Lebendig eingemauert

Estland im doppelten Sinn hautnah erleben kann man in der alten Kurstadt Haapsalu, einst deutsch auch als Hapsal bekannt...

Die erste gute Nachricht aus dem Hauptort des Großkreises Läänemaa kam 2017. Sie wuchs durch Übernahme der Landgemeinde Ridala um 3500 Einwohner auf nun knapp 15.000 Einwohner: die historische Stadt, dazu zwei Großdörfer und 56 Weiler! Dazu locken ein Dorado für Natur- und vor allem Vogelfreunde, der Matsalu-Naturpark, sowie vorgelagert die Inselwelt, allen voran Vormsi. Eigentlich entsprechen die Landkreise Lääne und Saare mit den Inseln Saaremaa und Muhu in etwa einer Uralt-Diözese aus deutsch-baltischen Ordenskolonialzeiten, dem Bistum Oesel-Wiek. Und so hat Hapsal, die Kurstadt am Meer mit mondänster Vergangenheit und großartiger Zukunft, tatsächlich auch eine enorme historische Vergangenheit, die nun touristisch wie kulinarisch zu neuen Höhenflügen ansetzt.

Ankunft: ein Bahnhof als Hingucker

Als der Arzt Carl Abraham Hunnius (1797 – 1851) im Jahr 1825 die Heilwirkung des Meerschlamms von Haapsalu entdeckte, war es um die Beschaulichkeit der uralten Bischofsstadt Hapsal geschehen. Hapsal/Haapsalu erwachte aus seinem 500 Jahre währenden Dornröschenschlaf, entwickelte sich – auch dank seines milden Klimas, im Nu zum beliebtesten Bade- und Kurort des Baltikums.

Waren es anfangs Kutschen, die das von weither und vor allem aus Sankt Petersburg anreisende, vermögende Adelsklientel in den Sommermonaten hierher kutschierten, so reisten ab 1905 auch mehr und mehr Bürger per Bahn aus dem heute nur 90 Autominuten entfernten Tallinn, dem alten Reval an, um es ihrer Elite, allen voran der Zarenfamilie der Romanows, gleichzutun. Denn insbesondere für die wurde der dann 1907 fertiggestellte Zarenbahnhof Haapsalu eröffnet: ein Schmuckstück seiner Zeit, einer der größten, ganz in Rot- und Beigetönen gehaltener romantischer Holzbahnhof mit dem damals längsten überdachten Bahnsteig Europas: satte 214 m lang. Der Sankt Petersburger Architekt Verheim ließ es an nichts fehlen, der Zar selbst hatte tief in die Rocktaschen gegriffen. Doch seit 1995 ruht der Bahnverkehr, 2004 wurden sogar die Gleise demontiert.

Nun führt ein 50 km langer neuer, mit EU-Mitteln geförderter Radweg, Teil des Europaradwegs 1 von Hamburg nach Sankt Petersburg, am alten Schienenstrang entlang nach Tallinn. Der Bahnhof selbst, mit großer Empfangshalle, wunderbarem Fahrkartenschalter und prächtig restaurierten Toilettenräumen, ist nun Museum – Eisenbahnmuseum. Auf den Abstellgleisen stehen ausrangierte, doch perfekt restaurierte historische Loks und Waggons, z. B. eine monströse schwarzrote sowjetische Dampflok "L 1646" von 1951. Vor diesem Gesellschafts- wie Industriedenkmal längst vergangener Tage blüht es nun in gepflegten Blumenrabatten, Europafahnen wehen im Wind.

Restauriert und jetzt Eisenbahnmuseum: der Bahnhof.
Restauriert und jetzt Eisenbahnmuseum: der Bahnhof.

 

Peter der Große, Bischofsburg und Kathedrale

Ein Hauptgrund, warum die Romanow-Zarenfamilie Hapsal/Haapsalu so schätzte, war Peter der Große. Russlands autokratischer Zweimeter-Riese, Zar und Zimmermann, kam, sah und – blieb – zumindest eine Zeitlang. Als er beim Bau seines schlichten hölzernen Domizils im sommerlichen Juni 1715 an der Rüttli (Rittergasse) 4 sogar höchstpersönlich aufs Dach stieg. Doch das einfache Häuschen in Haapsalus schmuckem historischem Zentrum, manchmal sogar von den Touristen übersehen, ist längst nicht ältestes Gebäude vor Ort. Da ist am Platz zum Beispiel das kleine Barock-Rathaus, an dem noch das Bistums-Patronatssiegel Oesel-Wiek mit Adler und Evangelist Johannes prangt. Und da ist das offene Tor zur von hohen Wehrmauern umgürteten Bischofsburg. Staunend steht man erst einmal am 803 m langen Mauerrund mit ursprünglich acht Meter hohen, bis 1,8 m dicken Mauern dieser romanisch-gotischen Bischofsburg, deren Fundamente wohl zwischen 1260 und 1270 auf einem künstlichen Hügel errichtet wurden. Erster Bischof des Bistums Oesel-Wiek wurde 1228 ein gewisser Gottfried, Zisterziensermönch aus Dünamunde (heute Lettland), der vordem schon Prior in Kloster Pforta/Naumburg gewesen war.

