Estlands "Wilder Osten": vom alten Stamm der Woten zum Peipussee! (Teil 2)

Nur 30 Autominuten sind es vom Dörfchen Kuremäe bis zum idyllisch inmitten Kiefernwäldern liegenden Dörfchens Kauksi, das außerhalb der Sommersaison nicht einmal 60 Einwohner zählt...

Seit 1543 ist der Ort bekannt, im 18. Jh. baute der russische Adlige Michailo Rudneff hier einen Gutshof mit Hafen. Kauksi hat spätestens seit 1961 eine klare Entwicklung zum Sommerbadeort genommen. Grund dafür ist natürlich der 143 km lange und bis zu 50 km breite Peipussee, der aber im Schnitt nur 8 Meter tief ist.

Den Peipussee kann man in drei Zonen gliedern. Sein nördlicher Teil ist mit 2610 km² der größte und heißt folgerichtig auch Großer See bzw. Suur Järv. Am estnischen Nordufer besitzt er einen über 30 km langen Sandstrand, die Wassertemperaturen schnellen im Juli bis auf 22°C hoch! Und auch im Winter ist der Große See attraktiv, wenn ihn eine 60 cm dicke Eisplatte bedeckt. Den mittleren Teil (235 km²) des Peipussees bildet der sog. Warme See (Lämmi Järv) den südlichen Teil (710 km²) der Pleskauer See (Pihkva Järv).

Badefreunde sind also am Nordufer bestens versorgt, zumal Kauksi nicht nur die höchsten Luft- und Wassertemperaturen ganz Estlands aufweist, sondern mit Datschen-Waldsiedlung samt Restaurant, Campingplatz, Kuru Villa und Holzblockhausvermietung hervorragende und günstige Übernachtungs- und Versorgungsmöglichkeiten bietet.

Am "Kauksi Telklaager" spaziert man vom kostenpflichtigen Parkplatz nur über die Straße und 50 Meter durch Nadelwald, um dann staunend am von Sandklippen gesäumten Strand und vor der sich gewaltig ausbreitenden Wasserfläche zu stehen. Und natürlich ist Kauksi dank ausgebauter Wanderwege ideal für Wanderer und Angler, aber auch für Reiter und Radler, die wir auch auf dem 2 Kilometer vom Sandstrand entfernt liegenden Anwesen Kauksi Puhkemaja, dem Kauksi Holiday Home treffen. Am einfachsten erreicht man den alten Hof von der Landstraße Jõhvi – Tartu, wo noch vor Kauksi linkerhand ein ausgeschilderter Abzweig zum 1 Kilometer entfernten Gehöft ist.

Kauksi Puhkemaja liegt auf einer riesigen grünen Waldlichtung und wird von Aivar und Piret Talistu und Familie betrieben. In den zurückliegenden Jahren hat sich ihr Hof immer mehr zum gut besuchten Geheimtipp am Peipussee entwickelt. Drei neue Holzhaus-Apartments entstanden, sämtlich mit Kochgelegenheit und Toilette. Zwei weitere sind an einem neu angelegten Teich im Bau. Und natürlich hat es vor Ort auch eine traditionelle Rauchsauna. Dazu gibt einen Grillplatz und sogar ein Tipi samt Kinderspielplatz mit Hasenstall – Familienfreundlichkeit wird hier großgeschrieben.

Entspannung in der Natur...
Entspannung in der Natur...

 

Schon seit 2011 steht das Päsari House, ein mächtiges Holzblockhaus am Waldrand, das im Erdgeschoss mit dem Hausrestaurant Päsari Köök und einer großen Freiluftterrasse aufwartet und im Obergeschoss zehn Zimmer bietet. Duschen und Toiletten sind vom Flur aus zugänglich. "Päsari" ist das Schlüsselwort zum Verständnis von Kauksi Puhkemaja. Denn es bedeutet "steiniges Land". Der Boden war hier nie sehr ertragreich – aber man kam schon durch! So ist die Päsari Köök die Küche des "steinigen Landes"! Und das Reich von Piret Talistu. Hier bereitet sie das Frühstück für die Gäste, hier sorgt sie für die leckeren Zutaten für Open air-Picknicks oder Caterings für Festivitäten am Peipus-Strand.

