Tartu mal anders...

Klar. Tartu, das alte Dorpat, berühmt für seine Universität und die historischen Stätten des Domhügels samt dem UNESCO-Welterbe des Struve-Bogens am alten Planetarium, hat gerade zu den 100-Jahrfeierlichkeiten der Unabhängigkeit enorm viel zu bieten...

Aber zu Tartu gehört natürlich auch das Neue. Da sind Fahrrad- und Skateboard fahrende Studenten, die durch die Altstadtgassen flitzen, und da sind einzigartige historische Stadtteile, in denen sich nun das junge Tartu der Zukunft konstituiert. Ein gutes Beispiel dafür ist das Viertel Karlova, deutsch Karlowa. 8850 Bewohner machen Karlowa zum neuen Hot Spot der jungen Szene Tartus. Hier wohnen viele Alteingesessene, aber auch viele Studenten, Aussteiger, Künstler. Und alle zusammen sorgen für jenes alternative Lebensgefühl, das Karlowa zum angesagten Ort macht.

Gut, dass es Salme Kulmar gibt. Denn die Endzwanzigerin, natürlich Estin, ist nicht nur bestens mit Tartu vertraut. Sie arbeite auch als Guide für das alternative Stadtführungsunternehmen Tartu Pseudo Tours, die die Karlova Street Art & History Tour anbietet.

Restaurant Aparaat.
Restaurant Aparaat.

 

Fixer Treffpunkt ist wie stets der Hof jenes Aparaaditehase an der Kastani 42, des "Apparatehauses" an der Kastanienstraße 42, direkt am Restaurant Aparaat. Das ist durchaus schick und bietet zudem sonnige Plätze auch auf der Terrasse vor der Tür. Ringsum bieten dies weitere Cafés und Restaurants an: etwa Lebensmittelläden mit Café wie das Safran und nebenan das My Italy mit frischem Cappuccino auf der kleinen Terrasse vor der Tür und drinnen mit italienischen Spezialitäten. Oder zehn Schritte weiter das Tartu Café mit estnischer und internationaler Speisekarte. Dazu öffnen Kunstgalerien und Modeläden wie das Shishi Outlet, während in den Obergeschossen der alten Fabrik viele der meist digitalen Start up-Unternehmen Tartus ihren Sitz haben. Denn das Apparatehaus ist so etwas wie Tartus analoge Antwort auf Tallinns florierende Start up-Stätte Telliskivi hinter dem dortigen Baltischen Bahnhof.

Und natürlich öffnet auch hier wie in Tallinn die Muhu-Bäckerei (Muhu Pagerid) ihre Türen, um den stets hungrigen digitalen Nachwuchs ganz profan mit leckerem estnischem Roggenbrot und Backspezereien zu versorgen. Bis vor kurzem war hier noch alles anders. Denn das Apparatehaus war und ist eine Hinterlassenschaft der Sowjetzeit. Hier war eine Fabrik des Militärs untergebracht, die – so die Erzählungen ehemals hier Beschäftigter, bis 1989 eigentlich alles produzierte, was man so benötigt.

Teil des jungen Karlowa: Wandmalerei.
Teil des jungen Karlowa: Wandmalerei.

 

Vorwiegend reparierte man hier wohl Militärausrüstung, aber es wurden sogar zwischendurch mal Regenschirme hergestellt, die man angeblich sogar als Sonnenschirme nutzen konnte. Viele Legenden wabern um diese Branche dieses ex-sowjetischen militärisch-industriellen Komplexes, der nun zu neuem Leben erweckt ist. Dies versinnbildlicht am ehesten ein riesiges Wandgemälde im Hof, das über dem Hofzu- bzw. -ausgang appliziert wurde. Geschaffen hat das Werk mit dem Titel "Falling, Floating Flying" im Jahr 2016 ein junger Italiener, Künstlername "AWER".

Bezahlt hat den Künstler auch die Stadt Tartu, die durchaus etwas für Wandbilder und Street Art übrig hat. Salme Kulmar hart sich natürlich bestens auf solche Wandbilder vorbereitet, die nunmehr seit mindestens 15 Jahren nach und nach das Ortsbild gerade im Viertel Karlova verändern. Galten diese Straßenkünstler früher oft nur als Graffiti-Schmierer oder wurden gar kriminalisiert, steht ihnen heute nicht nur in Estland, sondern nahezu im gesamten nordeuropäischen und anglophonen Raum die Tore offen.

