Ziegenkäse, Seetang und Geheimnisse der Eisenzeit

Mit jedem Schritt in Richtung Abgrund steigen sowohl die Lautstärke als auch der Nervenkitzel. Es ist irgendwie unheimlich...

In bizarren Mustern ragen graublaue Kalkstein-Klippen über 100 Meter hoch aus dem tosenden Atlantik. Gigantisch und unermüdlich schäumt der Ozean gegen die Felsen. Die Gischtwolke steigt weit über die Klippen hinaus und glitzert im Gegenlicht der Sonne. Feiner Salzgeschmack legt sich auf die Lippen. Der Anblick des steilen Abgrunds ohne Absperrung und des rauschenden Atlantiks am Fuße der Klippen lässt erschauern und nach Halt suchen.

Am äußersten westlichen Rand Europas in der Bucht von Galway liegen die Aran Islands. Auf ihren höchsten Punkten befinden sich berühmte alte Festungen aus der Eisenzeit. Als bekannteste von den mehr als 30 bedeutenden historischen und prähistorischen Fundstätten gilt Dun Aenghus auf Inishmore, der größten der drei bewohnten Kalksteinfelsen im Atlantik. Padraic O’Raighne führt die Besucher nur bis auf 20 Meter vor den Abgrund. "Weiter kann ich einfach nicht gehen. Das halte ich sonst nicht aus", sagt der Ire. 

Padraic O’Raighne.
Padraic O’Raighne.



Übermütige Besucher wagen sich bis an den Rand der Klippen. Lehnen sich gegen den Wind oder legen sich bäuchlings auf die Felsen, um einen Blick in die Tiefe zu werfen. Andere sitzen einfach nur da, betrachten den scheinbar endlosen Ozean und staunen. Das Steinfort aus dem 2. Jahrhundert vor Christus ist als halbkreisförmige Ringverteidigungsanlage mit drei Wällen erhalten. Rätselhaftes rankt sich um die Geschichte der Festung: War sie jemals zum Meer hin abgesichert? Brach eine Hälfte der Anlage mitsamt der Klippe weg? 

Jedes Jahr pilgern Archäologen, Naturforscher, Literaten und Künstler zu den Inseln, die als letztes Refugium der irisch-keltischen Kultur und Lebensweise gelten. Heute noch wird dort überall das melodiöse inselkeltische Gälisch gesprochen. Der 51 Quadratkilometer große Insel-Archipel war bis weit in das 20. Jahrhundert auf sich alleine gestellt. Bis in die 80er-Jahre lebten die Insulaner ein einfaches traditionelles Leben - immer im Kampf mit dem rauen atlantischen Wetter. Mitte der 1970-er Jahre gab es erstmals Elektrizität auf der Insel. Bis dahin existierte außerdem nur eine Fährverbindung zum Festland. Inzwischen verkehren kleine Flugzeuge zu den Aran Islands. 

Acht Minuten dauert der Flug, der nur bei gutem Wetter durchgeführt werden kann. Pilot Desmond Collins pendelt 15 bis 20-mal täglich zwischen den Inseln. Beim Anblick der kurzen, nur 500 Meter langen Landebahn zwischen zwei kleinen Buchten kann sich aber schnell ein flaues Gefühl im Magen ausbreiten. "Nur einmal in fünf Jahren wurde die Bahn verfehlt", schmunzelt der erfahrene Pilot. 

Pilot Desmond Collins.
Pilot Desmond Collins.

 

Am kleinen Inselflughafen empfängt Gabriel Flaherty die Gäste. In seinem Minibus führt der Einheimische, der übrigens auch erstklassigen Ziegenkäse produziert, gern Touristen und Forscher über die Insel. Er zeigt ihnen die einmalige Schönheit der Landschaft, bedeutende kulturhistorische Stätten, erzählt Anekdoten und berichtet aus seiner Kindheit. "Meine Mutter unterrichtete an der Dorfschule. Einige meiner Geschwister kamen auf dem Festland in einem Krankenhaus zur Welt. Bei mir ging es etwas schneller. Ich bin auf Inishmore geboren. Hier kennt jeder jeden und in den Ruinen haben wir als Kinder gespielt", erinnert sich der rothaarige Ire. "Langeweile kennen wir nicht. Wir lieben unsere Insel, die sehr steinig ist und deshalb besondere Schwierigkeiten birgt. Es gibt zum Beispiel keinen Bestatter. Wenn jemand stirbt, müssen die Verwandten das Grab ausheben. Wegen des felsigen Untergrunds ist das nicht so ganz einfach. Der Sarg wird dann mit einem Traktor zum Friedhof gebracht", berichtet er. 

