Abenteuer am Großen Eierberg (Teil 2)

Der Name des im Haanja Naturpark liegenden nahen Dörfchen Uue-Saaluse geht wohl auf 1540 zurück, als der Deutschbalte Reinhold Salis das gleichnamige Herrenhaus zwischen dem östlichen Ufer des Kavadi-Sees und dem Westufer des kleineren Dorfsees Alajärv begründete...

Das Anwesen erlebte in der Folge einige Besitzerwechsel, ehe Gut und Herrenhaus 1843 ins Eigentum derer von Maydell übergingen. Die Adelsfamilie lebte hier bis 1919, als das Gut enteignet und Land, Wirtschafts- und Arbeiterwohnhäuschen an ehemalige Gutsbedienstete sowie an solche Esten vergeben wurden, die sich in Estlands Unabhängigkeitskrieg engagiert hatten. Der Kavadi-See ist nicht natürlich entstanden. 1880 besorgte dies Baron Constantin Freiherr von Maydell, in dem er die hier in 210,4 m Höhe liegenden drei Sumpfseen per Damm staute und so die 274 ha Seeoberfläche mit maximal 8,2 m Tiefe schuf. Heute ist das Herrenhaus, das zwischenzeitlich auch als Schule und Gemeindezentrum diente, nur noch in Ruinen erhalten. Besucher können im Gutspark zelten und ein Bad im See nehmen. Am schönsten ist der ausgeschilderte 2,2 km lange Wanderweg um den Kavadi-See, der im Park des Herrenhauses startet und endet. Nur 400 m vom Kavadi-See See erhebt sich der Häälimägi, der mit seinen 274,3 m Höhe für estnische Verhältnisse fast schon alpine Höhen erreicht.

Geradezu heimelig ist heute auch die friedlich stille Atmosphäre am kleineren Alajärv, der zudem ein Dorado für Angler ist, die sich in ihren kleinen Ruderbooten auf dem See tummeln. An seinem Nordufer erhebt sich der Hügel Servamägi (222 m), der heute als Estlands höchstgelegene Beerenplantage gilt. Exakt hierher zog es 1993 zwei Biologen, die im Jahr zuvor ihre Abschlüsse an der Universität Tartu gemacht hatten: Die aus Nord-Estland stammenden Maris und Gatte Mati Kivistik waren von der Lage des Hofes Kõivsaare mit seinem alten Landarbeiterhäuschen, in dem einst fünf Familien lebten, nur begeistert.

Wein in Uue-Saaluse.
Wein in Uue-Saaluse.

 

Sie kauften das Haus und 10 ha Land von der Familie Kartsepp, die es nach 1919 erhalten hatte. Im Jahr 2000 pflanzten Maris und Mati ihre ersten Sanddornbüsche auf 1,5 ha Fläche. Und es war beiden stets klar, dass hier alles rein biologisch angebaut werden sollte. Die offizielle Bio-Zertifizierung erhielten sie 2005. Tatsächlich versuchten die zwei dann im Jahr 2012 sogar, hier Weintrauben heimisch zu machen. Die ersten 100 Weinstöcke wurden gepflanzt, um die sich seither Gatte Mati kümmert. Denn der hat, so Maris, "grüne Finger", einfach ein Händchen für die Natur. Natürlich gedeihen auf dem heutigen Beeren- und Weingut auch alte estnische Apfelsorten prächtig, etwa die Herbstapfelsorte "Sügisjoonik".

2011 entstand dann der erste Wein aus Sanddornbeeren – und dieser Bereich ist vollständig in Händen von Gattin Maris, die sich um das gesamte Prozedere von der Ernte bis zur Abfüllung kümmert. Natürlich wachsen auf dem Gut auch rote und schwarze Johannisbeeren, Wald- und andere Gartenbeeren.

