Hauptsache ist, dass das Schiff fährt!

Von Hamburg nach Travemünde – auf einem nonstop "active-sailing"-Segeltörn mit dem Drei-Mast-Clipper "Stad Amsterdam" um Dänemark werden Passagiere zu Segelexperten.

Es ist jedes Mal dasselbe: Der Anblick eines Großseglers oder einer Segelyacht lässt mein Herz schneller schlagen, Abenteuerlust regt sich und ich möchte sofort los. Eine Gelegenheit kommt schnell, mit dem Drei-Mast-Clipper "Stad Amsterdam" – ab Hamburg um Dänemark herum bis Travemünde. Non-Stop-Segeln, eine ganze Woche lang. Der beeindruckende, über 18 Jahre alte Dreimast-Clipper, ein Teak-Holzschiff mit Stahlrumpf, ist ein originalgetreuer Nachbau der früheren holländischen Tea-Clipper-Handelsschiffe, ausgestattet jedoch mit hochmoderner Technik. Dennoch ist es die Zielsetzung von dem Schweizer Kapitän Andi Manser und Crew, den Clipper mit 28 Segeln und 2200 Quadratmetern Segelfläche möglichst ohne Maschinenkraft über die Meere zu fahren.

Willige Hände gibt es viele: 28 Crewmitglieder und ebenso viele Gäste, die alle nur um des reinen Segelns willen diese "active sailing"-Tour gewählt haben. Voller Vorfreude auf das Abenteuer, gemeinsam mit der Crew zusammen zu arbeiten, zu lernen und Mitverantwortung für das Gelingen der Reise zu übernehmen. Fielen die nautischen Geräte aus, könnte die Crew sogar locker nach den Sternen und altem Segelwissen ihren Weg finden. Bordsprache ist Englisch, Crew und Passagiere setzen sich aus 12 Nationen zusammen, darunter Niederländer, Deutsche, Dänen und Schweizer.

Crewmitglied Marieke Miedema aus den Niederlanden segelt seit elf Jahren und plant, auch den Rest ihres Lebens auf dem Meer zu verbringen.
Crewmitglied Marieke Miedema aus den Niederlanden segelt seit elf Jahren und plant, auch den Rest ihres Lebens auf dem Meer zu verbringen.

 

Red Watch – White Watch – Blue Watch

Für reibungslose Zusammenarbeit sorgt eine Wacheinteilungen von drei Wachen von jeweils vier Stunden zweimal am Tag – Red Watch, White Watch, Blue Watch, rote, weisse, blaue Wache – rund um die Uhr, die Einteilung entspricht farblich der Niederländischen Flagge, unter der das Schiff segelt. Mit Quartiermeister, Vollmatrose, zwei Leichtmatrosen und green hand, einem guten Mix aus Frauen und Männern, bilden die Crewmitglieder die Wache-Teams für die ganze Reise. Wer von der Crew in welcher Wache Dienst hat, legt der Kapitän oder oder weite Offizier fest.

Für die Gäste liegen Listen aus, in der sie sich für die Teilnahme an den gewünschten Wachen eintragen können. Sehr begehrt ist die "Red Watch" von Mitternacht bis vier Uhr morgens, auch die darauffolgende "White Watch" von vier Uhr morgens bis um acht Uhr zum Frühstück.

Die Aufgaben für jede Wache werden jeden Tag neu festgelegt. "Hauptsache ist, dass das Schiff fährt", sagt Kapitän Andi Manser. Bugwache, Segel setzen oder bergen, im Alarm und Notfall in der Nacht müssten die Mitglieder der jeweiligen Wache besonders schnell reagieren und natürlich den Kapitän wecken. Zu tun gibt es auch nachts stets genug: Reparaturen, Schweiß-, Schleif- und Lackierarbeiten, Taue spleißen, Deck schrubben, Messing polieren – all diese Arbeiten ordnet der Bootsmann an.

Für alle gilt: immer eine Hand fürs Schiff, die andere für sich selbst, Sicherheit geht vor. Nicht rennen, nicht auf Leinen treten, unberechenbare Schiffs- und Segelbewegungen können einen Menschen dann noch leichter über Bord reißen. Handschuhe bei der Arbeit schützen davor, dass eine Leine durch die Hände saust und die Haut verletzt.

