aus werden als Bauer-Paket kombinierte Boots- und Radtouren angeboten. Ein spezielles Bauer-Menü unter Einbeziehung regionaler Produkte ist ebenfalls erhältlich. www.jkpg.com/en/granna-visingso/bauergarden/

Beim Getnö Gård -Lake Åsnen Resort- sind verschiedene Ausflüge mit dem Boot oder Fahrrad buchbar. Übernachtungen sind auf dem Campingplatz oder in Ferienhäusern möglich. Eine Nacht auf dem Campingplatz kostet ab 25 Euro. Leihräder sind vorhanden. www.getnogard.se

Essen und Trinken:

Auf den Speisekarten der Hotels Björkhaga, Bauergården sowie vom Getnö Gård -Lake Åsnen Resort stehen verschiedene Gerichte aus Elchfleisch, meist aus der eigenen Jagd. Abwechslungsreiche Alternativen für Vegetarier sind vorhanden.

Leihfahrräder:

Geführte Touren sowie gute Leihräder, inklusive E-Bikes, bietet Cycling Jönköping an. Es gibt auch einen Lieferservice. http://cyclingjonkoping.com/en/

Allgemeine Informationen:

www.visitsmaland.se/de/erlebnisse/natur-abenteuer/asnen 
www.visitasnen.se/de

Fotos: Carola Faber

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Zuletzt bearbeitet am 23/09/2019

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Autor

Carola Faber

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