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Black Lives Matter – Schwarze Kunst in New York, Okwui Enwezor letzte Ausstellung

Schon vor seinem frühen Tod im Alter von 55 Jahren im März 2019 galt der Kurator, Kunstkritiker und Theoretiker Okwui Enwezor in der internationalen Kunstwelt als Gigant, denn er vereinte Wissen, Intelligenz, mit großer Sensibilität, Imaginationskraft und er besaß die Fähigkeit und das Talent neue schwierige komplexe künstlerische Fragen und Konzepte in Ausstellungen praktisch umzusetzen…

Mit Grief and Grievance zeigt Enwezor posthum nun Mut und Willen, in New York eine eminent politische Schau schwarzer Kunst mit dezidiert anti-rassistischem Diskurs und Gestus zu präsentieren. Die Ausstellung interveniert in die von strukturellem Rassismus geprägte US-amerikanische Gesellschaft, stellt sich der Tötung, Gewalt, Misshandlung und Missachtung der Schwarzen in Amerika mit Wut, Trauer und der Emphase klarer politischer Statements entgegen. Enwezor konnte die Umsetzung der Ausstellung nicht mehr erleben, seine Künstlerkollegen und Freunde führten die Arbeiten zu Ende.

Der in Nigeria geborene Enwezor lebte in den 1980 und 1990er Jahren als junger Immigrant in New York und kannte die Gefahren, die einem Schwarzer in der Öffentlichkeit durch weiße Cops drohen. Doch Kunstformen des Pamphlets, reine Protestkunst interessierten ihn nie. In Ausstellungen zu Afrikanischer Fotografie ("In/sight: African Photographers, 1940 to the Present" (1996) oder afrikanischer Unabhängigkeit- und Befreiungsbewegungen (The Short Century: Independence and Liberation Movements in Africa, 1945-1994", 2001) positionierte er Arbeiten afrikanischer Künstler im Zentrum neuer Manifestationen moderner und zeitgenössischer Kunst. 2002 legte er als künstlerischer Leiter der Documenta 11 in Kassel ein Glanzstück ab. 2011-2018 leitete er das Haus der Kunst in München. Seine innovativen und wegweisenden Pläne für die Vergangenheitsbewältigung der einstigen Nazirepräsentanz waren ein Weckruf an die deutsche Kunst- und Museumsszene.

2018 kam die Anfrage aus New York für das Ausstellungsprojekt Grief and Grievance, das für 2020 geplant war und sich wegen der Pandemie verzögerte. Ausschlaggebend für Enwezors Idee zur Ausstellung waren Wahlkampfauftritte Donald Trumps 2016 und seine Strategie über eine neue ideologische Narrative ein Klima weißer Überlegenheit und Rassismus zu schaffen. Trumps von Medien unterstützte rassistische Reden und Geschichtsklitterung über die heldenhaften Verdienste und den Gram der Weißen im amerikanischen Bürgerkrieg und die daraus folgende Ideologie weißen Suprematismus aus der die Lynchjustiz des Ku-Klux-Clan rekrutierte, bedrohen bis heute das Leben der Afrikanischen Amerikaner, schreibt Enwezor im Vorwort.

 

Anker seiner Konzeption der Ausstellung ist die 2013 gegründete Aktivistenbewegung Black Lives Matter als unmittelbare Antwort auf die in den USA rasant ansteigenden Tötungsdelikte schwarzer Männer und Frauen durch Polizei und Sicherheitskräfte und auf den systemischen Rassismus gegen schwarze Gemeinschaften. "Black Lives Matter identifizierten in der Bürde schwarzer Trauer einen nationalen Notzustand", so Enwezor und fordern im hier und jetzt nationales öffentliches Trauern und Widergutmachung an. "Dreh- und Angelpunkt der Ausstellung sind die Kristallisationspunkte schwarzer Trauer, die dem politisch orchestrierten Gram und der Beschwerden von Weißen gegenüberstehen". 37 Künstler und Künstlerinnen unterschiedlichen Alters und Bekanntheitsgrads präsentieren in verschiedenen Medien ihre Arbeiten zu Konzepten von Trauer, Erinnerungskultur und Verlust.