Die Brassen (aus dem Französischen les bras/die Arme) umarmen das Schiff und halten es zusammen.
Die Brassen (aus dem Französischen les bras/die Arme) umarmen das Schiff und halten es zusammen.

 

Schon wach oder noch wach!?

Tag und Nacht sind kleine Gruppen von Crew mit Gästen zu sehen, die während ihrer Wache gemeinsam von Backbord nach Steuerbord ziehen, vom Heck zum Bug. Auf einem Segler hängt alles mit allem zusammen. Uns erklären uns die Crewmitglieder nicht nur jeder Handgriff ausführlich, warum und wieso die Segel so oder so gesetzt werden sollten, sondern wir dürfen es auch selber tun.

So kommt es, dass z.B. eine Pastorin, eine Chemikerin, ein Unternehmer und eine Krankenschwester und ein Klimaforscher gemeinsam an einem Strang respektive an einer Leine ziehen. Dieses Miteinander schweißt schnell zusammen. Eigene Stärken und Schwächen bei sich und auch den anderen werden erkennbar – die einen entwickeln enormen Ehrgeiz, andere hingegen wenden sich einfacheren Aufgaben zu, keine der Erfahrungen möchte man missen.

Riggen und Brassen, Mizzen topmast staysail, Crossjack oder Spanker, Palstek, Eye Slice, Bowline oder Webeleinstek – die Fachbegriffe für Segel, Aktionen, Knoten oder Handgriffe gehen nach und nach in den Sprachgebrauch der Gäste ein. Man trifft sich zum Tauwerk spleißen, durch geschickte Handarbeit werden alte Leinen wieder neu und stabil. Wichtig ist das exakte Zusammenlegen und befestigen der nicht mehr gebrauchten Leinen nach einem bestimmten Muster. Das ist international so und vereinfacht jedem Seemann die Zusammenarbeit auf einem fremden Segler.

Wer gerade nicht zu "watch" gehört, liest irgendwo gemütlich ein Buch, sonnt sich oder schaut aus sicherer Entfernung zu. Meist sitzt man gerade auf einer Kiste, aus der etwas Wichtiges gebraucht wird oder steht genau dort, wo etwas Entscheidendes stattfinden. So sind immer alle in Bewegung, plauschen hier, diskutieren dort, so manche Lebensgeschichte wird ausgetauscht. "Bis später" ist oft zu hören. "Give line/gib Leine" ist ein anderer geflügelter Zuruf an Bord.

Auf geht’s – hoch in die Masten

Es ist nahezu windstill in diesen heißen Julitagen, aufgrund der karibischen Temperaturen dieses Sommers 2018 hat die Nordsee große, übelriechende Algenteppiche gebildet – nichts wie hindurch. Kapitän Andi und seine Offiziere haben Geduld, möglichst keine Maschine, vielleicht etwas kreuzen, also im ZickZack voran, wir sind leicht hinter dem Zeitplan. Doch Wind sei unterwegs – spätestens bei Skagen sollte er stark genug sein.

Die Stad Amsterdam wurde 2000 gebaut, hat an so mancher Regatta teilgenommen und gewonnen, segelte u.a. 2007 siegreich um Kap Hoorn.
Die Stad Amsterdam wurde 2000 gebaut, hat an so mancher Regatta teilgenommen und gewonnen, segelte u.a. 2007 siegreich um Kap Hoorn.

 

Es klickt um mich herum: Das was die Crew bei jeder Wetterlage können muss, probieren nun einige Gäste und klicken sich mit Sicherheitswesten und den daran befestigten Karabinerhaken step by step hinauf in die Masten. Nichts für Passagiere mit Akrophobie, doch es siegt bei fast allen der Mut und die Neugier. Von der Crew begleitet, erst einmal bis zur ersten Plattform - sie ist die größte Hürde neben der Selbstüberwindung. "Ab dort ist es einfacher", sagt Roel Nagtegaal. Ihn und seinen Bruder Mark reizt es, den "top main mast", die Mastspitze zu erklimmen.

