Aus Estland, mit Liebe: Tartu (Teil 2)

Napoleon war nie in Tartu, er konzentrierte sich 1812 mit seiner Grand Armee auf Moskau. Dafür erinnert im alten Dorpat im Park zwischen den Fußgängerzonen Küümi und Ülikooli (Hochschulstraße) eine Großbüste an Fürst Michael Andreas Barclay de Tolly (1761 – 1818), den zaristischen russischen Feldmarschall (und 1813 nach Kutusows Tod Generalfeldmarschall) und Kriegsminister, ein Hauptgegenspieler Napoleons...

Sein Palast an Tartus Rathausmarkt 18 ist als "Barclay`s Leaning House", noch mehr als "schiefes Haus von Tartu" berühmt. Restauriert und stabilisiert, möchte es mit Pisas berühmtem Turm konkurrieren möchte und ist Sitz des städtischen Kunstmuseums. Vor ihm erinnert die Künstlerin Mare Mikof mit ihrer Bronzegruppe "Women from the Countryside" (1974/78) an Estlands ländliches Leben.

Am unteren Ende des Rathausplatzes schließt sich Tartus vielleicht berühmtestes Symbol, die alte Steinbrücke über den Emajõgi (Embach) an. Hier ankerten einmal Hanseschiffe und die extra entwickelten Embach-Lastkähne. Zweimal walzten hier im 2. Weltkrieg Armeen in aller Brutalität über Tartu hinweg. Zweimal wurde die 1784 erbaute Brücke zerstört: 1941 und 1944. Seit der Nachkriegszeit diente das Beton-Provisorium Radlern für den Übergang. Nun soll die auch mit Spenden durchgeführte Originalrekonstruktion bis 2018 fertig sein. Überhaupt ist der Rathausplatz mit seinen restaurierten Palästen, schönen Open air-Cafés, Konditoreien und Restaurants Seele und Nabel der Stadt. Am oberen Platzende steht direkt vor dem imposanten, 1782 – 1789 erbauten schmucken Rathaus (mit Tourismusinformation) seit 1998 die Brunnenstatue der "Küssenden Studenten", tags wie nachts der Treff der Jugend im alten Dorpat mit seiner 400 Jahre langen Geschichte der Universität. Täglich 12.00, 18.00 und 21.00 Uhr ertönt zudem im Rathausturm das Glockenspiel der in Karlsruhe gegossenen Glocken.

Direkt an der Universität: Diverse Cafés, denn die junge Studentenstadt Tartu ist bis heute eine Stadt der Kaffeehäuser. Gleich an der Ülikooli 11 öffnet das Café Werner, das seit der Eröffnung 1895 durch Konditor Johann Werner eine Institution und beliebter Studententreff ist. Im 1. Stock kann man auch gut essen. Ein Tipp ist auch "etwas Süßes", estnisch "Midagi head" genannt. Am Rathausplatz öffnen die neuen Klassiker: etwa das Café Truffe an Nummer 16 oder das stets gutbesuchte Pierre Café & Chocolaterie an Nummer 12. Hier locken Torten, Trüffel, Schokoladenkuchen, auch warme Gerichte. Ideale Souvenirs sind die prallgefüllten Pralinenschachteln.

Tartu hat viele Cafés: hier das Pierre Café.
Tartu hat viele Cafés: hier das Pierre Café.

 

Nicht weit entfernt erhebt sich am Ende der Ülikooli Tartus ganzer Kulturstolz, das in den 1960er Jahren erbaute Nationaltheater Vanemuine. Benannt ist es nach der estnischen Version des berühmten Zauberers, Musikers und Kulturbringers aus dem finnischen Nationalepos Kalevala, Vainamoinen.
Die Straße Vanemuise hinauf taucht Tartus riesige Unibibliothek, ein restaurierten Bau der Sowjetära auf.

Wer in Tartu mehr in die Geschichte des 19. Und frühen 20. Jh.s einbringen möchte, ist im sich anschließenden Stadtteil Karlova richtig. Hier reihen sich schmucke, but angestrichene Holzhäuschen mit markanten Türen aneinander, wird das Alltagsleben der Brüger von Tartu präsent. Der richtige Ort zur Übernachtung wäre hier das Hotel Villa Margaretha. Die Villa wurde 1911 – 1919 vom Geschäftsmann und Fotografen Heinrich Riedel für seine Frau Olga Natalia Margaretha Kott-Riedel erbaut. Der Jugendstilbau mit Turm und Wetterfahne bietet Originalmöblierung der Zeit, auch einen bewachten Parkplatz, nettes Café/Restaurant und vor allem viel Atmosphäre.

