Auf Tour in Tallinns Café-Szene

Jürgen Sorges war vor Ort in Estlands Hauptstadt Tallinn und hat sich in Tallinns Café-Szene umgetan. Im ältesten Kaffeehaus der Stadt, dem "Maiasmokk", hat er einen bemerkenswerten älteren Herrn mit einer großen Lebensgeschichte kennengelernt…

Schön ist sie, die Sommerterrasse des Café Katharinenthal! Das in einem alten Wachthaus direkt an der Weizenbergi stehende Gebäude bietet im Erdgeschoß ein Café, in der ersten Etage auch ein Restaurant. Perfekt ist die Terrasse mit Blick auf den Schwanensee und das Denkmal für Friedrich Reinhold Kreutzwald (1803 – 1882), den Verfasser des estnischen Mammut-Nationalepos "Kalevipoeg" (19.000 Verse in 20 Gesängen).

Zwar ist der Schwanen- eher ein Entensee, wie auch das Entenhäuschen am Pavillon in der Seemitte anzeigt. Doch die Atmosphäre ist tatsächlich ein wenig royal und daher sehr zu empfehlen. Gastgeberin im Restaurant ist Piret Kulo, die zudem im Café die Napoleon-Torte (Napoleoni Kook) oder die Schokotrüffeltorte empfiehlt. In Tallinn gefertigt sind die leckeren Makronen (Makroon), z. B. Pistazien- oder Karamellmakronen. Wer indes Tallinns historische Kaffeehauskultur sucht, muss zurück in die Altstadt.

Denkmal von Friedrich Reinhold Kreutzwald.
Denkmal von Friedrich Reinhold Kreutzwald.

 

Otto Kubo: Mastermind im Maiasmokk…

Das Café Maiasmokk ist eine Institution in Tallinn. Am 23.8.2016 feierte es sein 210. Jubiläum. Denn schon 1806 kam ein gewisser Lorenz Cavietzel aus dem Schweizer Graubünden, um im alten Reval eine Zuckerbäckerei mit Laden zu eröffnen. Datum und Jahr sind verbürgt, da seit 1786 und nach russischem Gesetz in Tallinn nur solche Personen ein Geschäft eröffnen durften, die in der örtlichen Gildeliste eingetragen waren. Dies war bei Cavietzel 1806 mit Vertragsdatum 11.8. (russisch-orthodoxer Kalender!) der Fall.

Der Aufstieg zur Nummer Eins der Zuckerbäcker an der Tallinn-Bucht begann aber erst mit Georg Stude, der nach mehrfachem Besitzerwechsel Laden und umliegende Häuser erwarb und das heutige, große Haus an der Pikk (Lange Straße) samt luxuriösestem Verkaufssaal errichtete. Bis heute besuchen Nachfahren Studes das Maiasmokk – und sind über die wunderbare Geschichtsaufarbeitung in dem auch zum lebendigen Museum gewandelten Hause begeistert. Stude machte das hier produzierte Marzipan so populär, dass er zum Hoflieferanten der Zarenfamilie in Sankt Petersburg aufstieg.

Bis 1914 regnete es Preise auf die Studes. 1941 wurde alles nationalisiert, es entstand durch Zusammenschluss mit zwei Süßwarenherstellern die Marke "Karamell". 1958 wurde Karamell zu Konfektwarenfabrik "Uus-Kalev", die wiederum 1962 zur "Kalev" wurde, werbewirksam benannt nach dem legendären mythischen Helden aus Estlands Kalevipoeg und Finnlands Endlos-Epos "Kalevala".

"Kleinkust an Marzipan" im Maiasmokk.

 

Dies alles weiß natürlich Otto Kubo: Denn der stets vergnügte 84-jährige war – und ist - für Kalev seit 1955 aktiv und ist selbst eine Institution. Noch in seinem hohen Alter arbeitet er: Unter dem schlichten, bescheidenen Titel eines "Researchers" erforscht Herr Kubo seit 16 Jahren mit wissenschaftlicher Akribie die Geschichte der Süßwarenindustrie in Estland.

