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Ein kurzer Blick ins Herz des Chianti-Gebietes

"Ricepe", man nehme: eine Zimtstange! Diese versenke man für 24 Stunden in einem halben Liter Chianti Classico aus Lucolena und Umgebung!

Dann wird ein Esslöffel Honig hinzugefügt und erneut einige Stunden gewartet. Fertig ist der uralte Chianti-Aperitif "Avvio", der "Beginn"! Den Namen dieses historischen Kultgetränks darf man getrost und nicht nur unterschwellig mit "faccende d`amore" ergänzen. Und voila! Der "Beginn der Liebeleien" ist geboren! Dass dieser archaischer, doch durchaus gut funktionierende Chianti- Liebesförderer auch als "Lenas Rezept" bekannt ist und der Wein unbedingt aus Lucolena und Umgebung stammen muss, hat natürlich auch einen tieferen, sogar mythologischen Grund: Denn einst, so will es die Sage, existierte ein Mädchen namens Lena, die Semele, die wunderschöne Tochter des Königs von Kadmos und Gründers der Stadt Theben, keinem Geringeren als Zeus/Jupiter vorstellte.

Zeus verguckte sich in Semele und wählte Lenas Vorschlag, einen Wald im Chianti-Gebiet, als Liebesnest. Dort, so geht die Mär, erblickte schließlich Dionysos, lateinisch der gut alte Bacchus und Gott des Weines, das Licht der Welt! Und Lucolena, na bitte, ist natürlich nichts anderes als "Lenas Ort", der selbst Göttern perfekte Romantik verspricht.

Amphitheater der Superlative: am Talrund des Bacchus…

Wer das Glück hat, den über achtzigjährigen Marchese Alessandro François, Besitzer des Castello di Querceto, zu einer Burgführung mit Weindegustation zu treffen, sollte nicht versäumen, mit ihm die Terrasse hinter der Cantina aufzusuchen. Hier, in 480 Meter Höhe, schweift der Blick weit hinein ins Herz des Chianti-Gebietes: Wie ein Amphitheater öffnen sich Weinberge und Talgrund bis hinab zum verschlafenen Weiler Dudda, wo 367 Meter über dem Meeresspiegel 50 Einwohner leben. Folgt man weiter dem Verlauf der schmalen Asphaltschlange der SP 16 in Richtung Monte San Michele, rückt auch das Dörfchen Lucolena in Chianti in den Blick: 554 Meter über Normalnull, satte 200 Einwohner.

Darunter, im Talgrund, ein See, auf dem wie im Spiegel der Venus die Sonnenstrahlen tanzen, drum herum ein Großteil jener insgesamt 26, fein säuberlich voneinander getrennten Weinberge, die zum Gut Castello di Querceto gehören. Den anderen Teil haben wir schon vor unsere Ankunft bewundert. Nur sieben allerdings höchst kurvige Kilometer sind es vom pulsierenden administrativen Zentrum des Chianti Classico-Gebietes, Greve in Chianti, hinauf zum Passo del Sugame auf 532 Meter Höhe, wo das sehr zu empfehlende und noch dazu nicht überteuerte Ristorante "Borgo Antico" zu klassischer toskanischer Küche bittet. Nur ein ausgedehntes, von Querceto-Weinbergen gesäumtes Kurvenhalbrund entfernt biegt dann ein Schotterweg rechts ab in den Eichen- und Pinienwald des Castello di Querceto, dass auch Luxus-Agriturismo in nunmehr zehn herrlich möblierten Apartments mit hochmodernen Selbstversorgerküchen und Bädern bietet. Das Borgo Antico ist also perfekt für alle, die nicht kochen und hier oben auch abends kulinarisch versorgt sein wollen! Auch Alkoholkontrollen sind kaum zu fürchten, denn Polizeistreifen verirren sich um 22 Uhr kaum in Richtung Dudda. Allenfalls Wildschweine könnten aufkreuzen!

Bis ins Jahr 1904...