Die große Stunde für Haapsalu schlug 1279, das heute als Gründungsjahr von Hapsal gilt. Denn der in Lübeck geweihte Bischof Hermann II. von Buxhoeveden, einen Tag nach der Weihe hatte er die Privilegien der Lübecker Kaufleute ohne Umschweife bestätigt, verlegte den Bischofssitz hierher. Bis 1300 wurde dann die Burganlage zur bis heute größten existierenden in ganz Estland ausbaute. Hier regierte fortan auch der Deutsche Orden samt Vorläufern, Schwertritter- und Livländischem Orden erinnert. Eine gewaltige, deutlich später entstandene Pulverkammer erinnert daran, dass diese Kolonisation letztlich bis zum letzten Aufstand der Esten, der Georgsnacht (23.4.1343), nicht friedlich ablief. Nach der Unterwerfung der Esten – und Ermordung der auf Burg Paide (Weißenburg) zu Verhandlungen weilenden vier Anführer – kaufte der Orden ganz Estland für 19.000 Mark nach Kölner Prägung vom Dänenkönig – und blieb.

Estlands 2018 gefeierte 100-jährige Unabhängigkeit blieb indes bis 1917 ein Traum. Zwar erhielt die Burg im 14. und 15. Jh. noch weitere Türme, Vorburg und Befestigungen. Doch die absolute Blütezeit war schon Anfang des 14. Jh. vorüber, als der Bischofssitz nach Arensburg, das heutige Kuressaare auf Saaremaa, der alten Insel Oesel verlegt wurde. Gleiches galt auch für die Burgkirche, die wohl schon ab 1260 erbaute einschiffige Kathedrale, auf 425 m² Fläche eine der größten im Baltikum. Beeindruckend das romanische Portal, beeindruckend das gotische Sternengewölbe. Doch von der Pracht blieb bald nicht mehr viel. Zwar hatte Bischof Johannes IV. Kievel (1515–1527) die Burgmauern auf 10 Meter, dann sogar auf 15 m erhöht. Doch der Orden musste schon nach dem Livländischen Krieg (1558 – 1583) weichen, 1625 verkaufte der Neubesitzer, Schwedenkönig Gustav II. Adolf, auch durch den Dreißigjährigen Krieg in Deutschland klamm bei Kasse, Haapsalu an den Adligen Jakob De la Gardie (1583–1652). Der wollte den Komplex zum Renaissance-Schloss umbauen, was aber misslang, da 1688 das Dach der Kathedrale, Burgwohnungen und Orgel abbrannten. Dann kam Russland, 1710 de facto, 1721 auch de jure.

Relikt aus vergangenen Zeiten: die Bischofsburg.
Relikt aus vergangenen Zeiten: die Bischofsburg.

 

Peter der Große ließ die Burg schleifen, immerhin wurde aber 1726 das Dach erneuert. Die Kirchengemeinde aber zog um, die Kathedrale bleib verwaist, die gesamte Burg im 19. Jh. romantischer Park, die ursprünglich dem Apostel Johannes geweihte Kathedrale mit Zaren- und Adelsgeld neogotisch restauriert und 1889 dem Hl. Nikolaus geweiht. 1940 wurde sie geschlossen, 1944 zerstörten Vandalen Altar, Altarbilder und Orgel, ab 1946 diente das Gotteshaus bis 1989 als Getreidespeicher. 1992 wurde sie neu eingeweiht. Heute öffnet im Konvent das Burgmuseum mit Gewölbekeller, Alchemielabor und Mittelalter-Hospital, im Burgwallgraben ist ein mittelalterlicher Kinderspielplatz, der Burghof wird für großartige Sommerkonzerte genutzt.

Ein Gespenst

Einzig aus tiefster Vergangenheit geblieben ist das Burggespenst: Die sog. "weiße Dame" taucht bis auf: allerdings nur bei Vollmond im August. und nur am Rundfenster in der Apsis der Taufkapelle aus der ersten Hälfte des 14. Jh.s. Der Hintergrund: Damals war die Burg für Frauen tabu. Doch ein Domherr verguckte sich in eine junge Estin und schmuggelte sie ein. Sie legte dann in der Burg, als Chorknabe verkleidet. Die Sache flog auf, der Kleriker verhungerte rasch im Kerker. Das Mädchen aber wurde lebendig eingemauert, erhielt noch einen Laib Brot und einen Krug Wasser jammerte so noch über Tage herzergreifend, bis es verstummte. Seither irrlichtert es umher. Im August bewerkstelligt es das sogar beim Burgmusikfestival "Zeit der Weißen Dame" ("Valge Daami Aeg").