Ganz nebenbei kann man ihn regelmäßig auch im Café Maiasmokk antreffen. Dann führt er Besucher durch das historische Gebäude und erzählt aus seiner nun über 61 Jahre währenden Firmenzugehörigkeit. Und natürlich weiß er alles auch zur Namensgebung des Cafés: Maiasmokk, das werde leicht falsch übersetzt, so Herr Kubo: etwa mit "Sweet tooth", "süßer Zahn", wie die Engländer. Mancher deutsche Übersetzer behelfe sich mit "Feinschmecker", tatsächlich sei aber "Leckermaul" die einzig korrekte Bezeichnung.

Kubo, in Tallinn geboren, muss es wissen, denn er erlernte schon in frühen Jahren auch die deutsche Sprache. Und Marzipan, nun ja, das sei in Tallinn schon im Mittelalter bekannt gewesen. Damals wurde es als Medizin verkauft – in Europas ältester noch existierender Apotheke, am Revaler Rathausplatz. Mithin muss sich Lübeck etwas einfallen lassen, um diese Gastro-Historie zu toppen!

Der 84-jährige Otto Kubo.
Der 84-jährige Otto Kubo.

 

Er selbst isst heute nicht mehr so viel Marzipan, findet aber die hauseigene Zitronencremetorte ausgezeichnet. Besucher aus 97 Ländern und von allen Erdteilen haben bis heute das Traditionscafé besucht, haben das neu eingerichtete Marzipanmuseumszimmer" gleich linkerhand im Entree des Erdgeschosses besichtigt und natürlich im schicken Café Platz genommen. Im neuen Fabrikationsgebäude des renommierten Pralinen- und Süßwarenehrstellers waren schon offizielle Delegationen aus 144 Ländern.

Und Kubo war und ist fast immer dabei. Seine lebenslange Firmentreue, vor allem aber sein beruflicher Werdegang bei Kalev prädestinieren ihn dazu. 1955 begann er als Chemiker, rückte dann aber schon 1957 zum Chef des Zentrallaboratoriums auf, eine Position, die er 31 Jahre lang innehatte. Dies bedeutete, dass jede neue Pralinenerfindung unter seinen prüfenden Augen stattfand, der Lebensmittelchemiker somit die wichtigste Aufgabe im damals sozialistischen Unternehmen ausfüllte.

Später arbeitete er zwölf Jahre als Assistent des Generaldirektors und war für die ausländischen Beziehungen zuständig. Dabei war, so Otto Kubo heute lächelnd, seine Arbeit unter planwirtschaftlichen Bedingungen nie einfach. Denn natürlich gab es auch im Sowjetsozialismus Konkurrenz. Ca. 150 Süßwarenfabriken existierten, doch nur vier besaßen den höchsten Qualitätsrang, durften auch ins Ausland zu liefern: die legendäre Schokofabrik "Roter Oktober" in Moskau, das Krupskaja-Werk in Leningrad (heute Sankt Petersburg), das Karl-Marx-Werk in Kiew und eben Kubos Kalev in Tallinn.

Im Café…
Im Café…

 

Bis 1989 exportierte Kalev in 26 Länder, in die Ostblockstaaten, aber auch nach Surinam, Kuba und in die USA, nach Kanada, Japan und auch in die Bundesrepublik. Der Importeur saß in Mönchengladbach. Für gewöhnlich musste Kalev seinen Maschinenpark aus der DDR beziehen, etwa Schokoladenverarbeitungs- und Verpackungsmaschinen aus Wernigerode und Dresden. Aber der Export-Status und die Forderungen nach Qualitätssicherung brachten es mit sich, das Otto Kubo auch Devisen für Maschinen aus der Bundesrepublik erhielt.

So gelangten Verpackungsmaschinen von Robert Bosch aus Viersen ins Kalev-Werk. Heute, so Otto Kubo, habe Kalev im 2003 eröffneten Werk 12 Kilometer außerhalb von Tallinn die besten Maschinen der Welt, vom Schweizer Hersteller Bühler aus Uzwil. Nun, Geld genug ist da, denn seit sechs Jahren ist Kalev im Besitz des norwegischen Mischkonzerns Orkla mit Sitz in Oslo. Sogar drei Roboter aus Dänemark unterstützen dort die 440 Mitarbeiter. Wichtigste Kalev-Exportmärkte heute seien Finnland, Lettland, Schweden, Litauen, Norwegen, Russland und Deutschland – in dieser Rangfolge.