Dort sehen die beiden mit eigenen Augen, dass sie ein kleines Scharnier zum Kippen hat, damit die Mastspitze unter ganz knappen Brücken nicht abbrechen kann. Durch den Nord-Ostseekanal beispielsweise könnte die "Stad Amsterdam" gar nicht fahren, die Hochbrücke bei Rendsburg ist zu niedrig, es fehlen sieben Höhenmeter für den 47 Meter hohen Hauptmast. Im Sommerdunst erkennbar: Ein Versorgungsschiff für die Windparks, die besonders bei Esbjerg gut zu erkennen sind. Ein Windpower-Mitarbeiter startet eine Drohne, um unser Segelschiff und die Mastkletterer als Fotomotiv einzufangen.

Kleine Küche - große Kochkunst

In der fensterlosen Küche unter Deck läuft Musik. Der junge, aber schon sehr erfahrene Chef Bart van Liempt aus ’s-Hertogenbosch bereitet die drei Mahlzeiten am Tag zu, ein unkompliziert-köstliches Buffet nach niederländisch-internationalem Gusto, das Crew und Gäste gemeinsam im eleganten "Long Room" unter Deck einnehmen. Erst spät am Abend sieht man ihn an Deck, dann greift er gern zur Gitarre und lässt den Tag ausklingen. Für diese Reise gestalten sich die Mahlzeiten etwas einfacher als auf Gourmetreisen.

Ist die "Stad Amsterdam" auf Gourmetreise, rocken mehrere Köche die Küche, denn dann geht es für die Gäste weniger ums Segeln als darum, jeden Tag viele aufwändige Gänge mit großen Weinen zu sich zu nehmen. Frischen Fisch angeln oder Muscheln und Austern von den Fischern vor der dänischen Küste bei Fanø an Bord bringen lassen, ist auf dieser Reise nicht eingeplant, vielleicht ein andermal.

Captain’s speech im Long Room mit Schräglage: sogar der Kapitän muss sich festhalten.
Captain’s speech im Long Room mit Schräglage: sogar der Kapitän muss sich festhalten.

 

Im Schiffsbauch findet sich auch die Wäscherei und das kleine Hospital vom Doc. Schiffsarzt Jan van de Kuinder hat zum Glück kaum etwas zu tun, so haben alle etwas von seiner Passion, die Historie von Holland und seinen Schiffen in spannende Bild-Vorträge zu fassen. Den Maschinenraum hat Maschinist Olaf Gortz voll im Blick bzw. im Ohr. Er schläft nahe den Maschinen und hört an den Geräuschen sofort, sollte irgendetwas nicht stimmen. Auch wenn per Hand gesegelt wird, werden doch Klimaanlage und Kühlanlagen mit Maschinen betrieben. Hospitality Manager Ingrid van de Loo sorgt dafür, dass alles an Bord, im Restaurant und in den Kabinen klappt und die Passagiere sich fühlen wie in einem Luxushotel. Bei den luxuriösen Gourmetreisen kommen noch etliche events und Verkostungen hinzu, auf dieser Reise ist für sie auch mal Zeit, mit Passagieren oder ihren Crewkollegen zu unterhalten. oder auf ihrem Lieblingsplatz an Deck zu sitzen – freie Tage gibt es für sie nicht.

Skagen ist unser "Kap Hoorn"

Auf dem Weg zur nördlichste Spitze von Dänemark leuchten steuerbordseitig weiße Nordseestrände. Bevor wir die Spitze von Skagen umrunden werden, lässt Kapitän Andi Manser einige Wende- und Halse-Manöver durchführen, um das bisschen Wind auszutesten. Dafür ist das komplette Seglerwissen gefragt.

Der verantwortliche Quartiermeister Ferdinand von Bethmann erklärt: "Mit seiner Gesamtlänge von 76 Metern bei einer Breite von 10,5 Metern und 4,8 Metern Tiefgang ist die "Stad" ein sehr wendiges Schiff, sie ist extrem windverliebt, dreht sich von selbst in den Wind. Bei einer "Halse" dreht man das Heck durch den Wind und bekommt Druck von hinten". Eine "Wende" sei ein weitaus aufwändigeres und schwierigeres Manöver, das auch mal misslingen kann. Es erfordere das ganze Seglerwissen, ein Crewmitglied erklärt den komplizierten Vorgang mit einer Kreidezeichnung auf dem Deck.