Ilon Wigland Wunderland

Natürlich hat der erweiterte äußere Burgbereich noch mehr zu bieten: etwa die orthodoxe Maria-Magdalenen-Kirche, Zar Alexander I. spendierte sie. Und schließlich lädt auch "Iloni Imedemaa" "Ilons Wunderland", in einem doppelstöckigen Eckhaus zum Besuch. Nahebei, in der Linda 2, wuchs die 1903 in Tartu geborene Ilon Wigland auf. Wie viele schwedische Esten emigrierte sie 1944 Hals über Kopf mit der Familie einer Klassenkameradin nach Schweden. Dort traf die Grafikerin 1953 Astrid Lindgren, für die sie in der Folge zahlreiche Kinderbuchklassiker illustrierte, darunter Welthits wie "Mio, mein Mio", "Karlsson vom Dach" oder "Ronja Räubertochter". 2006 vermachte sie alles ihrer estnischen Heimat, seit 2009 öffnet hier ihre Ausstellung mit Galerie.

Hinter diesen Mauern regiert das Burggespenst...
Hinter diesen Mauern regiert das Burggespenst...

 

Information:

Vor der Reise:
Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), Lasnamäe 2, 11412 Tallinn, Estland, Tel. +372 6279 770, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.visitestonia.com/de 
Programm 100 Jahre Estland im Jahr 2018: www.ev100.ee ; www.visitestonia.com/de/uber-estland/100-jahre-estland-1 
Estonian Culinary Route (Estnische kulinarische Route): www.toidutee.ee/en 

Vor Ort:
Haapsalu Tourist Information Centre, Karja 15, 90502 Haapsalu, Läänemaa, Tel. +372 4 73 32 48, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.visithaapsalu.com 

Anreise:
Nordica: www.nordica.ee ; Call Center Tallinn, Tel. +372 66 4 22 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.; Mo. – Fr., So. 8.00 – 22.00, Sa. 8.00 – 19.00 Uhr geöffnet; Customer Service Centre Tallin Airport: Mo., Mi., Sa. 5.00 – 18.30, Di., Do. 5.00 – 20.45, Fr. 5.30 – 20.45, So. 5.00 – 21.30 Uhr
Direktflüge z. B. von München, Wien, Berlin, Hamburg und Amsterdam nach Tallinn. Mitglied der Star Alliance (Miles & More)

Reiseveranstalter:
Sehr zu empfehlender Veranstalter "Estland – kulinarische Spurensuche" (1.9. – 8.9.2018): Entdeckertouren, c/o Reisebüro Klingsöhr, Oberföhringer Str. 172, 81925 München, Tel. 089 9 57 00 01, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.entdeckertouren.com/67249 

Übernachten/Essen:
Kongo Hotell in der Altstadt von Haapsalu (http://kongohotel.ee); Appartements via Café Dietrich in Haapsalus Altstadt (http://www.dietrich.ee/en/), Wellness/Spa mit Haapsalus Meerschlamm-Therapie, Spa, Schwimmbad, Sauna und Rest. Bergfeldt: Fra Mare Thalasso SPA (http://framare.ee/de/)

Müüriääre kohvik (Café an der Burgmauer), Karja 7, 90502 Haapsalu, Tel. +372 4 73 75 27, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.muuriaare.ee ; So – Do 10.00 – 20.00, Fr, Sa 10.00 – 22.00 Uhr geöffnet; Kontakt: Cafémanagerin Reet Lumiste, Tel. +372 51 36 338, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. bzw. Marget Vatku, Tel. +372 5 15 94 29
Nebenan:
Müüriääre Pagaripood (Bäckerei an der Burgmauer), Karja 8, 90502 Haapsalu, Tel. +372 5 06 09 24, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. 

Weitere estnische Spezialitäten:
Hää Eesti Asi (Goods of Estonia), Aia 1/Viru 23, Tallinn, Tel. +372 56 97 64 11, https://et-ee.facebook.com/heaeestiasi ; tgl. 10.00 – 20.00 Uhr
Filiale Flughafen Tallinn: Goods of Estonia, Lennujaama tee, 11101 Tallinn, Tel. +372 56 97 64 12, www.tallinn-airport.ee/en/shops/ ; Öffnungszeiten: tgl. 40 Minuten vor erstem Abflug bis zum Abflug des letzten Fliegers

 

Impressionen:

 

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 16/02/2018

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