Roter Zar als Leckermaul: Breschnews Bären…

Die 40 Mitarbeiter im Maiasmokk hingegen stellen alle süßen Versuchungen in Handarbeit her. Und natürlich verehren sie "ihren" Otto Kubo, dem die Geschäftsleitung zum 60. Firmenjubiläum 2015 sogar ein eigenes Buch widmete. Das Werk "Otto Kubo" steht natürlich im Verkaufsregal am Haupttresen im Café-Entree, das linkerhand auch das Marzipanmuseumszimmer beherbergt. Hier bemalt eine Schokoladenkünstlerin fleißig neueste Pralinenkreationen.

Alles Handarbeit…
Alles Handarbeit…

 

Damals wie heute, so Otto Kubo, wurden niemals Konservierungsmittel eingesetzt. Dafür wurde sogar in sozialistischer Zeit Lebensmittelfarbe aus Deutschland importiert. Und der Alkoholgehalt mancher Pralinen habe eine Konservierung auch nicht nötig gemacht. Begeistert stehen wir vor einzigartigen Marzipan- und Schoko-Unikaten, stehen vor Modeln, die einmal zur Pralinenherstellung benutzt wurden und nach dem 2. Weltkrieg gerettet werden konnten.

Viel Aufmerksamkeit erzeugen die beiden für Olympia 1980 hergestellten Maskottchen: Bär "Mischa" für Moskau und Seehund "Vigri" für die Segelwettbewerbe in Tallinn. Einträchtig stehen sie nebeneinander in der Glasvitrine – und können natürlich auch erworben werden. Gleich daneben stehen aber gleich vier Bären, die noch populärer sind. Es sind "Breschnews Bären", jene Spezialsonderanfertigungen aus Marzipan, denen besonders Leonid Breschnew (1907 – 1982) verfallen war. Jährlich mussten große Lieferungen Pralinen an den Generalsekretär der KPDSU geliefert werden, da stand Breschnew ganz in der Tradition seiner Vorgänger: Denn die roten Herrscher hatten das Zarenhoflieferantenprivileg des Zuckerbäckers Struve nach der Revolution quasi übernommen.

Einmalig sind aber die Sonderkreationen für den Marzipan-Maniac Breschnew: etwa der Cello spielende Marzipan-Bär, der eigens für eines der zahllosen Breschnew-Jubiläen gefertigt wurde! Größter Schatz der Ausstellung ist indes eine schmucke kleine Schokoladenpuppe. Das Model für die mit Klimperaugenbrauen versehen kleine Schönheit hatte ein Bräutigam im Jahr 1936 zur Hochzeit für seine Braut fertigen lassen. Samt dem Geschenk, dass sie lebenslänglich in jedem Jahr einen Neu-Guss dieser Schokopuppe erhalten würde. Nun, es kam anders – der Zweite Weltkrieg verhinderte dies, das Model landete auf dem Dachboden. Erben gaben es erst kürzlich an das Marzipanmuseum im Maiasmokk, wo das bemalte Schokopüppchen nun zurecht das meistbewunderte Exponat ist.

Das meistbewunderte Exponat…
Das meistbewunderte Exponat…

 

Auch beim Rundgang im nun komplett zugänglichen Haus erzählt Kubo über Marzipan – und aus seinem Leben. Erst einmal entdecken wir aber ein Schwarzweißfoto, das die letzte Sowjet-Zarin Raissa Maximowna
 Gorbatschowa (1932 – 1999) im Maiasmokk zeigt. Tatsächlich, so Otto Kubo, wurde für die Gattin Michael Gorbatschows, immerhin eine Soziologin, die einst über das Leben der Kolchosbauern promoviert hatte, das gesamte Café komplett gesperrt. Nur ausgewählte Angestellte durften damals unter den Argusaugen des KGB das Maiasmokk betreten – und spielten dabei dann nicht nur die Verkäufer, sondern in zivil auch jene zufrieden lächelnde Kundschaft, die mit Frau Gorbatschowa beim Einkauf um die besten Pralinen wetteiferte.

