Estland: Fellin im Wandel der Jahrhunderte

Estlands Hinterland ist nur vermeintlich Provinz. Die über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaft südwestlich der alten Hansestadt Tartu (Dorpat) wartet mit erstaunlichen Entdeckungen auf...

Stopover in der Stadt der weißen Rosen: Viljandi

Es ist die einzigartige Lage, die zum Halt in der Kleinstadt Viljandi (17.900 Einw.) verleitet. Da ist einmal die Geographie: 81 Kilometer waren es von Tartu, 160 Kilometer sind es nach Tallinn, 97 Kilometer bis Pärnu: Viljandi wirkt wie das Zentrum im Spinnennetz, ist Hauptort des Bezirks Viljandimaa. Vom Bahnhof geht es im Zug direkt nach Tallinn, Busse fahren in alle größeren estnischen Städte, viele Firmen haben sich hier angesiedelt, die Universität Tartu mit der Kulturakademie eine Niederlassung etabliert. Verschlafen wirkt Viljandi daher eher nicht.

Und da ist auch der Viljandi-See: ein Talsee im Schatten des den Bezirk dominierenden, bis 146 Meter aufsteigenden Sakala-Höhenzugs. Der Bergrücken ist eine fulminante eiszeitliche Endmoräne, der Viljandi-See füllt eines der entstandenen Urstromtäler: 4,3 Kilometer lang und bis zu 435 Meter breit, 11 Meter tief und fischreich, zudem mit Wald und oft hohen Ufern versehen. Und zumindest das historische Viljandi, Altstadt und mächtige Ordensburg, liegen für estnische Verhältnisse hoch! Da nimmt es nicht Wunder, dass sich hier bei so viel natürlichem Reiz und auch Schutzmöglichkeiten früh Menschen niederliessen: Die ersten kamen schon vor 7000 Jahren!

Relikte der Vergangenheit in Estlands Felin...
Relikte der Vergangenheit in Estlands Felin...

 

Die Ersterwähnung des Ortes gebührt aber einem Araber, der seinen Stammbaum bis auf den Propheten Mohammed zurückverfolgen konnte: Der adlige Gelehrte Al-Idrisi (um 1100 – 1166) erwähnte die damalige Holzfeste der Esten hoch über dem See in seinem Weltatlas Geographia im Jahr 1154. Hierher verirrt hat er sich aber nie. Danach aber ging es erst einmal drunter und drüber – viele, zu viele wollten diese Festung mit allerschönstem Seeblick besitzen. 1211 wurden die Esten von Viljandi von Deutschen, Litauern und Livländern belagert, 1223 gelang dem deutschen Schwertbrüderorden die Eroberung gegen verbündete Esten und Russen: Ab 1283 trug Viljandi den Namen Velyn (von estnisch "vili", Getreide), aus dem dann Fellin wurde. Aus der hölzernen Festung entstand ab 1224 im Laufe von 200 Jahren eine der größten und mächtigsten Ordensburgen im Baltikum. Die Schwertbrüder, sie hatten sich gerade erst 1202 gegründet, 1215 Tartu/Dorpat und dann die Insel Oesel (heute Saaremaa) erobert und trugen weißen Mantel und rotes Schwertkreuz, verlegten gar ihren Sitz hierher.

Volquin (Volkwin) Schenk von Naumburg (an der Saale) zu Winterstätten, Nachfolger des ersten Herrenmeisters des Schwertordens, Vinno von Rorhbach (1207 – 1209), hatte indes nur kurz Freude am Burgenbau: Schon 1236 fielen er und ein Gutteil seiner Recken in der sie vernichtenden Schlacht von Schaulen. Der Rest dieser schwertfidelen Rittersleut wurde in der Viterber Union (in Viterbo, Latium, Italien) dem prosperierenden Deutschen Orden unter Hochmeister Hermann von Balk (gest. 1239) als Livländischer Orden einverleibt. Denn der hatte, dank Hochmeister Hermann von Salza, Kanzler des "Staunens der Welt", von Stauferkaiser Friedrich II., mit der Goldenen Bulle von Rimini 1226 freie Hand für den Orden für alles Land östlich der Weichsel erhalten. Prima, dass man sofort auf den Restbesitz der Schwertbrüder in den heutigen Gebieten Lettlands und Estlands zugreifen und schon Ende des 13. Jahrhunderts das Konventshaus (!) des Deutschen Ordens hier in Fellin errichtete. Die Ostkolonisation des Baltikums wurde als nicht nur in der Marienburg, sondern auch hier gemanagt.