Eine, die diese Street Art-Künstler mit promotet, ist auch Salme. Und nun, da Tartu schon fest im Kalender viele Künstler verankert ist, die auch zu Artist in Residence-programmen anreisen und ab und an ihre durchaus kunstvollen Werke hinterlassen, soll das Street Art-Programm der ehrwürdigen Uni-Stadt auch auf die ländlichen Regionen ringsum ausgeweitet werden. Denn gerade junge Besucher kommen nun in Scharen ins hippe Tartu – und wollen auch die Ikonen der Nachwuchsgeneration, eben diese Wandbilder bewundern.

Gerahmte Portraits von BACH.
Gerahmte Portraits von BACH.

 

Dann geht es auch schon weiter, vorbei an zahllosen, mit roten Schmetterlingen auf das nächste Sensibility Festival im Apparatehaus hinweisende Poster und vorbei am gemalten Werbung für das Hiphop-Festival 2018 im nahen Elva, zum ersten Street Art-Höhepunkt – einer Wandgalerie gegenüber der Vöru 110. Hier treffen wir auf Werke des Street Art-Künstlers "BACH", der hier seine kunstvollen Wandgemälde anbrachte. Teils hat er seine Werke, meist Portraits, sogar gerahmt – natürlich nur als Aufmalung. Aber BACH ist in Tartu etwas Besonderes – gilt er doch als derjenige, der die Street Art Anfang der 2000er Jahre nach Tartu brachte.

Und schon geht es weiter zum nächsten Höhepunkt, vorbei an nur teils renovierten historischen Holzhäusern mit Türmchen und Erkern, zur Barlova Bar an der Tähe 29, Ecke Eha. Hier sitzt die Szene gemütlich bis 20 Uhr auf der Terrasse vor der Tür, während drinnen bis spät am Abend die Post abgeht. Der Besitzer hat die Lokalität zu dem Treffpunkt im Viertel gemacht. Und das Angebot an Bier und Wein ist auch nicht zu verachten. Am besten sind die Öffnungszeiten. Denn sonntags, so der Wirt auf dem Aushängeschild an der Tür – ist "Mafia", ergo Ruhetag.

Dann geht es auch schon weiter, vorbei am Nachbarschaftscafé Jossikoogid und am legendären Restaurant "Kassere", deutsch "kleine Birke", vor dem zu Sowjetzeiten Menschen stundenlang Schlange standen und auf Einlass warteten. Heute ist das legendäre Haus gegenüber der Tähe 18 nur noch Ruine. Dafür lockt die Hauswand gegenüber der Tähe 22. "K2RTE" steht da kryptisch. Dafür ist das Wandbild eindeutiger: Versammelt sind hier monströse schwarze, orange und roten Gestalten, ein wenig Teufelchen ähnelnd, Schließlich taucht auch noch der alte Gutshof derer von Krüdener auf, dem allerdings ein dringendes Lifting gut zu Gesichte stehen würde.

Riesige Wandmalerei an einer Häuserwand...
Riesige Wandmalerei an einer Häuserwand...

 

Das hat nur 200 m weiter die Karlova Art School nicht nötig. Ihre geometrische Fassadengestaltung erinnert stark an Italiens Stararchitekten Aldo Rossi (1931 – 1997). Schließlich gelange wir zum Schluss der Tour, einem Wandbild, das unmissverständlich aufruft: "Shape Your Own Reality". Das machen wir gern, zumal auf der Tour etwas Stadteilhistorie fehlte, die wir dann beim nächsten Mal nachholen werden. Aber sonst war Salmes Street Art-Tour zu empfehlen.

