Nachlese: Das Internationale Riesling Symposium 2017 (2. Teil)

In Teil 1 berichteten wir über den Start des Riesling Symposiums inklusive den Besuchen der geschichtsträchtigen "Riesling Weingüter" Schloss Johannisberg und Schloss Vollrads. Daneben ging es um die Verkostung von Rieslingen aus den unterschiedlichsten Regionen dieser Welt.

In diesem Teil gehen wir noch näher auf die Tastings in den historischen Gemäuern des Rheingauer Kloster Eberbach ein – unter anderem zu denThemen Alterungspotential, Herkunft und Winzerhandschrift.

Das Alterungspotential des Rieslings

Unter der Moderation von Joel B. Payne ("Gault Millau Wein Guide") wurde schließlich das Alterungspotential des Rieslings besprochen. Ins Glas kamen hier vor allem deutsche und österreichische Vertreter, mit Ausnahme eines Elsässers von Maison Trimbach aus dem Jahr 1995. Der älteste Wein war hierbei auch gleichzeitig einer der Herausragendsten: die 1967er Auslese Gutenberg vom Weingut Allendorf: In der Nase mit Anklängen von Tabak, etwas Karamell, neben Frische und Mineralik verfügte der bernsteinfarbene Riesling auch über eine präsente Frische und Säure, herbe Würze und einen langen zitrischen Nachhall.

Einige weitere beeindruckende Weine der Verkostung – jeder auf seine individuelle Art: 2009er Halenberg GG von Emrich-Schönleber (in der Nase rauchig-nussig, am Gaumen zunächst weich, dann sich vielschichtig erweiternd, kräutrig-zitrisch, sehr lang), der 2005er Spreitzer Lenchen Spätlese "303" (unglaublich homogen, fein, dabei komplex sich aufbauend, herrlich!), der 2009er Idig GG von Christmann, der 2008er Pittersberg GG von Kruger-Rumpf, der 2011er Kalkofen von Bürklin-Wolf, die 2004er Hahn Spätlese von Toni Jost, der 2002 Heiligenstein vom Kamptaler Weingut Hirsch, sowie von Leitz der 2004er Roseneck.

Wer hätte an die Steiermark gedacht?

Ebenso zu den Besonderen gehörig war jemand, der bis dato in Sachen Riesling eher dezent im Hintergrund Qualität abliefert und vorher vor allem mit seinen herausragenden Sauvignon Blancs in den Köpfen der hiesigen Weinkenner verankert war: Gerhard Wohlmuth aus der Steiermark. Besonders faszinierend war, dass man seinen Stil, den er schon mit seinen Sauvignon Blancs prägte, auch in dem Riesling wiederfinden konnte, ohne dabei aber die Besonderheit dieser Rebsorte und der Lage (warme, hohe bzw. steile Einzellage, roter und blau-schwarzer Schiefer) zu missen.

Charakteristisch für Wohlmuths Weine sind ihre Klarheit in Kombination mit Komplexität: im Inneren des Weins findet man meistens einen klaren, fein-eleganten Körper. Diese immanente Finesse wird ergänzt um weitere Komponenten. Im Falle des verkosteten Rieslings 2011 Ried Edelschuh kam eine etwas griffiger-mürbe, langhaftende Säure dazu, welche die Frucht schön ergänzte, etwas mehr Extrakt, dazu wiederum eine elegant-saftige Würze, Mineralik und Präzision. Ein ganz eigenständiger Weinstil und eine tolle Entdeckung für viele der Verkoster. Riesling geht also auch ganz eigen und charaktervoll in der Steiermark.

Die Flaschen sind geleert…– hier kann sogar ein Blick in die Mülltonne faszinieren..
Die Flaschen sind geleert…– hier kann sogar ein Blick in die Mülltonne faszinieren..

 

Aus der Reihe fallen zeigt auch die Vielfalt

Aus der Reihe fiel der 2007 Breitenberg von der Domaine Leon Boesch aus dem Elsass. Man darf einfach nicht vergessen, dass man es hier mit einem ganz eigenen Weinstil zu tun hat und dieser sich so gar nicht mal eben in die Reihe der zuvor Verkosteten einfügen ließ. Ganz klar, das polarisiert. Jedoch: versetzt man sich hinein in die Region Elsass und den konsequent biodynamischen Stil von Matthieu Boesch (vgl. den Bericht des Kulinarikers aus dem letzten Jahr über Matthieu), versteht man diesen Wein besser: schon in der Nase begegnen einem oxidative Noten und Gewürze, am Gaumen folgen ebenso oxidative Töne, gereifter Apfel, welcher aber nicht mürbe ist, sondern frisch und zitrisch. Und das macht den Wein dann wieder lebendig: er hat Zug und genügend Frische und eben einen ganz eigenen Nachhall. Nicht jedermanns Sache, aber das will er auch gar nicht sein.

Große Rieslinge, ihre Herkunft und die Frage der Winzerhandschrift

Zu guter Letzt sei ein weiteres Tasting resümiert. Stephan Reinhardt, Journalist und Verkoster bei Robert Parker´s Wine Advocate, stellte unter dem Aspekt, inwieweit das Terroir und die Handschrift des Winzers den Riesling prägen, eine Liste von 31 zu verkostenden deutschen Weine zusammen. Auch hier lässt sich an dieser Stelle nur ein Auszug vieler interessanter Weine nennen, wohlwissend, dass einige von ihnen noch recht jung waren:

Weingut Gunderloch, 2015er Pettenthal GG. Ein animierender, ehrlicher Charakterkopf, der neugierig macht, sobald einem die leichte Rauchnote in die Nase strömt: innerer Körper und Struktur, ergänzt von etwas Apfelfrucht, Gripp, feiner Salzigkeit und Mineralität. Auch als Mitglied der Gruppe Wurzelwerk, die sich – verkürzt gesagt – das Beobachten des Terroirs ohne großartiges Eingreifen des Winzers zur Prämisse gemacht hat, erklärt Johannes Hasselbach, wie er den Wein gemacht hat und wofür er steht: Nach längerer Mazeration, Spontangärung und langem Hefelager hieß es für ihn letztendlich nur noch: "Let´s see how diversity will be".