Da fällt viel Arbeit für Maris an. Denn auch die Familie ruft. Da sind die Töchter Maarja und Mirjam und seti 2017 Enkelin Iris. Und zur Gutsfamilie gehören natürlich auch Wachhund Dixi und die zwei Katzen Täpi und Pätu. Insbesondere Täpi ist höchst erfolgreich bei der Jagd nach Wasserwühlmäusen, von denen es am Seeufer reichlich gibt. Wie erfolgreich die zwei Biologen sich hier ihren Lebenstraum erfüllen, zeigt nicht nur die Auszeichnung zum besten Unternehmen der 2017 aufgelösten Großgemeinde Haanja. Es gab 2016 und 2017 auch EU-Gelder zum Auf- und Ausbau der Weinproduktion. Jährlich stellt Maris nun acht verschieden Weine her, die heute auch landesweit in zehn ausgewählten Restaurants, u.a. in Tallinn und Tartu, angeboten werden und im "Uma Mekk" ("Our Taste", "Unser Geschmack") 200 der besten estnischen Produkte gelistet sind.

In Uue-Saaluse wird Wein - auch aus Sanddorn - hergestellt.
In Uue-Saaluse wird Wein - auch aus Sanddorn - hergestellt.

 

Käufer müssen sich sputen, denn die jeweilige Weinmenge ist begrenzt. Bei unserem Besuch im Herbst 2018 waren nur noch drei Sorten vorrätig. Sehr gut ist natürlich der halbtrockene Sanddornwein (11,5 %), und der perlende Himbeer-Schwarze Johannisbeere-Wein schaffte es 2017 sogar in die Endausscheidung der besten estnischen Beerenweine. Lecker ist der trockene Quitten-Apfelwein (12,8 %), zu dem bei der Degustation im Vorraum der "Veiniköök", der "Weinküche", in der Maris Kivistik ihre Weine keltert, lagert und etikettiert, typisch estnische Häppchen gereicht werden. Er passt sehr gut auch zu Hühnchen.

Halbtrocken ist der Vogelbeere-Apfelwein (12,8 %) – und ideal zu Käse. Verkaufshit ist schließlich ihr perlender Rhabarberwein (13 %). Der längst ausverkaufte Favorit des Hauses erhält zu Weihnachten eine Sonderabfüllung – als Rhabarber-Erdbeerwein! Verkauft werden die Weine für 12 € die Flasche. Und den Schwarze Johannisbeerenwein (13,5 %) kann man sogar – auf 70°C erhitzt – zu Glühwein umfunktionieren.

Relax in Võru

Ideale Absteige zur Erkundung von Großem Eierberg und Haanja Nature Park, der deutsch zum amüsanten "Naturpark Hahnhof" wird, ist das Kubija Hotel & Nature Spa (Hotell Kubija), am Rande von Võru, der Kreisstadt von Võrumaa. Herrlich im Wald gelegen, profitiert das Hotel auch von seiner Nähe zum See mit Seebadeanstalt. Vor allem aber sorgen die neuen Wellness & Spa-Anlagen für regen Gästezuspruch. Etwas aus der Zeit gefallen sind hingegen die uralte Minigolf-Anlage gegenüber, der uralte Wanderwegweiser und der offene Grill an der Zufahrt.

Kleiner Snack im Kubija Hotel.
Kleiner Snack im Kubija Hotel.

 

Dafür punktet nun das Kubija Hotel mit dem im Dez. 2017 nach umfänglicher Renovierung wiedereröffneten Hotelrestaurant. Samt Bar, Außenterrasse und sehr günstigem Lunch-Buffet bietet es rigoros estnische Küche, die natürlich auch mit russischen und deutschen Einflüssen gesprenkelt ist. So findet sich auf der Karte natürlich Teigtaschen (Pelmeni), aber auch kurioses Lokales wie das Gericht "Hanja man`s sad life"! "Das traurige Leben der Männer aus Haanja, deutsch Hahnhof", ist dann aber doch keineswegs so, im Gegenteil: Denn hinter dem poetischen Namen verbirgt sich Hering an Schwarzbrotwürfeln, Zwiebeln, Ei, Tomate und Mayonnaise. Lecker, vor allem zum lokalen Bier!