Seine Tanten betreiben ein kleines Café, ganz in der Nähe von Dun Aenghus. Frischer üppig aufgetürmter Erdbeerkuchen oder Appletarte - die Auswahl in dem gemütlichen Treffpunkt des Dorfes ist köstlich. Das Tosen der Wellen ist nicht mehr zu hören. Stattdessen schweben, wie der sanfte Klang der gälischen Sprache, die leisen Melodien der im Wind schwingenden Telefonleitungen über die engen, kurvigen Straßen und Wiesen, die in zartem Gelb und frischem Grün zwischen den zahlreichen Steinmauern hervorschimmern. Auf dem Weg zurück zum Flughafen besucht Gabriel Faherty seinen Nachbarn Máirtín O'Conceanainn, der ebenfalls auf Inismore geboren wurde. Er gründete seine Firma "Blath na Mara Seaweed" bereits 2002. Schon früh entwickelte er eine ausgeprägte Leidenschaft für die Ernte sowie Verarbeitung von Meeresalgen zu Lebens- oder Heilmitteln. "Der Seetang wächst auf den langen, sanft abfallenden Kalksteinplattformen der nach Norden gerichteten Buchten von Inismore. Der saubere Atlantik spült fortwährend die Ufer der Inseln, so dass es ideale Bedingungen für eine vielfältige Makroalgenflora gibt", bestätigt der Einheimische.

Gabriel Faherty.
Gabriel Faherty.



"Schon meine Großmutter holte Algen aus dem Ozean und stellte Pasten daraus her. Diese wurden früher als Allheilmittel eingesetzt", ergänzt Gabriel Faherty. Ein letzter Stopp bei der Ziegenkäserei wird fast zum zeitlichen Verhängnis. 

Entgegenkommende Pferdekutschen auf den schmalen, einspurigen Straßen können für regelrechte Engpässe sorgen. "Wir haben noch genügend Zeit. Der Abflug ist erst in fünf Minuten und der Pilot hat mich noch nicht angerufen", beruhigt Gabriel Faherty seine Gäste. Er hatte Recht. Der Pilot wartete allerdings schon auf dem Rollfeld der kleinen Insel und startete sofort zügig durch, nachdem der letzte Passagier eingestiegen ist.  

Galway - Foodtour: Langer Nachklang mit dezentem Charme

Die Hochzeit von Sheena Dignam soll schon in zwei Wochen stattfinden. "Ich habe mich in einen französischen Konditor verliebt, weil er fantastische Schokotörtchen gebacken hat", erinnert sich die Irin, die häufig den Familienurlaub in Frankreich verbrachte, an die erste Begegnung. Das Menü ist selbstverständlich längst zusammengestellt, die Weine sind ausgewählt. Hervorragende Speisen und Getränke stehen für das Paar sowieso an erster Stelle. "Das Hochzeitskleid habe ich noch gar nicht anprobiert. Kulinarik - diese Leidenschaft teilen wird beide", schwärmt Sheena Dignam für ihre Passion, die mit ansteckender Begeisterung den Gästen die kulinarischen Hotspots in Galway zeigt. Unter dem Titel "Galway Food Tours-Around The Market Place" führt sie zu den schmackhaftesten Adressen der Stadt.  

Den Auftakt bildet Hochprozentiges. Der Green Spot Single Pot Still ist ein etwa acht Jahre alter Whiskey, der in neuen als auch gebrauchten Bourbon und Sherry-Fässern gereift ist. Seinen Namen verdankt der Whiskey der Familientradition, die Fässer je nach Reifungsalter mit bunten Farbklecksen zu kennzeichnen. Sein Aroma ist fruchtig und zeigt angenehm frische Holznoten. Wieder in Mode gekommen ist der Micil Irish Poitin, der seinen Namen dem Urgroßvater des Destillateurs, Micil Mac Chearra zu verdanken hat. Hergestellt wird der Poitin aus irischem Getreide, leicht mit lokal angebauten Moorbohnen aromatisiert. Dazu reicht Sheena Dignam verschiedene Käse und Lammschinken. Es folgen delikate Kostproben in einer Kaffeerösterei, in Konditoreien und Bäckereien. 

Sheena Dignam.
Sheena Dignam.

 

Bei Griffin`s, der ältesten Bäckerei Galways, die seit 1876 in der 6. Generation als Familienbetrieb geführt wird, verwundert ein überdimensional großes Weißbrot mit dem Namen Anaconda. "Damit verarbeitet der Bäckermeister Jimmy Griffin täglich immer wieder neu den Angriff einer Muräne, die ihm bei einem Tauchunfall einen Teil des Gesichts abgebissen hat", erklärt Sheena Dignam. Im Tigh Neachtain Pub von 1894 erwartet Austernfischer Michael Browne die Gäste mit ganz eigenen kulinarischen Kreationen. "Für mich gibt es besonders köstliche Kombinationen. Das ist der Genuss einer Pazifischen Auster mit Buttermilch, Zitrone, Tabasco oder Guinness", sagt der Ire, der mit einer beigen Wollmütze als sein Markenzeichen gekleidet ist. 