Traditionelles Fachwerkhaus in Fellin.
Traditionelles Fachwerkhaus in Fellin.

 

Juku, der Elch: in der Ordensburg Fellin

Heute steht man auf der Hängebrücke über riesige Wallgräben der Doppelburg, die mit Kunstinstallationen geschmückt sind, geht vorbei an einer für Estland so typischen Riesenschaukel – Kiiking, Schaukeln, ist schließlich Nationalsport – und betritt durch das rekonstruierte Burgtor – ein gewaltiges Trümmerfeld. Das existiert bereits seit 1560, als die Burg im Livländischen Krieg von den Manne des Prinzen Kurbski aus der Moskowiter Rus teilzerstört wurde und Anfang des 17. Jh.s im Polnisch-Russischen Krieg den Todesstoß bekam. Den Rest besorgten dann Fellins/Viljandis Bewohner und holten sich einen Gutteil der Ziegel und Steine für den eigenen Hausbau. Erst 1878/79 wurden die heute zu sehenden gewaltigen Wände rekonstruiert, darunter die Ruine der Ordenskapelle und die mächtige Wand über der einstigen Burgküche. Dann passierte lange nichts. 1936 kam man auf die Idee, die Burgruine als Zoo zu nutzen. Ein Hirschpaar und Juku, der Elch wurde aber nur kurz zu Superstars. Nun zeigen zig Bänke und Stuhlreihen an, dass die Open air-Ruine nun vor allem als Musikbühne genutzt wird. Hier und in ganz Viljandi findet jährlich an vier Tagen Ende Juli das Viljandi Folkfestival mit über 100 Veranstaltungen statt – es ist das größte Festival in Estland überhaupt! Dazu kommen Tanzfestivals, Hansetage, Puppentheater- und Theaterfestival.

Wie lohnend Viljandi ist, das mit vielen B&B-Angeboten aufwartet, zeigen auch das neue Zentrum für traditionelle estnische Musik mit Café und Dachterrasse am Burgberg, die perfekt restaurierte St. Johannes-Kirche (Jaani kirik) und die Pauluskirche (Pauluse kirik). Eigentlich hätte einiges aus Fellin/Viljandi werden können. 1283 gab Ordensmeister Wilhelm von Endorpe den Fellinern das Stadtrecht, ab 1346 ist Fellin als Hansestadt dokumentiert, hier wurde 1365 der Friedensvertrag zwischen Hanse und Dänemark geschlossen. 1470 wählte Großmeister Johann Wolthus von Herse Fellin als Residenz, 1481 ritt Zar Iwan III. vergebens gegen die Mauern an. Dann aber kam es dicke: Der Ort verlor im 17. Jh. unter Schweden und Russen das Stadtrecht, 1710 lebten hier nur noch 100 Menschen. Stadt wurde man erst wieder 1783 unter Katharina II. (der Großen). Heute blühen vor dem schmucken Rathaus von 1931 jedes Jahr im Hochsommer 720 weiße Rosen – und Viljandi feiert den Tag der weißen Rose!

Die Kirche im Ort.
Die Kirche im Ort.