Die ummauerte Monopllage Steinberg von Kloster Eberbach.
Die ummauerte Monopllage Steinberg von Kloster Eberbach.

 

Unterschiedliche Auswirkungen der Machart

Ebenso sehr straight, aber dabei auch mit Ausdruck, Kraft, Vielschichtigkeit, Saftigkeit fiel der 2013er Pechstein GG von v. Buhl auf. Im Gegensatz dazu schlug der 2014 Doosberg GG von Peter Jakob Kühn einen ganz eigenen, beeindruckenden Weg ein: war er vielleicht für manch Gaumen schon recht reif, begeisterte er doch mit einer unglaublichen Tiefe und Komplexität, als wenn er eine Geschichte erzählt. Und lässt man all seine Schichten auf sich wirken, dann kommt dort unten in der Tiefe plötzlich der Gripp, der sich immer weiter aufbaut. "Es geht uns um die Vitalität und das Licht in dem Boden – der Boden muss leben und seine Individualität zeigen", sagt Peter Bernhard Kühn und man versteht sofort, was er meint. Denn genau das spiegelt dieser Wein wider.

Ebenso auf seine ganz eigene Art unterwegs ist der 2015er Berg Rottland von Balthasar Ress. Ebenso merkt man diesem Wein seine sich von den meisten hier vorgestellten Rieslingen unterscheidende Machart an: 15 Monate lag er auf der Hefe, durchlief den BSA (biologischer Säureabbau): in der Nase wirkte er etwas süßlicher, üppiger mit rauchigen Anklängen, am Gaumen wiederum erfreute trotz oxidativer Noten eine erfrischende mürb-zitrische Säure, wobei sich ein schöner innerer Saftkern aufbaute, viel Gripp mit leichter Schärfe folgte – und das Gefühl von Eigenständigkeit und Länge blieb.

Und noch mehr interessante Rieslinge

Wittmanns 2015er Morstein wirkte noch etwas unausgeglichen und kantig – macht aber nichts, man glaubt sofort, dass er sich in einiger Zeit noch entwickelt. Und so sagt Philipp Wittmann selbst, dass man ihn gut und gerne erstmal fünf bis acht Jahre zum Reifen weglegen kann. Doch schon jetzt lassen innere Kraft, Kräuterwürze, Salzigkeit, Mineralität bei schöner Frucht mit leichtem Grapefruitton und präsenter Säure die gewohnte Selbstverständlichkeit wahrnehmen.

Der 2015er Scharzhofberger GG von van Volxem ist freilich noch sehr straff, aber trotzdem schon saftig, elegant mit innerer Kraft, mineralisch, stimmig, reduziert und wirkt dabei in sich sehr schön konsequent.

Der  2015er Herrenberg GG von Maximin Grünhaus war ebenso stimmig, wie der 2015er Altenberg GG von v.Othegraven, auch der 2015er Pulvermächer GG von Haidle und der 2014er Höllberg GG von Wagner-Stempel, sowie der 2015er Gräfenberg GG von Robert Weil.

Eine gewisse Überraschung war der 2014er Mauerberg GG von Schloss Neuweier aus Baden, da eigentlich weniger bekannt: mineralisch, straight, reduziert, aber vielschichtige Struktur, eine Sekunde lang vielleicht etwas süß, doch dann folgt sogleich knackiger Gripp und Salzigkeit.

Verkostung in den historischen Gemäuern von Kloster Eberbach.
Verkostung in den historischen Gemäuern von Kloster Eberbach.

 

Soviel als Einblick zu den wirklich umfangreichen und interessanten Verkostungen. Dazu kamen noch verschiedenste Vorträge, Anregungen und Diskussionen rund um den Riesling, die jedoch gesondert wiedergegeben werden sollten.

Ein Plädoyer für eine unglaubliche Rebsorte

Was nach solch einem intensiven Symposium bleibt, ist eine Fülle von Eindrücken und eine Bestätigung dessen, was einfach bewegt, mitreißt und irgendwie sowieso klar ist: Der Riesling ist eine unglaubliche Rebsorte! Von einer derartigen Vielschichtigkeit und Facettenreichtum und Faszination, dass sich dem kaum jemand, der sich näher mit Wein befasst, entziehen kann. Was für einen Schatz haben wir hier mitten in Deutschland – aber auch in vielen weiteren Weinregionen!

Und wieder möchte man ein Plädoyer halten für diese unglaubliche Rebsorte, die da draußen zum Teil viel zu wenig in ihrer Vielschichtigkeit wahrgenommen wird: Und man wird nicht müde, es nach außen zu tragen: Lieber Leser, liebe Entdecker, die sich gerade dem Thema Wein öffnen, liebe Genießer, liebe Neugierige: trinkt Riesling, erkundet seine vielen Varianten, lernt ihn zu schätzen, entdeckt ihn, genießt ihn – und freut Euch!

Riesling, eine Rebsorte voller Facetten und Faszination.
Riesling, eine Rebsorte voller Facetten und Faszination.

 

Weitere Informationen: http://www.international-riesling-symposium.com

 


Fotos: Daniela Stubbe

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Zuletzt bearbeitet am 30/06/2017

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