Und natürlich bittet sie auch zum Dinner. Ihre Küche ist rigoros estnisch und bedient sich vornehmlich lokaler Zutaten. Was liegt da näher als der Peipussee! Der liefert vor allem Hecht und Zander von vorzüglicher Qualität. Gerade Zander aus dem Peipussee hat sich als Exportschlager in die EU entwickelt. Und gegen frisch gefangenen Hecht, traditionell zubereitet, ist sowieso nichts einzuwenden.

Natürlich liefern auch die Wälder ringsum ihren Anteil an den leckeren bodenständigen Gerichten. Dazu werden eigene Obst- und Beerensäfte hergestellt und das Brot selbst gebacken. Auf einer kleinen Anrichte verkauft die stets freundliche Piret auch Spezialitäten aus der Region, darunter das süffige Bier aus der Mikrobrauerei von Gut Purtse, aber auch vorzügliche Ingwersaucen zur Verfeinerung etwa von Bratengerichten.

Und wenn dann auch noch die Jõhvi Big Band mit Posaunen und Trompeten erscheint, um für den nächsten Auftritt beim alljährlichen Spätsommerfest am Peipussee zu üben, dann ist die Idylle perfekt. Denn am letzten Augustwochenende verwandelt sich die estnische Küste des Peipussees auf eiern Länge von 175 km zum größten Pop up-Restaurant der Welt. An mehr als 100 Orten werden dann Lagerfeuer entzündet, wird gegessen, gesungen und getanzt. Natürlich auch auf der großen Wiese von Kauksi Puhkemaja – zu estnischen Traditionsliedern, aber auch zu Frank Sinatras "My way!"

Jõhvi Big Band mit Posaunen und Trompeten.
Jõhvi Big Band mit Posaunen und Trompeten.

 

Ein Kirchenstopp in Mustvee

Natürlich ist der Peipussee eng auch mit der deutschen Kolonialgeschichte im Baltikum und sogar mit der Gründung des russischen Reichs verbinden. Denn hier fand am 5. April 1242 auf dem zugefrorenen See jene Schlacht zwischen Nowgorods Heer unter Fürst Alexander Newski und dem Heer des Deutschen Ordens statt, dass die deutsche Ostexpansion jäh beendete und den Bestand der nördlichen Rus sicherte.

Tatsächlich sehen Historiker heute diese Schlacht als vielfach überhöht an. Früher galt sie in ihre Bedeutung als etwa so wichtig wie die Varus-Schlacht nahe dem Teutoburger Wald (9 n. Chr.). Nun ist sie nicht mehr die große als entscheidende Wendemarke der Geschichte, eher als eine unter vielen. Und auch die Zahl der teilnehmenden Kämpfer ist nun erheblich geschrumpft. Auf Seiten Nowgorods dürften maximal 4000 Kämpfer gewesen sein, der Orden hatte etwa 600 Reiter, davon nur 20 sog. "Panzereiter", und maximal 1200 Fußsoldaten aufgeboten. Immerhin: 1242 wurde mit Nowgorod Frieden geschlossen. Und die Narva wurde zur Grenze der Einflussgebiete. Ein Denkmal zur Schlacht hat findet sich auf der Ostseite des Peipussees.

