Antinori: Avantgardekunst und Tradition

Tignanello? Solaia? Als man das Jahr 1180 schreib, waren die Antinoris noch weit davon entfernt, einmal jene Spitzenweine zu erzeugen, die die neue Generation der "Supertoskaner" einläutete.

Und auch den Titel "Marchese", Markgraf, trugen jene Antonori noch nicht, die ursprünglich im Mugello, dem waldreichen Hügelgebiet nordöstlich von Florenz siedelten und einige Burgen besaßen. Da gab es einen Rinuccio Antinori, für den verbürgt ist, dass er sich im Castello di Combiate mit Weinbau beschäftigte. Doch schon 1202 war das Kastell im Zuge der Kriege zwischen Guelfen und Ghibellinen zerstört, die Antinori zogen nach Florenz – und die Familiensaga begann aufs Neue.

Heute zieht es viele der bis zu 40.000 Besucher jährlich, die das neue, 2012 eröffnete Besucherzentrum des Weltweinimperiums im Chianti Classico besuchen und so zur Topattraktion der Toskana machen, ins Ristorante "Rinuccio 1180": nach drinnen, um zur oder nach der Weinprobe zu speisen, was einen gewissen Lärmpegel mit sich bringt! Oder – viel schöner – nach draußen, wo unter herrlichen Weinranken und mit Blick über die wunderbar gepflegten Weinberge das Antinori-Reich seien Magie entfaltet.

Sagenhafte 100 Millionen Euro haben sich die Markgrafenbrüder Piero und Ludovico Antinori ihre neue Zentrale kosten lassen. Entstanden ist ein bis zu 30 Meter tief in den Chianti-Kalk eingelassenes architektonisches Monstrum der Superlative, dessen eisenrostrote Dachkonstruktion über hunderte Meter wie ein Strich am Berghang entlangläuft und perfekt in die Landschaft integriert ist. Geradezu futuristisch sind nicht nur die Ausmaße dieses neuen Centro Antinori, es zeigt auch die Zukunftsambitionen des weltberühmten Weinclans, der nun in 26. Generation Spitzenweine produziert.

Tradition und Geschichte

Offiziell legen die Antinori den Beginn ihrer Weingeschichte in das Jahr 1385. Damals hatte die vor allem durch internationale Seiden-, Bank- und Finanzgeschäfte zu Reichtum gekommene Antinori-Familie einen weiteren genialen Einfall. Mit Giovanni di Pietro Antinori, er hatte schon die Florentiner Bankenkrise von 1340 bis 1360 und 1378 den Aufstand der Ciompi, der einfachen, gildelosen Textilarbeiter, schadlos überstanden, trat der erste Antinori der 1293 gegründeten Florentiner Weinhändlerzunft bei. Später zog es einen Teil der Familie gen Neapel, der andere blieb bodenständig und baute seien Position in und um Florenz aus. 1506 wurde der prächtige Renaissancepalast der Antinori an der heutigen Piazza Antinori 3 angekauft, wo auch heute wieder ein großer Karren mit hunderten historischen Chianti-Weinflaschen an die gute alte Zeit erinnert.

Außenbereich bei Antinori.
Außenbereich bei Antinori.

 

Im 18. Jh. verlieh dann das Haus Habsburg-Lothringen den Antinori die Markgrafenwürde. Dies alles und noch viel mehr können Besucher nun nach dem Eingangsbereich mit großem Antinori-Wein- und Souvenirshop im Museumskomplex des Neubaus in der Ausstellung "Futuro Antico" zur Geschichte Antinoris erfahren. Neben einer urtümlichen Weinpresse finden sich dort auch Portraits illustrer Antinori-Persönlichkeiten: etwa ein Ludovico Antinori, Erzbischof von Pisa und Teilnehmer am Konzil von Trient, oder ein Vincenzo Antinori, Wissenschaftler, Mathematiker und Museumsdirektor in Florenz. Regisseurin Cinzia TH Torrini schuf mit ihrer Crew den sehenswerten Einleitungsfilm "Gli Antinori: Vinattieri dal 1385" (Die Antinori – Weinhändler seit 1385).

Avantgarde!