Chez André – bei Andrus Vaht

Andrus Vaht hat alle Weltmeere befahren. Denn er war über Jahre Koch auf Kreuzfahrtschiffen. Nun ist der Este wieder daheim – und in seinem eigenen kulinarischen Reich angekommen. Sein "Chez André" im Herzen der Altstadt von Tartu ist die perfekte Adresse, um sich nach dem nachmittäglichen Karlowa-Spaziergang mit einem perfekt austarierten kulinarischen Leckerbissen zu verwöhnen. Das Chez André zählt mühelos zu den 20 besten Restaurants in Estland. Und weiß dies drinnen wie auf der Terrasse mühelos unter Beweis zu stellen. Noch dazu hat er kürzlich im Haus seine eigene Confiserie eröffnet. Ein Augenschmaus, der auch auf dem Gaumen zergeht.

Da müssen Sie hin, denn Che André macht der aktuellen Nummer Eins in Tartus ausladender Süßwarenszene, dem Pierre Café & Chocolaterie am Rathausplatz, zurecht mächtig Konkurrenz. Überhaupt scheinen auch Desserts die Spezialität von Andrus Vaht zu sein. Seine im Ofen gebackene Eispyramide "Alaska" für nur 8 Euro (!) ist in jedem Fall eine einzigartig delikate Kreation und eine Wucht, die man unbedingt bestellen sollte.

Und Andrus hat ein Faible für Erdbeeren. Die gibt es z. B. schon als Vorspeise, in Andrés Erdbeersalat mit Balsamico-Nüssen (8 €) – perfekt! Es darf aber auch ein Pistazien-Pilesalat oder die Krabbe mit Zimtkirsche und Tomatenkompott sein (10 €). Auch die Pasta mit Ente und Erdbeeren ist sehr zu empfehlen (12 €). Andrus Vaht kocht international mit einem Hang zur französischen Küche mit modernem Einschlag, bedient sich aber gern lokaler Zutaten. Dies zeigen die Hauptgerichte, etwa das Lammfilet mit ochsenschwanz-Créme-Brúlée (26 €) oder die leckeren Wildgerichte, etwa vom Grill Hirsch mit Trüffelsauce und Erdbeer-Vinaigrette (24 €) – einmalig! Und wer dann noch "Alaska" ordert, benötigt anschließend nur noch eine Mini-Kreuzfahrt ins Hotelbett.

Andrus Vaht aus dem  Chez André.
Andrus Vaht aus dem Chez André.

 

Information:
Vor der Reise:
Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/de
Tourist Information/Visitor Centre Tartu, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visittartu.com , www.visitestonia.com ;
Infos zu Karlova (Karlowa): www.karlova.ee
Programm "100 Jahre Estland" im In- und Ausland: www.ev100.ee/en ; www.visitestonia.com/de/uber-estland/100-jahre-estland
Estnische Kulinarische Route (Estonian Culinary Route): www.toidutee.ee/en

Anreise:
Nordica: This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.nordica.ee
Nordica Call Center Tallinn: This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.;

Übernachten:
vSpa Hotel, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., https://vspa.ee/en/
Dorpat Hotel, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.dorpat.ee ; ( www.dorpatspa.ee )
Villa Margaretha, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.margaretha.ee/en ;

Essen und Trinken:
Rest./Patisserie Chez André, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.chezandre.ee ;
Barlova Bar, https://de-de.facebook.com/karlovabarlova/, www.instagram.com/barlova_baar/ ;
Restoran Umb Roht (Unkraut), This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.umbroht.ee ;
Café Truffe, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.truffe.ee ;
Café Werner, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.werner.ee ;
Pierre Café & Chocolaterie, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.pierre.ee ;
La Dolce Vita, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.ladolcevita.ee ;
Pahad Poisid (»Böse Jungs«), This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.pahadpoisid.ee ;
Rest./Cocktail Bar Meat Market, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://meatmarket.ee;
Rest. im Hotel Antonius, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://hotelantonius.ee;
Tartu Püssirohukelder (Schießpulverkeller), http://pyss.ee;

Attraktionen:
Estnisches Nationalmuseum (Eesti Rahva Muuseum ERM), This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.erm.ee/en ;
Karlova Street Art & History Tour, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., https://pseudotours.wordpress.com/;

 

Impressionen:

Fotos: Ellen Spielmann

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Zuletzt bearbeitet am 22/05/2019

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