In der Kapitale des Sibelius-Seenlandes (Teil 1)

Janne, wie der junge Jean Sibelius gerufen wurde, verbrachte eine wunderbare Kindheit und Jugend in Hämeenlinna und Umgebung. Hier, im historisch ältesten Bereich der Finnischen Seenplatte, entdecken Suomi-Enthusiasten jenes "echte" Finnland mit grünen, im Herbst farbenfroh leuchtenden Wäldern und wunderbar klaren Seen…

Und hier lernte Jean Sibelius, die Natur, ihre Farben, Düfte und sogar den Geschmack ihrer Erzeugnisse in Klänge zu übersetzen und in sein großartiges musikalisches Gesamtkunstwerk zu transformieren. Sibelius liebte die ganzheitliche Betrachtungsweise, war ein Meister der Synästhesie! Ob im Topwerk "Finlandia", in Symphonien oder in seinen musikalischen Interpretationen des finnischen Nationalepos Kalevala, etwa im "Kullervo": Sibelius verinnerlichte und verdichtete das Atmosphärische an den Ufern der Seenplatte schon früh.

Auch später konnte er in seiner berühmten Wohnstatt Ainola, nur eine knappe Autostunde südlich Hämeenlinna und 38 km nördlich Helsinki gelegen, nicht vom Blick auf den geliebten See lassen. Das Fenster mit Seeblick, heute der Traum aller Sommerhaus-Mieter an der Seenplatte, war selbstverständlich auch für ihn ein Muss. Dabei war ihm Luxus fremd. Er liebte es – wie viele Finnland-Urlauber auch – eher schlichter! Pech für seine Gattin Aino und seine fünf Töchter: Wasserleitungen kamen ihm bis zum Lebensende 1957 nicht ins Haus – das künstliche Gluckern in den Leitungen hätte ihn gestört. Dafür aber musste partout schon beim Bau von Ainola ein grüner Kachelofen in den Speisesaal, später das Wohnzimmer.

Und der bummerte – wie Sibelius frohlockte – in herrlichem F-Dur vor sich hin. Wenn Grün für diese Tonart stand, so stand Gelb für D-Dur: Sein Lieblingsgemälde in Ainola, eine Variante des Gemäldes "Der Trauerzug" (finnisch "Hautajaissaatto") von Oscar Parviainen (1880 – 1938), taufte er trotz des vielen "Rotrot und Schwarzschwarz" (Sibelius) im Bild "D-Dur-Gemälde" – und wollte natürlich auch in einem gelben Sarg und vermutlich D-Dur-Klängen beerdigt werden.

Doch bevor die Häme-Region mit ihren vielen Farben, das stille und doch mit vollem synergetischem Klang berauschende Seenland der Sibelius`schen Genüsse ansteht, ist Hämeenlinna ein voller Tag Aufmerksamkeit jederzeit sicher.

Eigentlich ist das schmucke Hämeenlinna, übersetzt Burg Häme, ein noch junges urbanes Gebilde. Die Stadtgründung samt Verleihung der Stadtrechte erfolgte erst 1639 unter Schwedens in Turku residierendem Generalgouverneur Per Brahe. Aber schon der schwedische Stadtname "Tavastehus" führt viel weiter zurück in die Geschichte – in die Zeit des "Tawastlandes", des finnischen Puffergebietes zwischen Schweden und dem russischen Nowgorod. Älteste menschliche Siedlungsspuren datieren sogar mindestens bis in die Eisenzeit, wahrscheinlich 10.000 Jahre zurück. Aber das 13. Jh. markiert eine besondere Zäsur in der Geschichte dieses Landstrichs, der selbst in den kommunalen Gemeindegrenzen von heute noch riesig ist.

Idylle pur: Hämeenlinna Petäys-Resort.
Idylle pur: Hämeenlinna Petäys-Resort.