Für Alessandro François bedeutet der Terrassenblick ins grandiose Amphitheater des 190 Hektar-Familiengutes weit mehr als für seine Besucher. Denn auch wenn die Familie schon 1897 das Gut erwarb, sind die feinst kultivierten Weinberge, insgesamt 60 Hektar, doch hauptsächlich sein Werk. Großvater Carlo François hatte sich rigoros auf Sangiovese-Trauben festgelegt, 1904 die erste Weinernte eingefahren und schon 1911 den ersten internationalen Weinpreis eingeheimst! Noch bedeutender war Vater Tito François, der mit fast 100 Jahren letzter Überlebender der legendären 33 Gründer des Consorzio Chianti Classico im Jahr 1924 war und noch zur 100-Jahrfeier des Gutes 1997 persönlich anwesend war. Credo und Ratschlag des damals 93-jähirgen während der einzigartigen internationalen Veranstaltung mit einer Supervertikale, die zur Verkostung von 16 Weinen bis zurück ins Jahr 1904 einlud: Nie Wasser zu Mahlzeiten, aber stets zwei Gläser Rotwein zum Lunch!

Marchese Alessandro François, Besitzer des Castello di Querceto.
Marchese Alessandro François, Besitzer des Castello di Querceto.

 

Alessandro François übernahm die Verantwortung vom Vater in den 1970er – und schuf einen Großteil jener Weinberge, die heute den Schatz des Weingutes bilden. Und ihm ist zu verdanken, dass das Castello di Querceto zu den gerade 18 der insgesamt 700 Chianti Classico-Betriebe, die noch in Familienbesitz sind. Gleich sieben weitere Familienmitglieder kümmern sich heute um die Belange des Gutes, auch für die Zukunft ist also gesorgt.

Und das zufriedene Lächeln des Grandseigneurs, dem die Mitarbeiter zum 80. Geburtstag eine Lobeshymne schmiedeten, kann auch die auf der Terrasse aufziehende Abendkühle nicht trüben. Erstens trägt er einen wunderbar warmen Pullover, der auch im kalten Weinkeller schützt. Und zweitens ist die kühle Temperatur in diesen Höhenlagen von 320 bis 550 Meter geradezu ein Markenzeichen des Weinkastells. Denn Frost ist ein Risiko, kommt hier aber aufgrund des Mikroklimas so gut wie nie vor. Andererseits sorgen Lage und Höhe für besondere Mineralität, allerdings auch weniger Fruchtaromen! Das Resultat ist ein einzigartiger Geschmack der Weine, den Graf Alessandro zusätzlich diversifiziert, indem die Trauben jedes Weinbergs handverlesen und zu speziellen Weinen verarbeitet werden.

Schenkelgeburt

Und Bacchus? Na ja, das sei eine Trouvaille befreundeter Florentiner Historiker. Die entdeckten, dass die Geschichte auf ein Poem von Michele di Lando zurückgeht. Der wurde 1343 angeblich nicht in Florenz, wohl aber in Lucolena als Sohn einer Marktfrau das Licht der Welt erblickte. Als einfacher Tucharbeiter führte er 1378 den berühmten Sechswochen-Aufstand der Ciompi, der untersten Klasse der Florentiner Textilwerker, des Popolo Magro, gegen die Oberschicht der reichen Gilden, des Popolo Grasso an, wurde dank Unterstützung der kleinen, unbedeutenden Gilden, der Kleinbürger des Popolo Minuto, sogar zum Gonfaloniere, Bannerträger, gewählt.

Doch soll er sich am 31.8.1378, als der kurze Florentiner Sommer der Anarchie durch Prügel, Pieksen, Hauen und Stechen niedergewalzt wurde, auf die Seite des Popolo Grasso geschlagen haben. In einem Poem an seinen Nachfolger Salvestro de` Medici schreib er dann die eindrucksvollen Verse um Lena und Lucolena. Nun ja, so ganz stimmt das mit der Geburt des Bacchus nicht, denn am Ende obsiegte erst einmal die erzürnte Göttergattin Hera, lateinisch Juno, die Zeus dazu brachte, sich der Semele in göttlicher Gestalt zu zeigen. Naturgemäß überlebte Semele die Erscheinung nicht, doch Hermes rette das ungeborene Kind. Am Ende war es Zeus selbst, der Dionysos/Bacchus mit der berühmten "Schenkelgeburt" gebar. Ob Zeus/Jupiter dafür tatsächlich in Lucolena weilte, darf angezweifelt werden...

 

Lage des Weinguts:

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Fotos: Ellen Spielmann

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Zuletzt bearbeitet am 17/03/2017

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