Knutschen auf dem Kusshügel: Tartus Domberg

Tartus Hauptsehenswürdigkeiten stehen aber auf den Domberg, den man am Aufgang an der Engelsbrücke von 1838 erreicht, die ein Basrelief von G. F. Parrot, dem ersten Unirektor von 1802 schmückt. Hier zeigt neben der Ruine der 1624 ausgebrannten Kathedrale (13. Jh.) das Museum der Universität Tartu sogar ein Foucault`sches Pendel! Hinter der Kathedrale geht es vorbei am Denkmal für den Schriftsteller Kristjan Jaak Peterson (1801 – 1822), an dem jährlich am 14. März der Tag der estnischen Sprache begangen wird, hinauf zum "Kissing Hill", dem Kusshügel mit dem hier entdeckten alten Opferstein. Ihm wurden wie allen 400 in Estland entdeckten Opfersteinen einst magische Heilkräfte zugesprochen. Der richtige Ort also für einen innigen Kuss auf dem auch "Liebeshügel" genannten Flecken. Nahebei ist auch das Denkmal für den Naturforscher Karl Ernst von Baer (1792 – 1876), dem traditionell in der Walpurgisnacht von Studenten das Haupt mit Champagner gewaschen wird.

Nicht zu verpassen ist auf der anderen Seite des Dombergs das moderne "Stempel-Denkmal" für den schwedischen Generalgouverneur Johann Skytte (1577 – 1645). Er hatte 1632 die Accademia Gustaviana gegründet, aus der die Uni hervorging. Zum Dombergensemble gehören auch der oberste Gerichtshof, die 1913 zum 300. Jahrestag der Romanow-Dynastie errichtete Teufelsbrücke und das 2011 bis 2017 renovierte Uni-Anatomikum von 1805.

Das berühmte Stempel-Denkmal.
Das berühmte Stempel-Denkmal.

 

Unterhalb steht der Tartu Püssirohukelder, der Schießpulverkeller an der Lossi 28. Der urige Bierkeller lockt mit jeder Menge Traditionsgerichten – und großen Portionen. Erbaut wurde die Pulverkammer 1778 mit Steinen der Kathedrale. 1827 wanderte sie in den Besitz von J. R. Schramm, der hier ein Lager aufbaute. 1982 wurde der Keller als populäres Café und Restaurant eröffnet und funktionierte bis 1999. 2000 wurde alles restauriert und öffnete wieder im November des Jahres erneut. Von hier aus kann man bequem noch das historische "Suppenviertel" Supilinn erobern.

Tartu am Abend: "Unkraut" und "Böse Jungs"

Und wohin zieht es Tartus Einwohner am Abend? Natürlich auch nahe an den Rathausplatz, z. B. in den Innenhof der Ülikooli 7, wo im Restaurant Umb Roht drinnen (40 Plätze) und draußen (60 Plätze) serviert wird. Dort kann man auch den in schwarzen Handschuhen werkelnden Meisterköche Martin Alttoa und Siim Tuha bei der Arbeit zuschauen. Den Service besorgt Tönis Nöps.

"Umb Roht" bedeutet "Unkraut", und ist beste Werbung für den Drang der Köche nach neuen kulinarischen Inspirationen aus der lokalen Pflanzen-, aber auch Tierwelt. Probieren Sie mal Austern (nur saisonal) oder Lamm-Kebab mit Minzsauce (5 €), die leckere Nesselsuppe mit Wachtelei (7 €), Zucchini (7 €), Forellentartar (9 €) oder zum Entrée geräucherte ente mit Salzgurke, Zimt und Sauercreme-Soufflee (8 €). Ein Hit ist der "Linsen-Burger" (10 €) mit Kohl, Pistazien-Mayonnaise und süßen Kartoffelchips. Aber auch Lammschulter (15 €) mit Zwiebelcreme und Rotweinsauce mundet. Zum Dessert muss es unbedingt Rhabarber-Pannacotta (5 €) mit Himbeer-Chips, Himbeer-Thymian-Granita und Rhabarber-Kompott. Lecker! Und auch die Biere aus der Mikrobrauerei Muddis (Golden Alte, 5,2 &; Bio-IPA, 6,5 %) oder das sprudelnde Totja Moe aus der Brauerei in Moe, Bezirk Virumaa, munden.