 

Stadt und Region umfassen 2067 km², fast so groß wie ein andres von einer Riesenburg überragtes europäisches Staatsgebilde: Luxemburg! Damals, es könnte 1239, aber auch 1249 gewesen sein, brach der schwedische Adlige Birger Jarl mit viel Gefolge zum Kreuzzug ins Tawaste-Land auf. Er benutze dabei praktischerweise den von Turku zum Endpunkt Hämeenlinna verlaufenden "Ochsenweg", knackte die Janakkala, 10 km vom heutigen Hämeenlinna errichtete alttawastische Vorläuferfestung der dann erbauten provisorischen Herrschaftsburg Hakoinen, auch Alt-Hämeenlinna geannnt, und sezten dann auf einer Endmoräne hoch über dem Haussee von Hämeenlinna, dem Vanaja-See (Vanajavesi), ab 1260 ein erstes Lagerkastell.

Und damit war es aus mit der finnischen Selbständigkeit. Die folgende Kolonialzeit endete erst 1917/18 mit der Neugründung Finnlands. Schon die wohl zwischen 1323 und 1332 verfasste schwedische Eriks-Chronik vermerkte, dass "…die Christen eine Burg bauten und mit Mannschaften versahen. Sie trägt den Namen Burg Hämeenlinna und wird den Heiden noch Sorgen bereiten." Da hatte die Chronik freilich Recht. Denn nur vier Kilometer vom heutigen Stadtzentrum entfernt lockt Hämeenlinnas Naherholungsgebiet, das Naturreservat Aulanko, jährlich nicht nur 400.000 Besucher auf die Wander- und Radwege. Der 1,525 km² große, 1930 eröffneter Naturpark ist seit 2010 auch Teil des ersten finnischen National Urban Parks und bietet – mit Panoramablicken auf den See Vanajavesi, auch einen 1907 erbauten, 33 m hohen Aussichtsturm (im Sommer tgl. 8.00 – 19.00 Uhr zugänglich; Eintritt frei) auf dem Hügel Aulangonvuori.

Dieser Hügel aber, den der junge Jean "Janne" Sibelius häufiger zum Wandern und Jagen aufsuchte, barg schon vor 2000 Jahren eine religiöse Kultstätte und wohl auch ein Fort, das dann Birger Jarl und Co. ebenfalls platt machten. Genutzt zu haben scheint der Heidenfeldzug indes wenig. Denn noch Ende des 18. Jh.s waren sich die schwedischen Stadtherren nicht sicher, wie die Ortsbevölkerung den Bau der neuen Stadtkirche annehmen würde. Der Rundbau, heute das Schmuckstück an der Ostseite des Marktplatzes, des Kauppatori, entstand 1792 – 1798 dank Architekt Louis Jean Desprez nach dem Vorbild des Pantheons in Rom. Und, so dachte wohl Schwedenkönig Gustav III. sehr praktisch, falls die heidnischen Bürger von Hämeenlinna keine große Lust gehabt hätten, das neue Gotteshaus aufzusuchen, hätte man es prima auch in ein königliches Theater umbauen können.

Heute schmunzeln die Besucher des Sommer- und Eiscafés am Markt, des beliebtesten Treffpunkts der Stadt, dem Torikahvila Café Linna, über solche Anekdoten, beachten auch die Statue für den zweiten großen Sohn der Stadt, den Dichter Paavo Cajander, und schätzen vor allem das Angebot des Marktes selbst. Tatsächlich dürfte der junge Janne Sibelius die Kirche, die nach dem verheerenden Stadtbrand von 1831 auch einen Turm erhielt und ausgebaut wurde, sehr wohl von innen gesehen haben. Dies dürfte weniger daran gelegen haben, dass sein Geburtshaus nur 300 m entfernt, an der Hallituskatu 11 lag. Hier wurde Johann "Jean" Julius Christan Jean Sibelius (1865 – 1957) am 8.12.1865 geboren und lebte danach die ersten 20 Jahre seines Lebens in Hämeenlinna.

Hämeenlinna Hattula Holy Cross Church.
Hämeenlinna Hattula Holy Cross Church.