Auch im Zweiten Weltkrieg wurde am Peipussee gekämpft, auch nahe dem Kloster von Kuremäe. Hart traf es die Dörfer der Nachfahren jener Altgläubigen, die ab 1650 hierher ins damals schwedische Estland auswanderten. Und die Uferdörfer entlang der estnischen Küste wurden bis zu 70 Prozent zerstört. Dies Schicksal traf auch das historische Fischerdorf Mustvee (1200 Einw.), übersetzt "Schwarzwasser", deutsch als Tschorna bekannt. Es war und ist das Zentrum der Altgläubigen am Peipussee.

Einst besaß der Ort sieben Kirchen, heute sind es noch vier – für alle großen Religionen. Absolut sehenswert ist aber das imposante Gotteshaus der zugewanderten Altgläubigen, ihre Hl. Dreifaltigkeitskirche. Überall in und um Mustvee wird zudem Frischfisch und Räucherfisch am Straßenrand und in Restaurants angeboten. Denn auch Mustvee wird mehr und mehr touristischer Anziehungspunkt, auch dank des neuen Hafens. Bemerkenswert ist zudem das Museum zur Geschichte der Altgläubigen in Mustvee, kurios das Waagen-Museum. An die frühe deutsche Kolonialzeit erinnert nur ein 1910 aus dem Fluss geborgener Stein mit deutscher Inschrift, der einmal die Grenze des Bistums Tartu markiert haben soll.

Hl. Dreifaltigkeitskirche.
Hl. Dreifaltigkeitskirche.

 

Viel schmackhafter sind hingegen die historisch gewachsenen Zutaten der heute noch 15.000 am See lebenden Altgläubigen. Ihre Erzeugnisse kann man auf der Zwiebelroute entlang des Peipussees entdecken. Hier und da lohnen auch Stopps, um die noch existierende historische Holzarchitektur von Schuppen und Häusern zu bewundern. Ein Muss sind hingegen die "Zwiebeldörfer" Varnja, Kasepää und Kolkja. Zwei Tipps: In Kolkja ist das Frisch- und Zwiebelrestaurant ein Muss (Ranna tänäv 1, Dorf Kolkja, Gem. Peipsiääre, Bez. Tartu, Tel. +372 504 99 08, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.; 1.4. bis 30.9. tgl. 12.00 – 18.00 Uhr, sonst n. V.).

Dort fehlen auch nicht Samowar, Tanz und Gesang. Übernachtungen bietet das 2006 eröffnete Gästehaus "Nina Kordon" (Dorf Nina, Gem. Alatskivi, Bez. Tartu, Tel. +372 529 30 30, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.). Ab 1925 Schule, diente es 1990 bis 1998 als Grenzschutzhaus. Und spätestens in Lüübnitsa muss man Zwiebeln und Knoblauch kaufen...

 

Impressionen:

Information:
Vor der Reise:
Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), Lasnamäe 2, 11412 Tallinn, Estland, Tel. +372 627 97 70, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/de , http://visitsouthestonia.com/en/
Tourismusinformation Bezirk Ida-Virumaa: Ida-Viru Ettevõtluskeskus, Keskvaljak 4, 41531 Jõhvi, Bezirk Ida-Virumaa, Tel. +372 339 56 20, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://idaviru.ee/en/
Tourismusinformationszentrum Jõhvi, Rakvere 13 A, 41531 Jõhvi, Bezirk Ida-Virumaa, Tel. +372 337 05 68, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/en/johvi-tourist-information-centre , http://idaviru.ee/en/; 15.5. – 15.9. Mo bis Fr 12.00 – 18.00, Sa, So 10.00 – 15.00 Uhr, sonst nur für Buchungen nach Voranfrage geöffnet
Programm "100 Jahre Estland" im In- und Ausland: www.ev100.ee/en ; www.visitestonia.com/de/uber-estland/100-jahre-estland 
Estnische Kulinarische Route: www.toidutee.ee/en 