Überhaupt lohnt die 1784 per Dekret gegründete Kreisstadt Võru (12 000 Einw.) den Besuch, und dies nicht nur zum bekannten Folklore-Festival im Juli und den Konzerten am Tamula-See. Bekanntester Bürger der Stadt und sicher ein Leitbild auch für Aktivurlauber ist Erki Nool (geb. 1970), der 2000 Olympiasieger im Zehnkampf wurde. Bemerkenswert sind Museum und Denkmal für Friedrich Reinhold Kreutzwald, den Hauptverfasser des estnischen Nationalepos Kalevipoeg, die Katharinenkirche von 1793 und die Apostolisch-orthodoxe Kirche von 1806 sowie das Võrumaa-Museum zur Geschichte des Landkreises von der Steinzeit bis zur Gegenwart.

Traurig macht das Estonia-Denkmal zur Erinnerung an den katastrophalen Untergang der Fähre Estonia im Jahr 1994. Damals waren 70 Menschen aus Võru an Bord. Bedeutend ist das Võru Instituut, das sich der Pflege des lokalen Dialektes von Südestland, des Võro: Etwa 70.000 Menschen sprechen noch dieser Variante des Estnischen, vor allem in Võrumaa (33.000 Einw.). Dabei gibt es doch große Unterschiede: So heißt die Birke estnisch "kask", auf Võro aber "kõiv". Und der Hund, estnisch "koer" (vgl. deutsch auch "Köter"), auf Võro nur "pini". Schließlich ist der Wolf, estnisch "hunt", auf Võro schlicht nur "susi". Ein Schelm, wer dabei an Rotkäppchen denkt.

 

Impressionen:

Information:
Vor der Reise:
Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), Lasnamäe 2, 11412 Tallinn, Estland, Tel. +372 627 97 70, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/de 
Programm "100 Jahre Estland" im In- und Ausland: www.ev100.ee/en ; www.visitestonia.com/de/uber-estland/100-jahre-estland 
Touristeninformationszentrum Võrumaa, Jüri tänäv 12, 65603 Stadt Võru, Kreis Võrumaa, Tel. +372 782 18 81, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitvoru.ee/en , www.visitestonia.com/en/vorumaa-tourist-information-centre ; 15.5. – 15.9. Mo – Fr 10.00 – 17.00, Sa, So 10.00 – 15.00, sonst nur Mo – Fr 10.-00 – 16.00 Uhr geöffnet; mit Führungen, Souvenirs, Postkarten, Briefmarkenservice, Kartenmaterial, WiFi, Vermittlung von Übernachtungen, Angeboten für Aktivurlauber, Tickets zu Kulturveranstaltungen und Events
Võrumaa Tourism Union: This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitvoru.ee/en 
Haanja Nature Park Tourist Information Center (Nightingale Valley Center), 1,5 km östlich der Kirche von Rõuge an der Straße nach Haanja, Tel. +372 785 92 45, www.visitvoru.ee/243; Mai – Aug. tgl. 10.00 – 18.00 Uhr geöffnet; mit Info-Theke, Angebot von Wanderwegen, Kunsthandwerksladen und Shop mit kleinen Snacks
Estnische Kulinarische Route (Estonian Culinary Route): www.toidutee.ee/en 

Anreise:
Nordica: c/o Nordic Aviation Group AS, Lennujaama tee 13, 11101 Tallinn, Estland, Tel. +372 664 22 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.nordica.ee 
Nordica Call Center Tallinn: Tel. +372 664 22 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.; Mo – Fr, So 8.00 – 22.00, Sa 8.00 – 19.00 Uhr geöffnet; Mo – Fr, So 22.00 – 8.00 und Sa 19.00 – 8.00 Uhr werden Anfragen ans LOT Polish Airlines Call Center weitergeleitet.
Nordica Customer Service Centre Tallinn Airport: Passagierterminal, Tartu mnt 101, 10112 Tallinn; Mo bis Mi, Fr und Sa 5.30 – 18.30, Do und So 5.30 – 21.15 Uhr geöffnet
Direktflüge von und nach Tallinn finden ab 14.1.2019 nach und von Wien (dreimal wöchentlich) statt. München ist noch bis 30.3.2019 einmal wöchentlich (samstags) direkt mit Tallinn verbunden. Danach wird diese Nonstop-Verbindung eingestellt. Auch die saisonalen direkten Verbindungen mit Berlin-Tegel und Hamburg werden 2019 eingestellt. Dafür gibt es zahllose Onestop-Flüge mit Code-Share-Partner und Star Alliance-Mitglied LOT via Warschau mit Tallinn.