Sehenswert sind zudem all diejenigen modernen Kunstwerke, die man im Laufe der Besichtigungstour durch Antinoris heilige Hallen entdeckt. Avantgarde-Kunst gibt es hier seit der Eröffnung: 2012 wurde das Antinori Art Project unter der Leitung von Chiara Parisi ins Leben gerufen, das jährlich junge Künstler fördert. Teils sind die Werke, etwa von Yona Friedman, Rosa Barba und Jean-Baptiste Decavèle oder Ilaria Bonacossa auch in der Cantina ausgestellt. So die Installation "Biosphere 06, Cluster of 3" von Tomàs Saraceno. Die Sonderausstellung "Still Life Remix" war dem Stillleben gewidmet, 2016 wurde die Installation "Clessidra" von Giorgio Andreotta Calò gezeigt. Aber natürlich kann selbst die ausgefeilteste neue Kunstidee nicht mit jenen Eindrücken mithalten, den die Stahltank- und Fasshallen dem Besucher bieten. Gleich unterirdischen Kathedralen bieten sie den würdigen Rahmen für die neue Generation der Antinori-Topweine. Die Wände dieser wohltemperierten Untergrund-Weintempel sind aus handgefertigten Terrakotta-Ziegel errichtet. Kostenpunkt: ein Vermögen!

"M"! Antinori im Schwalbennest!

Aber vielleicht kommt die Bauweise ja auch der Weinqualität zu Gute. Wie Schwalbennester oder winzige Choremporen wurden kleine, verglaste Degustationsräume hoch in den Hallen eingerichtet, von denen aus man bei der Weinprobe jederzeit das gigantische Architekturspektakel bestaunen kann. Unser Begehr sind indes heute nicht die Spitzen-Supertoskana Tignanello oder Solaia oder Antinoris Brunello-Wein von Gut Pian delle Vigne bei Montalcino. Eher schon die großartigen Jahrgangsroten Peppoli und Villa Antinori. Ganz im Fokus steht indes "M": nein, nicht Fritz Langs Filmklassiker, sondern ein phantastischer Weißwein vom Antinori-Gut Le Mortelle bei Castiglione della Pescaia.

Im Keller Antinoris.
Im Keller Antinoris.

 

Dort, wo auch auf 15 Hektar Bio-Obst angebaut wird, gediehen jene Trauben, die diesen frischen, fruchtigen und goldgelben Tropfen entstehen lassen. Mortella, die wilde Myrte, die in Küstennähe wächst, gibt schon einen Wink auf die großartige Qualität, die jederzeit den Gegenbeweis für all jene Skeptiker liefert, die der Toskana keine Spitzenweißweine zutrauen. Vielleicht haben ja auch die drei Antinori-Töchter Albiera, Allegra und Alessia für die Entwicklung von "M" gesorgt. Und vielleicht war dabei ja auch jene "M" Namenspatin, die als Leiterin des Geheimdienstes MI6 bis 2012 gestrenge Chefin von Tausendsassa James Bond war. Denn auch der würde sich in der Antinori-Architektur des Besucherzentrums wohlfühlen.

Die Antinori-Töchter übernehmen nun – nach 26 Generationen patriarchaler Antinori-Strukturen, sozusagen als permanent aktives "Triple-A" die Geschäfte des Familienunternehmens. Und natürlich werden auch sie jenem illustren Kreis der Primum Familiae Vini angehören, der die Weintradition auch im 21. Jahrhundert auf höchstem Niveau halten wird. Nach der Besichtigung des neuen Antinori-Hotspots kommt keineswegs der Eindruck auf, dass Antinori den Verkauf des Jahrhundertweinguts Ornellaia nahe dem Wein-Mekka Bolgheri im Jahr 2002 bereut. 40 Mio. Euro erzielte man damals, 100 Mio. wurden nun hier auf glänzende Art und Weise verbuddelt. Und mit dem Gut "Campo di Sasso" in der toskanischen Maremma steht bereits das nächste spektakuläre Weinprojekt ins Haus. Auf die Ergebnisse darf man gespannt sein.

