Aus Estland, mit Liebe: Tartu (Teil 1)

Neben Tallinn, dem einstigen Reval, wird Estlands Kulturmetropole und heimliche Hauptstadt Tartu, das alte Dorpat, 2018 im Fokus der Feierlichkeiten zum 100. Jubiläum der Staatsgründung stehen...

Die Universitätsstadt Tartu ist dafür bestens vorbereitet: Gepflegte und restaurierte historische Bausubstanz, ein UNESCO-Welterbe und das neue Nationalmuseum locken. Und natürlich hat auch Tartus Hotellerie und Gastronomie mächtig aufgerüstet.

Ankunft in Tartu: Im Dorpat Hotel

Direkt am Busbahnhof der 100.000-Einwohner-Metropole öffnet Tartus größtes Gästehaus: Das Dorpat Hotel führt schon im Namen in die lange urbane Geschichte Tartus ein, das 2016 erneut einen Ehrentitel als "Reformationsstadt Europas" erhielt. Direkt ans Hotel mit großem Parkplatz schließt sich die Dorpat Spa an, nahebei öffnet der Aura-Wasserpark (www.aurakeskus.ee), rückwärtig stehen die Budenzeilen des kommunalen Marktes, auf dem seit Estlands "Singender Revolution" jedermann Waren frei verkaufen kann. Hinter dem Hotel fließt der 101 km lange, in den Peipussee mündende Emajõgi, übersetzt der "Mutterfluss", deutsch der Embach, dem Tartu seine Existenz verdankt. Auf dem hier oberhalb der Siegesbrücke ankernden Flussschiff "Pegasus" kann man im Sommer schöne Flusstouren unternehmen. Aber auch vom großen Restaurant des Hotels ist der gemächlich fließende Embach bestens im Blick.

Im Eingangsbereich zur Hotellobby fällt aber erst einmal ein fein herausgeputztes rotes Automobil auf: Es ist ein Modell der südukrainischen Sowjet-Autofirma Saporisky Awtomobilebudiwny Sawod, die den Saporoshez, "den aus Saporischschja" am Dnepr (700.000 Einw.), von 1960 bis 1994 herstellte. Eigentlich sieht man dem diesem auch einem FIAT 600 ähnelnden "Knallfrosch" nicht an, dass er mal zu den schlechtesten Autos der Welt zählte: Er ist ein echter Hingucker! In der DDR waren diese Autos als "Saporosch" und "Sapo" bekannt, im Westen als "Yalta/Jalta", "Eliette" oder "ZAZ".

Automobiles Relikt der Vergangenheit…
Automobiles Relikt der Vergangenheit…

 

Weitaus treffender sind aber die Spitznamen dieser Winzfahrzeuge, gegen die der Trabbi 601 fast ein Luxusschlitten war: Denn der DDR-Plastebomber besaß einen größeren Kofferraum. Sehr schön sind daher überlieferte Bezeichnungen wie "Stalins letzte Rache", "Zappelfrosch" oder – sehr prägnant – "Kremlwanze"! Auch "Russenpanzer", "Sabberfrosch", "Soljankaschüssel", "Chruschtschows Rache", "T-34 Sport", "Kolchosentraktor" oder "Taigatrommel" waren den leidgeprüften Fahrern höchst genehm. Im Russischen wurde er schlicht als "Sapor" ("Verriegelung", auch "Verstopfung") verspottet. Hier steht nun ein knallrot lackierter SAS-965-A Saporoshez: Diese schickere Version des Erstmodells SAS 965 ergänzte dieses ab 1962 und wurde bis 1969 produziert. Die 23 Pferdestärken des Vorgängers überflügelte er mit 887 cm³ Hubraum und anfangs 27 PS, ab 1966 sogar sportlichen 30 PS. Höchstgeschwindigkeit: 90 km/h, von Null auf 60 km/h in 13,5 Sekunden – einsame Spitze!

In der Stadt des Auerochsen: Tartu

Gern geben deutsche Stadtbesucher der Bezeichnung Dorpat den Vorzug: Auch das deutsche "Dörpt", russisch Derpt, war mal geläufig. Überhaupt waren es Russen, exakt der Kiewer Rus, die 1030 unter Großfürst Jaroslaw dem Weisen die erste Holzfestung der finno-ugrischen Urbewohner, Tharbatas, einnahmen und eine eigen Festung mit Namen Jurjew (nach Juri, dem Taufnamen Jaroslaws) erbauten, die aber nicht lange hielt. Jurjew hieß die seit 1721 russische Stadt dann aber trotzdem nochmal: Im Zuge der Russifizierung wurde sie ab 1893 bis zur estnischen Unabhängigkeit 1918 so genannt. Danach kam Tartu.

Und, ob nun Dorpat oder Tartu: beide Stadtnamen stammen vom estnischen "Tarbata" ab, das wohl Auerochse bedeutet. Natürlich haben die Esten in der Zeit der ersten Unabhängigkeit bis zum 2. Weltkrieg ihrer Wurzeln gedacht. Wer heute die Flusspromenade vorbei am Markthaus von 1938 mit der Riesenskulptur einer Handelsglück verheißenden fetten Sau (2008) von Mati Karmin und dem Wasserstandsmessturm von 2010 am Embach entlang spaziert, trifft am Freiheitsplatz (Vabaduse puiestee) auf die Riesenstatue des nackt im Wollschurz und Keule posierenden Kalevipoeg, des "Sohn des Kalev" und Heros des gleichnamigen Nationalepos.

Tartu: Prachtvoll und historisch eine Reise wert!
Tartu: Prachtvoll und historisch eine Reise wert!