Essen und Trinken:
Café (Kohvik) Suur Muna (Großes Ei), am Suur Munamägi (Großer Eierberg), 65101 Dorf Haanja, Gemeinde Rõuge, Kreis Võrumaa, Tel. +372 58 66 46 68, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., https://suurmuna.ee/en/; Mo – Sa 10.00 – 21.00, So 10.00 – 18.00 Uhr geöffnet

Übernachten:
Kubija Hotel & Nature Spa (Hotell Kubija), Männiku 43 A, 65603 Stadt Võru, Kreis Võrumaa, Tel. +372 786 60 00, Tel. +372 504 57 45, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://kubija.ee/en/, www.visitvoru.ee/en/254/kubija-hotell-loodusspaa ; Spa und Sauna Centre Mo – Fr 14.00 – 22.00, Sa, So 10.00 – 22.00, Outdoor-Sauna Fr bis So 14.00 – 22.00 Uhr geöffnet; Anwendungen in der Spa Mo bis Sa 9.00 – 20.00, So 9.00 – 16.00 Uhr; Rest. zum Frühstück sowie So bis Do 12.00 – 21.00, Fr, Sa 12.00 – 23.00 Uhr geöffnet

Bauernhoftourismus: MTÜ Eesti Maaturism, Vilmsi 53 G, 10147 Tallinn, Estland, Tel. +372 600 99 99, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.maaturism.ee , www.maaturism.ee/index.php?lang=de  (deutsch)
Datenbank und Vorort-Information (Telefon, Email) der Organisation des Bauernhoftourismus in Estland mit Angeboten für Ferien und Übernachtung auf dem Bauernhof und Angeboten für Aktivurlauber (Wandern, Radfahren, Boot/Kanu/Kajak, Vogelbeobachtung).

Einkaufen:
Bauernhofmeierei Nopri, Farmi, 65041 Dorf Kärinä, Gem. Rõuge, Kreis Võrumaa, Tel. +372 517 24 78, Tel. +372 785 10 50, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/de/bauernhofmeierei-nopri , www.nopri.ee ; Hoftour (90 Min.; ab 2,50 €) n. V.; Hofladen Mo – Fr 8.00 – 21.00 Uhr geöffnet
Weingut (Veinitalu) Uue-Saaluse, Kõivsaare talu (Hof), 65147 Dorf Uue-Saaluse, Gemeinde Rõuge, Kreis Võrumaa, Tel. +372 518 32 49 (Maris Kivistik), This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., https://koduveinid.ee/en/homepage/; Gutsbesichtigung (90 Min.) mit Degustation (Wein und leckere Häppchen) sowie Weinverkauf ab Hof n. V. Gruppe (bis 10 Pers.) 100 €

Attraktionen:
Aussichtsturm auf dem Großen Eierberg (Suur Munamägi), 65101 Dorf Haanja, Gemeinde Rõuge, Kreis Võrumaa, Tel. +372 514 46 75, Tel. +372 787 88 47, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/de/aussichtsturm-auf-dem-berg-suur-munamagi , http://suurmunamagi.ee/de/page/5/; 1.4. – 31.8. tgl. 10.00 – 20.00, 1.9. – 31.10. tgl. 10.00 – 17.00, 1.11. – 31.3. Sa, So 12.00 – 15.00 Uhr geöffnet; Eintritt: zu Fuß 4 €, mit Aufzug 6 €

Fotos: Ellen Spielmann

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Zuletzt bearbeitet am 22/05/2019

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