Anreise:
Nordica: c/o Nordic Aviation Group AS, Lennujaama tee 13, 11101 Tallinn, Estland, Tel. +372 664 22 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.nordica.ee 
Nordica Call Center Tallinn: Tel. +372 664 22 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.; Mo – Fr, So 8.00 – 22.00, Sa 8.00 – 19.00 Uhr geöffnet; Mo – Fr, So 22.00 – 8.00 und Sa 19.00 – 8.00 Uhr werden Anfragen ans LOT Polish Airlines Call Center weitergeleitet.
Nordica Customer Service Centre Tallinn Airport: Passagierterminal, Tartu mnt 101, 10112 Tallinn; Mo bis Mi, Fr und Sa 5.30 – 18.30, Do und So 5.30 – 21.15 Uhr geöffnet
Direktflüge von und nach Tallinn finden ab 14.1.2019 nach und von Wien (dreimal wöchentlich) statt. München ist noch bis 30.3.2019 einmal wöchentlich (samstags) direkt mit Tallinn verbunden. Danach wird diese Nonstop-Verbindung eingestellt. Auch die saisonalen direkten Verbindungen mit Berlin-Tegel und Hamburg werden 2019 eingestellt. Dafür gibt es zahllose Onestop-Flüge mit Code-Share-Partner und Star Alliance-Mitglied LOT via Warschau mit Tallinn.
Übernachten, Essen und Trinken:
Kauksi Puhkemaja (Kauksi Holiday Home), c/o Aivar und Piret Talistu, 2 km vom Dorf Kauksi am Peipussee (ausgeschildert), 41008 Dorf Kauksi, Gemeinde Iisaku, Bezirk Ida-Virumaa, Tel. +372 521 93 26 (Piret Talistu), Tel. +372 505 21 59 (Aivar Talistu), This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.kauksipuhkemaja.ee/en/ ; GPS: 27°14’35’’ Ost, 59°0’27’’ Nord
Päsari Köök (Küche des "steinigen Landes”) im Kauksi Puhkemaja, c/o Piret Talistu, Kauksi am Peipussee, 41008 Dorf Kauksi, Gemeinde Iisaku, Bezirk Ida-Virumaa, Tel. +372 521 93 26, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.kauksipuhkemaja.ee/en/ 

Bauernhoftourismus: MTÜ Eesti Maaturism, Vilmsi 53 G, 10147 Tallinn, Estland, Tel. +372 600 99 99, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.maaturism.ee 
Datenbank und Vorort-Information (Telefon, Email) der Organisation des Bauernhoftourismus in Estland mit Angeboten für Ferien auf dem Bauernhof

Attraktionen:
Kuremäe: www.visitestonia.com/de/nonnenkloster-in-puchtitz-kloster-von-kuremae 
Kloster Pühtitsa (ehem. Püchtitz)/Kuremäe Monastery, 41201 Kuremäe küla (Dorf), Gemeinde Alutaguse, Bezirk Ida-Virumaa, Tel. +372 337 07 15, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.orthodox.ee/Puhtitsa-Stavropegial-Dormition-Convent_eng.html , www.visitestonia.com/de/nonnenkloster-in-puchtitz-kloster-von-kuremae , www.puhtitsa.ee  (nur auf Russisch); tgl. 7.00 – 19.00 Uhr geöffnet; Eintritt frei
Feriendorf Kauksi (Kauksi Puhkeküla) am Peipussee: 41008 Kauksi pk.138, Bezirk Ida-Virumaa, Tel. +372 339 38 35 (nur Juni bis Aug.), sonst Tel. mobil +372 56 64 06 49, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.kauksirand.ee/de 
Mustvee: www.visitestonia.com/de/das-museum-der-altglaubigen-von-mustvee , http://peipsirent.eu/english/environs.html; http://visitsouthestonia.com/en/destinations/mustvee-and-lake-peipus/
Zwiebelroute am Peipussee: http://visitsouthestonia.com/en/destinations/alatskivi-caste-and-the-onion-route-area/

Fotos: Ellen Spielmann

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Zuletzt bearbeitet am 03/02/2019

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