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Ferrari - oder wie der Champagner nach Italien kam

Giulio Ferrari hatte mit Sportautos nie etwas am Hut - aber umso mehr mit edlen Trauben und der Vision von einem "italienischen Champagner".

Aus diesem Grunde verließ Giulio Ferrari Ende des 19. Jahrhunderts seine Heimat Trentino, um sich in Deutschland und Frankreich alle Finessen des Weinbaus anzueignen. Nach einigen Jahren kehrte er mit umfangreichem Wissen über die "Méthode champenoise" und Ablegern der besten Chardonnay-Reben in seine Heimat zurück. Denn er wusste, dass es im Trentino optimale Bedingungen gab, um als Erster das italienische Pendant zum Champagner zu schaffen.

Gute Voraussetzungen für die Entwicklung von hochklassigen Schaumweinen

Die mergel- und kalkhaltigen Böden sowie die hohen Lagen versprechen bis heute gute Voraussetzungen für die Entwicklung von hochklassigen Schaumweinen - ebenso die lange Vegetationsperiode mit kalten Nächten, welche eine langsamere Aroma- und bessere Säureentwicklung, geringere Zuckerproduktion und somit niedrigere Alkoholgradationen ermöglichen.

1902 schließlich erfüllte sich die Vision Giulio Ferraris und die ersten Flaschen Spumante Ferrari, gekeltert nach der klassischen französischen Methode - also doppelte Gärung in der Flasche - standen im heimischen Stadtpalais zum Verkauf. Damals noch unter dem Namen "Champagner Ferrari" gewann das kleine Unternehmen binnen kürzester Zeit Medaillen und Auszeichnungen, beispielsweise 1906 auf der Weltausstellung in Mailand.

Tradition und neue Gerneration - Familie Lunelli

1952 übertrug der kinderlose Ferrari das Unternehmen an Bruno Lunelli, dessen Familie heute in dritter Generation die Werte Ferraris - Passion, Tradition, beste Trauben und Qualität - mit Konsequenz aufrechterhält. Dies ist auch erlesenen Gaumen, wie denen der Königin von England, Andy Warhol oder den Teilnehmern des G8-Gipfels nicht entgangen. Ferrari hat sich durch kontinuierliche Qualität jenseits von reinem Mythos seinen Namen gemacht.

Dass dies überaus berechtigt ist, ließ sich vor Ort bei Verkostung und Führung durch Weinkeller und Umgebung verinnerlichen. Marcello, Camilla, Alessandro und Matteo Lunelli - allesamt die dritte Generation, auf dem Teppich geblieben und sehr persönlich - erklärten die Details rund um die "Spumante Metodo Classico". Nach dieser reifen die von Hand gelesenen Trauben nach sanfter Pressung behutsam in erster Gärung, in der die "Duftnoten der ursprünglichen Rebsorte wieder aufleben sollen"- so Matteo Lunelli. In der zweiten Gärung dann wird der Liqueur de Tirage - eine abgestimmte Mischung aus ausgewählten Hefen und Zucker - zum Basiswein hinzugefügt. Diese Dosage ist entscheidend für die Erzielung der feinen Perlen beziehungsweise für den optimalen Kohlensäuregehalt, der durch diese Gärung entsteht.

Flaschengärung, Ruhe und Geheimrezept

Im Keller erklärt Marcello Lunelli, zwischen seit Jahren schlummernden Flaschen stehend, wieviel Zeit und Technik für ein optimales Ergebnis von Nöten ist. Nach der Tirage-Abfüllung werden die Flaschen mit einem temporären Korken versehen und lagern bei zehn bis zwölf Grad auf der Hefe. Auch, wenn die Hefe hier schon größtenteils abgestorben ist - sie verleiht dem Spumante jetzt wichtige geschmackliche und aromatische Nuancen.