Ergänzung und Alternative: die Osteria/Bottega di Passignano

Neben der Visite des Antinori-Zentrums besteht zudem eine elegante Alternative, um viele Weine der Antinori-Gruppe zu probieren und zu erwerben. Noch dazu kann man sich im Anschluss mit dem sich anschließendem Mahl in einem Sterne-Ristorante verwöhnen lassen. Denn die Bottega und Osteria di Passignano wurde im Jahr 2000 von Marcello Crini und Allegra Antinori eröffnet, wird von jungen Köchen geführt und hält seit 2007 einen Michelin-Stern. Geboten wird klassische toskanische Küche auf höchstem Niveau. Auch eine Kochschule ist angeschlossen, während der die später zu Pranzo oder Cena gereichten Gerichte auch selbst hergestellt werden (tgl. 10.00 – 16.00 bzw. 16.00 – 22.00 Uhr, nur nach Vorbestellung).

Sehr zu empfehlen sind Antinoris Brunello-Weine aus dem Chianti Classico sowie von Gut Pian delle Vigne aus Montalcino. z. B. der Brunello di Montalcino 2011, Brunello di Montalcino Riserva 2010 "Vigna Ferrovia", oder der Rosso di Montalcino 2014 (www.piandellevigne.it).
Zudem kann die Cantina der altehrwürdigen Abtei Badia a Passignano der Vallombrosa-Mönche besichtigt werden. Auf den Klostergütern der Badia a Passignano wird Antinoris Chianti Classico Riserva produziert. Treffpunkt ist die Osteria di Passignano. Führungen mit Essen in der Osteria di Passignano (vier Stunden) finden Mo. bis Sa. 11.15 und 18.15 Uhr statt. Alternativ lohnt auch die Führung mit Weinverkostung zu gleicher Zeit (4 Std.). Für die Führung "Badia Passignano & Tignanello" sind fünf Stunden, für die Führung ab Cantina Antinori in San Casciano Val di Pesa mit Besuchen der Antinori-Weingüter im Chianti Classico sind gar sechs Stunden einzuplanen.

Blick vom Besucherzentrum...
Blick vom Besucherzentrum...


Information:
Marchesi Antinori S.r.l., Tel. +39 055 2 35 95, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.antinori.it
Cantina Antinori nel Chianti Classico, Via Cassia 133 (Richtung Siena), Loc. Bargino, 50026 San Casciano Val di Pesa, Provinz Florenz, Tel. +39 055 2 35 97 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://antinorichianticlassico.it; Öffnungszeiten: 31.3. – 1.11. tgl. 10.00 – 17.30, 2.11. – 30.3. Mo. – Fr. 10.00 – 17.00, Sa., So. bis 17.30 Uhr geöffnet, 23.12. – 6.1. geschl.; Rest. "Rinuccio 1180" (Tel. +39 055 2 35 97 20), 11.30 – 16.00 Uhr; Besichtigung (ital., englisch; nur in Gruppen): Barrichaia (Weinlager; 60 Min., ab 20 Pers.) mit Verkostung (3 Weine) 25 €, Bottaia (2 Std. , min. 15 Pers., 4 Weine) 50 €, Bottaia Cru (2 Std. plus Mittagessen, 7 Weine) 150 € (min. 10 Pers.)
Osteria/Bottega di Passignano, Via Passignano 33, Loc. Badia a Passignano, 50028 Tavarnelle Val di Pesa, Provinz Florenz, Tel. +39 055 8 07 12 78, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.osteriadipassignano.com; 
Enoteca "Bottega di Passignano" Mo. – Sa. 10.00 – 23.00, Osteria Mo. – Sa. 12.15 – 14.15, 19.30 – 22.00 Uhr geöffnet, So. geschl. Degustationsmenü (5 Gänge) 80 €, mit Wein 130 €

Fotos: Ellen Spielmann, Jürgen Sorges

Submit to DiggSubmit to FacebookSubmit to Google PlusSubmit to TwitterSubmit to LinkedIn
Zuletzt bearbeitet am 20/03/2017

Artikel weiterempfehlen und/oder drucken (auch PDF):

Letzte News

Letzte Artikel

Genuss-Newsletter abonnieren?

KULINARIKER - Das Magazin für mehr Genuss.
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.