 

Das Interieur der Räumlichkeiten ist daher im Stil der 1860er bis 1880er Jahre gehalten. Die Sibelius-Ausstellung fokussiert auf "Klein-Jannes" Kindheit, zudem finden regelmäßig Kammerkonzerte statt. 1868 verstarb der musikalische Vater, ein Arzt. Witwe Maria Sibelius zog daher mit ihren Kindern Linda und Johann, das dritte Kind Christan wurde erst 1869 geboren, zu ihrer Mutter, der Pröpstin Katarina Borg, direkt an den See Vanajavesi in die Prykikatu (heute Palokunnanjatu 5). Dort spielte Janne extrem gern am See und entwickelte seien zeitlebens enge Verbundenheit mit der Finnischen Seenplatte. Für Jannes Kirchgänge sorgten dann die sehr religiöse Oma und die Mutter. Einmal auf Stadtmuseumstour, sollte man daher auch dem Palander-Haus an der Linnankatu 16 die Aufwartung machen.

Die Ausstellung dort zeigt den bürgerlichen Lebensstil in Hämeenlinna vor 140 Jahren, als die Stadt im Empire-Stil wiederaufgebaut worden war. Sie ist die ideale Ergänzung zum Sibelius-Geburtshaus. Edvard Palander wohnte hier 1884 bis 1904. Er war ein Lehrer von Jean Sibelius und veranstalte hier auch Hauskonzerte, bei denen eventuell auch Janne Sibelius zugegen war und theoretisch auch Geige spielte. Die Violine hatte den jungen Jean schon lange fasziniert. Doch erst 1881, als Teenager von 16 Jahren, startete er seinen Geigenunterricht bei Gustav Levander, dem besten Geigenlehrer der Stadt. So richtet gelang ihm das anfangs aber nicht, denn einen Ellenbogenbruch zuvor hinderte ihn am vollendeten Bogenstrich. Dennoch reüssierte er sensationell, erhielt seinen Platz im neuen Schulorchester, spielte Trio mit Bruder Christian (Cello) und Schwester Linda (Klavier) sowie im Streichquartett mit Anna Tigerstedt, der Tochter des Gemeindearztes Theodor Tigerstedt, Gustav Levander (Viola) und Apotheker Elfsberg (Cello). Am liebsten Haydn – und dies ist nun Kalauer! Nach dem Abitur ging es für Janne dann erst einmal nach Helsinki.

 

Impressionen:

Information:
Vor der Reise:
Visit Finland: www.visitfinland.com/de (offizielles Tourismusportal Finnlands)
Finnische Seenplatte (engl. Lakeland): www.visitfinland.com/de/seenplatte
Finnisches Schärenmeer (engl. Coast & Archipelago): www.visitfinland.com/de/scharenmeer
Social media: www.facebook.com/visitfinland/, www.instagram.com/ourfinland/, https://twitter.com/OurFinland, www.youtube.com/user/VisitFinland 
Kontakt in Finnland: Business Finland Oy/Visit Finland, P.O. Box 625, Porkkalankatu 1, FI-00180 Helsinki, Tel. +358 29 505 80 00, Tel. +358 29 505 50 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitfinland.com ; Mo – Fr 8.00 – 16.30 Uhr geöffnet
In Deutschland: Botschaft der Republik Finnland, Rauchstr. 1, 10787 Berlin, Tel. +49 30 50 50 30, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.finnland.de , www.finnland.de/public/default.aspx?contentid=87618&contentlan=33&culture=de-DE

Vor Ort:
Finnische Seenplatte (Finnish Lakeland, auch Finnish Lake District); finnisch Järvi-Suomi (= ”See-Finnland”)
Visit Tampere Touristeninformation, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visittampere.fi/de/ ; Geführte Rundtouren: This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.;
Tourismusinformation Mänttä-Vilppula, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.manttavilppula.fi/taidekaupunki/auf-deutsch/ , www.visitheartfinland.fi ;
Info UNESCO-Welterbe Alte Kirche Petäjävesi: This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. (wichtig für Reservierung), www.petajavesi.fi/kirkko , www.visitjyvaskyla.fi/de ;
Visit Jyväskylä (Touristinformation Stadt und Region Jyväskylä), This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , https://visitjyvaskyla.fi/de;
Visit Lahti, c/o Visitlahti–Info, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., https://visitlahti.fi/en;
Tourismusmarketing Lahti Region, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., https://visitlahti.fi/en/, www.lahtiregion.fi

Fotos: Ellen Spielmann

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Zuletzt bearbeitet am 14/03/2019

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