Nari Wards "Peace Keeper" (1995) steht im Zentrum der Ausstellung: die Installation – ein mit Teer und Federn überzogener Leichenwagen in einem Metallkäfig - wartet die Besucher im zweiten Stock des New Museum auf. Dieses "schmerzvolle Bild von Verlust, Ausgeliefertsein und Gewalt" war ein Exponat der Whitney Biennale 1995. Enwezor bat den Künstler die Installation zu rekonstruieren, sie galt ihm ihrer musikalisch-performativen Bildhaftigkeit als Fuge und als Requiem beispielhaft für das Anliegen der Ausstellung.

Die Star Künstler Jean-Michel Basquiat (1960-1988) und Kerry James Marshall sind mit Arbeiten vertreten. Basquiat "Procession" (1986) zeigt vier schwarze Figuren als Silhouetten, die einer in rot, weiß und blau gemalten Figur mit Totenschädel in der Hand gegenüberstehen. Das Bild lebt von der Ambivalenz zwischen tiefem Schmerz über die Versklavung und "dem spirituellen Raum traditioneller Beerdigungen" mit Prozession. Würde und Ambivalenz bestimmen auch Marshalls Bild, "Ohne Titel (Policeman") (2015), das einen schwarzen Cop auf der Motorhaube seines Polizeiautos in einer nächtlichen Szenerie darstellt. Musik und Performance bilden eine tragende Rolle in der Ausstellung: die Projekte Rashid Johnsons sind in einem separaten Stockwerk des New Museums zu sehen und zu erleben: sein "Antoine´s Organ" (2016) eine monumentale Skulptur aus schwarzem Stahl und einem "Chorus von Materialien", eine Sammlung sozialer Geschichten der afrikanischen Diaspora. Aus der Mitte der Installation klingt Live-Klaviermusik.

 

Der umfangreiche Katalog liefert in der ersten Sektion den theoretischen, literarisch-poetischen, philosophischen Rahmen um die Konzepte Trauer, Trauerarbeit und Gram, Beschwerde einzuordnen. Judith Butlers Beitrag "Zwischen Trauer und Gram, ein neues Empfinden für Gerechtigkeit" lotet die Perspektive eines neuen Ideals der Gerechtigkeit aus. Ta-Nehisi Coates analysiert in "Der erste Weiße Präsident" die jüngste Geschichte der USA und sieht auch nach Trumps Abwahl die Notwendigkeit "den Kampf gegen Sexismus, Rassismus, Armut fortzusetzen um das eigentliche Ziel, eine humanere Welt zu schaffen".

Und die Dichterin Claudia Rankine nimmt den Mangel an Empathie auch bei weißen Liberalen auf Korn, deren Horizont über Mitleid nicht hinausgeht. Wie sich diese Begriffe und Konzepte in der afrikanisch-amerikanischen Kunst- Literatur- und Kulturgeschichte niederschlagen beschreiben und analysieren Essay der zweiten Sektion. Hier rücken die Schriftsteller James Baldwin, die Nobelpreisträgerin Toni Morrison, der schwarze Boxchampion Muhammad Ali, Ikonen der schwarzen Bürgerbewegung wie Martin Luther King und der Black Panther wie Michel X in den Blick.

 

Abschließend stellt das Kuratoren-Team die Kunstwerke vor und würdigt Enwezors einzigartige und bahnbrechende kuratorische Arbeit und sein wegweisendes Kunstverständnis. Die Hoffnung und Überzeugung, Kunst könne Denken visualisieren, das Bewusstsein schärfen und Agens sein für eine bessere Welt.

Grief and Grievance: Art and Mourning in America, New York Phaidon, 2020, 264 S. ISBN New Museum, New York Ausstellungskatalog.

Fotos aus: Grief and Grievance

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Zuletzt bearbeitet am 21/03/2021

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