Schloss Grafenegg: "Erste Lagen Österreichische Traditionsweingüter" 2020 (Teil 1)

89 Weinlagen, seit 1992 Maßstab für Qualität und der gute Ruf Österreichs Weinbau: die Erste Lagen-Verkostung präsentiert sich in Schloss Grafenegg fulminant!

Die Geschichte der Traditionsweingüter Österreichs ist recht schnell erklärt. Als direkte Folge aus den Diethylenglykol-Tagen aus dem April 1985, entstand wenige Jahre nach Bekanntwerden des "Frostschutzmittel-Skandals" der Verein der Österreichischen Traditionsweingüter. Zunächst als Klassifizierungsvereinigung und Orientierungshilfe für den Konsumenten gedacht, kamen 53 Weinlagen im Zuge der "Klassifikation 2010" zusammen, um sich zukünftig mit der Kennzeichnung "Erste Lagen 1ÖTW" (Erste Lagen Österreichische Traditionsweingüter) qualitativ auf dem Markt zu positionieren.

Mit der "Klassifikation 2020" wurden aus diesen 53 Mitgliedern bereits 89 klassifizierte Weinlagen. Als geschichtsträchtige Weingüter, stehen deren Mitglieder bzw. Vertreter für Eigenständigkeit – und wie sich in Schloss Grafenegg diesjährig zeigte – für ein breitgefächertes Portfolio von Variety bis Appelation. 207 Produkte präsentierten sich den Fachbesuchern vom 1. Bis 3. September, gut 100 Tester aus vielen Teilen Europas fanden sich ein. Trotz grassierender Pandemie durch Europa, kamen Vertreter aus England oder auch aus Kroatien, Deutschland und vielen anderen Ländern zusammen, um sich von der Qualität der Jahrgänge 2018 und 2019 zu überzeugen.

Und diese Vintages dürften wegen verschiedener Merkmale durchaus als besonders angesehen werden. Zum einen ist der 2018er als Jahrgang der frühesten Ernte aller Zeiten mit gutem Ertrag bekannt, 2019 eher als Hitzejahr mit durchschnittlicher Erntemenge charakterisiert. Etwa 2,32 Mio. hl Wein wurden 2019 produziert – ein Durchschnittswert der letzten fünf Jahre. Allerdings bedeutet die Menge von 1,62 Mio. hl Weißweinanteil auch einen stolzen Rückgang um ganze 13 Prozent zum Vorjahr. Bei den Rotweinen reduzierte sich die Menge gar um 22 Prozent.

Weißweinanteil 2019: Rückgang um ganze 13 Prozent zum Vorjahr.
Weißweinanteil 2019: Rückgang um ganze 13 Prozent zum Vorjahr.

 

Bekanntermaßen werden rund 41 Prozent der Weißweine Österreichs dem "Grüner Veltliner" gutgeschrieben. Knapp 18 Prozent weisen Welsch- bzw. Weißen Riesling aus (nicht verwandt miteinander!) – wie sich im Tasting bewies: auch äußerst erfolgreich! Einige wenige Produzenten aus Ried Preussen, Ried Sätzen oder auch Ried Langteufel kamen mit einem oder mehreren "Wiener Gemischter Satz" nach Grafenegg. Mit nur etwa zwei Prozent der Gesamtbaufläche gab es auch dort interessante Weine.

So sehr die "Übermacht" der "Grüner Veltliner" bei den Weißweinen präsent war, so ausgeglichen sah es dann doch bei den Rotweinen aus. "Zweigelt" (etwa 42 Prozent der Gesamtbaufläche) und "Blaufränkisch" (ca. 19 Prozent) präsentierten sich in etwa gleichem Aufkommen. Aber auch hier mit zum Teil tollen Weinen, wie zum Beispiel aus Ried Rosenberg oder auch Ried Haidacker (Ried/Riede: Gebietsteil einer Gemeinde).

Doch das Hauptaugenmerk dürfte zweifelsfrei auf den Weißweinen gelegen haben. Und da gab es in der Vielfältigkeit natürlich wahrlich exzellente und herausstechende Weine...

Vintage 2018: reife Weine

Der Weißburgunder vom Weingut Christ zeigt eigentlich genau das, wofür die Rebsorte steht: eine reife Säurestruktur, sehr gut unterstützt durch die resultierende eingebundene Säure der frühen Ernte 2018, ein reduziertes Bukett. Die Säure des Weißburgunder mit der feinen blumigen Note stellt diesen Wein klassisch und gekonnt dar. Von den Weißburgundern unser Favorit aus diesem Vintage (6/10 Punkten). Untergrund Ried Falkenberg: Wiener Sandstein, Meeresablagerungen an der Oberfläche.

Tasting: kleine Auswahl der Veltliner.
Tasting: kleine Auswahl der Veltliner.

 

Vom Weingut Steininger Langenlois aus der Appelation Kamptal DAC kam der erste unserer drei Favoriten der Rieslinge daher. Der Siegeszug dieser Reb- und Weinsorte dauert nun ja schon einige Zeit an – und ein Ende scheint fast nicht in Sicht. Die ursprünglich Rüsselsheimer Sorte hat sich schon längst auch in Österreich auf dem Markt positioniert. Als spätreifende Sorte, war 2018 natürlich ein interessantes Jahr für den Riesling. Das zeigt sich auch bei dem Steininger Langenlois (Ried Kogelberg). Feine Zitrusnote, dezenter Pfirsich und die klassische blasse gelbliche Erscheinung. Für uns 6/10 Punkten.