 

Nun ja, weiß und rot trugen auch schon die Schwertbrüder! Aber hinter dem Rathaus geht es auf der langen Treppe (Trepimägi; 158 Stufen) zum Badestand! Und von der guten alten Zeit künden noch rund um den alten Wasserturm von 1911 Kopfsteinpflaster, jahrhundertealte Fachwerkhäuser, das Stadtmodell im Stadtmuseum, Kunsthandwerksläden und das Café Fellin, das seit 2014 zu den besten 50 Restaurants in Estland zählt. 2017 wurde es gar mit der Aufnahme in den White Guide Nordic geadelt. Hinter der blauen Eingangstür is(s)t man richtig, ob Hühnerleberterrine (6 €), vegane Sandwiches (7 €), estnische Käseplatte (12 €) oder Borscht a la Fellin (5 €). Es darf aber auch Elch von der Insel Saaremaa (15 €) oder Wachtel mit Jerusalem-Artischocke, Kastaniencreme, Sanddorn, Backapfel und Apfelweinsauce (13 €) sein. In jedem Fall rudert ein alter Greis weiterhin über den Viljandi-See. Dies vollbringt er der Legende nach, seit er als junger Mann eine holde Schöne über den See ruderte, diese dann aber ans Ufer sprang, winkte und verschwand. Da er ihre blauen Augen nie vergessen konnte, sucht er sie auf dem See bis heute.

Informationen:

Vor der Reise:
Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), Lasnamäe 2, 11412 Tallinn, Estland, Tel. +372 6279 770, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/de 

Programm 100 Jahre Estland im Jahr 2018: www.ev100.ee; www.visitestonia.com/de/uber-estland/100-jahre-estland-1
Estonian Culinary Route (Estnische kulinarische Route): www.toidutee.ee/en 

Vor Ort:
Viljandi Tourist Information Centre, Vabaduse plats 6, 71011 Viljandi, Tel. +372 43 3 04 42, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/en/viljandi-tourist-information-centre
Pärnu Visitor Centre, Uus tänav 4, 51013 Pärnu, Tel. +372 44 7 30 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/en/parnu-visitor-centre 

Anreise:
Nordica: www.nordica.ee; Call Center Tallinn, Tel. +372 66 4 22 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.; Mo. – Fr., So. 8.00 – 22.00, Sa. 8.00 – 19.00 Uhr geöffnet; Customer Service Centre Tallin Airport: Mo., Mi., Sa. 5.00 – 18.30, Di., Do. 5.00 – 20.45, Fr. 5.30 – 20.45, So. 5.00 – 21.30 Uhr
Direktflüge z. B. von München, Wien, Berlin, Hamburg und Amsterdam nach Tallinn. Mitglied der Star Alliance (Miles & More)

Sehr zu empfehlender Veranstalter "Estland – kulinarische Spurensuche" (1.9. – 8.9.2018): Entdeckertouren, c/o Reisebüro Klingsöhr, Oberföhringer Str. 172, 81925 München, Tel. 089 9 57 00 01, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.entdeckertouren.com/67249 

On the road:
Café Fellin (Kohvik Fellin), Tasuja plats 1, 71011 Viljandi, Tel. +372 43 5 97 95, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., https://kohvikfellin.ee; Di – Do 12.00 – 22.00, Fr, Sa 12.00 – 23.00, So 12.00 – 19.00 Uhr

Übernachtung/Restaurant:
Hedon Spa & Hotel, Ranna puiestee 1, 80010 Pärnu, Tel. (Hotel) +372 44 9 90 00, Tel. (Spa) +372 44 99 011, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.hedonspa.com/en/; 66 DZ, 6 Suiten; Luxushotel am Strand von Pärnu mit Restoran Raimond, benannt nach dem estnischen Musiker und Komponisten Raimond Valgre, der in Pärnu lebte, Grill-Resto Acord und Wellness-Boutique-Spa (tgl. 7.00 – 21.00 Uhr; Sauna/Meerfangobad 25 €, 2 Anwendungen 40 €, drei Anw. 55 €)

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 18/01/2018

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