Je nach gewünschtem Ergebnis ruhen die Flaschen zwischen zwei und zehn Jahren, lediglich unterbrochen von der "Remuage", der rüttelnden Achteldrehung, welche die Hefeablagerung allmählich immer senkrechter in Richtung Korken befördert. Ist es Zeit zum Degorgieren, wird der Flaschenhals in eine Gefrierlösung getaucht, der Hefesatz vereist und springt beim Entkorken angefeuert vom Kohlensäuredruck heraus. Die verloren gegangene Menge wird vor dem endgültigen Verkorken mit etwas Liqueur d ´Expedition (laut Lunelli aus geheimer Rezeptur und der Fingerabdruck des Hauses Ferrari in jeder einzelnen Flasche) aufgefüllt.

"Während früher eher acht bis neun mg/l Zucker normal waren, wollen wir heute zu viel Süße vermeiden" erklärt Matteo Lunelli. "Der Geschmack und die Zeiten haben sich verändert, heute befinden wir uns bei ungefähr fünf mg/l. Die meisten unserer Weine sind Bruts", so Lunelli weiter.

Weinkeller bei Ferrari.
Weinkeller bei Ferrari.

 

Inzwischen werden jährlich fünf Millionen Flaschen unter Verwendung der Trauben Chardonnay und Pinot Noir abgefüllt: elf verschiedene Labels unter Verwendung von drei unterschiedlichen Likören - darunter Brut, Rosé, Demi-Sec, Maximum Brut, Perlé, Riserva Lunelli sowie der Giulio Ferrari als Spitzenprodukt.

Spumante - am Gaumen und als Zutat

"Am meisten Körper und Champagner findet sich bei unserem Perlé nero, welcher zehn bis 20 Prozent seiner Zeit im Holz reift." erzählt Marcello Lunelli. Dieser sortenreine Pinot Noir verbringt mindestens sechs Jahre auf Reinzuchthefen, hat eine goldgelbe Farbe und ein komplexes Bouquet zwischen fruchtig über mineralisch bis geröstet. Am Gaumen entsteht eine elegante Cremigkeit.

Ein spannender Vergleich lässt sich beim Verkosten des Flaggschiffs Giulio Ferrari Riserva del Fontadore aus zwei verschiedenen Jahrgängen ziehen: Hier reift der reine Chardonnay mindestens zehn Jahre auf der Hefe. Die Farbe ist strohgelb mit goldenen Reflexen. Das Bouquet hat eine Note von exotischen Früchten, weißer Schokolade, Safran und Nuancen von Honig.

Aromenbombe: Pilze, Erde, Whiskey und Trüffel

Während der 2002er noch etwas unreif daher kommt und man ihm am besten noch fünf Jahre gönnt, zeigt sich als Kontrastprogramm der 1996er: hier sind keine tropischen Noten mehr vorhanden. Stattdessen erinnert das Bouquet an Pilze, Erde, Whiskey und Trüffel. "Etwas sehr altes, aber sehr Gutes - ohne Oxidation, ganz natürlich und optimal gereift", sagt Marcello Lunelli fasziniert. Dies sei ganz ungewöhnlich für italienische Erzeugnisse und könne kein "normaler Mensch" trinken - eher jemand, "der es auch liebt, ein altes Auto zu fahren".

Bei einem gemeinsamen Essen in der Villa Margon, dem wunderschönen historischen Familienanwesen aus dem 16. Jahrhundert, ebenso wie in ihrem mit einem Stern ausgezeichneten Restaurant Locanda Margon, bewiesen die Lunellis, dass sie ihr Ziel, trinkbare Schaumweine zu schaffen, erreicht haben. Effektvoll bei dem abendlichen Menü war die gleichzeitige Verwendung des Spumantes als prickelnde Zutat im körnigen Risotto.

Wer sich selbst einmal von Tradition und Vielfalt einen Eindruck verschaffen möchte, dem sei ein Besuch in den Kellereien und Anwesen der Familie empfohlen. Führungen werden angeboten und ermöglichen eine interessante Reise durch Tradition und Moderne - mit einigen spannenden Seiteneinblicken in die weitere Leidenschaft des Unternehmens, Kunst und Architektur.

Weitere Informationen finden Sie unter: http://www.cantineferrari.it und http://www.tenutelunelli.de.

Fotos: Daniela Stubbe, Ferrari

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Zuletzt bearbeitet am 21/08/2016

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