Vom Weingut Fred Loiumer Langenlois (Ried Seeberg) kommt ein Riesling aus etwa 300 Höhenmetern. Scheinbar ist die Säure hier im Reifeprozess nicht komplett gewichen, was aber auch durchaus interessant ist. Zitrusnote im Vordergrund, aber durchaus reduziert. Trotz der Hitze im Jahr 2018 kam dieser Riesling scheinbar gut mit der Wärme klar. Präsentiert sich mit etwas Pfirsich und bekommt für diese Aromenvielfalt ebenfalls 6/10 Punkten.

Das Weingut Mantlerhof Gedersdorf (Ried Steingraben) Appelation Kremstal DAC ist der dritte Riesling-Gewinner für uns. Eine feine präsente Säure, reduzierte Zitrusnote, etwas Aprikose. Resultat einer steilen und konkav gewölbten Lage (Löss, toniges Material). Auch hier: 6/10 Punkten für einen Riesling aus einer Höhe von 200 bis 250 Metern über dem Meeresspiegel.

Fertig für die Verkostung...
Fertig für die Verkostung...

 

Von Schloss Gobelsburg (Ried Lamm) aus Kammern kam der für uns beste "Grüner Veltliner". Aus einer der heißesten Lagen des Weinbaugebietes (südöstlicher Hangfuß des Heiligenstein) mit kalkhaltigem Boden, ist dieser säurebetonte Weißwein mit pfeffriger und gut würziger Note unser Sieger im Tasting. Mit 7/10 Punkten präsentieren sich vor allem noch feine Steinobstnoten. Sehr schöner Weißwein, der die Trockenheit 2018 gut überstanden hat.

Die mittlerweile am meisten verbreitet Rotweinsorte in Österreich, "Zweigelt", präsentierte sich in Grafenegg mehr als fulminant. Ist Österreich mittlerweile ein "Rotwein-Land"? Fast könnte man es denken, denn die "Zweigelt"-Vorstellung hat für uns neun Sieger hervorgebracht. Vom Weingut Gerhard Pimpel Göttlesbrunn (Ried Bärnreiser) ein toller Rotwein, kräftige Tannine und eine schöne Vollmundigkeit. Resultat: 8/10 Punkte!

Ebenfalls aus Göttlesbrunn vom Weingut F & C Netzl (Ried Haidacker) aus flacher gegen Nordosten aufsteigende Lage, kommt dieser "Zweigelt" mit nicht minder kräftigen Tanninen daher. Auch hier: 8/10 Punkten für einen vollmundigen Rotwein. Ebenfalls 8/10 Punkten hat der "Zweigelt" des Weinguts Oppelmayer (Ried Haidacker) "eingefahren". Kräftige violette Farbe, ebenfalls kraftvolle Tannine.

Auch vom Weingut Familie Pitnauer kommt ein "Zweigelt" ins Glas, das von uns 8/10 Punkten bekommt. Tolle kräftige Farbe mit runder Vollmundigkeit. Ebenso wie bei dem "Zweigelt" des Weinguts Gerh. Markowitsch. Tolle Tannine, etwas Sauerkirscharoma. Für den "Zweigelt" vom Weingut Philipp Grassl (Ried Schüttenberg) gibt es ebenso 8/10 Punkten, wie für den "Zweigelt" der Weingüter Artner und Robert Payr (beide Ried Steinäcker). Auch hier: kraftvolle Tannine bestimmen diese Rotweine. Kurzum: tolle "Zweigelts" waren dabei!

Entdeckung

Die eine oder andere Entdeckung gab es dann aber auch noch. Vom Weingut F & C Netzl (Ried Bärnreiser / Appelation Carnuntum) kam mit einem Rotwein aus Zweigelt/Merlot/ Cabernet Sauvignon angereist. Feines Säurespiel, nicht zu kräftige Tannine, etwas Tabak, rote Beere. Für uns einer der beiden Sieger bei den Rotweinen. 9/10 Punkten für den Rotwein aus dem östlichen Abbruch aus der Donauschotterterrasse.

Die beiden Entdeckungen...
Die beiden Entdeckungen...

 

Ebenfalls 9/10 Punkten bekam von uns der Rotwein vom Weingut Böheim (Ried Stuhlwerker), Zweigelt, Merlot, Blaufränkisch und Syrah entstehen auf ehemaligen Fluss- und Seesedimenten. Kräftige Tannine, volle rote Beere, etwas Vanille. Ein toller Wein!

In Teil 2 am 14. September über die "Erste Lagen" betrachten wir den Jahrgang 2019!

Weitere Informationen:
Bundesverband Österreichische Traditionsweingüter
c/o Kloster Undstraße 6, A-3500 Krems
Ansprechpartner: Hannelore Geyer
Tel. +43 664 487 37 04
https://www.traditionsweingueter.at/lagenpraesentation/

 

Galerie:

Fotos: Michael Schabacker

Submit to DiggSubmit to FacebookSubmit to Google PlusSubmit to TwitterSubmit to LinkedIn
Zuletzt bearbeitet am 13/09/2020

Artikel weiterempfehlen und/oder drucken (auch PDF):

Letzte News

Letzte Artikel

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.