Nach der Jammerbucht, die ihren Namen wohl zu Rech trägt, kommt der Ort Hirtshals und im Sommerdunst das weiße Observatorium in Sicht, die Fähre nach Norwegen und viele Segler, die auch ihr Glück versuchen, man winkt sich zu - easy going on board.

Steht das Segel richtig?
Steht das Segel richtig? Im Laufe der active sailing-Reise werden die Passagiere zu Segelexperten.

 

Doch dann kommt plötzlich Bewegung in Crew und Passagiere: Der Bootsmann mit einigen Crewmitgliedern kettet im "Long Room" sogar die Stühle an. Käpt’n und alle Offiziere sind auf der Brücke, die Mitteltür zum Hauptdeck wird fest verschlossen, man tut gut dran, sich jetzt sicher festzuhalten.

Gute Teepreise für die schnellsten Clipper

Denn in der Minute, in der wir Skagen umrunden, zieht das Schiff ab wie ein Pfeil, wir sind nun mit 10,2 Knoten unterwegs. 17 Knoten wären die Höchstgeschwindigkeit für dieses Schiff. Die Gischt spritz über die Reeling, die Krängung, also die Schräglage beträgt 30 Grad und plötzlich fällt es ganz leicht, sich vorzustellen, wie diese Schiffe damals über den Atlantik jagten, um mit ihrer Ladung ihr Ziel so schnell wie möglich zu erreichen, um auf diese Weise den besten Teepreis zu erhalten.

Alle sind im Einsatz, wir holen kräftig auf im Zeitplan, geniessen den Rausch des Windes, der Geschwindigkeit und der Kraft des Schiffes. Passieren die Inseln Læsø, Anholt, Hjelm und Samsø, die wie unberührte grüne Paradiese in der leuchtend blauen Ostsee liegen.

Erreichen zwischen Fünen und Seeland die "Storebælt"-Brücke über den Großen Belt, sie ist an der höchsten Stelle 65 Meter hoch. Unsere Unterquerung scheint Millimeterarbeit zu sein, sieht für das ungeübte Auge sehr knapp aus, fast möchte ich den Kopf einziehen – tatsächlich ist aber von der Mastspitze bis zur Brücke noch 17 Meter Luft.

Ein Lotse kommt längsseits zur Kontrolle.
Ein Lotse kommt längsseits zur Kontrolle.

 

Unser schneidiger "Ritt" durch die bezaubernde dänische Südsee führt weiter vorbei an Langeland, Lolland, Fehmarn und schließlich an dem Viermaster "Passat" in dem sicheren Hafen von Travemünde, unserem Ziel. 640 Seemeilen sind wir gereist, eine Seemeile entspricht 1,852 km/h. Auf der "Stad Amsterdam" wurden schon häufig Hochzeiten ausgerichtet. Geheiratet hat auf dieser Reise niemand, aber wer weiß … es wurden ja jede Menge neue Freundschaften geschlossen und jede Menge Pläne gemacht. Zum Frühjahr kehrt das Schiff zurück ins Mittelmeer und in den Ostseeraum. 2020 wird es ab New York auf eine einjährige Weltreise gehen.

Im Europäischen Winter segelt die "Stad Amsterdam" in wärmeren Gewässern der Karibik oder im Pazifik. Die "Stad Amsterdam" hat noch zwei baugleiche Schwesternschiffe: Die "Cisne Branco" und die "Shabab Oman" bei der Brasilianischen und der Omanischen Marine.

Die "Stad Amsterdam" ist Mitglied bei "QL Hotels & Restaurants, Quality Lodgings, Charming by Nature, https://www.qlhotels.com/de/

Fotos: Uta Petersen, Klaus Munk, Gesa Gosda, Rederij Clipper Stad Amsterdam

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Zuletzt bearbeitet am 14/04/2019

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Autor

Uta Petersen

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