Dann aber regieren wieder das Mittelalter und Marzipan, das als perfekte medikamentöse Hilfe die Hirnaktivitäten stärken sollte. Und nach der Legende war es eben ein Apotheker aus Tallinn, der als erster ein süßes Etwas aus Mandeln und Puderzucker zauberte, das dann als "Martinsbrot", estnisch "Mardileib", bekannt wurde. In unseren Breitengraden heißt es auch – Stutenkerl! Und Kubos leben? Nun, es ist eine Geschichte der Verwicklungen und tragischen Ereignisse: Kubo studierte in Dorpat, dem heutigen Tartu, wo auch schon Vater und Großvater Jura studiert hatten. Der Opa war dann Rechtsanwalt, der Vater Untersuchungsrichter. Der Opa starb früh, Oma heiratete dann erneut, und zwar den Bruder! Der war Gutsbesitzer und Theologe – und wurde mit 76 Jahren nach Sibirien deportiert, wo er verstarb.

Die Familie exilierte hingegen 1944 nach Birkenwerder bei Berlin, bleib samt Otto Kubo bis 1945 in Oranienburg. Zeitweilig musste Otto Kubo sogar in die Lungenheilanstalt Belzig. 1994, 50 Jahre später, ist er nochmal hingefahren, während eines Aufenthalts zur Grünen Woche in Berlin. Kriegserinnerungen. Nach 1945 kehrte die Familie freiwillig nach Estland und damit in die Sowjetunion zurück, wo dann Kubos Karriere bei Kalev startete.

Wer in Tallinn ist, sollte also keinesfalls versäumen, einen Termin mit Herrn Kubo im Maiasmokk zu vereinbaren. Ein Leckermaul muss man dafür nicht sein – nur den Wunsch verspüren, einen sehr, sehr angenehmen älteren Herrn kennenzulernen (Kontakt: Tel. +372 646 41 92).

Information:
Vor der Reise:
Estnisches Fremdenverkehrsamt (Estonian Tourist Board/Enterprise Estonia), Kleine Reichenstr. 6, 20457 Hamburg, Tel. + 49 40 30 38 78 99, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/de
Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), Lasnamäe 2, 11412 Tallinn, Estland, Tel. +372 6279 770, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/de
Touristeninformationszentrum Tallinn: Niguliste tänav 2, Kesklinna linnaosa, 10146 Tallinn, Tel. +372 645 77 77, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visittallinn.ee
Tallinn Card mit vielen Vergünstigungen: 24 Std. 32 €, 48 Std. 42 €, 72 Std. 52 €; Info/Kauf: www.visittallinn.ee/ger/tourist/tallinncard

Cafés:
Maiasmokk Café und Marzipanmuseumszimmer, Pikk tänav 16, Kesklinna linnaosa, Tallinn, Estland, Tel. +372 646 40 79, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.kalev.eu/en/maiasmokk-cafe/cafe; Laden/Café Mo. – Fr. 8.00 – 21.00, Sa., So. 9.00 – 21.00 Uhr; Marzipan Museumszimmer (Tel. +372 646 41 92) Mo. – Fr. 8.00 – 16.30 Uhr

Katharinenthal Kohvik (Café), A. Weizenbergi 22, 10127 Tallinn, Estland, Tel. +372 6011055, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.katharinenthal.ee/en; Sommer Mo. – Fr. ab 8.00, Sa., So. ab 9.00 Uhr bis zum letzten Gast geöffnet, Winter Mo. 8.00 – 16.00, Di. – Do. 8.00 – 19.00, Fr. 8.00 – 20.00, Sa. 9.00 – 20.00, So. 9.00 – 19.00 Uhr geöffnet; mit Restaurant und Sommerterrasse

Estnische Spezialitäten:
im Maiasmokk sowie bei Hää Eesti Asi (Goods of Estonia), Aia 1/Viru 23, Tallinn, Estland, Tel. +372 56 97 64 11, https://et-ee.facebook.com/heaeestiasi; tgl. 10.00 – 20.00 Uhr geöffnet

Fotos: Jürgen Sorges

 

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Zuletzt bearbeitet am 29/01/2017

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