Eine Alternative ist Tartus Top-Italiener, das Ristorante "La Dolce Vita". Eine Topadresse ist auch das von Studentenclubs umzingelte Restaurant "Meat Market". Steaks und Cocktails locken hierher in die Seitenstraße der Rittergasse (Rüütli). Das Restaurant im Hotel Antonius bietet 42 Plätze und ist perfekt für Feiern, Cocktailpartys und Events (gute Weinauswahl, A la carte-Menüs). Absoluter Favorit ist aber das Pahad Poisid ("Böse Jungs"). Nur Schritte vom Rathausplatz kann man hier drinnen wie draußen in Tartus Pub Nummer 1 jede Menge Biere, auch das seit 1897 in Tartu gebraute Bier von A. Le Coq (nun mit Biermuseum), das Nationalbier Saku oder ein Pint Guinness und dazu leckeres Barfood bei unkompliziertem Service und Musik ordern. Gefeiert werden hier "Bad Boy"-Legenden wie das Fußball-Enfant Terrible George Best, Drummer Keith Moon von der Rockband "The Who", Filmschauspieler Oliver Reed oder Formel Eins-Rennfahrer James Hunt, dazu Snookerheld Alex Higgins, Frank Sinatra und, unvermeidlich, Ozzy Osbourne.

Gemütlich: das Umb Roht...
Gemütlich: das Umb Roht...

 

Ein Muss! Im Nationalmuseum Tartu

Tartus heilige Hallen wurden am 29.9.2016 von Estlands Staatspräsident Tomas Hendrik Ilves eröffnet. Sie entstanden ab 2009 durch das Pariser Architektenbüro Dorell Ghomtmeh Tane und werden 2018 als Nationalmuseum eine zentrale Rolle bei den Feiern zum 100. Geburtstag der Uanbhängigkeit spielen. Zum gläsernen Prachtbau 4 km vom Stadtzentrum geht es über die Roosi tee (Rosenstraße), an derne Ende sich das Wunderwerk wie Phoenix aus der Asche aus der Betonplatten-Landebahn des einstigen Militärflugplatzes Raadi erhebt. Im Gutshaus Raadi lebte bis in den ersten Weltkrieg hinein die kunstsinnige deutschbaltische Adelsfamilie von Liphart. Ihre Kunstsammlung bildete seit 1922 den Grundstock der Sammlung des aus der Universität Tartu (Dorpat) heraus ab 1909 aufgebauten Estnischen Nationalmuseums. Der im 2. Weltkrieg entstandene Schaden war beträchtlich, doch hat ein Teil der Kunstsammlung Karl Eduard von Lipharts, Gemälde und Grafiken, überlebt. Heute besitzt das Nationalmuseum wieder 8000 Objekte, an denen 150 wissenschaftliche Mitarbeiter forschen. Beeineruckend ist die Ausstellung "Echos des Ural", die in vier Sälen Geschichte und Herkunft auch der kleinsten finno-ugrischen Völker präsentiert. Udn natürlich zählen auch Esten wie Finnen zu ihnen. Die mit High Tech gespickte Ausstellung zeigt auf 1000 m² Fläche ihe Sprache, Kultur und Gechichte. Eine zweite Schau widmet sich Estlands Geschichte.

Information

Vor der Reise:
Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), Lasnamäe 2, 11412 Tallinn, Estland, Tel. +372 6 27 97 70, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.visitestonia.com/de 
Tourist Information Visitor Centre Tartu: Raekoja plats (Rathausplatz) 1a (im Rathaus, linker Seiteneingang), Tartu, Tel. +372 7 44 21 11, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.visittartu.com , www.visitestonia.com ; 15.5. – 15.9. Mo – Fr 9.00 – 18.00, Sa, So 10.00 – 17.00 Uhr; 16.9. – 14.5. Mo 9.00 – 18.00, Di – Fr 9.00 – 17.00, Sa, So 10.00 – 14.00 Uhr
Stadtführungen Tartu (deutsch): Lili Kängsepp, Tel. +372 53 04 40 55, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.  (sehr zu empfehlen)
Programm 100 Jahre Estland im Jahr 2018: www.ev100.ee ; www.visitestonia.com/de/uber-estland/100-jahre-estland-1 
Estonian Culinary Route (Estnische kulinarische Route): www.toidutee.ee/en 