 

Die Statue zur Erinnerung an den estnischen Unabhängigkeitskrieg 1918 bis 1920, der in den Frieden von Dorpat, mithin Tartu, mündete, ist eine Kopie nach alten Fotovorlagen des Originals von 1933. 2002 schufen es die Bildhauer Ekke Väli und Endel Taniloo. 1950 hatten die Sowjets das Original entfernt, aber immerhin 1952 den Aufbau der Statue für den Herrn auf dem Sockel daneben genehmigt. Hier steht der in Tartu verstorbene Friedrich Reinhold Kreutzwald (1803 – 1882), der den Kalevipoeg bis 1861 schuf. Kreutzwald, Sohn der Sohn der estnischen Leibeigenen Juhan und Ann Reinholdson, lebte als Arzt und Schriftsteller in Tartu, der Keimzelle des nationalen Aufbruchs der Esten. Für seien 19.000 Verse in 20 Gesängen konnte er auf Materialsammlungen weiterer Professoren und Gelehrter aus Tartus Estnischer Gesellschaft zurückgreifen, besonders der Arbeit seines Mentors und Medizinerkollegen Friedrich Robert Fählmann.

Überhaupt ist die Stadtgeschichte Tartus seit Eroberung der Estenburg Tharbatum durch den Schwertbrüderorden im Jahr 1224 eng mit deutschen Einwohner verknüpft. Als Hansestadt konkurrierte Dorpat/Tartu von der heute in Ruinen stehenden Burg mit Reval/Tallinn um die Vormacht im Russlandhandel, profitierte von kurzen Wegen nach Pskow (Pleskau) und in die Pelzmetropole Neustadt am Ilmensee: Nowgorod. Bis 1558 war Dorpat Bischofssitz, dann kamen Schweden, Russen und 1775 das verheerende Großfeuer, das nahezu die gesamte Innenstadt heimsuchte.

Information

Vor der Reise:
Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), Lasnamäe 2, 11412 Tallinn, Estland, Tel. +372 6 27 97 70, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/de
Tourist Information Visitor Centre Tartu: Raekoja plats (Rathausplatz) 1a (im Rathaus, linker Seiteneingang), Tartu, Tel. +372 7 44 21 11, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visittartu.com, www.visitestonia.com; 15.5. – 15.9. Mo – Fr 9.00 – 18.00, Sa, So 10.00 – 17.00 Uhr; 16.9. – 14.5. Mo 9.00 – 18.00, Di – Fr 9.00 – 17.00, Sa, So 10.00 – 14.00 Uhr
Stadtführungen Tartu (deutsch): Lili Kängsepp, Tel. +372 53 04 40 55, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. (sehr zu empfehlen)
Programm 100 Jahre Estland im Jahr 2018: www.ev100.ee; www.visitestonia.com/de/uber-estland/100-jahre-estland-1
Estonian Culinary Route (Estnische kulinarische Route): www.toidutee.ee/en

Anreise:
Nordica: www.nordica.ee; Call Center Tallinn, Tel. +372 66 4 22 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.; Mo. – Fr., So. 8.00 – 22.00, Sa. 8.00 – 19.00 Uhr geöffnet; Customer Service Centre Tallin Airport: Mo., Mi., Sa. 5.00 – 18.30, Di., Do. 5.00 – 20.45, Fr. 5.30 – 20.45, So. 5.00 – 21.30 Uhr
Direktflüge z. B. von München, Wien, Berlin, Hamburg und Amsterdam nach Tallinn. Mitglied der Star Alliance (Miles & More)

Übernachtung:
Dorpat Hotel, Soola tänav 6, 51013 Turku, Tel. +372 7 33 71 80, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.dorpat.ee; 205 Zimmer, DZ ab 66 €, Suite ab 125 €; mit Dorpat Spa (www.dorpatspa.ee; Massagen, Beauty Packages, Body Treatments, Meersalzbäder), Restaurant Dorpat mit Blick auf den Emajögi und Flussschiff »Pegasus« (Touren Di – Fr 12.00 u. 14.00, Sa, So auch 16.00 Uhr, Ticket: 8 €)
Villa Margaretha, Tähe 11 – 13, 50108 Tartu, Tel. +372 7 31 18 20, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.margaretha.ee/en; 10 DZ, 7 Suiten; DZ 65 – 95 €, Suite 90 – 175 €; mit Sauna (max. 12 Pers., 32 € pro Std.), Café (Mo – Sa 8.00 – 22.00, So 8.00 – 12.00 Uhr) und Restaurant (Mo – Sa 11.00 – 22.00 Uhr)

Neues Museum:
Estnisches Nationalmuseum (Eesti Rahva Muuseum ERM), Muuseumi tee 2, 60532 Tartu, Tel. +372 7 36 30 51, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.erm.ee/en; Di, Do – So 10.00 – 17.00, Mi 10.00 – 21.00 Uhr; Eintritt: 12 €

Fotos: Jürgen Sorges

Submit to DiggSubmit to FacebookSubmit to Google PlusSubmit to TwitterSubmit to LinkedIn
Zuletzt bearbeitet am 10/01/2018

Artikel weiterempfehlen und/oder drucken (auch PDF):

Letzte News

Letzte Artikel

Genuss-Newsletter abonnieren?

Mit der Anmeldung zu unserem Newsletter erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen (s.l.) einverstanden. Eine Bestätigungsmail mit einem Aktivierungslink wird nach der Anmeldung an die angegebene Mailadresse versendet. __________________________
KULINARIKER - Das Magazin für mehr Genuss.
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.