Während er die frischen Austern aus einer blauen Plastikschale mit Seetang fischt und schnell öffnet, erklärt er präzise und ausführlich die Technik des Austernöffnens. Dabei beobachtet er mit verschmitztem Blick die Reaktionen der Gourmets. Auch in dem gemütlichen Pub, in dem das Torffeuer in gusseisernen Öfen lodert, wird lecker aufgetischt. Es gibt irisches Sushi - mit Makrele, Thunfisch oder Lachs. "Wir haben hier ein unglaubliches Potential. Diese Region trägt als erste in Irland den Titel European Region of Gastronomy 2018", freut sich Jacinta Dalton, Dozentin an der Hochschule für Tourismus und Kunst am Galway Mayo Institut für Technologie (GMIT), über die Auszeichnung. 

Austernfischer Michael Browne.
Austernfischer Michael Browne.

 

International bekannt ist Sternekoch Enda McEvoy. Er wurde bei den Irish Restaurant Awards 2016 zum "Besten Küchenchef Irlands gewählt. Sein Restaurant Loam (was reich, fruchtbarer Boden bedeutet) befindet sich direkt am Eyre Square in Galway. Enda McEvoy konzentriert sich bei seinen farbenfrohen Gerichten auf eine in der Tradition verwurzelte moderne Küche. Mit vielen der lokalen Produzenten ist er befreundet. "Die Produkte helfen uns, die Emotionen und Magie von Westirland zu reflektieren", erklärt Enda Mc Evoy, der unter anderem im Ard Bia at Limmos gearbeitet hat. In dem urigen Restaurant in einem ehemaligen Bootshaus wird ebenfalls sehr viel Wert auf Qualität und Regionalität gelegt. Herausragendes gelingt dem Küchenteam mit der Jakobsmuschel auf Black Pudding. Die Iren mögen es offensichtlich bunt. Während tagsüber die historischen Fassaden der kleinen Geschäfte und Cafés in sämtlichen Farben einer Malerpalette leuchten, sind es nachts die warmen Töne, Kerzenlicht oder mitreißende Live-Musik in den Pubs, die für einen langen Nachklang mit dezentem Charme sorgen.  

Tipps: 
Empfehlenswert ist ein Besuch des Pearse Cultural Centre, Connemara und die Besichtigung vom Patrick Pearse Cottage. Im Visitor Center gibt es auch die ausgezeichnete Küche von Martin Conlon. 

Ganz in der Nähe, in Rossaveal, werden Abalone gezüchtet. Die Meereesbiologinnen Cindy und Sinéad O'Brien beschäftigen sich seit rund 20 Jahren mit den so genannten Trüffeln des Meeres. Etwa 5,5 Jahre dauert es bis die Schnecken in ihrer Perlmuttschale eine Größe von ungefähr zehn Zentimetern erreicht haben. www.mungomurphyseaweed.com , www.abalone.ie 

Die Connemara Organic Seewead Company erntet und verarbeitet Seetang für die Verwendung als Lebensmittel oder Kosmetik noch wie vor einhundert Jahren. Firmenchef Noel Lee ist in Lettermullen einer wunderschönen, windgepeitschten Insel geboren und aufgewachsen. Seit Generationen erntet seine Familie das Superfood vor der Küste von Connemara. "Unsere Mission ist es, durch Nahrungsergänzungsmittel und essbare Produkte aus Seetang für den menschlichen Verzehr bereitzustellen. Ein positiver Einfluss auf unsere Gemeinschaft und unsere Umwelt ist der Kern all dessen, was wir tun", bestätigt Noel Lee.

Informationen
Fáilte Ireland, www.failteireland.ie, www.discoverireland.ie 
Irland Information, www.ireland.com 
Galway and Connemara Food & Pub Tours, www.galwayfoodtours.com , www.wildatlanticwayfoodtours.com , www.connemarapubtours.ie 
Seetang Aran Islands, www.blathnamara.ie 
Aran Ziegenkäse, www.arangoatcheese.com 
Restaurant Loam, www.loamgalway.com 
Restaurant Ard Bia, www.ardbia.com 
Ballynahinch Castle, www.ballynahinch-castle.com

 

Impressionen:

 

Fotos: Carola Faber

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Zuletzt bearbeitet am 05/12/2018

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Autor

Carola Faber

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