Anreise:
Nordica: www.nordica.ee ; Call Center Tallinn, Tel. +372 66 4 22 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. ; Mo. – Fr., So. 8.00 – 22.00, Sa. 8.00 – 19.00 Uhr geöffnet; Customer Service Centre Tallin Airport: Mo., Mi., Sa. 5.00 – 18.30, Di., Do. 5.00 – 20.45, Fr. 5.30 – 20.45, So. 5.00 – 21.30 Uhr
Direktflüge z. B. von München, Wien, Berlin, Hamburg und Amsterdam nach Tallinn. Mitglied der Star Alliance (Miles & More)

Restaurant:
Restoran Umb Roht, Ülikooli tänav 7, 51003 Tartu, Tel. +372 7 44 00 55, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.umbroht.ee ; Mo – Do 12.00 – 23.00, Fr, Sa. bis 1.00, So. bis 21.00 Uhr

Neues Museum:
Estnisches Nationalmuseum (Eesti Rahva Muuseum ERM), Muuseumi tee 2, 60532 Tartu, Tel. +372 7 36 30 51, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.erm.ee/en ; Di, Do – So 10.00 – 17.00, Mi 10.00 – 21.00 Uhr; Eintritt: 12 €

Zudem in Tartu sehr zu empfehlen:
Café Truffe, Raekoja plats 16, 51003 Tartu, Tel. +372 5 58 34 44, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.truffe.ee ; Mo – Do 11.00 – 22.00, Fr, Sa 11.00 – 1.00, So 11.00 – 22.00 Uhr; 40 Sitzplätze plus Sommerterrasse (80 Plätze)
Café Werner, Ülikooli 11, 51003 Tartu, Tel. +372 7 42 63 77, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.werner.ee ; Mo – Do 7.30 – 23.00, Fr 7.30 – 1.00, Sa 8.00 – 1.00, So 9.00 – 21.00 Uhr; seit 1895!
Pierre Café & Chocolaterie, Raekoja plats (Rathausmarkt) 12, 51003 Tartu, Tel. +372 5 23 94 61, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.pierre.ee ; Mo – Do 8.00 – 23.00, Fr, Sa 8.00 – 1.00, So 9.00 – 23.00 Uhr; 130 Sitzplätze, Sommer 100 Terrassenplätze extra; mit Bel-Ami Restaurant (Rathausplatz 14), Chocolaterie (Vene 6) und Café Josephine (Vene 16); die besten Pralinen in Tartu
La Dolce Vita, Kompanii 10, 51005 Tartu, Tel. +372 7 40 75 45, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.ladolcevita.ee ; Mo – Do 11.30 – 23.00, Fr, Sa 11.30 – 24.00, So 12.00 – 23.00 Uhr; Antipasti 5,50 – 10,90 €, Bruschette 5,50 €, Pasta 7,50 – 9,50 €, Hauptgerichte 12,90 – 21,50 €, Desserts 3 – 5 €
Pahad Poisid ("Böse Jungs"), Küüni tn 2, 51004 Tartu, Tel. +372 7 44 14 84, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , www.pahadpoisid.ee ; tgl. 12.00 – 1.00, Fr, Sa bis 3 Uhr geöffnet; meterweise Bier, Wein und warme Gerichte; der beste Treff schlechthin; auch draußen
Rest. Meat Market, Küütri 3, 51007 Tartu, Tel. +372 6 53 34 55, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , http://meatmarket.ee ; Mo – Do 12.00 – 23.00, Fr, Sa 12.00 – 1.00, So 12.00 – 22.00 Uhr; Gerichte 6,50 – 22 €, Menü 65 €
Rest. im Hotel Antonius, Ülikooli 15, 51003 Tartu, Tel. +372 7 37 03 77, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. , http://hotelantonius.ee ; Hotel: 18 Zimmer (13 DZ, 1 EZ, 4 Suiten); Restaurant tgl. 18.00 – 23.00 Uhr
Tartu Püssirohukelder (Schießpulverkeller), Lossi tn 28, 51003 Tartu, Tel. +372 7 30 35 55, http://pyss.ee; Mo 12.00 – 24.00, Di 12.00 – 1.00, Mi – Sa 12.00 – 2.00, So 12.00 – 22.00 Uhr; urige Atmosphäre im Schießpulvermagazin von 1738

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 08/01/2018

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