STILLE STÄDTE – als die Welt den Atem anhielt

Alle weg? Nein! Alle da! Und zwar zu Hause. In vorsorglicher, staatlich verordneter, häuslicher Quarantäne im Frühjahr 2020...

Der Bildband "Stille Städte – Als die Welt den Atem anhielt" macht sichtbar, was die Menschheit im Frühjahr 2020 erschreckte und verstörte, erstaunte – und manche auch erfreute.

Noch mitten drin in der weltweiten Pandemie – und schon eines der ersten Bücher mit weltweiten Impressionen auf dem Markt: "Stille Städte – Als die Welt den Atem anhielt" aus dem teNeues Verlag. Das erste, rigorose, weltweite Ausgangsverbot ermöglichte Eindrücke, Gedanken und Fotos, wie niemand sie sich jemals vorstellen konnte oder kaum zu erträumen wagte. Komplett menschenleere Straßen und Plätze, niemand mehr in öffentlichen Gebäuden. Kein Menschengewühl, kein Verkehrslärm, kein Kinderlachen auf den Spielplätzen, überall ab-so-lu-te Stille.

Der Markuslatz in Venedig wie ausgestorben. Ungenutzte Grünphasen von Ampeln, einsamer der "Praia de Ipanema" in Brasilien, verloren ein Fuchs auf einer Skatebahn im Israelischen Aschkelon. Ein einzelner Wachsoldat vor dem menschenleeren indischen Tadj Mahal. "Verlegt, verschoben, abgesagt": Plakate von Konzerten, die nie stattfinden werden. Der Papst betet allein auf dem Petersplatz, das stillstehende "London Eye", leere Metro-Tunnel in Shanghai.

Die Aufnahmen eines Wochen- und monatelangen Moments aus 65 Städten weltweit zeigen die Faszination von bekannten Orten, doch spürt man auch ihre die Ungewissheit. "Die Ausnahmesituation des Frühlings 2020 hat uns mit voller Wucht vor Augen und Ohren geführt, dass wir in eine lauten, überhitzen, turbobeschleunigten Welt leben, in der Still-Stand nicht vorgesehen ist", schreibt Pit Pauen im Vorwort – es sei ‚eine Ästhetik der Katastrophe’.

Genau dieser Stillstand ist es, der viele insgeheim auch aufatmen lässt. Nicht nur Fotografen haben es sich oft ausgemalt: Diesen Ort einmal für mich ganz allein haben. Durchatmen und den spirito des authentischen Venedigs spüren, einmal ganz allein über die Brooklyn Bridge in New York gehen, ein Gemälde in einem Museum betrachten.

Diese Fotos ermöglichen, was keiner während des shut downs oder lock downs genießen konnte: Die eigene oder eine fremde Stadt so pur, so unberührt, so schön zu sehen, wie sie wirklich ist. Mit all der Freude an ihr und der Trauer darüber, dass wir zur gewohnten Realität ohne ein gewaltiges Maß an Kreativität und Wandlungsbereitschaft wohl kaum zurückkehren werden oder sollten.

Menschenleer: Sacré-Coeur auf dem Pariser Montmartre...
Menschenleer: Sacré-Coeur auf dem Pariser Montmartre...

 

Die bewusst sparsamen Texte in diesem Bildband sind Auszüge und Zitate von großer Aussagekraft. Fakten und Zahlen aus der Zeit des shut downs aus verschiedenen Ländern, die das Ausmaß der Veränderung deutlich machen wie beispielsweise, dass Mallorcas Landwirtschaft während dieser überraschend Krise boomt, die Insulaner die Vorzüge einheimischen Obsts und Gemüses entdecken.

Eine der scheinbar wichtigsten Erkenntnisse, schon auf Seite 46, stammt von Roman Bucheli*: "Allein der Respekt vor den Opfern des Coronavirus und gewiss noch sehr viel zahlreicheren Betroffenen der bevorstehenden Wirtschaftskrise sollte uns verbieten, zur Tagesordnung zurückkehren zu wollen. Um wie viel mehr aber müsste ökonomischer, politischer und gesellschaftlicher Sachverstand gebieten, die Gewohnheiten von gestern als ein untaugliches Businessmodell für die Zukunft zu betrachten".

Bei dem Tempo der Ereignisse, der täglichen Neuorientierung macht dieser Fotoband ruhig und gelassen, Hoffnungsschimmer sind zu entdecken, die vorsichtige Öffnung:

Wenn beispielsweise in Spanien eine Tänzerin nach Monaten ganz vorsichtige Schritte auf der nächtlichen Straße im Schein der Laterne wagt. Wenn Künstler in Amsterdam im Mai aus "Social Distancing" einfach ein Kunstprojekt machen, so dass im "Restaurant Art Centers Mediamatic" jeweils zwei Personen in Mini-Gewächshäusern speisen können. Wenn im Opernhaus Barcelona ein Quartett mit Sicherheitsabstand auf der Bühne musiziert … für 2 292 wuchernde Grünpflanzen im Zuschauerraum. Oder wenn ein einsamer Jogger die Stufen zum Potsdamer Schloss Sanssouci hinaufläuft...

Möge dieses Buch eines nahen Tages erneut zur Hand genommen werden mit dem Kommentar: "Stimmt! So war es! Unglaublich! Doch wir haben es überstanden!"

*Autor des Essays "Normalität war gestern. Die Zukunft nach der Corona-Krise verdient Besseres" aus der NZZ vom 12. Mai 2020

STILLE STÄDTE – Als die Welt den Atem anhielt
Deutsch und Englisch
192 Seiten, Farbfotos
Originaltitel: Silent Cities
Gebundene Ausgabe
19,90 €
ISBN978-3-96171-319-6
@ 2020 teNeues

Fotos: Cover credits: ©Anita Back/laif_©Dmitri Ometsinsky/ Shutterstock.com (German Cover)

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Autor

Uta Petersen

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